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‘The Grey’ Review

29 May, 2012 · Sascha · Film,Review · 5 comments

Vereinigte Staaten, 2011
Regie: Joe Carnahan
Drehbuch: Joe Carnahan, Ian MacKenzie Jeffers
Darsteller: Liam Neeson, Dallas Roberts, Frank Grillo, James Badge Dale
Länge: 117 Minuten
FSK: 16
Rating: ★★★★½

Ottway (Liam Neeson) ist Jäger und ist bei einer Ölfirma in Alaska angestellt um die Arbeiter vor Angriffen von Wölfen im Freien zu schützen. Er kennt die Tiere, er respektiert sie und tut seinen notwendigen Job nur ungern. Als er und eine Gruppe von Arbeitern auf dem Heimweg über der alaskischen Wildnis mit ihrem Flugzeug abstürzen, müssen sich die ungleichen Köpfe zusammenraufen um gegen die bittere Kälte und die hungrigen Wölfe zu kämpfen.

Junge, junge, das hört sich vielleicht einfach gestrickt an. Und dabei kann das gar nicht weiter entfernt von der Wahrheit sein. Ja, ‘The Grey’ ist ein typischer Film dieser Art. Es heißt Mann gegen Natur und es gibt eine Reise zur erhofften Rettung. Leute sterben oder werden getötet. Und so weiter. Auch Regisseur Joe Carnahan, der zuletzt bei der Serienadaption vom ‘A-Team’ Regie führte, ist auf den ersten Blick kein Indikator für einen tiefgehenden Genrebeitrag. Und doch schafft es der Film einen zu packen, visuell zu beeindrucken und emotional durchzuschütteln.

Das gelingt vor allem auf Grund der gnadenlosen Realität des Films, der locker den Titel “No Bullshit – The Movie” tragen könnte. Die Welt kann so grausam und herzlos sein. Das fängt bei einer der besten Umsetzungen eines Flugzeugsabsturzes aus subjektiver Perspektive an, geht weiter bei Interaktion mit tödlich Verwundeten und endet bei der grausamen Unbarmherzigkeit der Wölfe, die die Männer kurz nach dem Absturz angreifen. Ottway mutmaßt, dass sie im Jagdgebiet der Wölfe abgestürzt sind und sie sich deshalb fortbewegen müssen. Finden würden die wenigen Hilfseinheiten, die für Ex-Knackis und harte Kerle gesendet werden, sie ohnehin nicht schnell genug. Vorher findet sie eher der Tod.

Also beginnt die Reise. Die Schauplätze wechseln, es gibt nette Set-Pieces und nette Wendungen. Die Charaktere sind auf den ersten Blick eindimensionale Pappaufsteller, doch der Absturz reißt ihnen die stereotypischen Masken vom Gesicht und offenbart ihre wahren Gesichter. Natürlich gibt es die für das Genre typischen Dynamiken, die innerhalb der Gruppe Streit auslösen. Doch das intelligente Drehbuch von Carnahan und Jeffers weiß durch einen Zwischenfall hier einen Riegel vorzusetzen, sodass sogar die härtesten Kerle auf ihre Menschlichkeit reduziert werden. Hervorzuheben ist wie, wie sollte es anders sein, Liam Neeson, der Ottway wie von ihm aus den letzten Rollen (96 Hours) gewohnt stoisch spielt, aber durch visuell ansprechende Rückblenden eine emotionale Zerbrechlichkeit hinzufügen kann, sodass man sich fragt, wie lange er dieser Gruppe noch Mut zusprechen und sie anführen kann.

‘The Grey’ ist traditionelles Man vs. Nature Kino, das dank starker Performances (Neeson und Roberts) und einem guten und abwechslungsreichen Drehbuch begeistern kann. Die Geschichte ist konsequent und erbarmungslos und man sollte sich die Credits ganz anschauen, weil noch etwas kommt. Nicht, dass man ohne auch schon genug bedient wäre…

‘Dark Shadows’ Review

28 May, 2012 · Sascha · Film,Review · 2 comments

Vereinigte Staaten, 2012
Regie: Tim Burton
Drehbuch: Seth Grahame-Smith (Story: Grahame-Smith mit John August)
Darsteller: Johnny Depp, Helena Bonham Carter, Eva Green, Michelle Pfeiffer, Chloe Moretz
Länge: 113 Minuten
FSK: 12
Rating: ★½☆☆☆

