“Hey man, these guys were talking, she’s trouble.”
Das ist wohl die Woodbury-centric Episode, die wir nicht verlangten, aber brauchten. Es ist wiederum keine glorreiche Episode, aber sie schafft es eine klare Geschichte zu erzählen mit Figuren, deren Entscheidungen nachvollziehbar sind. Die Gratwanderung des Governors zwischen charismatischem Führer und Kerl, der auch mal die Nationalgarde umlegt, wenn er es für richtig hält, gelang den Autoren nie. Man versuchte den Governor des Comics mehr zu Philip Blake zu gestalten, der dank der Walking Dead Buchserie humanisiert wurde, im Comic jedoch stets ein Psychpath war. Es war ein netter Versuch, aber man wäre, nach dem gesamten Desaster dieser Staffel, besser an gewesen, einfach eine Karikatur des Bösen zu zeigen. Aber nun haben wir eben genau das und eben auch etwas Gewissheit. Andrea hat auch endlich genug und flieht.
Das ist auch im Prinzip die Episode. Nicht viel passiert, Andrea wird vom Governor gejagt, der jetzt Max-Mode-Psychopath ist, inklusive mitgeschleifter Schaufel und verrücktem Pfeifen. Andrea schafft es schlussendlich zum Gefängnis und wird jedoch in letzter Sekunde von ihm gestoppt. Zurück in Woodbury sieht man sie am Ende der Episode zu unglaublich unpassender Rockmusik (dabei ist die Musik von Bear McCready generell großartig, insbesondere das pochende Governor-Theme hat es in sich) gefesselt und geknebelt in der Vorrichtung des Governors, die für Michonne gedacht war. Anscheinend traut sich die Serie doch eventuell in die dunkelsten Seiten des Comicbuchs abzudriften, als der Governor Michonne in einer Garage fesselt und mehrfach brutalst missbraucht. Ich bin mir eigentlich sicher, dass es niemals so weit kommen wird, aber die schlichte Andeutungen an die perversen Fantasien reichen aus, sodass es mir kalt den Rücken runterläuft. Und überhaupt, wie krass ist das bitte, dass die Kamera so lange auf dem Spekulum verharrt?
Natürlich kommen wir diese Woche auch wieder nicht ohne dumme Momente aus. So mahnt Milton Andrea, dass sie niemals nahe genug an ihn rankommen würde, tut dies dann aber binnen 60 Sekunden – aber natürlich kann die Figur hier nicht ihr Ende finden – immerhin haben wir noch 2 Episoden zu füllen. Ebenso wirkt Allens Disput mit Tyrese deplatziert, da es keinen Aufbau für die Szene gab und dieser eher private Moment wohl kaum auf offener Straße so angesprochen werden würde. Und überhaupt: Tyrese ändert verdammt schnell seine Meinung. “He has done some bad things.” Ja, aber du weißt ja genau, was. Dann bitte nenn diese Dinge doch genau und nicht nur diese vage Andeutungen, die schon in der letztwöchigen Episode mich wieder komplett verzweifeln ließen.
Ich erinnere mich noch gut daran, dass es eine weitläufige Beschwerde an LOST war, dass die Figuren nie miteinander reden. Doch es gab Gründe dafür, die in den Flashbacks erläutert wurden und außerdem waren unsere Charaktere allesamt Ausgestoßene in der ein oder anderen Hinsicht. In The Walking Dead tragen alle ihre Herzen auf der Zunge. Daher werden die Gräueltaten schlicht und ergreifend nur angedeutet, weil die Autoren eine Spur Ungewissheit bei ihren Figuren wollen. Naja, das hat ja super geklappt bisher.
Dazu ist es natürlich äußerst bequem, dass Rick gerade Wache schiebt und der ohnehin Halluzinationen hat, sodass er Andreas kurzzeitiges Aufblitzen als Erscheinung interpretiert. Dann das Problem der “Stealth Zombies”, die einfach aus dem Nichts erscheinen. Ja, der Comic hat die Dichotomie der “Walker” und der “Lurker”, aber ernsthaft, Andrea ist in dem Waldstück, das recht überschaubar ist. Jedes Mal, wenn die Kamera nahe an Charaktere in brenzligen Situationen ist, weiß man, dass gleich ein Zombie von hinten kommt. Das ist einfach billig. Dazu stehen plötzlich welche 3 Meter vor ihr, die sie vorher nicht gesehen haben soll? That’s lazy and cheap.
Alles in allem eine verdammt mittelmäßige Episode, die aber dann wieder doch auch erträglich ist – und wer hätte gedacht, dass dies noch ein Satz ist, den man in der dritten Staffel von einer Andrea-Episode behaupten könnte? Sie trifft Entscheidungen, agiert zwar nicht wieder super schlau in den Situationen, aber kann sich immerhin behaupten und ich fieberte mit (der Trick mit der Tür kam für mich überraschend, nice!). Jetzt wird sie leiden müssen. Genau wie wir, denn es gibt noch eine Folge vor dem Finale, in der wir uns dem großen Mysterium widmen müssen: Wer verbrannte die Zombies in der Grube? Milton wäre offensichtlich, wahrscheinlich sogar für diese Sendung zu offensichtlich; aber wieso sollte er sich dann so dumm dranstellen?
Auch wenn einige Stimmen im Netz meinen, dass er damit die Zombies anlocken wollte, war ich mir fast sicher, dass er Zelda’s Lullaby anfängt zu pfeifen.
Allen und Ben sind das also und Sasha ist Tyrese’ Schwester. Damit ist diese Gruppe absolut nicht wiederzuerkennen aus den Comics und wir verlieren die Zwillinge und somit auch den glorreichsten Momente der Serie bzgl. Carl. (“Are you afraid of me?” – “No.”)
Miltons Reaktion auf die Möglichkeit mit zum Gefängnis zu flüchten war gleichermaßen süß und dumm. Eine Kategorie, die die Serie perfektioniert hat.
Der anfängliche Flashback ist nett gemeint, aber sinnlos, denn wir erfahren nichts, das wir nicht bereits wussten.
