The Leftovers Archives - Page 2 of 4 - PewPewPew - PewPewPew


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Halbzeit bei der finalen Staffel von The Leftovers. Vier Episoden vor dem Ende der Serie reisen Nora und Kevin mit unterschiedlichen Zielen nach Australien. Das Unterfangen stellt sich für beide sowie für ihre Beziehung als katastrophal heraus.

Bereits die ersten Worte der Episode G’Day Melbourne rücken den zentralen Konflikt der Staffel direkt in den Vordergrund. “Are you two together?”, fragt eine Mitarbeiterin des Flughafens Kevin und Nora. Diese alltägliche Frage ist für The Leftovers typisch bedeutungsschwanger. Natürlich reisen Kevin und Nora, gegen den gesunden Menschenverstand, gemeinsam nach Australien. Aber wirklich zusammen sind die beiden Partner schon lange nicht mehr. Sie waren schon immer ein ungleiches Team, doch zu diesem Zeitpunkt sind beide eigentlich auf sich alleine gestellt. Sie, die kontinuierlich verhinderte Mutter, greift verzweifelt nach der letzten Chance, irgendwie erneut mit ihren Kindern vereint zu sein. Und er, der suizidale Mann mit einer gravierenden psychologischen Erkrankung, folgt der letzten Verbindung zum Leben, die er hat. Beide verbindet trotz dem Happy End im Finale der 2. Staffel außer einer körperlichen Anziehung nicht mehr viel. Da ist die Katastrophe natürlich vorprogrammiert.

Sobald das Paar in Melbourne im Hotel angekommen ist, trennen sich ihre Wege auch schon bis zum Ende der Episode. Kevins Psyche bricht auf sich allein gestellt sofort ein. Im Hintergrund einer Fernsehsendung entdeckt er Evie Murphy und sofort begibt er sich auf den Weg zu ihr. Tatsächlich kann er sie noch erreichen, doch die junge Frau spricht mit ausländischem Akzent und scheint zum Islam konvertiert. Doch es ist Evie Murphy. Oder ein Zwilling. Kevin drängt sich ihr auf und wird von einem anderen Mann zurückgehalten. Er muss mit einem blauen Auge davongehen, konnte zuvor jedoch ein Foto mit dem Handy schießen. Und siehe da, es ist tatsächlich Evie Murphy! Könnte dies ein Beweis für Kevins Hotelaufenthalt sein? Sofort ruft er seine Exfrau Laurie an, um so John vom magischen Überleben seiner Tochter zu berichten. Trotz Lauries Bitten sucht er Evie wieder auf, die unter dem Namen Daniah Moabizzi in der Stadtbibliothek arbeitet. Dort angekommen, offenbart sich zunächst Evie: Sie ist weggelaufen, weil sie nicht mehr an das Konzept der Familie glaubt. Auch Kevin fühlt in Wahrheit so, meint sie; wieso sonst hätte er sprunghaft sein ganzes Familienleben und seine Verantwortung in Jarden gelassen?

Doch dann kommt der Twist. Die Frau ist nicht Evie Murphy, sie ist tatsächlich Daniah Moabizzi. Kevin hat in ihr nur Evie gesehen, weil er ihre Beweggründe verstehen konnte. Laurie erklärt ihm am Telefon, dass er wieder eine Psychose durchleidet. Seine Krankheit ist wieder mit voller Kraft zurückgekehrt und nur das Mitspielen der anderen hat ihn teilweise retten können, nicht noch tiefer abzudriften. Kevin realisiert, dass er keinen Schritt weiter ist. Er sieht erneut tote Menschen, irrt durch fremde Gebiete, verletzt sich dabei und sucht verzweifelt nach Antworten, die ihm keiner geben kann. Eines der beständigsten und zutreffendsten Themen in The Leftovers ist, dass nichts im Leben einfach so beendet wird. Weder Trauer, noch Depression oder psychische Krankheiten. Niemand trauert nur bis zu einem gewissen Punkt oder beendet psychische Erkrankungen von jetzt auf gleich. Stattdessen kommen die Probleme in Wellen oft wieder. Es ergibt sich ein lebenslanges, perfides Spiel aus Ebbe und Flut und gerade jetzt herrscht bei Kevin Hochwasser.

Nora ergeht es derweil nicht besser. Sie vermag vielleicht äußerlich noch als emotional gefestigt erscheinen und sie kann sich auch durchringen, erleidet in dieser Folge jedoch den finalen Schlag, der sie auf den Boden schickt – K.O. Ihr Treffen mit den Wissenschaftlerinnen, die sie möglicherweise zum Ort der Verschwundenen bringen können, verläuft katastrophal. Nachdem sie mehrere Tests erfolgreich durchläuft, wird ihr eine uns bereits bekannte Frage stellt: Würde sie den Tod eines Babys billigen, wenn im Gegenzug der Zwilling des Opfers Krebs heilen wird. Nora zögert. Stirbt das Baby qualvoll oder eher schnell und human? Muss sie es selbst umbringen oder nur den Tod absegnen? Handelt es sich bei den Babys um ihre eigenen Kinder? Schlussendlich knickt sie ein. Ja, okay, das Baby soll sterben. Immerhin sterben täglich Babys und im Umkehrschluss wird Krebs geheilt? Eine für sie naheliegende Entscheidung. Doch auch ihre Antwort ist falsch. Oder zumindest nicht die richtige, immerhin wissen wir bereits aus Crazy Whitefella Thinking, dass auch die Rettung des Babys nicht zur Aufnahme in das Programm führt.

Das Dilemma wirft natürlich etliche moralische und philosophische Gedankenspiele sowie Fragen zum Auswahlprozess der Doktoren auf. Handelt und denkt die Person utilitaristisch oder nihilistisch? Kann es eine gute Antwort geben? Geht es eher um die Begründung, die Nora anbietet, oder um das Gespräch über die Frage selbst? Gibt es überhaupt eine Antwort, die zum nächsten Schritt führt, oder ist dies nur ein weiterer Test, um den Willen der Bewerber zu überprüfen? Es gibt einige Anzeichen dafür, dass Nora gewisse Sachen sagt, die womöglich ins Schwarze treffen, schließlich hört ab einem gewissen Zeitpunkt selbst die so distanzierte Zweiflerin des Doktorduos gespannt zu. Aber wie auch immer, die Wissenschaftler brechen das Gespräch direkt ab und verabschieden sich abrupt. Nora bricht zusammen und flüchtet in ihr Hotelzimmer.