Barnabus Collins (Johnny Depp) emigriert mit seinen Eltern von Liverpool nach Maine. Sein Vater ist ein reicher Unternehmer und errichtet ein erfolgreiches Fischerunternehmer in der schon bald nach ihm benannten Hafenstadt Collinsport. Auf einer Anhöhe errichtet er das prachtvolle Anwesen Collinwood, in dem der junge Barnabus die Herzen aller Putzmädchen bricht bis er auf die Undercoverhexe Angelique (Evan Green) trifft, die die Frau seines Lebens in den Tod treibt und ihn in einen Vampir verwandelt, der von den Dorfbewohnern eingekerkert und lebend unter die Erde gebracht wird. Knapp 200 Jahre später wird er bei Bauarbeiten wieder gefunden und kehrt zurück auf sein heruntergekommenes Anwesen, in dem die letzten, verstrittenen Überbleibsel der Collins hausen. Barnabus muss die Familie wieder zusammenführen und dem Fischerunternehmen zu altem Glanz verhelfen, das inzwischen von der Konkurrenz, Angeliques Firma, vom Markt verdrängt wurde.

‘Dark Shadows’ ist das neueste Produkt von Johnny Depp und Tim Burton, das auf einer amerikanischen Seifenoper aus den 60ern beruht. Ich sage Produkt, weil nichts mehr an diesem Film von einem künstlerischen Drang herrührt, sondern es wieder eine typische Burton-Produktion ist, die einem nicht wirklich geheimen Schema folgt. Es ist die filmische Version von Malen nach Zahlen. Ja, das Art-Design ist wie immer hübsch, wenn man auf den Stil steht und die Schauspieler können in den wenigen Momenten, die ihnen gegeben werden, glänzen, aber Dark Shadows krankt an seinem schlendernden Drehbuch. Nichts macht wirklich Sinn, es gibt keine Konsequenzen, keine Risiken, keine Ziele.

Die ersten 15 Minuten sind wirklich gut und sehr atmosphärisch. Burton versteht es den Ton aufzubauen und Figuren in Szene zu setzen. Doch genau das folgt dann auch: Nur Szenen, keine wirklichen Sequenzen. Figuren kommen, Figuren gehen, Sachen passieren, alles bleibt beim Alten. Insbesondere Helena Bonham Carters Charakter, der vielleicht 10 Minuten Screentime hat, wirkt deplatziert (wohl bewusst, es wird offen ein Sequel aufgebaut. Ärgerlich). Zwischendurch tötet Johnny Depp 10 Bauarbeiter, 9 Hippies und soll dann der sich um seine Familie sorgende Romantiker aus dem 18. Jahrhundert sein. Es funktioniert nicht.

Es funktioniert so vieles nicht: Barnabus hat Sex mit Angelique, damit diese seinem neuen Love-Interest nichts antut. Es hat keine Konsequenzen jeglicher Art. It just happens. Helena Bonham Carters Charakter gibt Barnabus einen Blowjob – augenscheinlich grundlos? Eine der merkwürdigsten Szenen der letzten Jahre. Am Ende ist dann plötzlich Chloe Moretz (Spoiler, schätze ich mal…) ein Werwolf und faucht ihrer verblüfften Mutter ein “Yeah, I’m a werewolf, get over it” zu; wohl auch an das Publikum gerichtet, das, sofern bis zu diesem Zeitpunkt noch geistig dabei, wohl endgültig den Stecker ziehen wird. Es gibt kein Set-up, kein Pay-off, es passiert einfach.

An diesem Punkt sollte man sich auch einmal die Frage stellen, was außer der Kohle und der Bequemlichkeit die Beiden dazu animiert ihre Projekte umzusetzen. Es gab wunderschöne Produktionen von Depp und Burton, die die zwei zu verdientem Ruhm führte, doch inzwischen ist der kreative Drang doch eingeschlafen. Burton hat schon seit langem, mit der Ausnahme von Sweeney Todd, nichts mehr wirklich Originelles getan. Wieso mal nicht mal etwas tun, das niemand von einem erwartet? Wieso immer etwas Traditionelles mit einem Twist? Wieso immer Depp? Kann Depp eigentlich noch eine Rolle in einem ernsthaften Drama als Familienvater spielen? Kann Burton noch ohne seinen Baukasten arbeiten?