Übrigens wird sehr im Hintergrund wieder der Herbst eingeführt, weshalb auch die Kleidung dicker wird und in Woodbury Lauf auf den Straßen liegt. Nicht sehr subtil, da Rick noch letzte Woche wie üblich drei Liter im Gesicht schwitzte. Wir werden wohl wieder einen Zeitsprung erleben. Dabei würde man meinen, dass die Show genug Geld macht, dass man sich die erhöhten Produktionskosten eines simulierten Winters erlauben könnte.
12 Mar, 2013 · Sascha · Fernsehen,Review · 12 comments
“I thought you were a cop, not a lawyer.” “Either way, I don’t pretend to be a governor.”
Die letztwöchige Folge ‘Clear’ funktionierte so wunderbar, weil sie komplett losgelöst von dem Kontext der gesamten Staffel stattfand. Nun sind wir wieder da, es gibt jede Menge Altlasten in Form von nervigen Charakteren und Storylines, deren Ausgang wir unweigerlich bereits seit Beginn der Staffel wissen. Doch ‘Arrow On The Doorpost’ ist bei weitem nicht so schlecht wie die Folgen zuvor, dennoch schmerzt es, das Potential der Serie eine Woche lang ausgespielt zu sehen und dann wieder in die alten Bahnen zurückzukehren.
Wir beginnen diese Woche mit einem stummen Cold Opening. Rick und Daryl sind auf einem Farmgelände. Sie sichern das Gelände um eine Scheune, schleichen zwischen Silos herum, während Hershel im Auto wartet.
Sie treffen auf den Governor, der ein Gespräch mit Rick haben wird – eingefädelt von Andrea. Es wird eine versteckte Pistole gezeigt. Normalerweise besagt Chekhov’s Gun, dass eine im ersten Akt eingeführte Pistole im dritten losgeht. Doch nichts passiert. Keine Offenbarung. Die Fronten sind gehärtet. Wir wissen, worauf es rausläuft; und die Figuren genauso.
Eine der Offenbarungen dieser Episode für mich: Hershels Tod wird verdammt schwierig zu schlucken sein. In vielerlei Hinsicht ist er zu der Stimme der Vernunft und zum Herz der Show herangewachsen und hat die Rolle von Comic-Dale übernommen. Im Finale werden seine Überlebenschancen relativ gering sein.
Doch wessen Chancen sind schon hoch, abgesehen von vielleicht Rick, denn die Autoren, wenn sie eines geschafft haben diese Staffel, haben die Schicksale aller Figuren so unvorhersehbar gemacht, dass wir jederzeit mit ihrem Tod rechnen können. Dies gilt insbesondere für Hershel, um den ich fürchtete, wenn er nur auf seinen Stumpf hinunterblickt und die Kamera ganz nah bei ihm ist und unsere Sicht eingrenzt.
Das Gleiche gilt für Maggie und Glenn, die aus einer Schicht Wache schieben lieber ein Schäferstündchen machen – ein fataler Fehler im Horrorgenre, wird die ultimative Sünde doch schnell bestraft – doch nicht hier; auch wenn in Verbindung mit Close Ups wieder mit der Erwartunge der Zuschauer gespielt wird. Immerhin wurde das diese Staffel geschafft.
Was jedoch verfehlt wurde, ist eine echte Alternative zu schaffen zu dem scheinbar unausweichlichen Endkampf. Immerhin die Illusion, dass der Governor tatsächlich nur Michonne will, hätte aufrecht erhalten werden können. Aber naja, wir sind es gewohnt, dass wir stets alles wissen und daher kaum Spannung aufkommt.
Es gibt immerhin ein paar nette menschliche Momente (Parallelen!) wie die Anbandelung der Fußsoldaten Daryl und Martinez, die beide eigentlich nicht viel trennt außer ihrer Allianzen, und Hershel und Milton haben als das personifizierte Gewissen ihrer jeweiligen Gruppe ein lustiges (“At least buy me a drink first!”) Gespräch. Milton ist ein Charakter mit Potential und es wäre zu wünschen, dass er die Staffel überlebt und sich Rick anschließt.
Wer jedoch einfach zu diesem Zeitpunkt nur noch zu sterben hat, ist Andrea. Hershel versucht es ihr durch die Blume zu sagen, dass der Governor der falsch Mann für sie ist, aber sie geht trotzdem wieder zurück mit ihm nach Woodbury. Ja, es wird zwar relativ klar gezeigt, dass Andrea diese unsichere Figur ist, die nicht mehr weiß, wo sie eigentlich hingehört, aber zu diesem Zeitpunkt weiß sie so viel creepiges Zeug über ihren Liebhaber, dass sie einfach nur verrückt sein muss, wenn sie bei ihm bleibt.
Und überhaupt, der Governor an sich: Riesiges Potential geht da jedes Mal den Bach runter. Die Autoren haben sich dazu entschieden, ihn gleichzeitig als vernünftigen Strategen und mordlüsternen Psychopathen erscheinen zu lassen. Das geht nicht. Es ist einfach traurig, wie mit dem ikonischsten Bösewicht des Comics umgegangen wird.
Der Endkampf war und ist unausweichlich, mehr lernten wir in dieser Folge nicht. Rick ist der starke Anführer in dieser Situation, den die Gruppe braucht, aber Hershel gegenüber gibt er sich grübelnd, wodurch seine Autorität wieder bröckelt. Durch die letzte Episode spätestens hat sich Michonne bewährt gemacht und ihren Platz in der Gruppe verdient, aber trotzdem ist sie keinen Carl oder Beth oder Maggie wert. Das ist die traurige Wahrheit. Aber Rick muss doch verstehen, dass mit dem Governor kein Kirschen essen möglich ist und er früher oder später auch nach ihm kommt. Ist Rick hier nur ein wenig in seinen Gedanken verloren oder überlegt er wirklich diese Möglichkeit durchzuziehen? Die Episode erzählst es uns nicht.
Drei Episoden noch, wobei das Finale wohl Kampf pur sein wird. Verbleiben uns zwei Episoden voller nerviger Diskussionen oder gibt es noch einige Überraschungen? Was denkt ihr?
07 Mar, 2013 · Sascha · Fernsehen,Review · 6 comments
“I can’t stop you. But you can’t stop me from helping you.”
Shows mit Ensemblecasts haben es nicht leicht. Je größer die Anzahl der Figuren in der Serie, desto mehr muss man die Screentime unter diesen aufteilen. Einige Serien tun dies verdammt gut, wie Game of Thrones oder Boardwalk Empire, doch in sie alle schulden in jüngster Erinnerung der Serie LOST, die bewies, wie man selbst mit den wenigstens Mitteln die unterschiedlichsten Charaktere, die auf einer Insel gestrandet sind, schaffen kann.
