02 Jul, 2024 · Sascha · Personal
PewPewPew ist mein halbes Leben.
Das stimmt zunächst mal zeitlich. Natürlich nicht genau genommen, aber gefühlt schon und wahrscheinlich, je nachdem ab wann man popkulturelles Bewusstsein messen will, wohl bald sogar länger als die Hälfte.
Vor allem aber stimmt es metaphorisch genommen für die strikte Trennung, die ich gerne zwischen Online- und Offlineleben führe. Ich habe hier nie Familiäres gepostet und im wahren Leben über das Bloggen zu sprechen, überhaupt über das Arbeiten online, empfand ich immer als weird. Ich sehne mich in den letzten Jahren sehr stark nach dem verloren gegangenen Gefühl zurück, dass das Internet nicht alles durchdringt. Dass dies ein Ort der Zuflucht ist, für diejenige, die ihn suchen oder brauchen. Ein Ort mit physisch begrenztem Zugang, der nach dem Ausloggen zwar zurückbleibt, aber nicht im wahren Leben verweilt. Natürlich ist das pure Millenial-Nostalgie für diejenigen, die zu jung sind, um es erlebt zu haben; und auch wohl ein Ammenmärchen für jene, denen das Internet schon früh seine hässliche Fratze zeigte, auch ganz ohne Social Media. Ich zähle mich dazu.
Die strikte Trennung forcierte ich selbst. Im echten Leben verlangt mein Beruf ein hohes Maß an Professionalität, auch eine gewisse Distanz. Gleichzeitig ermöglicht diese Seite einen tiefen Einblick in Interessen, Gedanken, Empfindungen, und mehr. Das war mir schon am ersten Tag des Blogs bewusst und er wurde fortan so gestaltet, dass ich ein Online- und ein Offlineleben habe, diese aber nicht vermischen zu versuche. Das war für mich immer ein geheimes Mission Statement, das ich höchstens im Privaten offen deklarierte. Aber es ist zum Beispiel auch ein Grund, wieso ich keine Bilder postete oder über mein Privatleben schreibe. Höchstens sehr selektiv. Wenn man sich so gläsern macht, dann macht man sich angreifbar. Und das tue ich dann lieber, wenn es um eine Meinung zur neuen Star Wars Serie geht.
Natürlich ist das eine Lüge, die man sich selbst erzählt. Selbstverständlich gibt es Vermischungen, natürlich auch höchst erfreuliche. Besonders in den letzten Jahren habe ich schöne Erlebnisse mit Menschen haben dürfen, die ich online und über mein Lebenswerk, mein Onlinelebenswerk, kennenlernen konnte. Es sind Freundschaften entstanden, die sich nicht nur um Spezialinteressen drehen, sondern ich möche von echter, tiefer Verbundenheit sprechen weit über anfängliche Gemeinsamkeiten hinaus. Das bedeutet mir, ich möchte schon früh in dem Text hier mit der Tür ins Haus fallen, am meisten. Das bleibt von all den digitalen Spuren hier zurück. Die echten Menschenspuren in meinem Herzen. Mein Verständnis des Internets war es immer, dass das Auffinden von Leuten mit gleichen Interessen und Eigenheiten leichter sein kann, als im wahren Leben. Ich hatte die Überzeugung, dass PewPewPew in gewisser Weise auch eine Art Leuchtfeuer sein kann, das noch mehr gute Menschen in mein Leben bringen könnte. Inzwischen darf wohl die Hälfte meiner Freundschaften ihren Ursprung irgendwo verbunden mit dem Blog sehen. Ich wurde also nicht enttäuscht und fühle mich belohnt. Besonders Lucas, Matthias und Miriam möchte ich hier namentlich ganz besonders hervorheben und für so Vieles danken.
Und klar, es gibt auch Leute, die mich auf den Blog – oder in den letzten Jahren eher den Podcast – ansprechen. Da gibt die Schüler, die einen PewCast-Sticker wollen oder diejenigen, die die neue Folge an der Haltestelle über einen Lautsprecher ballern. Der Chef, der auf meine Vorstellung am ersten Tag mit “Ahh, der Blogger!” fröhlich erwiderte. Es wurden mit der Zeit weniger Kommentare zum Blog selbst, eher bzgl. de Podcastens. Wahrscheinlich liegt das auch daran, dass inzwischen genügend Zeit verstrichen ist, sodass diese Art des digitalen Manifest Destinys altmodisch und unverständlich wirkt auf GenZ-Adam und Eva in ihren Walled Garden Apps. Vermutlich liegt das aber auch an einer bewussten Entscheidung gegen Modernisierung. Das spieglet sich wohl am ehesten auch im Blog-Design wieder. Aber es sind ausnahmslos immer positive Rückmeldungen gewesen, auch wenn ich mir sicher bin, dass es genügend andersweitere Ansichten gibt, die aber unvorgetragen bleiben. Da habe ich im Unterschied zu vielen anderen Onlineschaffenden großes Glück. Aber erneut: Es ist für mich auch eine Folge des selektiven Öffnens.