Es kommt bei Burton ja schlussendlich immer zu einer Dichotomie: Entweder man mag es oder eben nicht. Bei ‘Dark Shadows’ ist das anders. Das Drehbuch ist objektiv beliebig und wahllos, überfüllt mit Charakteren und unterentwickelten Subplots. Aber Johnny Depp hat Schminke im Gesicht. Dem normalen Kinogänger wird es wohl egal sein.

‘Der Diktator’ Review

25 May, 2012 · Sascha · Film,Review · 0 comments

Vereinigte Staaten, 2012
Regie: Larry Charles
Drehbuch: Sacha Baron Cohen, Alec Berg, David Mandel, Jeff Schaffer
Darsteller: Sacha Baron Cohen, Anna Faris, Ben Kingsley, John C. Reilly
Länge: 83 Minuten
FSK: 12
Rating: ★★★½☆

Admiral General Aladeen herrscht im rohstoffreichen Nordafrika-Staat Wadiya in einer der letzten Diktaturen der Welt. Er bastelt an einer Atombombe und lebt ein ziemlich einsames Leben voller Exekutionen und gefühllosem Sex mit eingeflogenen Prominenten. Als die UN militärische Schritte gegen Aladeens Regime beschließt, ist die letzte Rettung eine Rede vor der UN-Vollversammlung und eine Bekennung zur Demokratie. In New York angekommen, wird er Opfer eines Putsches, der einen Doppelgänger einsetzt um so den Weg für vorgeschobene Demokratie und Ölkartelle zu bereiten. Fortan muss er sich als Unbekannter durch die Straßen Brooklyns wieder an die Macht kämpfen.

‘Der Diktator’ ist die nun mehr vierte, eigens erschaffene Kunstfigur Sacha Baron Cohens, die es auf die große Leinwand schafft und außerdem die dritte Zusammenarbeit mit Regisseur Larry Charles (‘Religulous’). Und das sieht man. Cohens Aladeen und der Film wissen zwar immer noch sehr zu unterhalten, aber inzwischen fehlt ihm der frische Charme eines Hinterwäldlers, eines missverstandenen Schwulen oder eines Dorfgangsters. Das rührt daher, dass ‘Der Diktator’ ein reiner Film ist, mit einem richtigen Drehbuch, richtigen Schauspielern und allem drum und dran und Cohen mit seinen Figuren nicht in Interviews geht oder Reaktionen auf der Straße einfängt, die ‘Borat’ zum lustigsten Film des vergangenen Jahrzehnts machten.

Cohen und seine Co-Autoren haben daher leider den Bogen etwas überspannt. Die Witze sind teilweise derbst politically incorrect, manchmal funktionieren sie perfekt, manchmal gar nicht, aber stets ohne Sinn und nur der Provokation dienend. Hat er das wirklich gesagt? Lustige Wortspiele werden überspannt, zu oft gebraucht und der Pipi-Kaka-Humor darf natürlich auch nicht fehlen, auch wenn er sich im Vergleich zu anderen Filmen sehr in Grenzen hält. Das ist schade, denn ‘Der Diktator’ hätte genug politische Aktualität, Brisanz und Reibungsfläche gehabt um die Komödie des Jahres zu werden. Der Film weiß zwar immer noch sehr zu unterhalten, insbesondere in seinen grandiosen ersten 15 Minuten, verfällt dann aber im zweiten Akt in eine Geschichte, in der sich Cohen in einer Masse an Celebrity-Cameos, Liebesgeschichten und unterentwickelten Charakteren verliert.

Sein Schlussplädoyer, das an Chaplins Rede in ‘Der große Diktator’ erinnert und die USA als Quasi-Diktatur darstellt, ist herrlich pikant. Cohen schwört zwar, er hätte Chaplins Meisterwerk nicht gesehen um sich nicht für seine Rolle inspirieren zu lassen, doch das ist nach der Schlussszene schwer zu glauben. Daher ist es umso bedauernswerter, dass er sich nicht doch mehr am “großen” Diktator orientiert hat und sich im kompletten zweiten Akt des Films eher an Stereotypen abarbeitet, statt wirklich etwas zu sagen. Wie Tarkovsky schon wusste: Wir schauen nur, aber wir sehen nicht.