The Walking Dead kann viel von LOST profitieren und lernen. Beide Shows handeln davon, dass eine Gruppe von wild zusammengewürfelten Charakteren nach einem dramatischen Event zusammenarbeiten müssen. LOST hat dabei das gleiche Defizit wie Walking Dead gegenüber anderen Shows. Es ist natürlich, dass die Figuren auf Grund des Settings eher nahe beieinander bleiben, bei den Zombies noch eher als bei LOST. Die Gesetze dieser Welt bestimmen, dass die Überlebenschance unter Leuten größer ist. Die schlimmste sich daraus ergebene Konsequenz ist ein Lagerkollaps.
Diesen hat The Walking Dead nicht ganz überwunden hat, aber nach der sich im Schneckentempo fortbewegenden zweiten Staffel auf der Farm hat man große Fortschritte gemacht. Lagerkollaps gab es bei LOST nie. Durch die geschickte Idee der Flashbacks konnte man diesen immer klug umgehen und die Notwendigkeit der Umgebung forcierte die Figuren in kleinen Gruppen in den Dschungel, in denen man in Verbindung mit Hintergrundinformationen auf den Charakter der Figuren eingehen konnte. The Walking Dead hat sich fast immer bisher in bequeme Situationen geschrieben in denen das nicht nötig war. Ein Camp. Eine Seuchenzentrum. Eine Farm. Ein Gefängnis.
Sollte die Serie dem Comic folgen, wird es nach dem Gefängnis auf die Straße gehen, auf einen langen, harten Weg Richtung Norden. Es werden Horden kommen und Menschen, die den Governor wie eine netten Chihuahua aussehen lassen. Die vierte Staffel könnte essentiell das Leitmotiv der Serie ausbauen und dabei den Figuren endlich die Zeit zukommen lassen, die sie verdienen. ‘Clear’ ist der erste Schritt in diese Richtung.
Scott Gimple, der diese Episode geschrieben hat und in Zukunft auch Glen Mazarra als ausführenden Produzenten ersetzen wird, hat mit ‘Clear’ die mit beste Episode der Staffel, wenn nicht sogar der Serie, geschaffen. Nur noch der Pilot und ’18 Miles Out’ kommen als Vergleiche auf und all diese Episoden haben eines gemeinsam: Sie konzentrieren sich auf einzelne Figuren, begrenzen ihren Spielraum und beschäftigen sich mit mehr als der direkten Gefahr gefressen oder getötet zu werden.
Schauen wir mal, wo wir vor ‘Clear’ waren. Michonne ist seit Anfang der Staffel bei uns und wir haben immer noch nicht die geringste Ahnung, wer sie in Wahrheit ist. Ja, sie ist robust und misstrauisch, lag mit ihrer Einschätzung des Governors richtig, aber mehr nicht. Woher kommt sie? Was hat sie vorher gemacht? Wie kommt sie mit allem klar? Woher hat sie ihr Katana? Carl ist dank des Zeitsprungs zwischen den Staffeln vom kleinen neugierenden und teilweise nervigen Kind zum kleinen Supersoldaten mutiert, was im Gnadentod seiner Mutter gipftele. Rick warf all das komplett aus der Bahn und zuletzt sah er Lori umherwandern und verschwand im Gebüsch außerhalb des Gefängnisgeländes. Es ist beachtlich, dass die Charaktere und die Taten dieser Figuren höchst umstritten sind, wenn sie in den Comics doch die absoluten Fanfavoriten sind.
Die Episode beginnt auf der Straße und wir kehren zurück in die Heimatstadt von Rick. Dies ist schon einmal rein aus thematischer Hinsicht ein großartiger Schachzug, weil es unseren zwei Hauptfiguren einen Spiegel vorhält. Wie weit sind sie gekommen? Was haben sie opfern müssen – und wie hat sie diese Welt verändert? Zu alledem kommt noch Morgan in den Mix, der großartig von Lennie James gespielte Retter von Rick in der allerersten Folge. Ihre Schicksale sind gleich, doch während für Rick immerhin eine emotionale Auffanggruppe wartete, musste Morgan alleine bleiben und zog sich in seine eigene Welt zurück, die er damit beschreibt, dass sich die Guten und die Bösen gegenseitig zerstören und nur die Schwachen, wie er selbst, überleben und leiden müssen. Er bittet sogar Rick ihn zu erschießen, er selbst findet keinen Mut für den Selbstmord. Morgan ist trotz seiner so kurzen Screentime einer der interessantesten Charaktere und ich hoffe, dass seine Entscheidung, sich Rick und Co. nicht anzuschließen, nicht endgültig war. Im Comic schließt sich Morgan Rick an, obwohl dies zeitlich nach dem Gefängnis stattfindet, weshalb ich meine Hoffnung nicht aufgebe.
Carl hingegen ist ein kleiner emotionsloser Supersoldat geworden – von einem Extrem ins andere. Doch ‘Clear’ gibt ihm Zeit ein wenig aus seiner Rolle zu schlüpfe und wieder Kind, bzw. Sohn, zu sein. Rick zeigt ihm zu Beginn der Episode wie man ein festgefahrenes Auto wieder befreit. Die Szene ist vollkommen natürlich und wirkt nicht gezwungen, die Erziehung ist ehrlich, aufrichtig und zeigt, dass das Verhältnis zwischen den Beiden nicht zerstört ist und dass Rick seine Hoffnung auf eine bessere Zukunft – zumindest für seinen Sohn – nicht aufgegeben hat. Als Carl vor der aufgezeichneten Karte steht, wirkt er wie ein Collegestudent, der nach langer Zeit wieder in seine Heimat zurückkehrt. Hat sich die Stadt verändert? Oder doch eher er selbst? Sein Haus ist abgebrannt, doch er möchte eine Babykrippe für Judith besorgen. Anzeichen für das Superkindersoldatensyndrom, doch Michonne geht mit ihm mit aus einer Vermischung aus aufrichtiger Sorge um den Jungen und weil sie das Gespräch zwischen Rick und Carl zu Beginn der Episode überhörte und weiß, dass sie Carl auf ihre Seite bringen muss.
