02 Jul, 2014 · Sascha · Fernsehen,Review · 4 comments

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Zwei Prozent der Menschheit verschwinden binnen einer Sekunde, ohne auch nur eine Spur zu hinterlassen. Die Hinterbliebenen kämpfen in der neuen Serie von Lost Co-Creator Damon Lindelof mit den mikrokosmischen Folgen und den Altlasten ihres Showrunners.
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The Leftovers bietet ein Konzept, das für Damon Lindelof persönlich geschrieben worden zu sein scheint. Es ist nicht wirklich schwer zu verstehen, was genau ihn an Tom Perrottas gleichnamigen Roman angezogen hat, wenn ihr euch ein wenig mit dem noch jungen Werk des Autors beschäftigt. Bei den Projekten, bei dem ihm alleinige narrative Verfügung oder relative Autorität zugestanden wurde, verfuhr Lindelof stets nach der Mystery-Box-Maxime seines Mentors, J.J. Abrams, bei der keine Auflösung oder Antwort so interessant und einnehmend sein kann, wie das dazugehörige Mysterium. Bei Lost bewies der Showrunner zusammen mit Carlton Cuse, wie interessant er dieses Gefüge, manche würden es wohl als Kartenhaus bezeichnen, aus Antworten und immer neuen Fragen gestalten und dabei gleichzeitig komplexe Charaktere und Themen bedienen kann. Der Zwiespalt zwischen Religion und Wissenschaft, zwischen Glaube und Beweis, dominierte die verschollene Insel. Es ist daher nicht verwunderlich, weshalb die nicht mit weltlichen Methoden zu erklärende Prämisse von Tom Perrottas Roman ihn so offensichtlich faszinierte.
Von jetzt auf gleich verschwinden zwei Prozent der globalen Weltbevölkerung. Es ist genug, um wahrscheinlich kleine Schäden anzurichten. Aber nicht genug, um die globale Bevölkerung ins politische Chaos zu stürzen. Das Leben geht weiter. Die durch den “Departure” resultierende Existenzkrise findet ihren Konflikt im Mikrokosmos New Yorks. Zwei Prozent sind nicht genug für die Apokalypse, aber immerhin 140 Millionen Menschen weltweit. Genügend, dass fast jeder einen kennt, der verschwunden ist. Und wenn das Event die Familien nicht zerschlägt, dann tut es der stetig wachsende Einfluss lokaler Gruppierungen, die auf ihre Weise versuchen, mit der Nachwelt und ihren Implikationen umzugehen.
Lindelof offenbart recht schnell, woran ihm in seiner neuen Serie gelegen ist und worin er sich in seiner Adaption nicht weit von Perrottas Vorlage unterscheidet. Wir beginnen die Pilotfolge mit einer jungen Mutter (Carrie Coon), die gestresst vom Alltag plötzlich in ein tiefes Loch gestoßen wird, als ihr Baby spurlos vom Rücksitz ihres Autos verschwindet. Während sie verzweifelt nach Hilfe ruft, schreit neben ihr ein Junge nach seinem Vater und am Ende des Parkplatzes kommt es zu einem minder schweren Autounfall.
Was hätten die Serien-Macher aus diesem Event à la FlashForward schnitzen können, bei dem uns ein visuelles und irrationales Chaos die katastrophalen Konsequenzen schildert. Ein Flugzeug, das von jetzt auf gleich ohne Piloten auskommen muss, ist nur eine von vielen Horrorvorstellungen, die sie aus dem Szenario hätte zaubern können. Stattdessen beginnen wir im kleinen Städtchen Mapleton.
Kevin Garvey (Justin Theroux) ist der Polizeichef und ein Mann geplagt von Ohnmacht, Zweifel und Alkohol. Er ist getrieben vom Verlust. Seine Familie wurde am 14. Oktober, der eine symbolträchtige Kraft des 11. Septembers versprüht, verschont und zerbrach dennoch in den folgenden Jahren. Seine Frau, so erfahren wir im emotionalen und nur halb funktionierenden Höhepunkt der Folge, schloss sich einem Kult namens Guilty Remnant an, deren Mitglieder dem irdischen Leben nach der Demonstration der Kraft Gottes abgeschworen haben und ihr Dasein nur noch in weißen Kleidern als Kettenraucher verbringen. Verbale Kommunikation erscheint ihnen als unnütze Tätigkeit. Sie verfolgen labile Personen wie Meg Abbott (Liv Tyler), die weiterhin ein schönes Leben aus Suburbia und Hochzeitsplanung träumen darf, tief in ihr jedoch eine Leere verspürt, die ihr Leben prägt und welche sie am Ende dazu bewegt, sich dem Kult anzuschließen.
Garveys Sohn Tom verbringt derweil seine Zeit in der Wüste Nevadas bei einem nebulösen Wunderheiler namens Wayne (Paterson Joseph), der eine erstaunliche Mischung aus weiblichen Models und entschlossenen Soldaten um sich versammelt hat. Sein Ruf hat sich sogar bis zu Kongressabgeordneten herumgesprochen, doch Waynes antagonistische Haltung und Warnung an Tom, dass die Schonfrist vorbei ist, deutet eine aggressivere Note an, als wir das von Wunderheilern erwarten würden. Die angelegte Infrastruktur deutet eventuell auf terroristische Pläne hin.
Im Gegenteil dazu wirken die Provokationen (“Stop wasting your breath”) der Guilty Remnants beim Heroes Day, dem gesetzlich angeordneten Gedenktag für die verschwundenen Menschen, gerade zu pazifistisch. Wie bei Beerdigungen, ist diese Veranstaltung nicht für die Toten gedacht, sondern für die Verbliebenen. Um den Verlust und augenscheinlichen Tod zu verarbeiten, durchgeht der Mensch die “5 stages of grief”, an deren Ende die Akzeptanz der Vergänglichkeit steht. Diese ist aber im Serienuniversum nicht zu bewerkstelligen, weshalb die normale Bevölkerung in einem permanenten Depressionszustand verharrt. Psychisch ist dies auf Dauer nicht zu verkraften. Es gibt nichts zu tun. Sie können nicht einmal jemanden beerdigen. Wo sind die Helden nur hin?
Doch von Helden geht Pastor Jamison (Christopher Eccleston) gar nicht aus. Er schwadroniert über die Verschollenen und ihr teilweise unrühmliches Leben. Nicht alle, die an dem Tag verschwanden, waren engelsgleich und er will es beweisen. Es handle sich bei dem Verschwinden nicht um die biblische Entrückung, den “Rapture”, die für viele fundamentale Christen in den USA als sicheres Ereignis feststeht. Die willkürliche Auswahl (verdeutlich im einzigen humorvollen Anteil der ersten ansonsten nihilistisch geprägten Folge: Shaq, Papst Benedikt XVI. und Gary Busey) kann als Erklärung nicht dienen und wissenschaftlich ist dem augenscheinlichen Verschwinden von Energie und Materie ebenfalls nicht näher zu kommen. Die daraus resultierende Frustration schlägt beim Heroes Day in Gewalt um, die Regisseur Peter Berg in ihrer Tragik stimmig einfängt.
Ein weiterer Subplot widmet sich Garveys Tochter Jill (Margaret Qualley), die ihrem Vater mit ihrer wenig glaubhaften, hypersexuellen Freundin auf eine Party entflieht. Sie ist ihm als einzige geblieben und dennoch fern. Im einzig schwachen Moment der Folge reduzieren Lindelof und Perrotta hier die Jugendlichen auf eine Metapher aus Sex, Nihilismus und jugendlicher Aufsässigkeit. Die Szene wird immerhin noch durch die Beerdigung des Hundes gerettet, den Garvey zuvor mit sich nahm, nachdem ihn ein mysteriöser Mann (Michael Gaston) vor seinen Augen erschoss und floh. Im thematisch stimmigsten Subplot findet so nämlich Chief Garvey zu einer Frau, die von der urbanen Legende um entflohene Hunden erzählt, die, nachdem sie das Verschwinden ihrer Herrchen mitansehen mussten, wieder zu ihrem ursprünglichen, animalischen Zustand verwilderten. Diese sind es auch später, die im Klimax der Folge den Hirsch angreifen, der Garvey bis in seine Träume zu verfolgen scheint. Könnte der natürliche Instinkt der Hunde hier die Zukunft der geplagten Menschen deuten, die sich durch ihre Rationalisierung der Situation nur Zeit erkaufen? Oder sind wir angewiesen den Hirsch im christlichen Kontext zu interpretieren (Psalmvers 42,2), nachdem sie als Darstellung der nach Heil Suchenden zu sehen sind? Oder ist der Hirsch in Wahrheit nur eine weitere Projektion von Garveys brodelnden Unterbewusstsein? Das hinterlassene Chaos in der Küche, das von dem Tier angerichtet wurde, steht dabei sinnbildlich für den Abgang der Mutter aus der Familie. Und sollte dies zutreffen, wird die Gesellschaft der bissigen Hunde die Guilty Remnants verschonen und kann Garvey seine Frau retten?
Augenscheinlich bietet The Leftovers ein einzigartiges und verheißungsvolles Konzept. Doch der Pilot lässt in bester Lost-Manier selbst die simpelsten Zusammenhänge offen. Auf lange Sicht gesehen, kann dieses Konzept jedoch frustrierend für den Zuschauer werden. Bereits im Vorfeld betonten die Showrunner daher in Interviews, dass die Serie am Ende eine Auflösung bietet, das geheimnisvolle Verschwinden aber dabei nicht im Vordergrund steht. Dass die Figuren weder über Ambition noch Kompetenz verfügen, um das zentrale Mysterium zu lösen, fällt in den Hintergrund solange das Drama stark genug ist. Komplexe und interessante Figuren sowie fähige Darsteller besitzt die Serie, um dies zu bewerkstelligen. Im Umkehrschluss muss die Frustration im Umgang mit dem Fehlen der Antworten und die brachiale Existenzkrise der Charakere aber auch Wege finden, die inneren Emotionen auf den Bildschirm zu übertragen. Lost löste dieses Problem mit einer symbiotischen Plotstruktur aus Insel und Flashbacks zum vorherigen Leben der Überlebenden, während The Leftovers kleine Momente des Wahnsinns als emotionalen Einblick in die Figuren formuliert, die allesamt eine traumartige Qualität besitzen. Sei es nun die wilde, nackte Flucht von Garveys Vater, der Doppelsuizid am College oder der Sex mit einer fremden Frau, die sich wohl beim Akt mit Garvey in Luft aufgelöst haben muss.
Zukünftige Folgen werden ohne die Neuerscheinungseffekte des Konzepts auskommen müssen. Ein interessanter Mix aus Radio, TV und Podcasts übernimmt zwar im Hintergrund die Aufgabe des Worldbuildings erstklassig, wenn die betonte Stille zu Beginn der Serie die Trauerzeit der Figuren untermalt. In Zukunft müssen die Figuren diese Stille aber zu füllen wissen. Die Schonzeit ist vorbei.
Zitat der Folge: “Ours is not to reason why.”
09 Apr, 2014 · Sascha · Featured,Film,Review · 5 comments