The Leftovers treibt das Spiel hier auf die Spitze. Der Zuschauer soll die Frustration mit Nora mitfühlen können, doch Antworten wird er wie auch die Hauptfigur wohl nicht erhalten. Bisher war es nie die Intention der Serie, sich in die eine oder andere Richtung zu lehnen. Kevins Schusswunde aus dem Finale der 2. Staffel zum Beispiel könnte ein Todesurteil sein, doch er hätte die Verletzung auch auf natürlichem Weg überleben können. Dafür muss er gar nicht der neue Jesus sein. Damon Lindelof und seine Autoren sind in Interviews stets bemüht, darauf hinzuweisen, dass die Serie Indizien sowohl für die eine als auch die andere Richtung gibt, Wissenschaft oder Glaube, dann aber jedoch die Figuren entscheiden lässt. Diese erkennen im Chaos ihre eigenen Muster, die durchaus beliebig wirken können. Aber da dies so ein natürlich existenzieller, tief menschlicher Reflex ist, ruft dies Empathie hervor – selbst wenn wir uns anders entscheiden würden, wir (er)kennen das Leid nur zu gut. Und so spielt es keine wirkliche Rolle, wie und ob man die Frage beantwortet. Die Frustration, so nahe an der möglichen Lösung zu sein und trotzdem nicht weiterzukommen, steht im Vordergrund.

Was uns zum emotionalen Höhepunkt der Leftovers-Folge führt. Gebrochen treffen Nora und Kevin nun im Hotel aufeinander. Beide merken, dass es dem Partner nicht gut geht, doch sie flüchten sich in Floskeln. Ja, klar, Kevin geht es gut. Nora (Carrie Coon) ist jedoch ohnehin schon aufgewühlt und bleibt hart. “Du kannst mir alles sagen.” Das ist natürlich eine blanke Lüge. Die Beziehung der beiden hat bereits mehrfach darunter gelitten, dass Kevin Nora nicht die Wahrheit sagt oder aus Angst vor Zurückweisung nicht sagen konnte. Nora ist dahingegen so gefangen in ihrer eigenen Welt, dass sie gar nicht erst daran dachte, Kevin zu Beginn der Episode einen Teil des geschmuggelten Geldes abzugeben. Kevin ist nur ein Anhängsel dieser Reise, höchstens ein Nachgedanke. Lediglich die Angst vor der Einsamkeit hält die Beziehung zusammen.

Musik war schon immer das Herzstück von The Leftovers. Während emotionale Momente früher von den intensiven Tönen von Max Richter nahezu ertränkt wurden, kündigte die 2. Staffel bereits im Intro eine neue Richtung an. Mit Let The Mystery Be richtete man sich direkt an den Zuschauer und in der 3. Staffel gehen die wenig subtilen, aber dafür äußerst passenden Nachrichten mit Personal Jesus oder dieses Mal This Love Is Over von Ray LaMontage weiter. Doch ganz zentral in dieser Episode ist der Einsatz von a-has Take On Me, das zunächst als Klavierversion, später als Bläserversion und zum Schluss im Original ertönt. Der Text des Liedes, mit seiner wörtlichen Übersetzung aus dem Norwegischen (Take On Me heißt etwa Fass mich an oder Berühr mich) hat durchaus einen Bezug zu der Beziehung Noras und Kevins, doch es ist das ikonische Video des Liedes, das die Emotionen der Figuren sehr treffend widerspiegelt.

Im Musikvideo versucht der Sänger aus seinem Comic-Gefängnis auszubrechen und in die reale Welt zu fliehen, um bei der Frau seiner Träume zu sein. Dies gelingt ihm am Ende und das Glück steht den beiden Liebenden in den Gesichtern geschrieben. Doch wie es weitergeht, verschweigt die Geschichte des Videos ganz ähnlich wie viele Romantische Komödien. Selbst in die größte Liebesbeziehung drängt sich irgendwann der Alltag hinein und wenn die beiden Partner ohnehin bereits mit so vielen Problemen wie Kevin und Nora zu kämpfen haben, dauert dies nicht lange. Die naheliegende Lösung wäre daher der Austausch. Communication is key! Aber selbst drei Jahre nachdem Kevin Garvey sich ähnlich wie der Sänger von a-ha nur durch seinen puren Willen von einer Realität in die nächste sang, um zu Nora und seiner Familie zurückzukehren, hat er seiner Freundin alles verschwiegen. Drei Jahre an angestauten Vorwürfen entladen sich binnen Sekunden und Kevin sagt etwas, das schlimmer als eine normale Trennung nachhallt: Nora soll doch dahin verschwinden, wo ihre Familie hin ist. Er geht nach draußen und trifft auf seinen Vater, der ihn in den Arm holt. “Ist das real?”, fragt sein Sohn, als gerade Chaos in Melbourne auf Grund einer Explosion herrscht. “Natürlich ist das real”, antwortet Kevin Sr., der mit Grace den Sohn zufällig im Fernsehen entdeckt hat. Real ja, aber realistisch? Das bleibt, wie so oft, dem Zuschauer überlassen. Möglich ist es schon, dass Kevin kurz im Hintergrund der geliebten Morgenshow zu sehen war, aber vielleicht haben auch höhere Mächte Vater und Sohn zusammengeführt.

Im Hotelzimmer bleibt Nora alleine zerstört zurück. Nora The Cursed ist erneut ohne Familie und kann wieder nicht weinen, stattdessen laufen ihr in einem der schönsten Shots der Serie (mit Dank an Regisseur Daniel Sackheim) die Wassertropfen der Feuerlöschanlage über die Lider, die zu einem Schwall an Tränen verschwimmen. The Leftovers lässt mich, ehrlich gesagt, hier ebenfalls sehr zerbrochen zurück. Neue Liebe findet sich in der Serie häufig und auch wahre, hingebungsvolle Beispiele werden aufgezeigt, doch schlussendlich scheint jede Beziehung in der Serie zu zerbrechen. Selbst Matt, der sich jahrelang für seine Frau aufopferte, wird zurückgelassen. Inwiefern der Sudden Departure, die Prämisse der Serie, sieben Jahre später noch in den individuellen Beziehungen einen Effekt hat, ist unterschiedlich und streitbar. Stattdessen scheint die Serie zu argumentieren, insbesondere in dieser Folge, dass jeder Mensch schlussendlich immer in seiner eigenen Realität leben wird und nie wahrhaftig die Einsamkeit dieser Dimension durchbrechen kann. Sie wird sich eventuell mit denen anderer Menschen kurzzeitig kreuzen, aber so wirklich scheint es niemanden zu interessieren, wie es dem anderen Menschen geht. Natürlich beteuern die Partner dies immer wieder, doch inwiefern sie von den Abgründen im Partner wissen wollen oder wie viel man dem Partner aufladen will, bevor die Beziehung in Gefahr gerät, bleibt trotzdem eine explosive Frage.

Zitat der Folge: “Kevin, are you and Nora okay?”

– Mark Linn-Baker ist mit der Maschine zu den Verschwundene gereist, womit jetzt der gesamte Cast von Perfect Strangers – wo auch immer – vereint ist.

– Die Möglichkeit, dass die Verschwundenen womöglich in eine andere Zeit oder an einen beliebigen Ort im Weltall transportiert wurden, hatte ich noch nie so wirklich in Betracht gezogen. Die Hinterbliebenen scheinen oft gar nicht in Betracht zu ziehen, dass es eine ganz wissenschaftliche Erklärung für das Ereignis gibt, die Verschwundenen aber einfach irgendwo tot um den Jupiter kreisen. Was für eine fürchterliche Vorstellung, dass unsere Nora dort landen könnte. Hoffentlich geht es Mark Linn-Baker gut.