Carl ist natürlich genervt davon; einerseits, weil er denkt, dass er Michonnes Hilfe nicht braucht – und weil er eine Geheimmission hat. Er will sich davonstehlen und wird von Michonne in seine Schranken verwiesen. Michonne zwingt sich ihm auf und Carl ist bald schon froh, dass er sie dabei hatte. Carl bekommt das Familienphoto für Judith, wobei er das sicherlich auch für sich selbst tat und Michonne rettet eine… Katzenskulptur, die einfach zu hübsch war um sie zurückzulassen (eine gern gesehene Auflockerung in einer Serie, die sich stets einen Tick zu ernst nimmt. Nichts ist immer lustig und nichts ist immer ernst).
Das sind keine riesigen Entwicklungen oder Offenbarungen. Es sind kleine Momente. Doch diese kleinen Schritte, die uns etwas über die Figuren aussagen, bilden im Laufe der Zeit Charaktere heraus, die wir kennen und deren Entscheidungen wir nachvollziehen können. Wenn die Gruppe stets nur aufeinander gepfercht rumsitzt und diskutiert, bleibt am Ende meistens nur ein Satz in einer Diskussion für jede Figur übrig. Der Moment verblasst, wir erinnern uns an die Diskussion, nicht die Charaktere. Momente aber schärfen unser Bild von den Charakteren. Michonnes Katzenfigur ist schon so populär, dass es darüber bereits Parodiecomics gibt.
‘Clear’ ist kein großes Fernsehen. Aber es ist der erste Schritt in eine bessere Zukunft für die Serie, die nicht mehr nur zwischen Soap und Horror/Action hin- und herwechselt, sondern beides intelligent verbindet zu der großartigen Unterhaltung, die der Comic schon immer war. Er erzählt die Geschichte von einem Vater und seinem Sohn in einer von Zombies überrannten Welt – und die Anzeichen, dass wir bald mehr von dieser Welt sehen werden, werden mit dem verzweifelten Tramper und der lateinamerikanischen Familie auf der Brücke ersichtlich. Alleine diese Instanzen würden sich in der kommenden Staffel für Handlungen reichen, die sich über ganze Episoden erstrecken könnten. Dazu richten sich die an Hauswände gesprühten Warnung Morgans sicherlich auch nicht an die Zombies. Staffel 4 verspricht Chaos auf der Straße, Figuren werden aufgeteilt, müssen Besorgungen machen, Mitgefühl wird spärlich sein. Da draußen gibt es eine Welt zu erkunden in der das Potential schlummert, The Walking Dead die Qualität zu verleihen, die der Popularität um die Serie würdig wird.
02 Mar, 2013 · Sascha · Fernsehen,Review · 0 comments

AMC
“Maybe you should stop.”
“Doing what?”
“Being the leader.”
Die Episode beginnt direkt nach dem Angriff des Governors. Die Gruppe diskutiert darüber, wie sie mit der Situation umgehen soll, Rick würde sich alledem am liebsten wieder entziehen und wird von Hershel zurückbeordert. Rick kann jetzt nicht wieder ins Land der Verrückten abwandern und es ist sein eigener Junge, der ihn zurückholt, als dieser an seinen Fähigkeiten zweifelt. Dies holt Rick zurück auf den Boden der Tatsachen. Dem Seriengott sei Dank, eine weitere Episode mit Rick im Lalaland hätte ich nicht mehr ausgehalten.
Tja, und obwohl die Episode ganz nett anfängt, inklusive einem interessanten Dialog-pairing von Hershel und Merle, ist sie zu großen Teilen völlig belanglos und dazu merken wir schnell: Das ist die Andrea-centric Episode, die jeder unbedingt sehen wollte. Not. Die Autoren nehmen ihre schwierigste Figur und lassen sie von Ort zu Ort fahren und es wird viel geredet, Daniel nannte es “GZSZ mit Zombies” und ich finde es passt. Dialoglastiger wird eine Episode in der Zukunft kaum noch werden, die Zombies rücken ganz in den Hintergrund und werden höchstens nur noch als Werkzeuge gebraucht.
Aber wer jetzt hofft, dass Andrea erlöst wird, der wird sich ärgern. Stattdessen wird sie schlicht als Expositionsvehikel gebraucht. Andreas Ankunft im Gefängnis schweißt die Gruppe mehr zusammen, es wird ihr kurz mitgeteilt, wer gestorben ist und das war es dann auch schon. Die Anderen versuchen ihr die Augen zu öffnen, doch schaffen es nicht ganz. Wir wissen nie wirklich was in ihrem Kopf vorgeht, dazu scheren wir uns nicht um sie und ihr Schicksal, weshalb die Cliffhanger-Entscheidung null Wirkung hat.
Aber ja, Exposition: Das ist alles, worum es hier geht. Eine typische Füllfolge, die für den künftigen Endkampf arbeitet. Irgendwie musste man ja jetzt etwas mit Tyrese machen und da läuft er zufällig Andrea über den Weg – wie praktisch.
Es ist keine schlechte Folge, man verstehe mich bitte nicht falsch, aber findet trotz dem ganzen Geplänkel keine Entwicklung statt. Jo, der Governor baut sich eine kleine Armee auf, Tyrese und so kommen dorthin, aber die Serie ist so leer und konstruiert, dass wir ohnehin wissen, wie alles ausgehen wird, worauf es hinausläuft und es scheint nur noch die Frage übrig: Wer tötet wen und wer überlebt? Da wären wir wieder beim Hauptproblem der Serie, nämlich, dass nichts die Spannung hält außer der direkten Gefahr. Schade.
Es gibt trotz allem nette Momente wie Carls Zweifel an Rick, Carols Ratschlag an Andrea, Beths Song und dann das Übergleiten zu Tom Waits Original oder wenn Rick, ohnehin so gut wie ohne Munition, Andrea eine Waffe gibt; eine nette Geste im Hinblick auf Andreas Waffenverbot Anfang der zweiten Staffel. Merles Entwicklung zur guten Seite geht zwar etwas zu schnell, sicherlich, aber die Serie hat schon größere Sprünge gemacht und bei Merle gehe ich gut und gerne mit, es wäre wirklich schön, wenn er noch ein wenig dabei bleibt.