©Warner Bros.
USA 2014
Regie: Phil Lord & Christopher Miller
Drehbuch: Phil Lord & Christopher Miller
Darsteller: Chris Pratt, Elizabeth Banks, Morgan Freeman, Will Arnett, Liam Neeson, Will Ferrell
Länge: 100 Minuten
Ein kurzer Blick in die Kinogeschichte verdeutlicht die enormen Gefahren, die man mit der Verfilmung der LEGO Steine umschifft hat. Zunächst einmal wären da die schrecklich lieblosen Verfilmungen der Hasbro Produkte. Weiterhin gilt es den großen See aus lieblosen und uninspirierten Animationsfilmen zu umschiffen, den LEGO bereits selbst mit unzähligen B-Produktionen gefüllt hat. Und schlussendlich ist der Film, wenn man ihn von allem Charme und kreativem Spiel befreit, ein 100-minütiger Werbefilm für ein Produkt. Obgleich der Nostalgie und dem Charme der Bausteine, würde dies schnell kapitalismuskritische Rufe hervorbringen. Ironischerweise sollte sich später das Gegenteil in die Tat umsetzen.
Dass Phil Lord und Chris Miller also am Ende so erfolgreich waren, ist erfreulich, war aber irgendwo abzusehen. Das kreative Duo ist spätestens nach dem großen Erfolg dieser Verfilmung das Go-To-Team für charmante und selbstironische Wiederbelebungen von totgeglaubten oder schwer zugänglichen Projekten. Nicht ohnehin waren sie jetzt das Wunschteam des Studios für Ghostbusters 3. Nach ihrem Animationshit Cloudy With A Chance of Meatballs gelang ihnen mit 21 Jump Street die Comedy-Überraschung des Jahres 2012, nachdem sie bereits mit ihrer Serie Clone High Kultstatus erreicht hatten. Dass mit The LEGO Movie die kurze Karriere dieser kreativen Zusammenarbeit nun ihre Krone aufgesetzt bekommt, war also abzusehen – und ist dennoch überraschend. Die Analyse eines Geniestreichs.
Brave New Lego
In unserer postmodernen Welt normal zu sein, ist fast unmöglich. Doch Emmet hat es geschafft. Emmet ist normal und sehr froh damit, zumindest oberflächlich. Dabei tut er alles, was die Regierung anordnet. Er kennt seinen Platz und geht genau nach Plan vor. Er macht Frühsport, rasiert sich, kauft überteuerten Kaffee und schaut die unlustige und monotone Sitcom (gleichzeitig auch die einzige Fernsehunterhaltung) Where Are My Pants, in der Folge um Folge die titelgebende Frage gestellt, aber nie gelöst wird. Und natürlich singt und summt er die allgegenwärtige und völlig enervierende Pop-Hymne Everything is Awesome, während in Wahrheit aber natürlich nicht alles awesome ist. Emmet ist in Wahrheit tief traurig, er findet keinen Anschluss bei seinen Bauarbeiterkollegen.
Auch die Welt an sich erfährt einen dystopischen Anstrich. Der geniale Song des Trailers dient schlussendlich nur dem Zusammenhalt dieser Welt und dem stetigen Fortschritt der Baupläne der Regierung. Eine Abweichung des Plans oder kreative Eigenansätze scheinen verboten. Doch Emmets Schicksal soll sich dramatisch ändern als er der Rebellin Wyldstyle begegnet, die von einer Verschwörung vom Präsidenten Business berichtet. Diese kann nur noch von Emmet selbst verhindert werden, denn er ist der Besondere. Mehr braucht Emmet gar nicht mehr zu hören, es ist bereits um ihn geschehen. Blind vor Liebe folgt er Wyldstyle auf ein Abenteuer durch das LEGO Universum, trifft auf auf Batman und stolpert von einem Missgeschick ins nächste.
Sieg in zwei Zügen
Lord und Miller schaffen es auf ihrer hyperaktiven Reise vor allem durch den Look ihrer LEGO-Welt zu überzeugen. Die Animation, trotz ihrer fotorealistischen Bilder aus dem Computer, schafft es die erhoffte Stop-Motion-Ästhetik vieler Amateur- und Fanfilmchen zu emulieren, dabei jedoch einen distinktiven Charakter zu entwickeln, der diese Welt greifbar macht. Mit verantwortlich für diese schicken Animationen ist Regisseur und Cutter Chris McKay, bekannt für Robot Chicken, der außerdem das nun unausweichliche Sequel des LEGO Films übernehmen wird. Doch nicht nur die Animationen erwecken diese kunterbunte Welt zum Leben, auch die obsessive Detailverliebtheit wird von Fans für Fans zelebriert. Angefangen bei Interpretationen von Elementen im LEGO-Universum bis hin zu zwei leicht verrückten Steinen an einer Bettkonstruktion, die den DIY-Baucharakter des Spielzeugs simulieren sollen, wird das Fanherz wohlig umsorgt. Ebenso gibt es mit dem kaputten Astronautenhelm Referenzen an die kultige Geschichte der Bausteine. (weiterlesen…)
06 Apr, 2014 · Sascha · Comics,Featured,Review · 11 comments
Es war schon immer klar, dass trotz den monströsen Kreaturen, dem Ursprung der Apokalypse und der Umformung unserer Gesellschaft, schlussendlich der Mensch selbst sein ultimativer Gegner in der Welt von The Walking Dead sein sollte. Es steht in der DNA der Geschichte geschrieben. Spätestens seit der entscheidenden Machtprobe zweier Männer um eine Frau, dem ältesten Konflikt der Welt, am Ende des ersten Bandes, schien dies die größte Bedrohung in dieser Welt. In gewisser Hinsicht hat sich nie viel verändert.
Autor Robert Kirkman hat dies bereits früh in seiner Geschichte um Rick und seine Überlebenden aufgezeigt. Seit dem Showdown mit dem Governor schien ein Wiederaufleben dieses drohenden Untergangs der besonders ironischen Art unausweichlich. Es gab immer wieder aufkeimende Gefahren wie die Hunter oder die Marauder, und bereits seit dem ersten Volume wissen wir, wie Kirkmans Figuren in dieser neuen Welt ihre Moral definieren und das Endresultat ist stets gleich: Am Ende hilft nur Gewalt und die Eliminierung dieser Gefahr ist unausweichlich. Rick hat diese Lektion durch den Angriff des Governors gelernt, aber noch eine weitere: Angriff ist die beste Verteidigung. Dies zeigt er im 20. Band auch auf fulminante Art und Weise, aber es erscheint nie völlig überraschend oder, wie viele Fans Kirkman bereits seit der Einführung der Figur von Negan vorwerfen, redundant.