Vereinigte Staaten, 2011
Regie: Andrew Niccol
Drehbuch: Andrew Niccol
Darsteller: Justin Timberlake, Amanda Seyfried, Cillian Murphy
Länge: 109 Minuten
FSK: 12
Rating: ★★★☆☆

“No one should be immortal if even one person has to die.”

Andrew Niccol ist ein wahrer Auteur, ohne Zweifel. Sein großer Durchbruch Gattaca ist bis heute kaum gealtert, die Dialoge immer noch zeitgenössisch und die Thematik könnte kaum aktueller sein. In ‘In Time’ nimmt sich Niccol erneut angeborener sozialer Ungerechtigkeit an: Die Menschen hören ab 25 auf zu altern und Zeit wird zur Währung. Die Superreichen sind praktisch unsterblich, während die Armen täglich buchstäblich ums Überleben kämpfen. Die Menschen leben dank Segregation in verschiedenen “Zeitzonen”. Die restliche Lebenszeit wird auf dem linken Unterarm digital abgebildet und kann per Handschlag mit jedem Individuum getauscht werden.Will Salas (Justin  Timberlake) kommt von ganz unten. Eines Tages trifft er einen steinalten Mann, der ihm seine Zeit schenkt, weil er nicht mehr leben möchte. Doch das System sieht sowas nicht gern…

Es ist eine interessante Welt, die Niccol dort kreiert. Dennoch erinnert sie natürlich an Gattaca. Wenn es 1997 Sozialkritik an der immer prominenter werdenden Genforschung war, ist es 2011 die Kritik am Kapitalismus, der sozialen Ungerechtheit, der Wall Street und allgemein eine Allegorie für die Unterschiede in den USA, ausgelöst durch die Finanzkrise. Problematisch ist dabei nicht was Niccol mit ‘In Time’ ausdrücken will, sondern wie, denn verschwunden sind die wunderschönen Dialoge, der stille Kampf um Menschlichkeit, der fantastische Soundtrack oder das Geschick einer subtilen Kritik, gewichen für mehr Action und Dialoge, die keine mögliche “time”-Referenz (‘We’re running out of time.’, ‘Don’t waste my time.’, uvm.) auslassen.

Am ärgerlichsten aber ist die Welt, die uns Niccol verkaufen will. Will erklärt uns in den einleitenden Sätzen des Films, dass er nicht weiß, wie es dazu kam, dass die Zeit als Währung genutzt wird, oder dass niemand mehr altert – und das muss uns Zuschauern dann auch schon als Begründung reichen. Niccol beraubt sich hier selbst, denn gerade die Szenen in Gattaca, die genau zeigen, wie Unterschiede entstehen, wieso und warum jetzt genetisch veränderte Embryos natürlichen vorgezogen werden, lassen die Welt real und greifbar wirken, sie machen sie menschlich.

Die Welt von ‘In Time’ existiert schon eine ganze Weile. Es gibt Menschen, die haben schon mehr als ein Jahrhundert auf dem Buckel – und die Zeit musste ja auch erst einmal so voranschreiten, damit wir eine Technologie besitzen, die uns nicht mehr altern lässt. Es ist also fair anzunehmen, dass der Film 160-200 Jahre in der Zukunft spielt. Der klassische Retrostil, der schon in Gattaca präsent war, ist auch hier wieder zu finden. Es ist sogar vorstellbar, dass beide Filme im gleichen Universum spielen. Aber Gattaca zeigte uns eine Zukunft, die vielleicht in den 2030ern spielt – nicht 2230. Wohl dem 40$ Millionen Budget geschuldet, sieht ‘In Time’ verdammt alt aus. Sollen wir daraus schließen, dass der technologische Fortschritt zur Ruhe kommt, nur weil der Mensch aufhört zu altern? Höchst unwahrscheinlich.

Fazit: In Time ist ein solider Action-Film mit guten Schauspielern und einem klugen Regisseur / Autor, der etwas zu sagen hat. Das gibt es noch selten heutzusage auf so großem Stil. Und dennoch bleibt ‘In Time’ hinter den Erwartungen eines Auteurs zurück, der Gattaca gemacht hat. Nicht subtil genug, oft mit dem Knüppel wird einem die Sozialkritik eingehämmert; cheesige Dialoge und eine Geschichte, die gegen Ende immer dünner wird, helfen auch nicht.