19 Feb, 2013 · Sascha · Fernsehen,Review · 8 comments

“You lost your hand because you’re a simple minded piece of shit.”
Es ist eine Schande, wenn man 2 1/2 Staffeln in eine Serie hinein sehr wenig über die Figuren und ihre Charaktere weiß. Das Problem ist, dass sich The Walking Dead eines Settings bezieht, das nur wenig verschiedene Köpfe hervorbringt. Es ist eine Friss-oder-Stirbt-Welt, die Menschen hervorbringt, denen man nicht mehr wirklich über den Weg laufen will. Bei aller Fairness muss man aber auch sagen, dass der Comic sich nicht anders verhält. Es gibt keine Flashbacks, sondern genau wie in der Serie Momente, in denen sich Charaktere für zwei Möglichkeiten entscheiden müssen, eine schlechter als die andere. Anhand der Entscheidungen lernen wir unsere Figuren näher kennen und können sie einschätzen, ob sie noch einen Hauch ihrer früheren Menschlichkeit bewahrt haben oder ob sie sich völlig aufgegeben und der neuen Welt angepasst haben.
Es ist daher eine willkommene Abwechslung, wenn die Serie ein wenig das angelegte Tempo der bisherigen Staffel ausbremst und sich den Figuren widmet. Es ist aber im Umkehrschluss eine traurige Tatsache, dass dies meist bedeutet, ganz der LOST-Flashback-Maxime, dass wir uns von dem ein oder anderen Charakter bald verabschieden müssen. Kaum bekam Axel, einer der irrwitzigsten Charaktere des Comics, ein paar neue Aspekte und begann sich zu einem interessanten Nebenfigur zu entwickeln, wird er umgenietet – immerhin ganz im Überraschungsstil des Comics. Trotz allem schafft es die Folge sich nach einem eher anstrengenden Start in Woodbury mit dem Governor und Andrea (Jedes Mal, wenn sie auf dem Schirm erscheint, drückt die Serie den Fuß ganz hart auf das Bremspedal.) zu überzeugen.
Doch schon dank des atmosphärischen Cold-Openings hatte man das Gefühl, dass diese Folge vielleicht nicht enttäuschen würde. Und das hat sie nicht, sie übertraf die Erwartungen bei Weitem. Das mag vielleicht an der Kontrastwirkung zum letztwöchentlich Totalausfall liegen, aber ich halte diese Folge für die beste der Serie bisher. Die Episode hat eine gute Balance zwischen Charakterarbeit und Action gefunden, die nicht nur rausgeworfen wird für die actionhungrige Masse, sondern sinnbildlich die Konflikte zwischen den Charakteren widerspiegelt. Ein Triumph.

Thematisch betrachtet trifft die Folge voll ins Schwarze. Der Episodentitel “Home” ist leitend. Alle Charaktere müssen sich nicht nur ihrer Allianzen, sondern ihren Sinn für Heimat in dieser postapokalyptischen Welt neu definieren. Die Gruppe um Hershel und Glenn muss sich entscheiden, ob sie weiterhin Rick folgen und ob sie das Gefängnis endgültig zu ihrem Zuhause machen und sich einbuddeln oder vor dem Governor fliehen. Währenddessen müssen Daryl und Merle im Wald sich ihrer gemeinsamen Kindheit und dem väterlichen Missbrauch stellen. Sie kannten nie ein Zuhause und sind auch in der Apokalypse umherwandelnde Seelen.
Doch Daryl fand ein Zuhause, fand Menschen, die er seine Familie nennen möchte und kehrt dorthin zurück. Bemerkenswert ist, dass Merle ihm folgt – trotz aller Probleme, die auf ihn warten; was wiederum beweist, dass Merle ebenso ein Zuhause und Nähe sucht und nicht alleine überleben kann – oder will. Das kurze Zwischenspiel auf der Brücke ist ebenso interessant und aussagekräftig: Eine lateinamerikanische Familie ist auf der Flucht vor den Zombies nach Amerika geflohen. Ein schöner Subtext und Kommentar der Serie auf reale Zustände, dazu wird uns verbeispielt, dass die Welt der Serie größer ist als Gefängnis vs. Woodbury.
Bei ihren Dialogen unterhalten sich die Figuren ebenfalls authentisch. Ein Beispiel aus der letzten Episode: Sasha, die junge Begleiterin von Tyrese, sieht Baby Judith. Sie stellt ein paar Fragen und sagt dann so etwas wie “Wir hätten nie gedacht, dass wir jemals wieder ein Baby sehen”. Das ist Subtext. Das spricht man nicht aus. Als Gegenbeispiel dient die wunderschöne Diskussion zwischen Glenn und Maggie, die viele Zuschauer, wenn man mal auf reddit o.ä. schaut, verwirrte. Schade. Da scheinen die Autoren ihre Zielgruppe ja zu kennen.
Es wäre schön, wenn diese Diskussionen und zwischenmenschlichen Momente mehr Platz in der Serie finden würden. Bei dem Tempo der Staffel hatte ich befürchtet, dass dies bereits die Endschlacht sei, das wäre aber dann doch ganz schön antiklimaktisch gewesen. Alles in allem ist es wieder verblüffend wie schnell die Serie einen packen kann, wenn man 2-3 Sachen richtig macht. Dass Charakterschwächen direkt korrigierbar sind, spricht zwar nicht für die Autoren der Serie, dafür können Ausschweife wie die von Rick in der letzten Woche relativ schnell wieder zurückbeordert werden. Hoffentlich hat er jetzt das Tal der Halluzinationen und des Schweißes verlassen, ruht sich mal aus und gibt den Führer, den die Gruppe braucht. Die nächsten Wochen sollten interessant werden.
“That was quite a speech you gave there.” Haha. No.
“He’s Korean.” – “Whatever.” Schöner Callback zur ersten Staffel als eben Daryl dies so zu Glenn sagte.
WALKER-BOMB! (Und nein, das war nicht Andrea im Auto. Meine Güte, Leute – passt auf!)
Michonne im Feld mit dem Katana. Gänsehaut… vielleicht schaffen sie es ja mehr aus ihr in Staffel 4 rauszukitzeln.
Wir machen so, als ob Tyrese und Co. wirklich weg sind? Okay. Bis nächste Woche.