Skybound
Inzwischen dürfte klar sein, dass Negan alles andere als ein zweiter Governor, oder auch nur die Kehrseite dieser Medaille ist, wie ich es noch vor zwei Jahren vermutete. Negan hat viele Idiosynkrasien, die ihn so beliebt machen, dass viele Fans sich den wahrscheinlichen Tod und Wegfall der Figur kaum wünschen können. Die Ironie dabei: Negan müsste gar nicht aus dem Comic ausscheiden. So dramatisch sein Eingang ins Geschehen um Rick und seine Überlebenden auch war, so undramatisch ist sein Angebot. Die Hilltop und Ezekiels Königreich konnten unter Negans Diktakt leben. Inwiefern sich sein Zuspruch für Schutz auch in Wahrheit auswirkte, werden wir nie erfahren. Aber eine Situation wie der Angriff einer Horde auf die Alexandra Safe Zone wäre mit Negan sicherlich leichter gewesen als ohne seine Unterstützung, denn auch er würde ungern Produzenten verlieren. Ein Leben unter Negan wäre kein Zuckerschlecken gewesen, aber es wäre ein Leben gewesen, eine Alternative. Und in dieser Welt, wie Kirkman sie zeichnet, gibt es nicht viele Optionen, an deren Ende das Überleben gesichert ist.