– Natürlich hat Kevin seine Methoden und Probleme auch zum Beginn der Staffel, aber mich beschleicht das Gefühl, dass neben Noras Distanzierung vor allem die neue Bibel über ihn der erste Schritt auf dem Weg zurück in die Psychose war. Wie traurig, dass seine besten Freunde ihm damit nur geschadet haben. Kein Wunder, dass er sich so weit wie möglich von ihnen entfernen will und Nora sofort nach Australien folgt.

– Die angesprochene Explosion am Ende der Episode wird noch interessant werden.

– Eine der Wissenschaftlerinnen heißt Dr. Eden. Ich liebe es, wie oft die Szene nicht zurückschreckt, sehr direkt und frech zu sein! Das Fehlen von Prätention verwandelt diese Spielereien zum Augenzwinkern an den Zuschauer.


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G’Day Australia! Nach zwei mysteriösen Epilogen im Land der Kängurus verlagert The Leftovers die restliche Handlung ab sofort und endgültig nach Down Under. Bevor Kevin und Co. jedoch in Australien ankommen, durchleiden wir zunächst noch zusammen mit Kevin Sr. die Schwierigkeiten der Weltrettung.

Alle Wege führen nach Australien – zumindest in den Serien von Damon Lindelof. Nachdem bereits John Locke in Lost ein Walkabout verwehrt wurde, ergreift The Leftovers die Chance und lässt erneut einen alten, stoischen Mann mit einer Mission nach Australien reisen, um dort auf den Traumpfaden der Aborigines seine Bestimmung zu finden. John Locke wollte einen Sinn im Leben; den fand er zwar nicht in Australien, aber über einen Umweg dann doch auf und mit der Insel. Kevin Garvey Senior hingegen reiste nach Australien, weil ihn die Stimmen in seinem Kopf dazu rieten. Aber auch er wollte einen Sinn erkennen.

Beide Männer sind in der Figurenkonstellation der Serie zunächst eher Randfiguren (Scott Glenn wurde erst in der letzten Staffel zum Series Regular befördert), doch die zwei Männer scheinen schicksalhaft mit dem Ende der Serie verbunden. Denn Garveys Obsession führt nicht nur zu persönlichen Konsequenzen, sondern rückt einen uralten Konflikt in Lindelofs Werk wieder direkt ins Zentrum.

Crazy Whitefella Thinking, die 3. Folge der 3. Staffel von The Leftovers, führt uns dem Titel gebührend auf eine cineastisch inszenierte Reise, auf der Papa Garvey versucht, die Apokalypse durch kulturelle Aneignung abzuwenden. Der weiße Mann ist gekommen, um die Welt zu retten. So weit, so meh. Er stiehlt illegal die Lieder der Ureinwohner, legt sich mit der Polizei an und lebt als ziemlich ungeselliger Zeitgenosse die letzten Tage seines Lebens im australischen Outback aus. Sein Ruf ist derart ruiniert, dass Fahndungsfotos sogar vor ihm warnen. All dies tut er, um die Apokalypse abzuwenden. Zumindest glaubt er das. Kevin Garvey Sr. ist davon überzeugt, dass am siebten Jahrestag des Sudden Departures eine biblische Sintflut einsetzen wird, die nur er abwenden kann. Dafür muss er, das sagte ihm ein magisches Huhn, nur eines tun: singen. Denn als er vor einigen Jahrzehnten “Itsy Bitsy Spider” vorsang, hörte auf magische Weise ein Regensturm auf, vor dem sich sein Sohn fürchtete. Diese Geschichte erzählt er schließlich dem Stammesführer Christoph Sunday, der ihm den letzten Teil der Songline übergeben soll.

Es ist nach wie vor eine meisterliche Leistung der Serie, dass diese hanebüchenen Geschichten um Randfiguren solch einen Pathos entwickeln können. Die Bilder von Mimi Leder reißen schlicht mit, ihre Kraft strotzt nur so von religiöser Symbolik. Ihre Folge will interpretiert werden, aber sie will auch bewegen. In den beiden zentralen Gesprächen, die der Folge so etwas wie Struktur innerhalb der rastlosen Suche bieten, konzentriert sie sich erneut nur auf die Gesichter der Figuren. Immer näher rückt die Kamera heran und man erwischt sich selbst dabei, wie man mit der Nase fast am Bildschirm klebt. Als ob eine größere Nähe mehr offenbaren würde. Am Ende wartet aber keine große Erkenntnis auf. Stattdessen entwickeln wir Mitgefühl für die existenziellen Ängste unserer Mitmenschen – und fühlen uns ein Stückchen weniger alleine.

Es ist vor allem die 1. Staffel, die diesen Szenen und Folgen ihre Kraft bietet. Ohne das bierernste Fundament gerät The Leftovers in Gefahr ins Lächerliche gezogen zu werden. Doch wir wissen um das Leid der Figuren, um den immensen Einfluss, den der Sudden Departure auf ihr Leben hatte. Deshalb ist es auch nur gerecht, dass Scott Glenns älterer Kevin in der verringerten Staffelorder doch noch eine eigene Episode erhält, in der er brillieren darf. Sein Kevin ist jedoch das beste Beispiel für die universelle Darstellung von Leid in der Serie. Kevin Sr. verlor früh seine Frau und machte doch weiter. Erst der Sudden Departure brach ihn dann endlich, weil er seinen Schmerz nie richtig verarbeitet hat.

Der ehemalige Sheriff zeigt ganz deutlich, dass es der Serie nie wirklich um das übernatürliche Event ging. Selbstverständlich sind die gesellschaftlichen Veränderungen durchaus interessant, aber im Kern verfolgt Lindelofs Adaption eine Erörterung der menschlichen Existenz und der Antworten auf die dunkle Stille des Universums. Dass Kevin Sr. Stimmen hört, die ihm sagen, was er tun soll – nachdem ihm in einer Führungsrolle unmissverständlich die Kontrolle genommen wurde – erscheint noch als verständlichste aller Reaktionen. Immerhin wickelt er sich keine Plastiktüte um den Kopf. Doch ein gewisser Teil seiner Geschichte muss ja schon stimmen. Später verstummen die Stimmen, doch er sieht Kevin aka das Huhn im Fernsehen in Perth. Dies ist ein eindeutiger Beweis, dass sich zumindest nicht alles aus der Episode International Assassin in Kevins Kopf abgespielt hat. (Dazu sei auch an den Australier David Burton aus der letzten Staffel erinnert, der Jesus-like aus einer Höhle von den Toten auferstanden ist und davon sprach, dass er in einem Hotel war. Ein anderer Fall oder ein Deckname von Kevin Garvey Sr.?).