13 Feb, 2013 · Sascha · Fernsehen,Review · 4 comments
Hey @robertkirkman – please let me be a writer on your show, m’kay?
— PewPewPew(@reeft) February 12, 2013
. @robertkirkman I promise I’m good. I also read your comic book and know your characters which puts me lightyears ahead of the whole team.
— PewPewPew(@reeft) February 12, 2013
Ich bin fast geneigt diese zwei Tweets als Review stehen zu lassen, aber ich will mich erklären. Dies war wieder seit langer Zeit, nach einigen Höhepunkten und üblicher Mittelmäßigkeit, ein richtiger Tiefpunkt der Serie. Ich weiß gar nicht so recht, wo ich anfangen soll, weil bis auf kleine Lichtblicke, die – komplett unerwarteterweise – von Carol kommen, einer Figur, der komplett gegen ihr Comicvorbild agiert und sich tatsächlich entwickelt und so etwas wie Tiefe und Ecken zeigt. Es mag zwar für Leute, die ausschließlich die Serie gucken, nervig sein, aber die Serie führt mich immer und immer wieder zurück zum Comic. Der ist auch nicht perfekt, aber er funktioniert. Und inzwischen sind wir an dem Punkt angekommen, an dem sich die Serie und Comic fast schon konträr gegenüberstehen.
Charaktere, die im Comic Fanfavoriten sind, wie Rick, Carl, Michonne oder insbesondere Andrea, sind komplett verhunzt in der Serie, sodass man eigentlich nur ihren unweigerlichen Tod abwarten kann oder sie durch radikale Änderungen kaum noch wiedererkennen wird. So verwandelte sich Carl dank einem Zeitsprung zwischen zwei Episoden zum Badass, Lori stirbt einfach einen unglaublich nervigen Tod. Man folgt dem Fanaufschrei blind. Staffel zwei zu lahm? Totale Hektik und Chaos im Gefängnis in Staffel drei! Dabei würde es gerade Sinn machen, dass die Charaktere auf der Farm unsicher sind und umherziehen müssen. Diese Hektik und das Herumirren von Ort zu Ort, das man in den 8 Monaten einfach mal voraussetzt, hätte eine wunderbare zweite Staffel ergeben. Die Soap-aspekte, die die zweite Staffel auf der Farm stattdessen so plagten, hätte dabei einen fabelhaften Platz im Gefängnis, einem Setting, dass dieser Thematik auch eine interessante Spielfläche bietet, gefunden.
Aber fangen wir von vorne an: Dass der Cliffhanger und der vermutliche Tod einer der Dickson-Brüder schnell aufgelöst werden würde, wusste man auch ohne Schauen eines Trailers. Dafür haben die Autoren viel zu große Angst vor den Zuschauern. Doch das es so jämmerlich und schlecht gemacht werden würde, ist schon ein Hammer. Ganz abgesehen davon, dass Rick und Maggie ganz Woodbury alleine mal einfach so Volldeppen aussehen lassen wie und damit dem bevorstehenden Endkampf einige Luft rauben, ist das Ganze einfach schlecht gemacht. Angefangen von der Kameraarbeit, dem Schauspiel und insbesondere das Setting und die Extras.
Da werden gottliebenden Freedomlover, die sonntags fein im Garten grillen, während draußen die Zombies rumlaufen, zu den größten Thunderdome-Typen überhaupt, weil es in der Arena zur Sache geht. Macht keinen Sinn. Das war das Schöne an Woodbury im Comic. Man wusste nicht wirklich, was diese Stadt ausmacht und man sah nicht viel. Wir kannten den Governor, seine Schergen, aber relativ wenig über das Alltägliche leben und die Leute, die in dieser Stadt wohnen.
Dass der Governor in diesem Chaos so ruhig bleibt, ist auch konträr seinem Charakter. Insbesondere im Comic kam es wesentlich besser rüber, dass er, obwohl er augenscheinlich soviel mehr erreicht hat als Rick, ebenso alles nach dem anderen macht ohne groß vorzuplanen. Der ruhige Gang zu dem angefressenen Mann und sein Gnadenschuss waren eher lachhaft als badass. Und überhaupt: Diese Leute in der Stadt sind so unglaublich dumm. Andreas Charakter ist natürlich völlig verhunzt, wieso und weshalb habe ich bereits breit in den anderen Reviews dargelegt, aber OH MEIN GOTT. Diese Rede war nicht inspirerend, sie war Fremdscham pur. Das Schlimmste dabei ist, dass die Leute ihr den Blödsinn auch noch abkauften. Das Problem ist, dass die Masse so funktioniert, wie die Schreiber es haben wollen und nicht nach einer eigenen, natürlichen Logik agieren, wie sie es in der Situation würden.
Und überhaupt: Rick. Was ist los? Es ist nicht so als hätte Meryl im Winebago mit ihnen schlafen müssen, es gibt genug Zellen. Daryl wird gebraucht. Rick braucht eigentlich jeden. Und lass doch mal Michonne in Ruhe. Dass er Tyrese, der ausnahmsweise seiner Vorlage recht nahe kommt und auch schlau agiert, ins Gesicht spuckt, ist schon allerhand. Dass er durchdreht ist genauso lächerlich. Nichts macht Sinn, alles erscheint sinnlos, weil wir ohnehin bereits wissen, wie das ausgehen wird: Rick wird sich bei Tyrese entschuldigen und sie arbeiten zusammen gegen den Governor und seine Leute. Daryl und Meryl werden vielleicht eine Standalone-Episode bekommen, die das Potential zur Awesomeness hat, aber auch sie werden am Ende an einem kritischen Punkt am Ende der Staffel zurückkehren, ganz ähnlich wie [Comic-Spoiler, markieren]Dale und Andrea auch im Comic zurückkehren und den Tag retten[/Spoiler]. Man hat noch vor Ricks Kampf als Anführer seiner Gruppe zu erzählen, ob das jetzt Sinn macht oder nicht. Deshalb müssen Sachen passieren, die eigentlich nicht passieren würden in dieser Welt, was sie unglaubwürdig macht.