Skybound
Nun liegt all das in Scherben. Die Alternative, so oft sie auch angeboten wurde – selbst nach horrenden Verlusten auf der Seite der Savior – wurde stets von Rick abgeschlagen. Deshalb sind auch die Vorwürfe an Kirkman so unverständlich. Negan muss gar nicht so anders als der Governor sein. Er stellt nur eine weitere Gefahr dar. Die wichtige Veränderung fand innerhalb der Überlebenden, und insbesondere bei Rick statt. Seit dem Angriff auf die Safe Zone und der Zerlegung der Horde, war es ruhig. Fast schon zu ruhig, wie sich viele Leser oft beschwerten. Aber es fand eine unglaublich wichtige Entwicklung statt. Rick und seine Gruppe sahen, dass diese Apokalypse, so schrecklich sie auch sein mag und so schwer die unausweichliche Rückkehr nach dem natürlichen Tod in dieser neuen Welt auch zu schlucken ist, machbar ist. In “A Larger World” ging es um nichts anderes. Und deshalb ist auch die Option Negan nicht möglich. Rick und seine Figuren haben die große Freiheit genossen und wieder Hoffnung getankt, ein Rückfall in eine niedere Position ist nicht mehr möglich, vorher würde man dafür kämpfen und sich für dieses neue Ideal opfern.
Und genau dies erleben wir jetzt. Der Angriff auf Negans Unterschlupf ist großartig inszeniert. Gleichzeitig erleben die Bewohner der Hilltop entgültig, dass sie unter ihrem momentanen Anführer niemals wieder in den Genuss von Freiheit kommen würden. Die Terrorherrschaft Negans würde nie beendet werden. Später übernimmt Maggie das Kommando und soll für eine großartige Wendung sorgen, inklusive einem Badass-Moment, der seinesgleichen sucht in der langen Geschichte dieser Figur. Doch auch der glorreiche Plan, Negan in seiner Festung festzunageln, schlägt leicht fehl. Rick wird in einer finalen Opferrolle daran gehindert, weil die Leute inzwischen zu sehr an ihn glauben und so übernimmt Holly für ihn aus freien Stücken. Sie ist es auch später, die vor den Toren Alexandrias angekarrt wird und als trojanisches Pferd Rick und Co. in die Bredouille bringt. Binnen weniger Panels verabschieden wir uns von mehreren Figuren, während Negan seinen Sieg feiert. Erneut ist er zu überheblich, aber dies wurde längst zu einem Charakterzug, den wir alle genießen.

Skybound
Wieso ihn aber bisher nichts zu Fall brachte, ist kaum zu erklären. Larger-than-life bedeutet wohl auch Too-large-for-death. Wenn es eine Kritik geben kann, dann die, dass sein Tod bisher ausgeblieben ist. Negan, anders als der Governor, steht an vorderster Front. Er ist stets im Rampenlicht und könnte von einem Sniper oder auch einer normalen Handwaffe getötet oder immerhin mal getroffen werden. Seine Plot Armor wird sichtbar und die Verschiebung seines unausweichlichen Schicksals auf das Ende dieser langen Doppelvolumes wird immer erkennbarer und lässt die Konstruiertheit der Geschichte durchblicken.
Wie Dwight, der binnen kürzester Zeit drei Savior umlegen und Jesus retten kann, einfach nicht den richtigen Moment findet, sagt jedoch mehr über ihn aus als Negans Plot Armor. Dwight ist der vielleicht interessante Charakter im laufenden Comic, als dass seine Ausrichtung nicht klar erkennbar ist. Die Angst einer Hydra in Negans Unterschlupf ist unbegründet, da die Spannungen zwischen ihm und vielen Einwohnern deutlich und teilweise in den Gesichtern der Figuren selbst unverkennbar ist. Im Falle von Dwight ist dies sogar buchstäblich gemeint. Innerlich wird er wohl auf Ricks Sieg hoffen, hält sich aber stets das Hintertürchen offen, in Negans Truppe zurückzufallen. So schrecklich das auch für ihn wäre, er würde dies akzeptieren und ein Leben nennen. Denn für ihn, anders wie für unsere Gruppe, scheint Negan noch eine Option. Sollte sich dies nicht ändern, könnte er die Achillessehne in Ricks Plan sein.
Dass der Plan, die Comics zwei Mal pro Monat zu veröffentlichen, so gut funktioniert, ist jedoch überraschend. Charlie Adlards Kunst befindet sich zwar nicht auf dem künstlerischen Höhepunkt, doch die Geschichte gibt eine Vielzahl für Splash Pages und Double Spreads her, die atemberaubend sind und die Dramatik dieser Geschichte lebendig werden lassen. Vorwürfe, man könnte Figuren kaum noch voneinander unterscheiden oder dass viele männliche Figuren aussehen wie Rick, sind nicht nur unbegründet, sondern schlicht falsch.
Random Thoughts:
– Negans One-Liner über Lucille II ist wahrscheinlich mein Lieblingszitat des Comics
– Ich will nicht glauben, dass Shiva gestorben ist und getreu dem Motto, dass Comicfiguren, deren Tod nicht explizit gezeigt, am leben sind, verlasse ich mich hier drauf: “Shiva is one of the three main Hindu Gods. She is known as the Destroyer. However, in conjunction with Brahma the Creator and Vishnu the Preserver, Shiva is an essential part of an endless cycle of existence.”
– Dass Ezekiels Untertanen bei dem Angriff so scheitern, fand ich ein wenig überzeichnet
– Als Eric in den Armen von Aaron stirbt, habe ich ein paar Tränchen verdrücken müssen.
All images © Image Comics / Cross Cult
04 Apr, 2014 · Sascha · Fernsehen,Review · 4 comments

Durch Viruserkrankungen ausgelöste Weltuntergänge sind gerade in der US-Medienlandschaft dank dem großen Erfolg von The Walking Dead äußerst beliebt. Michael Bay zum Beispiel produziert The Last Ship, in dem die Besatzung eines US-Kriegsschiff auf ihrer Reise in die Antarktis feststellen muss, dass die Welt gerade durch eine Pandemie untergeht und dieses Schiff, inklusive einer brillianten Ärztin an Bord, die letzte Hoffnung der Menschheit ist.
Ein wenig bedrohlicher für die Figuren der Show ist dahingegen das ähnliche Setting von Helix, der neuen Serie auf Syfy von Battlestar Galactica Schöpfer Ronald D. Moore, die ebenfalls von einem Team in der Antarktis erzählt, das mit unglaublich aggressiven Viren hantiert. Nach einem Zwischenfall breitet sich eine tödliche Erkrankung durch die Station aus, die auf keinen Fall außerhalb des eisigen Kontinents geraten darf. Doch die Leitung des Teams spielt nicht mit offenen Karten und scheint ein großes Geheimnis zu verbergen.
Der Pilot verschwendet keine Sekunde und peitscht den Plot von einem Beat zum nächsten. Als Zuschauer fühlt man sich schnell unterhalten, findet sich nach dem Ende der zwei Folgen jedoch in einem thematischen Vakuum. So ist weder das Militär noch das CDC richtig eingeführt, da befinden sich ihre Vertreter bereits auf dem Weg zur Basis eines Forschungsunternehmens, das sich außerhalb der territorialen Ansprüche in der Antarktis angesiedelt hat, um nationalen Restriktionen auszuweichen. Die ästhetisch ansprechende Basis ist in sich stimmig, auch wenn die inneren Strukturen räumlich und vor allem im Bereich der Sicherheit dem Plot und dem zentralen Mysterium sehr entgegen kommen, welches bereits jetzt übernatürliche Töne anschlägt.
So ist Peter Farragut, der Bruder des eingeflogenen CDC-Chefs Alan, bisher der einzige Überlebende, nachdem ein Virus ausgebrochen ist, das alle Infizierten in organischen Schlamm auflöst. Doch die Infektion bleibt auch bei ihm nicht ohne Auswirkungen. Er schwitzt, ist ganz blass und seine Venen am ganzen Körper werden sichtbar. Er ist auch nicht ansprechbar, entwickelt aber entgegen seinem äußerlich schlechten Eindruck übernatürliche Fähigkeiten, die ihm zur Flucht helfen. Dazu nutzt der Virus seinen Wirt um sich weiter zu verbreiten, was einer zombienahen Logik folgt und nicht sonderlich originell wirkt. Ästhetische und narrative Vergleiche zu Alien oder The Thing sind nicht nur berechtigt, sondern offensichtlich.
Das angereiste Team ist ebenfalls ein Mischmasch aus bekannten Tropes und kann bisher wenig überzeugen. Billy Campbell mimt den kompetenten und charmaneten Anführer, der natürlich durch seinen Bruder emotional in den Plot eingebunden sein muss und die Detektivarbeit seines Teams durch die Vergangenheitsbewältigung um seinen alkoholkranken und gewalttätigen Vater erhellen kann. Mit ihm angereist sind neben einem Militäroffizier, der durch seine nebulösen Aktivitäten verschwörungstheoretische Ressentiments des Publikums in Zeiten des NSA Skandals bedient, drei Frauen. Eine von ihnen übernimmt den souveränen Part, der nach einer katastrophalen Ehe und Scheidung die Welt des sexuellen Wettbewerbs bereits zumindest emotional verlassen hat. Glücklicherweise, muss man aus Sicht des Zuschauers sagen; immerhin sind die beiden weiblichen Leads hauptsächlich über ihre Beziehung zur männlichen Hauptfigur definiert.