Dazu kommt, dass die strikte Trennung nie wirklich klappte. Bloggen ist Arbeit. Podcasten ist Arbeit. Während des Studiums hätte wohl so manche Hausarbeitsnote am Ende besser ausgesehen, so manche Deadline stressfreier eingehalten werden können, wären da nicht andersweitige Verpflichtungen gewesen, die ich verspürte. Natürlich bereue ich nichts davon, es ist alles genau so gekommen, wie es sollte und ich habe immer beide Lebenswelten wunderbar meistern können. Aber wenn ich sage, dass PewPewPew mein halbes Leben ist, dann meine ich eben auch die viele Zeit, die für die Aufbereitung der Inhalte aufbebracht wurde. Zu gewissen Hochzeiten, wie etwas in den Jahren 2011 bis 2014, fühlte es sich definitiv wie ein echter Job an. Jeder Blogger, jeder Freiberufler, wird wissen, dass eine genaue Zeitmessung irrsinnig ist, aber wenn ich nicht mit dem Studium beschäftigt war, dann war oft der Blog mein Hauptinteresse und Hauptzeitfresser abseits privater Unternehmungen. Und so, nach und nach, wurde es sogar zeitweise, für wenige Jahre jedenfalls, ein bisschen ein echter Nebenjob. Das war nie mein Ziel, aber ein schöner Nebeneffekt.
Inzwischen fühlt sich das unglaublich lang her an, und gleichzeitig auch wieder nicht. Wenn ich jetzt diesen Stream-of-Consciousness-Text am Ende eines langen Arbeitstags am Ende einer intensiven, wochenlangen Arbeitsphase abtippte, dann weil ich unbedingt noch etwas heute haben möchte, zu diesem Geburtstag. Irgendwie hat mich dieses Datum doch wieder überrascht, auch wenn ich bereits in der vergangenen Woche mir unbedingt vornahm, nicht nur erneut eine kleine Wasserstandsmeldung zu posten, sondern etwas Echtes. One from the heart. Ich möchte diesen Tag nicht unkommentiert verstreichen lassen, weil mir dieses Herzensprojekt nach wie vor viel bedeutet. Und auch, weil es sich schon so wie gestern anfühlt, als mir mein Freund Christoph endlich bei der Erstellung einer eigenen Webseite half, um endlich auch mitzubloggen. In den Jahren zuvor landeten diverse Inhalte meinerseits schon online, doch als dann die große Blogwelle 2005 lostrat, war ich von Anfang an dabei – als Leser. Neid und Faszination mischten sich, expandierten sich zu einem Drang, selbst mitzumachen. Im Geiste existierte die Idee von PewPewPew schon lange vor 2009, auch wenn ich wohl nicht Teil der ersten Generation gewesen wäre.

Diese Blogger waren aber Vorbilder und Inspiration. Nicht nur im Sinne von Contentlieferanten, sondern ich sah Menschen verbunden im Geiste. Es ist kein Geheimnis, dass Nerdcore wohl der größte Einfluss auf mich war. Wenn man bloggt, also sich mitteilt, dann will man auch gelesen werden. Man will wahrgenommen werden und ins Gespräch kommen, in Diskussionen ankommen. Mit Lesern, klar, aber vor allem mit seinen wahrgenommenen peers, oder sogar denen, die man weit über sich stehen sieht. Dass ich irgendwann wohl scheinbar den Weg in René Walters Feed fand, auf Nerdcore oder den Fünf Filmfreunden als Quelle genannt wurde, erfüllte mich mit Stolz. Dass wir später erst mit unserem gemeinsamen Podcast Heisencast große Erfolge feiern konnte, dem Nachfolger Werewolves on Wheels einhundert Folgen produzierten zusammen mit Miriam Kasteleiner ebenso. Es wäre daher nur die halbe Wahrheit, René hier in diesem Post, der keine reine Bilanz wie z.B. das 10-jährige Jubiliäum sein soll, unerwähnt zu lassen.