Kevin Juniors hoffnungsvolle Karriere als Nachrichtensprecher ist dagegen eindeutig nur ein weiterer Bewältigungsmechanismus. Hier hat keine übernatürliche Macht ihre Hände im Spiel. Um den Tod der Mutter zu verkraften, versucht sich der Junge als Herrscher über die Nachrichten, um so Meldungen aller Art zu kontrollieren. Deshalb ist Kevin auch so besorgt um den angeschossenen Ronald Reagan oder die Ente, die ihren Kopf zu lange unter Wasser hält, und so erleichtert, als die Situation glücklich ausgeht. Die Abmoderation, “alive and well”, ist eine schmerzhafte Erinnerung an die notwendige Rückversicherung, die das Kind in der posttraumatischen Phase braucht. Gleichzeitig dient dieser Spruch aber auch als Möglichkeit zur Reflexion, kontrastiert Regisseurin Mimi Leder sie doch mit Bildern von Kevin Senior, der obsessiv die Tänze und Bräuche der Ureinwohner studiert, um sie später zu kopieren und die Apokalypse abzuwenden. Alive? Ja. Well? Eher nicht.

Auf seiner Reise trifft er auf einen Mann, der sich selbst in Brand setzt. “Sie” hätten ihn nicht genommen, sagt er, weil er kein Baby töten würde, wenn im Umkehrschluss Krebs heilbar wäre. Eine Frage aus einem Ethikaufnahmetest der angepriesenen Wissenschaftler aus der letzten Folge? Die serielle Erzählung verbindet automatisch die Fäden im Kopf miteinander, ohne dass Lindelof und sein Autorenteam noch viel machen müssen.

Der Ausgang von Kevin Seniors Sintflut ist nur halb so interessant wie der Konflikt, der durch seine Befürchtung und sein Handeln entsteht. Die Trauer, die so oft im Zentrum von The Leftovers steht, wird universell und speziell diskutiert. Erika verlor ihre Tochter, sie trauert. Ihr Mann findet dagegen Trost bei der Kirche. Dagegen wirkt der Verlust Noras intensiver. Ihre Familie verschwand gänzlich, ohne eine Spur. Es gab keine Beerdigung, und, noch schlimmer, keine Erklärung. Auch wenn The Leftovers immer wieder mit einer Auflösung flirtete, wird das Mysterium immer unaufgelöst bleiben. Damit kommen viele Zuschauer oft nicht klar. Doch genau dieser Unmut über den Status Quo verrät doch einiges über den Frust unserer Existenz. Vielleicht erfahren wird einige Hinweise, entwickeln unsere eigene Interpretation, finden unseren persönlichen Sinn – doch das große Ganze bleibt uns immer verwehrt.

Natürlich finden die Weltreligionen ihren Ursprung in der Frage der menschlichen Existenz und der Beantwortung der “Großen Fragen”. Warum sind wir hier? Wohin gehen wir nach dem Tod? Wieso hat es gerade gedonnert? Auf viele Fragen bietet heutzutage die Wissenschaft eine nachvollziehbare Antwort. Doch oft können diese Antworten kalt wirken, sie fühlen sich nicht richtig an für das Gehirn des Menschen, das noch an die Informationsübermittlung durch Erzählungen aus hunderten, vorherigen Generationen gewöhnt ist. Grace Playford trifft am Ende den Nagel auf den Kopf: Religion scheint nur eine Geschichte zu sein, der wir gerade folgen. Einer von Hunderten (einen Personal Jesus!), der man scheinbar beliebig glaubt, weil es gerade richtig erscheint oder gut tut. Diese Realisation schmerzt ihr sehr. Aber wie Kevin Sr. beweist: Es braucht nur einen anderen, der einem glaubt oder Mut zuspricht. Einer, der bereit ist, sich deine Gebete anzuhören. Einer, der sich um deine Probleme schert. Und schon ist die Welt wieder in Ordnung.

Ob Graces Abenteuer mit ihrem neuen Kevin dieses Mal glücklicher endet oder ob erneut eine enttäuschende Antwort am Ende dieses Tunnels auf sie wartet? Alle Kräfte wirken ab sofort zusammen, um dies herauszufinden. Der Ausgang des Konflikts hat, so zeigte uns der Epilog der 1. Folge der 3. Staffel, darüber hinaus weitreichende Folgen für die Beziehung von Kevin und Nora. Nora, die unbedingt die Wahrheit herausfinden möchte und Klarheit ins Dunkel bringen will, trifft auf den schwachen Kevin, der nicht das leugnen kann, was er erlebt hat. Woman of Science, Man of Faith. Hoffen wir, dass die Arche, die Grace bauen lässt, für beide Platz hat.

Zitat der Folge: „That makes no fucking sense at all!“

– Richard Cheeses Cover von Depeche Modes „Personal Jesus“ ist die dieswöchige, musikalische Untermalung für die Titelsequenz. Das passt zum Thema der Folge/Serie, aber nicht mehr unbedingt wirklich zu den Bildern. Es sei verraten: Die Musik wechselt von nun ab wöchentlich und passt jedes Mal fantastisch.
– In dem Dorf der Aborigines sieht man das Logo der fiktiven Oceanic Airlines aus Damon Lindelofs Serie Lost. Ein nettes Easter Egg, obwohl sich der Showrunner doch eigentlich gegen eben diese Ostereiersuche in The Leftovers aussprach. Trotzdem: Es passt, denn es handelt sich hier um Episode #23.
– “Well, that’s all subject to interpretation.“
– “If you want a real adventure, you need to chart your own course.”
– Das National Geographic Cover vom Mai 1972 bleibt weiterhin eine amüsante Fundgrube. So wird über eine Spinne berichtet, die sich unter Wasser bewegen kann und von einem bärigen Parkbesucher, der gerne Regeln bricht. Als vor einigen Jahren Theorien über die mögliche Verbindung zum Ablauf der Serie entstanden, hätte ich nicht geglaubt, dass wir hier irgendwann dann doch so haargenau enden.


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Damon Lindelofs meisterhafte Serie The Leftovers beginnt die 3. und finale Staffel mit einem überaus passenden Knall – in mehrfacher Hinsicht. Der Auftakt markiert den Anfang einer emotionalen Achterbahnfahrt mit Überraschungen und Wendungen, die aktuell ihresgleichen sucht.

Tränen laufen Kevin Garveys Wangen in The Leftovers hinunter, als er Homeward Bound singt und sich nichts mehr als eine Rückkehr zu seiner Familie wünscht. Ihm wird die Heimreise gewährt. Trotz der apokalyptischen Zustände in Jarden (of Eden), Texas, dem einzigen Ort auf der Welt, an dem niemand am Tag des Sudden Departures verschwand, lächelt der gequälte Mann überfreudig, als er seine Familie wohl und heil entdeckt. “I live here now”, wie er Meg im Besucherzentrum trotzig erwidert, ist eben nicht nur der Titel der Folge, sondern auch Ausdruck eines neues Lebensgefühls. Das Ende versprühte die Hoffnung, dass – egal wie chaotisch die Welt ist, egal wie abgefuckt man selbst ist – das Zuhause einen auffängt.