So darf Kyra Zagorsky die enttäuschte, aber dennoch emotional verbundene Exfrau spielen, während Jordan Hayes die junge Schülerin mimt, die offensichtlich nicht nur in die Forschungen ihres Vorgesetzten interessiert ist. Dass Helix sich nicht um seine Frauen oder offenen Sexismus schert, zeigt nicht nur diese manipulative und unprofessionelle Dreiecksbeziehung im Piloten, sondern auch eine Szene am Ende der zweiten Folge, die einer Vergewaltigung gleichkommt. Das ist problematisch, so sehr man auch die krassen Töne durch musikalische Untermalung, die auch in der Titelsequenz angeschlagen werden, relativieren und den Hauch von Pulp betonen will.
Zuguterletzt wäre noch das Mysterium selbst, das durch verschwörungstheoretische Verstrickungen, befördert durch die operationale Logik der Anlage selbst, Vorurteile und Ängste in der amerikanischen Gesellschaft gegenüber der wachsenden Industriemacht Chinas beschwört. Selbst wenn Dr. Hiroshi Hatake vom japanischen Schauspieler Hiroyuki Sanada dargestellt wird, soll die Botschaft hier doch klar eine Warnung an den Zuschauer sein, dass man “denen” nicht vertrauen kann.
Trotz all der Kritik lassen die zwei Folgen sich wirklich dennoch schnell wegschauen und halten mit ihrem zentralen Mysterium ein hohes Spannungslevel, das für eine Staffel durchaus halten. Das Langzeitpotential der Serie kann aber nicht nur in der Antarktis liegen. Für derartige Veränderungen müssten aber sicherlich die Ausmaße und damit das Budget vergrößert werden. Ob Syfy das mitmacht, wird sich am Erfolg der Serie zeigen. Für das Format sollte sich jedoch mit Sicherheit eine Sparte finden lassen. Soderberghs Contagion zeigte, dass sich eine Pandemie nur mit vielen Figuren und Plotlines adäquat behandeln lässt. Und dafür ist das Serienformat die bessere Alternative.
Rating: 




Die ersten 13 Episoden von Helix laufen ab dem 10. April jeden Donnerstag ab 21:00 Uhr auf Syfy. Eine zweite Staffel ist in Planung. Kollege Jonas schreibt drüben bei Seriesly Awesome für jede Episode eine Review und ist bisher auch nicht wirklich begeistert. Bildmaterial © Syfy
30 Mar, 2014 · Sascha · Film,Review · 0 comments

©Pandastorm
Lettland, 2007
Regie: Aigars Grauba
Drehbuch: Lisa Eichhorn, Andrejs Ekis, Aigars Grauba, Valentin Jemeljanov, Andris Kolbergs, Valentin Yemelyannov
Darsteller: Janis Reinis, Elita Klavina, Girts Krumins
Länge: 118 Minuten
Rating: 




Es gibt in Oh Boy diese wunderbar kleine Episode, als Niko seinem Freund Matze auf ein Filmset folgt und sie feststellen, dass schon wieder ein Film über den Zweiten Weltkrieg gedreht wird. Niko, gespielt vom großartigen Tom Schilling, der ironischerweise bereits selbst in solchen Produktionen mitwirkte, wird sogar eine kleine Komparsenrollen angeboten, aber wie so oft in diesem Film, hat er darauf nicht unbedingt Lust.
Es ist ein kleiner, aber feiner Kommentar von Regisseur und Autor Jan Ole Gerster auf die obsessive Vergangenheitsbewältigung des deutschen, aber auch des europäischen Kinos und Fernsehens und ohne Zweifel ein Hieb auf die großen Produktionen dieser Art, die Filmen wie Oh Boy, trotz kleinsten Budgets, die Luft rauben.
Es soll ja gar nicht über das Für und Wider des Weltkriegsfilms gehen, aus dessen Tragödien man schließlich immer noch in unseren turbulenten Zeiten aktuelle und notwendige Lehreinheiten erschließen kann, sondern schlicht und einfach um den Anlass zu der Verfilmung. Dieser ist bei der Verfilmung der Verteidigung von Riga im Jahr 1919, als General von der Goltz das Ende des Ersten Weltkrieges akzeptieren wollte und die Balten wieder unter deutsche Kontrolle zu bringen versucht, immerhin gegeben. Dass Die letzte Front – Defenders of Riga, produziert in Lettland im Jahr 2007 und nun nach Deutschland ins Heimkino verfrachtet, also höchst patriotisch ist, überrascht ebenso wenig wie sein enormer kommerzieller Erfolg im Heimatland.
Doch im Idealfall begünstigt ein solcher Anlass nicht nur einen Wunsch der Verfilmung um nachfolgenden Generationen ein audiovisuelles Mahnmal und alten Veteranen ein Denkmal in der Kinogeschichte zu liefern, sondern auch den Drang nach einem echten Film, nicht nur einer Abhandlung von Ereignissen, und damit einer Geschichtsstunde, auf der Leinwand. Leider missglückt Die letzte Front hier phänomenal und reiht sich in die lange Liste belangloser Abhandlungen der Zwei- oder Dreiteiler der Öffentlich-Rechtlichen ein.
Und natürlich ist in diesem gewollten Magnum Opus alles dabei, was man so erwartet. Leid und Liebe, Helden und Bösewichte, Tod und Hoffnung. Leider bedingt das jedoch keinen guten Film, sondern eine überlange Produktion, die qualitativ sogar dem Niveau der TV-Filme hierzulande hinterher hinkt. Kostüme und sonstige Ausstattung scheinen bei der Vielzahl dieser Produktionen so oft gefragt, dass zweifellos eine gewisse Routine in diese Sparte der Produktion eingekehrt ist. Immerhin gibt es hier einen optischen Trost für den Zuschauer zu finden, der sonst unangenehme Darstellungen der Schauspieler und arge tonale Sprünge durchleiden muss. Das sollte bei sieben Drehbuchautoren auch niemanden überraschen. Da geht es vom Drama in die Romanze und direkt danach in die tiefen Abgründe des Krieges, die jedoch trotz des überschätzten FSK-16 Ratings keineswegs adäquat dargestellt oder von der CGI verhunzt werden.
Ein besonderes Ärgernis ist die Synchronisation ins Deutsche. Dass der Film nach sieben Jahren nun in Deutschland veröffentlicht wird, scheint nicht Folge einer Vision oder eines tiefen Wunsches, sondern dem standardmäßigen Einkaufs und einer darauffolgenden, lieblosen Veröffentlichung zu sein. Anders kann man die wahrhaftig schlechten, emotionslosen Interpretationen nicht erklären.
Die letzte Front – Defenders of Riga erzählt eine Geschichte, die es verdient hat, einen Platz auf der großen Leinwand zu finden. Nur eben nicht so. Eine weitere Einzelheit des frühen 20. Jahrhunderts verfällt der Verfilmungsmaschinerie des risikoscheuen Fernsehens, das hier als großes Kino verkauft wird.
09 Mar, 2014 · Sascha · Film,Review · 7 comments