Ich hatte aber auch nie das Gefühl, dass ich mich über den Ausgang dieser Zusammenarbeit öffentlich erklären muss. Ich dachte mir immer: Für jeden, den das genug interessiert, sollte die Situation eigentlich offensichtlich sein. Jedwede Äußerung meinerseits darüber hinaus empfand und empfinde ich auch weiterhin als pietätlos und unangemessen angesichts der Sachlage. Eins, und das habe liegt mir seit langer Zeit auf der Zunge und es tut gut, das endlich hier so zu formulieren, möchte ich dennoch sagen: Mir fehlt das. Mir fehlt unser Podcast. Mir fehlt unsere gemeinsame Arbeit sehr. Ich weiß auch, dass Miriam das Ende sehr schade findet. Es vergeht kein Tag, an dem ich mir das nicht irgendwie zurückwünsche oder gerne daran zurück denke. Bei so ziemlich jedem großem wie kleinen Popkulturding denke ich mir oft: Oh, das würde ihm jetzt gerne zeigen. Da interessiert mich seine Meinung. Ich habe mehr PewCasts nach dem Ende aufgenommen als der Wowcast-Folgen hat und habe dennoch nie wieder dieses Gefühl an Brüderlichkeit im Gespräch gefunden. Das schmerzt sehr.
Und dieser Schmerz führte auch zu einer emotionalen Distanzierung zum Bloggen. Dass die Postfrequenz abgenommen hat, liegt aber an vielen Gründen. Oftmals war ein Tweet leichter. Schneller. Dort waren eh die Leute hin abgewandert. Leser*innen auf Social Media zur kleinen Bloghöhle zu locken, wenn doch eh keiner Lust hat, aus seinen Apps zu springen, fühlte sich zuerst zwecklos an, später peinlich. Die Wahrheit ist auch, dass ich älter geworden bin. Arbeit, Familie, etc. Die ganze Leier. Kinners, et is wahr. Es ist nicht so, dass das Tippen langer Texte und Pflegen eines popkulturellen Scrapbooks früher weniger Arbeit gewesen wäre, aber man wird älter und die zu überwindende Energieschwelle wirkt höher als früher. Auch stimmt es wohl, dass ich es irgendwann befremdlich fand, nachzudenken, wer hier so mitlesen könnte. Kollegen? Eltern? Leute, mit denen ich im wahren Leben interagiere, die aber viel mehr über mich wissen können als ungekehrt? Natürlich auch ein narzisstischer Gedanke, weil er macht sich schon die Mühe? Aber dennoch ist das vom Gefühl her und der Konsequenz eben etwas gewesen, das mich und mein Internetverhalten beeinflusste. Zu Beginn fühlte sich das alles wie bei Futurama an: Wir sitzen alle zuhause vor unseren PCs und tippen in den digitalen Äther, genau wie die abgetrennten Köpfe in ihren Wassergläsern Fry anbrüllen und so kommunizieren wollen. Ich finde das immer noch eine schöne Metapher für Social Media, aber diese strikte Trennung funktionierte irgendwann nicht mehr so gut, wie bereits oben beschrieben, zumindest emotional.
Insgesamt gab es viele kleine Dämpfer, private Schicksalsschläge, doch es geht ja immer weiter. Und ich würde sagen, dass es in den letzten Monaten auch wieder vermehrt Ansätze gab, gute Intentionen, das Ding hier wieder anzukurbeln. Auch eine gewisse Referenz-FOMO setzt ein. Oft konnte ich mich früher auf Einträge hier beziehen und zeigen, hier, schau, das hatte ich damals schon gesagt und kann es sogar beweisen mit einem Hyperlink. Heute denke ich mir oft, ja, das hattest du bloggen wollen, hast es nicht, jetzt willst du das aber irgendwie doch noch so hinstellen und bläh, ja, who cares eigentlich, mach doch einfach. Aber ich care! ICH! Und daher wirkt das alles zusammen wie eine große Blockade im Kopf, obwohl hier eigentlich inzwischen keiner mehr mitliest und ich das als ziemlich befreiend empfand.