Dass dieses versöhnliche Ende nicht lange halten würde, überrascht Fans von The Leftovers wenig. Perfekt als Serienende konzipiert, diente das Finale aber nach der Verlängerung durch HBO auch als großartiger Auftakt für die 3. und letzte Staffel. Dass die Garveys auch drei Jahre später weiterhin so tun, als sei alles in Ordnung, überrascht dabei jedoch weniger als der Knall zum Beginn der Folge, als eine Drohne der Regierung die Guilty Remnant – inklusive Meg (Liv Tyler) und Evie – pulverisiert. Die Aktion ist gleichermaßen verabscheuungswürdig und aufklärend. Fast die gesamte 2. Staffel spielte sich nämlich im Miracle National Park ab; der Angriff war eine willkommener Callback zu dem brutalen Umgang mit Sekten und Zwischenfällen der 1. Staffel.

Drei Jahre später hängt die Welt immer noch (wieder?) am Abgrund. Zwei Wochen vor dem siebten Jahrestag des Sudden Departures versammelt Pfarrer Matt Jamison (Christopher Eccleston) etliche Gläubige um seine kleine Kirche. Nichts müsse am 14. Oktober passieren, sagt er, aber wenn, dann seien alle hier am richtigen Ort. Dass jedoch etwas passieren wird, gilt als gesichert. Über dem Kirchendach schreibt ein Pilot “Noch 13 Tage” in den Himmel, während der Wind am Boden Flyer mit der gleichen Botschaft umherweht.

Kevin (Justin Theroux), der nun als Polizeichef zusammen mit seiner Partnerin Nora (Carrie Coon) die Stadt schmeißt, hält den Stress aber gut aus. Sogar die Überraschungsparty für Stiefsohn Tom (nun auch Polizist) ist kein Problem für ihn. Seine Exfrau lebt ebenfalls in Jarden. Sie arbeitet und lebt zusammen mit John Murphy, dessen Frau (Regina King, ein Highlight der letzten Staffel) bis jetzt verschwunden bleibt, ebenso wie Baby Lilly. Vielleicht hängt ihr Schicksal zusammen?

Die 1. Episode ist als Rundgang durch die Stadt konzipiert und erinnert in groben Zügen an die Pilotfolge von The Leftovers. Zunächst gehen wir mit Kevin auf Streife: Zu seinen Aufgaben gehört, Besucher ins Stadtzentrum zu führen und grimmig zu schauen. Während früher Zucht und Ordnung Jarden zusammenhielten, versucht Kevin, die Hippies und Gläubigen nun mit einer neuen Lockerheit unter Kontrolle zu halten. Dies gelingt ihm auch, wobei jedoch nie ein gewisses Gefühl der Nervosität verloren geht. Die Bilder des Staffelendes sind noch zu frisch, als dass diese neue Führung über die dünne Deckung der Zivilisation hinwegtäuschen könnte.

Die Schwindeleien von John und Laurie toleriert Kevin, ebenso können die Gläubigen ihre Messe in Ruhe abhalten. Selbst einen Zwischenfall mit Protestanten kann er mit Eigeninitiative lösen, auch wenn er selbst seine Handlungen nicht mehr emotional registriert. In Wahrheit nämlich hat Kevin keinen wirklichen Fortschritt erzielen können, er läuft auf Autopilot. Während er nach außen Kontrolle und Ruhe ausstrahlen kann, muss es in ihm schrecklich zugehen. Am Morgen nach der perfekten Geburtstagsparty, zu der sogar Jill vom College kurz nach Hause kam, versucht Kevin sich nämlich umzubringen.

Die Frage des “Warum” ist hier nicht unbedingt zentral. Zumindest noch nicht. Vielleicht will Kevin zurück ins das Hotel im Jenseits. Womöglich versucht er Kontakt mit seinem Vater aufzunehmen. Am Ende versucht er auch sich selbst jedes Mal umzubringen – ohne Erfolg, weil Jarden ihn nicht lässt, wie später John und Matt betonen.

Wichtiger ist, dass er es tut. Der Ablauf scheint routiniert, schmerzt aber nach dem perfekt inszenierten Abend jedoch umso mehr. Schließlich ist es das erste Mal, dass wir ihm bei der Prozedur zusehen und schmerzvoll erkennen müssen, dass nicht ein Ereignis all unsere Sorgen und Ängste aus der Welt schafft, sondern alles Nachhaltige im Leben prozesshaft abläuft.

Oberflächlich gesehen ist Kevin ein glücklicher Mann. Familie, Haus, Job, Kinder – Kevin Garvey at his best. Doch die Bilder aus dem Jenseits aus der Folge International Assassins. Die aufwühlende, emotionale Achterbahnfahrt der Folge scheint vielleicht Patty aus seinem Geist verbannt zu haben, doch Kevin bleibt ein schwer kranker Mann.

The Leftovers handelt von Trauer, das ist richtig. 140 Millionen Menschen verschwinden plötzlich ohne Erklärung. Der seelische Heilungsprozess kann nie hundertprozentig abgeschlossen werden, wie das bei einem natürlichen Tod stattfinden könnte. Wobei auch die Serie die Frage stellt: Ist der normale Tod weniger katastrophal und verwirrend, als wenn sich Menschen buchstäblich in Luft auflösen, nur weil wir uns daran gewöhnt haben? Wo liegt der Unterschied, wenn es denn einen gibt? Schlussendlich ist mit dem Unwissen über das Danach zu leben. So oder so.

Doch in Verbindung dazu dreht sich The Leftovers häufig stärker und intensiver um die existenziellen Fragen der Figuren und ihre damit verbundene Depression. Kevins Selbstbild fängt nämlich erneut zu bröckeln an, als Dean (Michael Gaston) zurückkehrt. Der Hundejäger, den die Serie in der 1. Staffel zurückließ, erleidet ein blutiges Ende. Aber zumindest weiß Kevin nun, dass er tatsächlich echt war. Noras Versprechen zum Beginn der Folge, den Bullshit von der Wahrheit zu trennen, halten die Autoren ein. Doch Kevin ist weiterhin tief verzweifelt. Seinem Stiefsohn rät er, über die Ermordung des Angreifers zu sprechen, doch er selbst ignoriert seine Ratschläge. Dass er Tom von Pattys Ermordung erzählt, als sei sie real, spricht Bände und offenbart ein zentrales Anliegen der Serie: Es spielt keine Rolle, ob es real war oder nicht, solange Kevin daran glaubt. Die Gefühle, unter denen er leidet, schert es nicht. Sie sind einfach da.

Hilfe kann er keine erwarten. Leuten, denen er mit seiner Geschichte vertraut, betrügen ihn und schreiben, wie Matt mit seiner neuen Kevin-Offenbarung beweist. (Auch wenn es verständlich ist, immerhin verlangt Kevins Geschichte danach, irgendwie festgehalten zu werden.) Der Pfarrer missbraucht nicht nur seine Frau und seinen Sohn Noah (clever!) für seine Show, sondern auch die ganz persönlichen Kämpfe seines Schwagers für sein eigenes Spiel. Auch zwischen ihm und Nora scheint einiges unausgesprochen, die Abwesenheit von Lilly schwebt wie eine Bombe über der friedlichen Darstellung der Patchwork-Familie.