© X-Verleih
So richtig weiß Niko wohl selbst nicht, was mit ihm los ist. Mit seiner Freundin macht er Schluss, das Studium brach er bereits vor zwei Jahren ab und auch sonst kann er sich eigentlich nicht so wirklich mit seiner Umwelt identifizieren. Eigentlich will er gerade nur einen Kaffee trinken. Dabei hätte er alle Voraussetzungen für ein gesellschaftlich normiertes Leben: Niko ist kultiviert und intelligent und dazu stehen ihm durch seinen reichen und einflussreichen Vater alle Türen offen.
Und dennoch ist er antrieblos, lässt sich in Jan-Ole Gesters großartigem Spielfilmdebüt durch Berlin treiben und trifft auf eine kaputte Stadt sowie ebenso kaputte Menschen und Schicksale. In episodenhaften Begegnungen ergibt sich, auch dank der ansprechenden Schwarz-Weiß-Ästhetik, ein zeitloses und stimmiges Bild der Hauptstadt zwischen Komik und Tragik im Alltag.
Auf die Frage seines Vaters, was er zwei Jahre getrieben hat, druckst Niko ein „Ich habe nachgedacht“ heraus. Und genau wie Niko scheint auch Gersters Berlin seit Jahrzehnten stillzustehen, antriebslos und in der Vergangenheit gefangen zu sein. Oh Boy lässt sich daher auch als Gersters Plädoyer für ein deutsches Mainstreamkino fernab des Schweiger-Kosmos‘ verstehen, das sich weder der verschrobenen, verkopften Künstlerschicht Berlins noch der ständigen Verarbeitung des Dramas der NS-Zeit verschreibt. Das Talent (ein fesselnder Tom Schilling unterstützt von einem beeindruckenden Ensemble) ist vorhanden und der Erfolg gibt ihm Recht.
Rating: 





© NFP
Nicht zu Unrecht haben sich vor einigen Wochen einige Meinungen laut und verunsichert über die Oscar-Nominierungen geäußert, hat man doch Gabriela Cowperthwaites Publikumsliebling Blackfish über Orcas und ihre Haltung in viel zu kleinen Wasserbecken stark vermissen müssen. Das liegt vor allem daran, was ihre Dokumentation über SeaWorld nicht ist. Statt hyperbolischen Floskeln und Formen, inszeniert die Regisseurin ihre Dokumentation als psychoanalytische Zeitreise rund um den sich in Gefangenschaft befindenden Killerwal Tilikum und die drei Vorfälle, bei denen er zum Tod von Trainern führte. Cowperthwaite verbindet dabei Archivmaterial von SeaWorld, Urlaubsvideos von Parkbesuchern und Interviews mit ehemaligen Mitarbeitern zu einem starken Mix, der kontrastreiche Szenen bildet, dem Zuschauer aber stets das leicht zu fällende Urteil überlässt.
Auch wenn die Tode der Trainer nie explizit gezeigt werden, schreckt Blackfish nicht davor zurück die enorme Monstrosität dieser Tiere in gefährlichen Momenten offenzulegen und damit auch ihre generelle Haltung in Frage zu stellen. Es ist beachtlich wie schnell die Stimmung selbst nach Jahren des Trainings und gemeinsamen Aufführungen umschlagen kann und Blackfish platziert die Verantwortung nicht bei den Tieren, die noch nie in der freien Wildbahn einen Menschen angegriffen haben, sondern bei den Opfern selbst. In einer der emotionalsten Szenen des Films zerbricht nämlich ein alter, gestandener Seemann an dem Gedanken, Tilikum vor Jahrzehnten als Kalb seiner Mutter entwendet und einem schrecklichen Schicksal anvertraut zu haben, das nur zum Leid für beide Parteien führte.
Die Extras und Interviews der DVD unterstützen die These des Films weiterhin: Durch jahrelange Trennung von Artgenossen und einer nicht artgerechten Haltung wurde Tilikum zum Psychopaten erzogen, der trotz anhaltender Vorfälle von SeaWorld auf Grund seiner Profitabilität bezüglich der künstlichen Fortpflanzung keine Hilfe erfährt. Vorfälle werden verdreht, sodass unschuldige Trainer nicht nur mit dem Tod, sondern auch mit der Lüge abgestraft werden. Blackfish stellt sicher, dass kein Zuschauer jemals mehr SeaWorld besuchen wird.
Rating: 