‘The Avengers’ Review

09 May, 2012 · Sascha · Film,Review · 3 comments

USA, 2012
Regie: Joss Whedon
Drehbuch: Joss Whedon
Darsteller: Robert Downey Jr., Chris Evans, Mark Ruffalo, Chris Hemsworth, Samuel L. Jackson, Scarlett Johannson, Jeremy Renner
Länge: 142 Minuten
FSK: 12
Rating: ★★★★½

“Doth thou mother know you weareth her drapes?”

Es ist nicht möglich zu übertreiben, wie wichtig ‘The Avengers’ nicht nur für das Superheldengenre, sondern auch für die Geschichte des Films selbst, ist. Es ist als ob man die Cops aus Lethal Weapon, John McClane und den Typen aus Predator zusammen einen Film hätte machen lassen. Stallone probiert das jetzt mit bekannten Gesichtern in seinen “Expendables”-Filmen, aber es gibt keinen narrativen Zusammenhang – im Unterschied zu Kevin Feiges Meisterleistung: Fünf Puzzlestücke ebneten den Weg zu dem ersten Film seiner Art. Ironisch ist dabei, dass der Film selbst ist nur ein weiteres, größeres Puzzlestück ist in einer vielversprechenden Reihe von kommenden Filmen.

Das große Plus des Films ist, dass die Köpfe dahinter wissen, wo der Fokus liegen muss. Nicht auf der Geschichte, sondern auf den Figuren. Diese Charaktere sollten eigentlich nicht im gleichen Raum stehen. Verdammt, sie sollten nicht einmal im gleichen Universum existieren – und trotzdem: Sie tun es und es funktioniert. Und das einzig und alleine Joss Whedon zu verdanken. Seine Stimme dominiert den Film. Es ist als ob all seine bisherigen Werke (darunter Buffy, Angel, Firefly, etc.) nur Training waren für den bisherigen Höhepunkt seiner Karriere. In dieser ging es nämlich stets um ein Figurenemsemble und thematisch um Familie. Und das sind die Avengers. Leute, die nicht zusammenpassen, und dennoch miteinander arbeiten müssen: Die Definition von Familie. Jemand Besseren hätte man nicht finden können. Und dennoch ist es beachtlich, was Whedon abliefert, insbesondere im Bereich der Action, denn noch nie zuvor stand ihm ein solche großes Budget zur Verfügung.

Doch so toll die Action und das Set-Piece Manhattan am Ende auch ist, darunter eine so mühelos erscheinende, kontinuierliche Einstellung (zweifellos mit Hilfe von CGI erstellt aber dennoch atemberaubend), die all unsere Helden beim Kampf zeigt: Das Wesentliche des Films sind seine Charaktere. Jeder bekommt natürlich im Rahmen des Films seine gewisse Einleitung, doch die Charaktere selbst und ihre Interaktionen funktionieren sofort. Hier profitiert der Film von der Entscheidung jedem Charakter vorher seinen eigenen Film zu widmen. Sie können direkt glänzen ohne lange zu erklären, wie oder warum sie jetzt so denken oder woher sie kommen. Man muss praktisch die vorherigen Filme gesehen haben, sodass The Avengers beim Zuschauer funktioniert.

Hier liegt eventuell ein Kritkpunkt, von dem The Avengers mehrere aufweist. So hat der Film praktisch keine wirkliche Story: Loki ist ein böses, verschmähtes Kind, das den Tesseract braucht um eine Armee Außerirdischer auf die Erde zu bringen und Herrscher über die Menschheit zu werden. Asgard klappte ja nicht so toll. Dabei ist der Würfel nicht mehr als ein schlichter MacGuffin, die Chitauri als Gegner sind charakterloses Kanonenfutter und Lokis Motivation findet man ausschließlich im Vorfilm Thor. Aber das macht nichts, denn The Avengers selbst ist, wie in der für Marvel typischen Credits-Szene angedeutet, nur ein weiteres Puzzlestück in einer viel größeren Geschichte. Es finden ein Zusammensetzen und Aufbau statt für folgende Abenteuer. Und so entsteht eine Art neuen Filmemachens, die sich stärker als zuvor an ihrem Quellenmaterial inspirieren lässt.