In der Auftaktfolge porträtiert The Leftovers einen Mann, der alles hat und trotzdem nicht zu sich und seinen Menschen finden kann. Er braucht Antworten auf Fragen, die ihm keiner geben kann. Und das weiß er. Genau das ist die große Kraft der Serie. Das plötzliche Verschwinden ist nur eine Offenlegung des Offensichtlichen. Der Mensch tappt bezüglich der großen Fragen weiterhin im Dunkeln und kann nur in seinen Mitmenschen Trost finden. Eben deshalb leidet Kevin, da ihn seine Depression vom Leben und der Freude an seinen Mitmenschen trennt.

Dies reflektiert Book of Kevin in dem großartigen Cold Open, das nicht ganz so abgefahren wie die prähistorische Reise zum Beginn der letzten Staffel ist, dafür aber thematisch erneut den Ton für die Staffel angibt. Wir sehen Adventisten im 19. Jahrhundert, die auf die zweite Rückkehr von Jesus Christus warten. Wie die Geschichte uns und sie gelehrt hat, endet dies in der Großen Enttäuschung. (Eine süffisante Wahl von Damon Lindelof, den die Rückmeldung zum Ende von Lost selbst in eine Depression stürzte). Jesus kommt nicht, keine Antworten und noch mehr Zank. Die Sequenz ist herzzerbrechend, da die Lösung scheinbar so nahe liegt. Regisseurin Mimi Leder verbindet diese Flashbacks mit der Gegenwart nahtlos, der Sprung in die Zukunft jedoch ist ebenso unerwartet wie meisterhaft. Scheinbar bläst The Leftovers die Apokalypse bereits ab, noch bevor sie begonnen hat. In der nahen Zukunft lebt eine gealterte Nora nämlich unter dem Namen Sarah in Australien und leugnet, jemanden mit dem Namen Kevin zu kennen. Es ist kein “We have to go back”-Moment, aber definitiv ein mutiger Schritt der Autoren.

Wie kommt Nora nach Australien und wieso lügt sie? Was wurde also aus Kevin, der von John, Michael und Matt als der neue Jesus angesehen wird? Viel kann sich in Kevins Kopf abspielen, aber einige unerklärliche Phänomene können am Ende doch nicht von der Hand gewiesen werden. Das weiß er und deshalb kann er auch das Buch nicht ganz wegwerfen, ähnlich wie er nicht mit den Erinnerungen an seine Taten abschließen kann. Die Ungewissheit plagt ihn. Er weiß, dass der Sudden Departure, so schlimm er auch war, ihn nichts Neues gelehrt, sondern nur das Verdrängte ins Zentrum gerückt hat. Wir können argumentieren, beweisen und untersuchen, aber ein Restzweifel bleibt immer bestehen. Es gibt keine Sicherheit, es gibt kein Ankommen. Wie fürchterlich.

Zitat der Folge: “It’s all true. It all happened. It’s still happening.”

– Kevins Buch ist sicherlich nicht die einzige Kopie, wie Matt meint. Michael Murphy klappte schnell den Laptop zu und digitalisiert bestimmt die Niederschriften. Ein weiterer Test von Matt.

– The Leftovers kehrt nicht nur passend zum Ostersonntag zurück, auch das Startdatum des 16. April wird als Rückkehr von Jesus Christus zu Beginn der Folge genannt.

– Kevin glaubt die offizielle Variante der Regierung nicht, vertritt gegenüber der “Verschwörungstheorie” bzgl. des Drohnenangriffs die Position der Regierung. Dies reflektiert sehr schön sein gestörtes Verhältnis zu Realität und Fiktion, Wahrheit und Lüge.

– Damon Lindelof und Regisseurin Mimi Leder verzichten auf einen starken Einsatz von Max Richter und lassen die Titelmelodie nur im Flashback und Flashforward spielen. Der Track am Ende ist eine neue Version des Hauptthemas, die mehr auf die Bläser als die Streicher setzt. Als seien sie verspätete Hörner aus der Johannesoffenbarung.

Ich bin so glücklich, dass sich The Leftovers in den vergangenen zweieinhalb Jahren zu einem Kulthit entwickeln und eine echte Fangemeinde erarbeiten konnte. Als ich damals mit den Reviews für Moviepilot anfing, war ich nur froh darüber, die nächste Serie von Damon Lindelof covern zu können, nachdem sein LOST mich über Jahre fasznierte und viele Freunde, Möglichkeiten und Unterhaltung verschaffte.

Doch dass sich The Leftovers als solch ein großartiger, wunderschöner Rohdiamant entpuppte, überraschte auch mich. Dass Lindelof und sein Team diesen in der zweiten Staffel noch verfeinern konnten, nicht unbedingt. Als großer Fan seines Werkes und auch ihm persönlich so als Typ, konnte ich genau verspüren, was er mit The Leftovers ausdrücken will. Einmal, weil ich während der Ausstrahlung der ersten Staffel mich mit den Figuren persönlich identifizieren konnte und zweitens, weil die Serie scheiße geil gemacht ist. Die Liebe zum Detail, die Lindelof bereits vor Jahren bei LOST auf 23 Folgen streichen musste, kann er beim Premiumsender HBO richtig dick auftragen. Ich liebe es. Deshalb sind meine Erwartungen für die dritte und letzte Staffel immens hoch. Wahrscheinlich viel zu hoch.

Dass nach der dritten Staffel nun Schluss ist, mag aber vielleicht die beste Lösung sein. Zwar könnte man unendliche Szenarios in der Welt von The Leftovers erzählen (und ich habe bereits mehrfach für ein adaptierbares Franchisemodell für unterschiedliche Länder und Sender plädiert), aber es fühlt sich so an, als ob die Geschichte um die Garvey-Familie und ihre Freunde sich dem Ende neigt. Deshalb passt auch die Tagline der Staffel: The End Is Near. Das Ende des Leidens, kehren die Departed also zurück? Oder gibt es tatsächlich einen zweiten, großen Sudden Departure? Wie auch immer, die Garveys zieht es erst einmal vorher nach Australien, wo Kevin wieder ein Cop wird. Australien ist übrigens für Fans bereits seit den ersten Folgen der ersten Staffel ein großes Thema gewesen, das immer weniger subtil mit dem Verlauf der Serie angeteaset wurde. Daher freut es mich, dass wir nun Kevins Dad nach Down Under folgen.

Übrigens werde ich noch bis zum Start im April die gesamte zweite Staffel hier im Blog Episode für Episode reviewen. Mehr Lindelof-Goodness gibt es bei Andy Greenwalds Podcast The Watch und IndieWire hat mit ihm vor ein paar Monaten ein Interview zum Ende der Serie geführt, in dem er “No tricks, no twists” verspricht.

Semi-related: Variety hat ein kleines Portrait über Damon Lindelofs persönliches Museum Büro anzubieten.