© StudioCanal
Adam Cassidy ist Mark Zuckerberg ohne Facebook und Talent. Nach Jahren der niederen Arbeit bei einem Mobiltelefonkonzern will er endlich den großen Durchbruch bei einer Präsentation vor seinem Boss erreichen und versagt kläglich. Dazu stapeln sich die Arztrechnungen seines kranken Vaters, gespielt vom großartigen Richard Dreyfuss. Das alles hilft dem Zuschauer aber nicht. Adam ist ein arroganter Kerl, dessen Motivation, schlicht durch Neid und Not getrieben, einen nie überzeugt und auf seine Seite zieht. Als er zwischen die Fronten zweier Konzerne gerät, ist dies weder spannend noch mitreißend, sondern überraschend öde und zahm. Und am Ende ist man froh, dass es vorbei ist.
Schnell: Welche drei Themen haben die USA in den vergangenen Jahren im politischen Diskurs dominiert? Mit Kapitalismus, einer allgemeinen Krankenversicherung und einer sich ausweitenden Überwachung läge man sicherlich nicht falsch. Und genau deshalb ist es schwer nachzuvollziehen, wieso Robert Luketic und seine zwei Drehbuchautoren so sehr daran scheitern, aus diesem ansprechenden Mix und der beeindruckenden Schauspielerriege einen spannenden Thriller zu inszenieren. Vor allem dank eines schwachen Drehbuchs informieren die Figuren die Zuschauer und sich selbst stets über die Vorgänge des Abhörens. Nie entsteht Spannung und paranoid sind die Figuren auch nicht.
Dabei scheitert der Paranoia aber nicht nur inhaltlich, sondern auch filmisch. Der Schnitt ist besonders ärgerlich und kinetische Szenen verlieren ständig ihren Antrieb. Weiterhin stört das zur Obszönität getriebene Color-Grading extrem und die sonstigen Bilder ersticken im Hochglanz. Überraschenderweise kann da nicht einmal die wirklich beachtliche Besetzung vertrösten. Liam Hemsworth ist kein Hauptdarsteller und seine Leinwandpräsenz ist schlicht nicht vorhanden – aber auch Harrison Ford enttäuscht und scheint nur einen weiteren Gehaltscheck einzusammeln, während Amber Heard schlicht nicht mehr als das Eye Candy spielen darf. Gary Oldman scheint zu erkennen, in welcher Art von Film er sich befindet, aber auch sein übertriebener Akzent kann nicht über den schwachen Charakter hinwegtäuschen.
Rating: 





Großbritannien 2013
Regie: Jon S. Baird
Drehbuch: Jon S. Baird
Darsteller: James McAvoy, Jamie Bell, Jim Broadbent
Länge: 94 Minuten
Rating: 




In den USA geht gerade nichts an HBOs Hit-Serie True Detective vorbei. Es ist zweifellos das Serienhighlight des Jahres. Ganz ähnlich wie in der Serie geht es in Jon. S. Bairds Film Filth um einen Polizeibeamten, der ebenfalls ein “wahrer Detektiv” ist. Die Betonung muss hier auf dem Unterschied zu dem Konzept des moralisch “guten” Detektiven zu den Figuren liegen, die wir sehen wollen. Unsere Kultur hat es seit den Zeiten von Humphrey Bogart für verständlich angesehen, dass Detektive wie in The Maltese Falcon, The Big Heat oder The Big Sleep erst wirklich dann gut zu bewertende Arbeit leisten, wenn sie zum wahren Detektiv werden und die Grenzen der Legalität überschreiten um ihren Fall zu lösen. Der Zweck heiligt alle Mittel.
An dem Zweck ist Bruce Robertson aber gar nicht interessiert, ihm sind die Mittel viel wichtiger. Er blüht durch diese erst richtig auf, wenn er sie alle verschlingt. Kokain, Alkohol, Seitensprüngen, Polizeigewalt oder der Blowjob einer Minderjährigen – all das ist für ihn erst der Start in den Tag. Gegen jede Logik und zur Freude des Zuschauers gelingt Bruce der Aufstieg in den Rängen der Polizeibeamten und die Eroberung sämtlicher Frauen.
Als ein japanischer Austauschstudent von einer Gruppe Jugendlicher zu Tode geprügelt wird, wittert Bruce seine große Chance. Endlich kann er einen Fall lösen, befördert werden und damit seine Ex-Frau so beeindrucken, dass sie zu ihm zurückkehrt. Doch die Aufklärung des Mordes steht gar nicht im Fokus dieses Films, noch ist es unbedingt im Sinne von Bruce. Vielmehr konzentriert sich dieser lose Plot auf die Eleminierung seiner Konkurrenz und auf McAvoys teuflischen und manisch-depressiven Bruce. Dabei werden die Nebenfiguren zu Karikaturen degradiert, was aber im Sinne des Filmes ist. Ohnehin: Dies ist Bruces Show und McAvoys Film, der ihn zu jeder Zeit grandios bestimmt. Noch nie war er präsenter.
Und dank Regisseur Jon S. Baird gelingt diese Talfahrt in den gestörten Geist unseres Antihelden. Ständig läuft dieses explosive Experiment mit all seinen Halluzinationen und sprunghaften Szenenwechsel Gefahr aus den Fugen zu geraten, doch das straffe Drehbuch navigiert stets souverän durch diese Gewässer. Matthew Jensens Cinematographie unterstützt die Narrative durch die ausgewaschenen Farbpaletten exzellent. Das durch die Fenster des bewölkten Schottlands hereinströmende, omnipräsente Licht ist kalt und grell, was den Effekt der beständigen Katerstimmung unterstützt.
James McAvoy ist fantastisch und es ist ohne Frage die beste Rolle und Darbietung in seiner bisherigen Karriere. Das Make-Up Department hat es geschafft den Schauspieler nicht nur krank aussehen zu lassen, doch es bleibt McAvoy überlassen seinen Detektiv wahrhaftig krank zu spielen. Eine Aufgabe, die ihm mit Bravour gelingt. McAvoys natürlicher schottischer Akzent, seine expressive Mimik, seine ambivalenten Gewaltausbrüche und sein nicht zu unterschätzender Charme kreieren eine Figur, wie es sie im letzten Jahrzehnt nicht mehr wirklich gegeben hat. Filth erreicht eine gewisse Zeitlosigkeit, wie man sich das von einer Adaption eines Irvine Welsh (Trainspotting) Buches wünscht.
Filth ist ein erfrischend kurzweiliger Film mit einem grandiosen Hauptdarsteller. Diese schwarze Komödie weiß sich stets auf skurrile und surreale Weise charmeant in die tiefdunklen Herzen der Zuschauer zu spielen. Auch wenn gewisse Stellen lose wirken und manche Figuren nicht vollends überzeugen, kann das Gesamtpaket überzeugen.
Über die DVD-Veröffentlichung kann man sich nicht beschweren. An Bild und Ton ist nichts zu beanstanden. Die Extras sind nett gestaltet. Neben dem Trailer gibt es ein Featurette, B-Roll Footage und ein Hand voll Interviews, aber das war es dann bereits. Als Cover hat man sich das Poster mit McAvoy auf einem Schwein ausgesucht, statt der von mir präferierten Koks-Karriereleister, die ein wenig besser zum Plot passt. Aber ein Polizist auf einem Schwein ist schlussendlich das besser vermarktbare Cover.