Denn man einen Avengers-Volume liest, dann muss man die vorherigen Ausgaben der einzelnen Charaktere gelesen haben, sonst funktioniert es nicht. Dasselbe gilt für den Film. Aber auch in der Struktur selbst ist der Film wesentlich “comic-hafter” als seine Vorgänger im Genre mit seinem comic-typischen, leicht tv-trashigen Opening, der Zusammenkunft der Rächer, der Szenen auf dem Heli-Carrier und später beim Schlusskampf, bei dem besonders viel richtig gemacht wird. Jeder Charakter bekommt seine Chance zu glänzen, insbesondere der Hulk, der zum ersten Mal dem Gefühl nach “richtig” umgesetzt wurde. Seine Comic-Relief-Szenen sind einfach zum Brüllen. Alleine deshalb sollte The Avengers auch in einem vollen Kino gesehen werden, es ist Blockbusterkino vom Feinsten. Vieles stimmt einfach. Es wird auch offen mit der Diskrepanz der Fähigkeiten der Helden gespielt. Der Film geht offen damit um und das ist Whedons Drehbuch und seiner Liebe und Wissen um die Charaktere zu danken, dass Figuren wie Agent Coulson oder Maria Hill nicht untergehen, sondern die Welt ausgestalten und greifbarer werden lassen.

Fazit: The Avengers ist ein neues Format des Filmemachens und -schauens. Aber selbst ohne die vorherigen Filme kann man durch die klassisch-whedon’sche Charakterdynamik, die famose Action und vor allem den Charm und Humor den Spaß des Kinosommers haben. Einige betiteln The Avengers als das Star Wars dieser Generation. Ich kann es nachvollziehen.

Ach, was hätte das für eine tolle Dokumentation sein können! Stell dir vor, Leonardo Da Vinci würde sich eine Zeitmaschine bauen und zu uns reisen um da noch etwas Kleines an der Mona Lisa zu ändern, das ihm nicht so gefällt. Würden wir ihn lassen? Auf der einen Seite ist natürlich er der Maler, es ist seine Vision auf der Leinwand, aber auf der anderen Seite ist die Mona Lisa inzwischen Teil unseres kulturellen Erbes und wir kennen sie und haben sie so zu lieben und schätzen gelernt, wie sie ist. Eine Zwickmühle!

Wesentlich einfacher ist die Rechtslage da bei Star Wars. George Lucas lebt noch,  er hat die Rechte, er ist König, er braucht keine Zeitmaschine und er darf machen, was er will – oder etwa doch nicht? Immerhin ist Star Wars kulturell unheimlich bedeutend und wesentlich mehr als nur “ein Film”.

Lucas’ Kampf mit dem Studiosystem, seine frühen Erfolge, sein Ego, Star Wars, Indiana Jones, die Special Edition, das Herumschnippeln, die Prequels – alles wird interessant erzählt, und dann befinden wir uns ärgerlicherweise auch schon im letzten Drittel des Films um uns der eigentlich zentralen Frage zu widmen. ‘

The People Vs George Lucas’ tut nichts, was Fans oder Leute, die das Internet bedienen können, nicht bereits wissen. Es ist eine nette, visuelle Aufbereitung des Status-Quo: George ist für uns sowohl Held als auch Bösewicht seiner eigenen Geschichte. Die verzwickte Lage, die Leidenschaft der Fans, das falsche Selbstbild Lucas’ – all das wird nett aufbereitet, doch Antworten liefert die Dokumentation keine.

Oftmals wirkt Philippes Doku wie ein Besuch in einem Fanforum. Dort gibt es Leute, die ihren eigenen Stoff promoten wollen, andere sind egozentrische Laberer, Trolls und Fanboys, hier und da gibt es wirklich seriöse, gebildete Meinungen und am Ende singt wer die Titelmelodie. Ein seriöserer Ansatz hätte teilweise nicht geschadet.

Ich weiß, dass ich zu hart dem Werk gegenüber bin, aber da war einfach wesentlich mehr drin. Trotzdem handelt es bei ‘The People Vs George Lucas’ um eine solide Doku, die vor allem Stofffremde informiert und zu unterhalten weiß.