Review: The Leftovers S01E10

09 Sep, 2014 · Sascha · Fernsehen,Review · Comments

The Leftovers HBO 110
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In der letzten Folge der ersten Staffel wagt Damon Lindelof keine Risiken mehr. Viel mehr beruft sich The Leftovers auf die bisherigen Kernthemen und liefert eine emotionale Tour-de-Force ab, die vor allem visuell und durch preisverdächtige Darbietungen überzeugen kann.

Finale Folgen sind schwer zu gestalten und als Zuschauer aufzunehmen, egal ob es sich um das Ende einer Staffel oder einer Serie generell handelt. Nun hat HBO The Leftovers bereits vor einigen Wochen für eine zweite Staffel verlängert, doch so richtig wäre das nicht nötig gewesen. Die dominierenden Themen dieser Finalfolge sind nämlich von Abschluss und Vollendung definiert. Damon Lindelof und Buchautor Tom Perrotta, der hier erneut als Co-Autor mitwirkte, begehen nicht wie andere Autoren den Fehler und lassen die Handlung diesen Abschluss bestimmen, stattdessen konzentrieren sie sich auf die emotionale Ebene ihrer Figuren. Dabei bleiben einige Handlungsstränge auf der Strecke zurück, doch die zentralen Figuren und ihre Depression sowie ihr Frust mit dieser Welt werden zu einer befriedigenden Übereinkunft geführt. Dies schaffen die Autoren, mit einigen wenigen Ausnahmen, in gerade einmal drei größeren Sequenzen.

Die Folge beginnt zunächst mit Kevin, der sich neben der toten Patti in der Waldhütte eine Zigarette anzündet. Eine Zigarette ist auch Streitpunkt zwischen Jill (Margaret Qualley) und ihrer Mutter im Hauptquartier des Guilty Remnant, dessen Mitglieder in Abwesenheit ihrer Anführerin entschlossener denn je sind. Es ist ein stimmiger Auftakt für diese mitreißende Folge und der Soundtrack erhöht erneut das Gewicht dieser emotionalen Momente. Musikalisch ist diese Anfangsphase nämlich mit Nina Simones packendem und passendem Song Ne Me Quitte Pas unterlegt, welcher sich als Track in Christines iPod entpuppt. Wir finden hier alle Figuren an ihrem absolut dunkelsten und traurigsten Punkt wieder. Christine, konfrontiert mit Waynes Lügen, entschließt sich allem zu entziehen und lässt Tom alleine mit dem Baby zurück.

Kevin (Justin Theroux) kann sich seiner Situation nicht direkt entziehen. Er ist kein guter Mann, hat schlimme Dinge getan und Hilfe braucht er auch, denn alleine befreit er sich nicht aus seiner misslichen Lage. Glauben würde ihm ohnehin niemand. Hundemörder Dean (Michael Gaston) bleibt für diese Folge mysteriöserweise komplett verschwunden. Zur Hilfe eilt ihm Pfarrer Jamison (Christopher Eccleston), der mit Kevin Patti (Ann Dowd) unter die Erde bringt und seinen Chief das 23. Kapitel aus dem Buch Hiobs verlesen lässt. Und hier kommt auch der Episodentitel ins Spiel. Die gesamte Staffel über war es Tommy, der die Rolle des Verlorenen Sohnes einnahm, doch im Finale wird Kevin zu dieser Figur. Er ist gebrochen, am Boden, außerhalb seiner Stadt und findet über Matt und nicht subtile (Kein Problem, denn es passt zum alles andere als subtilen Charakter), dafür aber schön eingefangene Taufsymbolik des Christentums seinen Weg zurück. Kevin ist wieder ein gemachter Mann. Ein Mann, der mit seinem Wissen um seine schlechten Taten zu kämpfen hat, sich aber dennoch für das Gute entscheiden will. Doch gute Intentionen sind oftmals nicht genug, wie ihm sein Unterbewusstsein in einer Projektion seines Vaters vermittelt.

Aus der restlichen Traumsequenz will ich nicht ganz schlau werden. Sie hat einige Lost -Parallelen in ihrer Konzeption und endet mit einem der sonderbarsten und unbequemsten WTF-Momente des Fernsehjahres. Trotzdem ist sie inhaltlich und thematisch komplett durcheinander. Es gibt zwar nette Callbacks wie die Ausgabe des National Geographic, die ich willkommen heiße, doch diese Sequenz dient keinem direkt erkennbaren Ziel. Für diese erste Staffel ist dies geradezu typisch und bisher haben Lindelof und seine Autoren Zweifel des Zuschauers rückwirkend stets aufgeklärt, doch die bisherigen textuellen Aussagen zur metaphysischen Seite der Serie lassen eher darauf schließen, dass es sich nur um Kevins fortwährende Schizophrenie handelt – und um nichts mehr. Dies wird in der Zukunft wohl für vor allem visuelle Höhepunkte sorgen dürfen, doch die metatextuelle Debatte von Mysterien scheint vorerst von der Realität gewonnen zu sein. Die Finger wird Lindelof davon wohl trotzdem nicht lassen können, natürlich zum Vergnügen des geneigten Zuschauers.

Zu Kevins Glück handelt es sich bei alledem jedoch nur um einen Alptraum und schon bald sitzt er mit Matt bei Cheeseburgern am Tisch eines Diners und gibt zum ersten Mal wirklichen Einblick in seine Ansichten zum Sudden Departure. Vor dem Ereignis war er unzufrieden, er wollte seine Familie verlassen und fühlt sich nun schuldig und bestraft. Er hat nur einen Wunsch: Irgendwie muss sich seine Familie doch wieder zusammenfügen lassen. Diesem Wunsch wird stattgegeben. Auf der Toilette des Diners treffen wir auf Holy Wayne, angeschossen (zuvor hörte man im Autoradio etwas über eine Schießerei) und von ATFEC-Beamten verfolgt. Wayne stirbt, kann Kevin jedoch zuvor noch augenscheinlich seinen Wunsch erfüllen und auch die Musik ertönt fröhlich aus dem Radio auf der Heimfahrt.

Nothing Else Matters

Diese endet aber abrupt auf den Straßen Mapletons, wo das Chaos ausgebrochen ist. Wir erinnern uns: Die Mitglieder des Guilty Remnant brachen zu Beginn der Staffel in die Häuser der Einwohner ein und stahlen Familienphotos der Verschwundenen. Als wäre diese Tat nicht genug, wurden diese Photos dazu benutzt, um Loved Ones-Puppen (Die Lieferung aus Folge 8) der Verschwundenen anzufertigen, was diesen Subplot endlich zur Vollendung führt. Diese Nachbildungen werden dann in aller Früh von den Mitgliedern des Kults an den Ort ihres Verschwindens gebracht. Regisseurin Mimi Leder schafft es, das Surreale im Alltäglichen dieser Momente perfekt einzufangen, aber auch den Horror für die Hinterbliebenen einnehmend abzubilden. Carrie Coon in der Rolle der Nora Durst ist die Entdeckung dieser Staffel und ihr verstummter Schrei dürfte in Hollywood und der restlichen Fernsehlandschaft gehört werden. Hoffentlich bleibt sie der zweiten Staffel jedoch treu.