USA 2013
Regie: Nimród Antal
Drehbuch: Nimród Antal, Metallica
Darsteller: Dane DeHaan, Metallica
Länge: 93 Minuten
Film-Rating: 




Blu-Ray-Rating: 




Dreißig Jahre Bandgeschichte, über 100 Millionen verkaufte Tonträger, jedes Konzert binnen Stunden ausverkauft. Ob die Musik den persönlichen Geschmack trifft oder nicht, die Geschichte um die Gründungsmitglieder James Hetfield und Lars Ulrich sowie ihre später hinzugestoßenen Kollegen Kirk Hammett und Robert Truijillo ist beeindruckend. Und zurecht gilt ihnen Aufmerksamkeit, wenn sie nun einen Film drehten, der bereits seit 1997 in verschiedenen Visionen und Ideen existierte.
Das Konzert der Konzerte
Wie zu erwarten ist der Film Inszenierung pur, wofür selbst das eigentliche Konzert zunächst in den Hintergrund gerät. In einem einnehmenden Long Take begleiten wir einen namenlosen Roadie, gespielt von Dane DeHaan, der sich hinter dem Konzert zu seiner Arbeitsstelle begibt und den Bandmitgliedern über den Weg läuft. Frontmann James Hetfield reist in einem Hotrod an, Lars Ulrich gibt sich als Organisator und Denker, während Robert Truijillo mit seiner Bass-Gitarre und einem Zimmer voller Verstärker das Fundament der Konzerthalle beben lässt.
Das ist alles dick aufgetragen, aber natürlich gewollte und perfektionierte Selbstdarstellung. Die Fans erwarten es gar nicht anders. Und deshalb funktioniert es.
Das Konzert selbst ist beeindruckend. Die Mitglieder betreten die eigens für die Konzerte im kanadischen Vancouver und Edmonton gebaute, x-förmige Bühne, die 18 Meter Breite und 61 Meter Länge eine enorme Größe erreicht. Stets wissen die vier Bandmitglieder der Arena in allen Richtungen Beachtung zu schenken, während die Regie das Spiel großartig einfängt.
Die Kameras sind immer nahe dran. Die Kamerafahrten mit den Kränen sind imposant ausgeführt. Das Konzert bestand aus einer Auswahl der erfolgreichsten Lieder der Band und den Lieblingsliedern der Fans:
The Ecstasy of Gold
Creeping Death
For Whom the Bell Tolls
Fuel
Ride the Lightning
ONe
The Memory Remains
Cyanide
… And Justice for All
Master of Puppets
Battery
Nothing Else Matters
Enter Sandman
Hit the Lights
Orion
Fetischisierung des Aufstands
Eingebettet in diesen Rahmen des Konzertes ist die Handlung um den Roadie gespielt von Dane DeHaan, der leider kein einziges Wort sagen darf. Das ist schade, wird doch ein großes Potential dieses grandiosen Schauspielers verworfen. Doch DeHaans Mimik ist ausreichend und ohnehin alles, was wir für Nimród Antals willentliche Video-Clip-Ästhetik benötigen.
Der Roadie wird auf die Suche nach einem MacGuffin geschickt (Die Auflösung des Rätsels bleibt der Film schuldig. Wahrscheinlich fiel diese Entscheidung bewusst, so könne jeder Fans selbst seine Wünsche und Ideen projizieren. Auf normale Zuschauer wirkt dies eher frustrierend.) Kurz zuvor schmeißt er eine Pille und von nun an entwickelt sich seine Reise durch die Häuserschluchten der Innenstadt zu einem Ritt durch die Apokalypse. Nach einem Unfall findet er sich zwischen den Fronten von Polizisten und gewaltbereiten Demonstranten wieder und muss fortan um sein Leben fürchten.
Die Umstände werden absurder und übernatürlicher mit jedem Mal, wenn der Film den Blick vom Konzert löst. Und all dies, so schick es auch aussieht, hat weder einen tieferen Sinn, noch eine versteckte Symbolik. Stattdessen offenbart der Film unbewusst die Leere der gesungenen Phrasen sowie die Rhetorik und Inszenierung der Heavy-Metal-Szene. Demonstranten gegen die Polizei – und schon weiß der geneigte Zuschauer natürlich auf welcher Seite er stehen soll. Der Aufstand, hier sogar durch die Apokalypse intensiviert und ins Extreme gezogen, wird schlicht zur eigenen Bestärkung fetischisiert.
Dennoch bleibt ein Film, der mich als apathischen Kenner der Band dazu animiert Luftgitarren rauszukramen, hauptsächlich für das Konzert zu loben. Für gewöhnlich kann ich nämlich nicht einmal genug Willen aufbringen, mich dieser Welt zu nähern. Und genau das ist sie nämlich, die Heavy Metal Szene: Eine zeitlich losgelöste Blase abseits der vermeintlichen Konformität des Alltags, in der viele Anhänger, wenn auch nur für kurz, Befreieung finden. Am Ende platzt sie für den Roadie und die Leute, die nach Hause in die zerstörte Außenwelt wieder hinausziehen müssen. Daran ist per se nichts Schlimmes zu finden, sofern man durch die Inszenierung hindurchsieht- und nicht nur beim Konzert zuschaut.
Die Blu-Ray selbst ist äußerst hübsch gestaltet und kommt in einer schwarzen Box, die in einem Schuber aufbewahrt werden kann. Das Cover ist ähnlich wie das Poster frei von Gesichtern oder Bildern der Band, es wurde sich auf das ästhetisch Wesentliche konzentriert, was erfreulich ist und auch Nicht-Fans ansprechen kann.
Die vorliegende Version wurde leider nicht in 3D angesehen, aber man erkennt die Intention an vielerlei Orten und die native 3D IMAX Produktion sieht auch auf dem kleinen Bildschirm beeindruckend aus. Bild und Ton sind bei einer Produktion dieser Art natürlich noch mehr von Bedeutung. Der Ton ist fantastisch abgemischt.
Auch bei den Extras wird nicht gespart und alles für die Fans gegeben. Neben der obligatorischen Einbindung des Teasers und des Trailers zum Film werden Metallica-Freunde mit einem ausführlichen Making of begrüßt. Es gibt Aufnahmen während der Tonmischung, ein Behind the Scenes Mitschnitt und ein Musikclip für “Master of Puppets”. Von besonderem Interesse ist die audivisuelle Festivalbegleitung: So sehen wir Highlight vom Orion Festival Tent und ein Q&A mit Metallica, Regisseur Nimród Antal und Hauptdarsteller Dane DeHaan.
Metallica Through The Never ist ab sofort erhältlich. (Amazon-Partnerlink)