ich hab momentan irgendwie wieder spaß am bloggen, glaube besonders WEIL keiner mehr mitliest. freue mich total drüber lol
— reeft (@reeft) May 11, 2024
Irgendwie geht es ja immer weiter. Ich habe hier nie aufgehört und werde es auch nie tun. Es wäre schön, wenn das Ding auch über meinen Tod hinaus ein bisschen weiter zugänglich bliebe. Das fände ich schönen Gedanken. Denn es ist mein halbes Leben. Ein Nachweis der Existenz. Es hat mir neben den vielen Menschenbegegnungen tolle und große Chancen ermöglicht, die ich sonst nicht gehabt hätte. Deren Ausbleiben mein Leben enorm geschmälert hätten. Insofern soll das hier natürlich auch ein neues Bekenntnis zum Bloggen sein, zum Onlinestellen von Inhalten. Sucht euch ein schönes Stück Land, greift zum Spaten und stecht zu. Gerade machen schlimme Nachrichten die Runde. 15 Jahre an Daily Show Clips werden von Comedy Central gelöscht. Das englischsprachige MTV News Portal wurde rückstandslos offline genommen. Viele Blogkollegen aus alten Tagen, die ich hier verlinken könnte, sind auch spurlos verschwunden. Die WayBackMachine hilft nur teilweise und die Erkenntnis, dass das Internet nichts vergisst, stellt sich als großer Trugschluss heraus. Und ich beziehe mich hier bewusst auf Inhalte, die während meiner Anfangszeit online gestellt wurden. Keine ancient internet times. Und doch wirkt es wohl heute so und umso bestärkter fühle ich mich zu diesem Jubiliäum trotz Social Media Teilhabe (lol, Sucht!) auch immer wieder hier aktiv zu sein.
Denn es gab so viele coole Sachen, die ich durch PewPewPew gemacht habe. Ich habe den Lego Star Wars Lead Designer zum Start von The Force Awakens interviewen dürfen. Regisseure. Autoren. Unser Heisencast zur letzten Staffel Breaking Bad erhielt pro Folge aus dem Stand fünfstellige Zugriffszahlen, was zu Radioauftritten führte. Und Kontakten zu tollen Menschen wie Christian Schiffer, über den ich für die WASD und Wasted schreiben durfte. Ein Gastartikel zur deutschen TV-Landschaft landete bei SPIEGEL ONLINE. Meine Klimaanalyse zu Videospielen in Der Standard. Als erster deutscher Podcast wurde er von Amazons Audible gesponsort, vielleicht damit fast der erste Audible Original Podcast haha. Unser Werewolves on Wheels Podcast lief für 100 Folgen, verfolgte The Walking Dead teilweise episodisch und erhielt trotzdem (lol) tausende Aufrufe. Zum Vergleich: Der durchschnittliche deutsche Podcast erhält ungefähr 150 Zugriffe pro Folge. Auch der PewCast erhält ein Vielfaches davon pro Folge. Ich weiß, dass Aprilscherze viele im Netz nerven und aufstöhnen lassen, aber ich habe immer noch jedes Jahr meinen kreativen Spaß damit. Sponsored Posts wurden immer klar deklariert, Werbung begrenzt, aber es gab reputable und Sponsorings von Telekom, Burger King, BMW, MTV, VICE sowie Kooperationen zu großen Filmstarts wie Star Trek oder James Bond oder Star Wars. Natürlich: Immer wieder Star Wars! Über viele Jahre habe ich auch für Moviepilot Serien wie The Leftovers oder Fear The Walking Dead begleitet oder jede. Menge. an. Artikeln. verfasst. Ich war Gast in etlichen Podcasts. Videospiele oft reviewt. Manchmal für Superlevel, sogar vertont. Filme. Sehr oft sogar für die Zeitschrift MultiMania, fast ein Jahrzehnt lang. Linksammlungen, zuerst in der Sidebar, später als Pew zum Sonntag. SciFi-Short-Sammlungen. Viele konträre Seiteneinwürfe. Ausführlichste Jahreszusammenfassungen. Con-Besuche. Vorfiebern auf Filme. Gemeinsame Projekte. Zuerst Filmaddicts mit Blogger Nils von IHeartPluto. Die Filmblogospähre-Befragung von Alex. Seriesly Awesome mitgegründet. Heisencast. Werewolves on Wheels. Kulturindustrie.
Die Liste könnte noch länger sein. Ich bin sehr stolz auf diese Leistungen. Es ist mein halbes Leben. Und ich halte mir diese Liste auch gerade vor, weil viele der Beiträge aus längst vergangenen Tagen stammen. In ein paar Jahren möchte ich wieder so einen Post wie diesen schreiben und dann auf noch mehr verweisen können. Viel ist in Planung, oft kommt etwas dazwischen. Doch der Wunsch, der Drang nach mehr, ist da. Er bleibt.