7/10

Die Bild- und Tonqualität sind makellos. Dazu sind die Extras in vielfältiger Form, von ungeschnittenen Interviews über Fanprojekte und sogar ungeschnittene Einblicke in erste Drehbuch- und Storyboardentwürfe, vorhanden. Da lohnt sich der Kauf wirklich für alle.

Einem geschenkten Gaul schaut man nichts in Maul, sagt der Volksmund, aber Oliver Pocher live sehen, das muss nun nicht wirklich sein – selbst für umme. Wieso das so ist, kann man erahnen, anderfalls sollte man an dieser Stelle dann besser aufhören zu lesen. Dabei bin ich aber gar kein Oliver Pocher Hasser, von denen es ja recht viele gibt. Ich muss sogar eingestehen, dass ich ihn durchaus interessant und lustig fand. Damals, mit seiner Show “Rent A Pocher”. Aber ja, genau: damals. Es ist 2012, nicht mehr 2003. Oliver Pocher ist alt geworden. Darunter leidet seine freche, vorlaute Art, die 9 nette Witze hervorbrachte, bis das Gegenüber konterte und den zehnten, besten Witz gegen ihn selbst brachte. Damit konnte er umgehen. Er wusste, dass er es provozierte und gestand es ein. Es war ein Geben und Nehmen. Der Zuschauer gewann.

Das gilt auch noch heute. Pocher ist im Umgang mit dem Publikum, dem Normalo, immer noch äußerst unterhaltend. Medienuntrainierte Leute ausnutzen ist scheiße, aber Provinztrottel, von denen es hier genügend gibt, vorzuführen, das kann er – und das ist lustig. So unzivilisiert bin ich dann doch. Es wäre interessant gewesen, wenn die ganze Show so gewesen wäre, denn die Interaktion mit dem Publikum, die Chatroulette-Runde oder die Facebook-Singleparty sind die Momente, die ihm Frische einhauchen. Ansonsten ist Pocher inzwischen aber merklich 34, verheiratet und Vater. Er ist/war Moderator, Sportkommentator (Dear Lord!), Late-Night-Talkshowhost und hat sich sonst noch ziemlich breit gemacht in der deutschen Medienlandschaft. Das ist ein kluger Schachzug im Hinblick auf die Karriere, denn niemand will den ewig nervenden Frechsdachs haben.

Doch seine Show leidet unter den vielen Facetten. Den Anfang machen viele bekannte Gesichter aus dem Fernseher. Jauch, Gottschalk, Lanz und Co. versprechen, welch wunderbaren Abend wir vor uns haben. Die Stimmen setzen eine Messlatte an, die natürlich nie erreicht werden kann. Pocher wird auf eine Höhe gepriesen, von der er nur tief fallen kann, was er mit seinem Stand-Up auch tut. Wahrscheinlich sollen die Promis Pocher eine gewisse Autorität, ein Gewicht, geben, doch es wirkt nur billig. Was folgt ist eine Mischung aus schlechtem Stand-Up über den Bachelor, Frauentausch, Mitten im Leben und DSDS (ständiges Build-Up mit der eingestreuten Ein-Wort-Referenz auf eine vorherige Geschichte), Interaktion mit dem Publikum, Tanzeinlagen und Clips aus seiner Fernsehshow, die man wohl mit Leichtigkeit auf YouTube finden kann. Spätestens dann war ich froh, dass ich nichts bezahlt habe. Wobei es mir da aber, anhand des lauten Lachens nach dem “Hey, ihr habt schließlich hier für bezahlt”-Witz, ähnlich ging wie der Hälfte des recht kleinen Saales. Muss gut laufen, wenn man Oliver Pocher heißt.

Australien  2010
Regie: Stuart Beattie
Drehbuch: Stuart Beattie
Darsteller: Caitlin Stasey, Rachel Hurd-Wood, Lincoln Lewis
Länge: 104 Minuten
FSK: 16
Rating: ★★½☆☆

Sieben australische Teenager wollen mal das ganz große Abenteuer erleben und verbringen ein paar Tage in der Wildnis. Inmitten der Nacht sind viele Flugzeuge über ihnen zu erkennen, doch sie denken sich nicht mehr dabei. Wieder daheim angekommen, müssen sie erkennen, dass die Flugzeuge Ausläufer einer asiatischen Invasion waren. Nachdem sie mehrfach den Militärs entkommen können, entscheiden sie sich zurückzuschlagen.