Das Problem ist weiterhin, dass die Serie nichts hat, das sich lohnt erzählt zu werden. Wenn die Action auf ein Minimum heruntergedrosselt wird, wenn es keine unnötigen Tode von Figuren gibt, wenn es nicht um Zombiekills geht – dann hat die Serie nichts zu bieten. Die Atmosphäre lockt die Zuschauer weiterhin Woche für Woche vor den Fernseher, aber etwas Wesentliches erfährt man nicht. Okay, die Serie hat es nicht leicht. Die Zombieapokalypse fördert keine vielfältigen Charaktere heraus. Diejenigen, die überlebt haben, taten das aus einem Grund. Die Möglichkeiten sind nicht unbegrenzt. Aber trotzdem müssen die Figuren einer natürlichen Logik folgen. Nimmt man alles weg, das The Walking Dead cool macht, was bleibt übrig?
Lichtblicke waren Carol auf ganzer Linie und Glenns Ausbruch auf der Straße. Wie man im Hintergrund die Zombies anschlürfen sieht und sie einfach von den Figuren nicht beachtet werden ist ein schöner Kommentar auf den Subtext der Staffel. Immerhin.
21 Jan, 2013 · Sascha · Featured,Film,Review · 4 comments

Vereinigte Staaten, 2012
Regie: Paul Thomas Anderson
Drehbuch: Paul Thomas Anderson
Darsteller: Joaquin Phoenix, Philip Seymour Hoffman, Amy Adams
Länge: 137 Minuten
Rating: 




“You have wandered off the proper path, haven’t you?”
Paul Thomas Anderson, unter seinen Verehrern häufig auch schlicht PTA genannt, ist einer der letzten großen Autorenfilmer Hollywoods. Mit seiner recht kurzen Filmographie hat er bereits eine tiefe Kerbe in die Filmlandschaft geschlagen und beschäftigt Kritiker wie Fans mit seinen kontroversen und fesselnden Filmen. Wenn man der Berichterstattung im Vorfeld trauen durfte, sollte er mit ‘The Master’ alledem die Krone aufsetzen. Was hätte dieser Film nicht alles sein sollen: Magnum Opus von PTAs Karriere, die große Abhandlung über L. Ron Hubbard, eine Abrechnung mit Scientology, der umstrittenen Religion bzw. Sekte (je nachdem, wen man fragt), die besonders in Hollywood in der anfälligen Entertainmentindustrie um sich greift. Und dann überrascht Anderson alle, und wahrscheinlich auch sich selbst, mit einem unzugänglichen, aber tiefen Film über eine Männerfreundschaft zwischen Macht, Homoerotik und Alkohol.
Der zweite Weltkrieg endet und Freddie Quell (Joaquin Phoenix) muss ins Leben zurückkehren. Eigentlich steht ihm Tür und Tor offen, doch er hofft die Bilder des Krieges im Alkohol, dem er bereits während dem Krieges erlegen ist, zu ertränken. Er wird Photograph, trinkt, schläft mit Frauen, trinkt mehr, verliert seinen Job, mischt sich seinen eigenen Alkohol zusammen, stolpert von Job zu Job, von Land zu Land und endet betrunken auf einer Schiffsparty im Hafen San Franciscos. Das Schiff verlässt den Hafen und Freddie ist ein blinder, aber willkommener Passagier des “Meisters”, Lancaster Dodd, (Philip Seymour Hoffman) und den Anhängern seiner Sache (engl. “The Cause”). Dieser ist vollkommen fasziniert von Freddie, dem animalischen Rumtreiber, der einen perfekten Kandidaten darstellt, um eine Transformation zu durchlaufen und das Menschenbild des Meisters zu bestätigen.
Weil ‘The Master’ eben vornehmlich von seinen Figuren vorangetrieben wird, ist es nicht überraschend, dass am meisten die Darbietungen der Schauspieler hervorstechen. Insbesondere an Joaquin Phoenix geht in diesem Film nichts vorbei, für dessen Figur er sich völlig verwandelt hat. Wenn man Rollen von ihm vor 8-10 Jahren in Betracht zieht und ihn hier sieht, sind das zwei komplett verschiedene Menschen und auch Schauspieler. Seine Mimik und Gestik sind völlig sonderbar, teilweise befremdlich, aber stets faszinierend. Er verzieht argwöhnisch den Mund, murmelt betrunken seine Sätze komisch heraus, seine Haltung ist triebhaft gekrümmt und er starrt Frauen mit der Intensität eines Löwen auf der Jagd an.
Lancester und Freddie bilden die zwei Extremen der menschlichen Natur. Freddie, der sich seinen animalischen Zügen voll hingibt, und Dodd, der stets versucht diese zu unterdrücken und für ein von der Natur losgelösten Menschbild kämpft. Hoffman schafft es seiner Figur stets die nötige Autorität zu verleihen, obgleich man in Interaktionen mit anderen Figuren – insbesondere hier sei die großartige Diskussion mit einem Kritiker (Christopher Evan Welch) erwähnt – immer merkt, dass der Mann hinter seinen Büchern von Selbstzweifel und Orentierungslosigkeit geplagt ist. Wäre da nicht seine Frau, gespielt von der großartigen Amy Adams, die ihm zur Hand geht und ihm die Richtung zeigt, wäre er womöglich genauso verloren wie Freddie, mit dem er eine Liebe für den Alkohol teilt. Adams’ beeindruckende Präsenz erreicht die Schauspielerin durch ganz wenige Dialoge und ihren eindringlichen Blick und sie empfiehlt sich mit ihrer Darstellung, genau wie die zwei Männer, für einen Oscar.
Andersons Regie ist gewohnt souverän, er erzählt in nur einer einzigen Einstellung so viel, sodass der Vergleich mit dem Meister des Kinos Orson Welles in Ben Afflecks Golden Globes Dankesrede keineswegs übertrieben ist. In Kombination mit den Bildern von Mihai Malaimare Jr. und der Projektion des Films in 70mm ergibt sich ein für mich unvergessliches Kinoerlebnis, ganz abseits der Geschichte. Anderson eröffnet den Film noch während des Krieges, verzichtet aber auf Kriegsschauplätze und zeigt stattdessen das einöde Leben der Soldaten während der Reisen. Es ist schwer zu beschreiben, aber Andersons Blick auf das tosende Meer hat etwas Neues, etwas Frisches. So scharf und blau habe ich das Meer im Kino noch nicht gesehen. So verhält es sich mit fast allen Einstellungen des Films; insbesondere bei zwei Szenen in der Wüste, die durch ihre beeindruckenden Bilder und Regie nachwirken.
Inhaltlich ist ‘The Master’ schwer zu greifen. In der US-Szene streitet man sich immer noch darüber, ob und, wenn ja, welche Bedeutung ‘The Master’ hat. Der Film hangelt sich parallel zum Leben der Charaktere von Szene zu Szene, ohne, dass es ein genaues Ziel gibt. Ob dies von Anderson gewollt ist, oder nicht, daran scheiden sich Interpretationen. Dass Hoffmans Charakter definitiv auf Hubbard basiert, ist ohne Zweifel klar, aber der hauptsächliche Fokus liegt auf Quell und Dodd selbst. Es ist ihre Männerfreundschaft, die teilweise stark homoerotische Untertöne anschlägt, zum Beispiel als Freddie und Dodd ihre Versöhnung auf dem Boden ringend feiern oder Dodd ein trauriges Lied über die verlorene Freundschaft (“A slow boat to China” – weg, wo Freddie nicht folgen kann?) anstimmt. Und Amy Adams ist ja auch noch irgendwo zwischen Macht und Sexualität dabei, die die eigentliche Oberhand hat, über Dodd verfügt und ihm sagt, was und wie er es zu befehligen hat und beweist, dass hinter einem mächtigen Mann eine noch stärkere Frau steht.
Ebenso wird kritisiert, dass Freddie als Figur nicht wächst, was höchst umstritten und ich für falsch halte. Quell lässt sich nicht zähmen, er wird gebrochen von Dodd, keine Frage, aber er kann ihn schlussendlich nicht für seine Sache gewinnen. Freddie wird immer der Rumtreiber bleiben, der er ist, aber Dodd versah ihn mit einem bestimmten Werkzeug, mit dem er jetzt seine Umfeld beeinflussen kann und ihm nicht mehr ausgesetzt ist (Sexszene mit der Frau aus der Bar). Freddie ist nicht mehr ausgeliefert und kann mit seinen Traumata besser umgehen und beginnen, sie zu verarbeiten.
Paul Thomas Andersons sechster Film ist ebenso anziehend wie befremdlich. Man verliert sich in den Bildern und der Geschichte, die interpretationsfreudlich und zutiefst bereichernd ist, auch wenn sie nur schwer zugänglich ist. Handfeste Aussagen findet man schwer und vielleicht ist das beim Thema Religion auch keine so schlechte Sache.
20 Jan, 2013 · Sascha · Film,Review · 2 comments
Vereinigte Staaten 2012
Regie: Tim Burton
Drehbuch: John August
Darsteller: Charlie Tahan, Martin Short, Martin Landau, Winona Ryder
Länge: 87 Minuten
Rating: 




“They like what science gives them, but not the questions science asks.”
“Ladies and gentlemen, I think the problem here is… you are all very ignorant.”
Im Jahr 1984 macht der junge Tim Burton einen Kurzfilm namens Frankenweenie für Disney über einen Jungen, der seinen toten Hunden wieder zum Leben erweckt. Der Film war so erfolgreich, dass Burton gefeuert wurde. 28 Jahre später macht Tim Burton den gleichen Film erneut, nur länger, in Stop-Motion und Schwarz-Weiß – und erneut für Disney. Es zeigt schön, wie weit Tim Burton gekommen ist und wie Leidenschaftsprojekte es trotz widriger Umstände schaffen können, realisiert zu werden. Burton kehrt somit in seine Vergangenheit zurück und das überaus erfolgreich. ‘Frankenweenie’ ist ein visuell bestechender, leidenschaftlich geschriebener und mit Herzblut gemachter Film.
Viktor Frankenstein ist ein kleiner Junge und lebt mit seiner unscheinbaren Familie in der Vorstadt. Viele Freunde hat der kleine Nerd und Wissenschaftler in spe bis auf seinen treuen Hund Sparky jedoch nicht und somit lebt er ein glückliches, aber einsames Leben. Das stört ihn nicht, denn immerhin tut er das, was er am liebsten mag. Doch seine Eltern sehen darin eine Bedrohung und zwingen ihn dazu Sport auszuprobieren. Als Sparky bei einem Baseballspiel tödlich verunglückt, bricht für den jungen Viktor eine Welt zusammen. Sein neuer Physiklehrer Rzykruski, der die Kinder für einen Wissenschaftswettbewerb ermutigt, bringt Viktor jedoch auf eine verrückte Idee. Also gräbt Viktor Sparky aus, flickt ihn zusammen und erweckt ihn mit Hilfe eines Blitzes wieder zum Leben. Doch Viktors neu gewonnenes Glück ist erst der Anfang einer ganzen Reihe von Problemen.
Eine morbide Geschichte über einen Jungen, der sein Haustier ausgräbt und wieder zum Leben erweckt hat es nicht leicht bei Eltern, die mit ihren Sprösslingen am Wochenende mal dem Kino einen Besuch abstatten wollen. Man füge das Nischengenre Stop-Motion-Animation hinzu und drehe den Film noch in Schwarz und Weiß und fertig ist der Marketingclusterfuck. Doch wer sich traut eine Karte zu kaufen, wird mit Burtons Magie aus vergangener Zeit belohnt, die vor allem im Subtext überraschenderweise viel zu sagen hat.
Allen voran steht dort der ausländische Lehrer im Vordergrund, der die Wissenschaftsignoranz und den Hass in der amerikanischen Gesellschaft abstößt. Als er da der versammelten Elterngemeinschaft sagt, dass sie dumm sind, ist das einer der Momente des Films. Dass er dann von seinem Posten gefeuert wird, ist es John Augusts Abrechnung mit dem Stillschweigen des Klimawandels, dem Hass der Tea Party und schlicht der dargestellten Unmöglichkeit des anders seins und dem Fragen stellen.
Während August seine Rahmengeschichte um das Loslassen geliebter Lebenspartner geschickt mit kleinen Botschaften an die großen Zuschauer spickt, verbeugt sich Tim Burton im dritten Akt vor den B-Movie-Monstern seiner Kindheit. Die Synchronisation ist authentisch und liebevoll, das 3D gerne gesehen und wirkungsvoll. ‘Frankenweenie’ ist ein wunderschöner Film, visuell und narrativ, und schlichtweg der beste Animationsfilm des Jahres. Der Oscar wäre hochverdient.