Den Trailer zu ‘Tomorrow When The War Began’ sah ich bereits vor mehreren Jahren und ich war direkt verzaubert und wollte den Film sehen. Der Trailer sah schon gut aus und die Erwartung war relativ hoch, insbesondere weil ich ‘Red Dawn’ liebe und schon viel Gutes über die Buchreihe von John Marsden gehört habe, auf deren erster Teil der Film basiert. Umso enttäuschender ist dann die finale Umsetzung.

Immerhin hatte man mit Stuart Beattie keinen unerfahrenen Hollywoodmann nach Down Under geholt um australisches Blockbuster Kino zu machen, das dem Hype um die Jugendromane gerecht werden sollte. Beattie selbst leistet auch sehr gute Arbeit: So sieht der Film die ganzen 104 Minuten wesentlich besser aus als es sein Stoff verlangt. Die Regiearbeit ist hervorragend, die Handlungen konsequent und die Action nervenkitzelnd. Es gibt einige wenige, wirklich aufreibende Momente im Film, die sehr gut inszeniert sind und nicht vor Brutalität zurückscheuen.

Die Geschichte selbst aber hätte auch ruhig als Mini-Serie verfilmt werden können, ohne dass etwas von der Action oder den Set-Pieces hätte reduziert werden müssen. Davon hätten auch die Figuren profitiert, die hier in kurzen 15 Minuten allesamt eingeführt und sympathisch gemacht werden müssen, sodass wir mit ihnen fiebern. Eine unmögliche Aufgabe. So erhalten wir ein paar nette Minuten der glückseelischen Unbeschwertheit bevor der Krieg die Unschuld der armen Kinder raubt. Klischeehaft und störend.

Ein großes Problem für mich war auch das Casting. Klar, die Performances der Schauspieler sind solide und funktionieren. Doch ich glaubte zu keiner Sekunde, dass hier Teenager über die Leinwand liefen. Der Trend Mittzwanziger für Teenagerrollen zu casten (oder welche, die Mitte 20 aussehen,) schlägt sich hier eben besonders auf die Wirkung des Stoffes aus, denn so verliert die Intensität der Invasion natürlich enorm. Wirklich junge Menschen in dieser Situation zu sehen, wäre wirkungsvoller gewesen. Ebenso hätte ruhig mal, wie dramaturgisch an vielen Punkten verlangt und bei einem Cast von 8 Hauptcharakteren nicht störend, mal jemand ins Gras beißen können. So schien alles immer gefahrlos und einfach, während die Asiaten scheinbar mit Platzpatronen feuerten.

Dem Vorwurf der Xenophobie versucht man aus dem Weg zu gehen, in dem die asiatischen Truppen nie einem einzelnen Land zugeordnet werden. Flaggen spielen keine Rolle, wie ein Charakter vermerkt. Als Grund der Invasion wird im Radio ökonomischer Druck der Invasoren und Überbevölkerung genannt, während die Australier genügend Platz haben in ihrem großen Land hätten. Mehr kriegen wir nicht. Hier verhungerte ich wie die Kinder im Heimatland der Invasoren trotz großen zeitgenössischen Potentials.

Doch der Film krankt noch mehr an dem Muster seiner Adaption. Die Buchvorlage ist nur Teil 1 einer ganzen Reihe von Büchern um unsere australischen Guerilla-Teens und der Film selbst ist dadurch natürlich mehr Pilot einer TV-Serie als unterhaltsames Stand-Alone-Kino. Soweit ich das richtig gelesen habe, orientiert sich die Filmversion sehr nahe am Buch, was eigentlich löblich ist. Doch Buch und Film sind verschiedene Medien und das Ende des Films ist schlicht und einfach eine Enttäuschung. Der Cliffhanger zu serientypisch. Ironischerweise ist Beattie sich dessen auch bewusst, schrieb er doch folgenden Dialog ins Drehbuch:

Ellie Linton: Good book?
Corrie Mackenzie: Better than the movie.
Ellie Linton: Yeah, books usually are.

I rest my case.