Es gab, wie in der letzten Review dargelegt, einige Verwunderung über die Platzierung der Flashback-Folge in der ersten Staffel. Bereits dort wurde auf den rückwirkenden Effekt und die Verbindung im Gesamtgefüge hingewiesen, doch auch ich vergaß völlig, dass sie womöglich noch wichtiger für das Finale sein könnte. Wenn uns die letzte Folge daran erinnern wollte, dass es trotz all den Problemen schon genügt zu existieren, dann zeigt uns The Prodigal Son Returns darauf aufbauend, dass sich geteiltes Leid besser ertragen lässt. Das ist keine revolutionierende oder subtile Botschaft, aber eine oft vergessene Wahrheit. Freunde und Familie, das sind Urwerte nicht nur der amerikanischen Gesellschaft. Aber auch die Hilfe von Fremden kann nützlich sein, wie der Christ zu Beginn der Folge Tommy erinnert. Selbst die offenherzige und aufrichtige Umarmung eines Fremden kann trotz unterschiedlicher Glaubensrichtungen kurzzeitig das Leid physisch manifestieren und das Gewicht dadurch lindern.

Daher wirken die chaotischen Zustände in Mapleton auch nicht dauerhaft verwirrend, obgleich einer gewissen Faszination und Schönheit der Zerstörungswut. Dafür ergibt sich ein kathartischer Moment für die Stadt, deren kollektiver Frust sich in offener Wut und Aggression entlädt; Katharsis gibt es aber auch für die Mitglieder der Guitly Remnant, die willentlich und gerne mit ihrem Leben dafür bezahlen, um – wie Meg (Liv Tyler) uns mit einem Blick auf Stolz und Erfüllung wissen lässt – den Memorial Day zu einem wahrhaften Tag des Erinnerns werden zu lassen. Währenddessen zählt für Kevin nichts mehr als die körperliche Unversehrtheit seiner Familie, alles andere ist unwichtig. Er hat seinen Platz bereits innerlich akzeptiert und will in bester Jack Shephard-Manier Sachen reparieren und Leute retten. Er muss Hunde aufhalten, die den Hirsch bedrohen; es ergibt sich eine schöne Verbindung zum Staffelauftakt. Er kann Laurie (Amy Brenneman) aus den Händen eines rachsüchtigen Einwohners befreien, die nach Jahren ihr Schweigen bricht: „JILL!“ Es ist zwar nur ein Krächzen, aber eines, das bis ins Mark erschüttert. Schlussendlich überwiegt keine politische oder religiöse Überzeugung die Liebe einer Mutter für ihr Kind.

Die gesamte Szene ist wundervoll in Szene gesetzt. Mimi Leder beginnt die Episode sehr intim, ihre Kamera ist den Figuren stets ganz nahe zugewandt, sie fängt die schmerzvollen Gesichter in Close Ups ein. Daher wirken die totalen Einstellungen im Kontrast so effektiv. Die brennenden Häuser und das Chaos ergeben ein Lichterspiel, das an biblische Kämpfe erinnert, die Zeitlupen und verstummten Schreie erledigen ihr Übriges, während Max Richters ausgezeichneter Score weiterhin die treibende und beständige Kraft in diesen Szenen bleibt.

What Is Left?

Bei allem Lob bleiben jedoch auch einige Aspekte auf der Strecke. Der gesamte Handlungsstrang um Holy Wayne ist nur halb gar. Trotz stellenweise großartiger Darbietungen von Paterson Joseph und Chris Zylka kann diese Geschichte nur punktuell fesseln und hinterlässt viele Fragezeichen. Auch Hundemörder Dean bleibt im Ungewissen. Er scheint keine Halluzination Kevins zu sein und auch er bleibt im Kontakt mit den Leuten auf der anderen Seite der „Brücke“, ähnlich wie Kevins Vater, aber dafür wird die zweite Staffel sicherlich Zeit finden.Von Amy oder den Zwillingen fehlt in dieser Folge jede Spur. Insgesamt halten also Lindelof und Perrotta ihr Versprechen: Kein Mysterium wurde zum Ende aufgeklärt, auch wenn die metaphysischen Ereignisse mit der Ausnahme des Verschwindens selbst auf Kevins Schizophrenie zurückzuführen sind.

Trotz allem ist dies kein Problem. Die Palette an Nebenfiguren ist durch die Bank weg gut gezeichnet. Nur weil ihre Geschichten nicht zu Ende gedacht werden, verliert ihre Existenz nicht an Bedeutung. The Leftovers bietet zwar ein zentrales Mysterium, ist aber nicht an dessen Aufklärung interessiert. Viel mehr versuchen Perrotta und Lindelof ein Gesellschaftsbild mit allen Facetten zu zeichnen und dies gelingt ihnen in dieser außerordentlichen ersten Staffel fabelhaft. Aber nicht nur die Konstellation oder die reichhaltigen gestalterischen oder narrativen Details machen die Serie so einzigartig.

In der zweiten Hälfte der Staffel wurde umso deutlicher, dass Lindelof, ein Kind im Spannungsfeld zwischen Glaube und Wissenschaft, sehr deutlich an unser aller Existenz interessiert ist. Spirituelle Sternenstaubanalogien bei Seite, wer fühlt sich nicht hilflos und klein, wenn er in einer lauen und wolkenfreien Nacht in den Himmel schaut. Auch True Detective sah im Schwarzen ein gewisses Böses, dem sich nur einige helle Punkte entgegenstellen wollen. Die Angst vor der Dunkelheit, dem Ungewissen, treibt den Menschen in seiner Suche nach Bedeutung seit Jahrtausenden in das Religiöse, in das Spirituelle. In The Leftovers konfrontiert Damon Lindelof seine Zuschauer mit ihrer universalen Bedeutungslosigkeit. Es gibt Lichtpunkte, ja, aber auch wenn wir ihr Licht erblicken, können sie bereits seit Jahren erloschen sein. Wir sind umgeben von den Ruinen toter Zivilisationen.

Schlussendlich bleibt mit The Leftovers eine qualitativ hochwertige Serie zurück, die die Geister spaltete. Wahrscheinlich muss man ein wenig empfänglich für diese Signale oder ein bisschen innerlich angekratzt oder gebrochen sein. Viele können sich mit den Figuren nicht identifizieren, sie erscheinen zu verzweifelt, gebrochen, abgeschieden und klagend. TV-Kritiker Todd Van Der Werff zog nach der letzten Folge das Fazit, dass The Leftovers die bisher beste und einzigartigste Serie ist, die sich mit Depression beschäftigt. Ich würde das so unterschreiben, jedoch weitergehen und alle Gefühle miteinbeziehen, die damit verbunden sind. Schließlich geht es nicht nur um ein vielleicht von manchen so wahrgenommenes pathetisches „Jammern“, sondern auch den unerklärlichen Verlust von zwei Prozent der Weltbevölkerung an sich und die Wut, dass man ihn nicht vergessen kann, oder die Wut, wenn man sich an ihn erinnert. Diese schlägt um in brutalste Gewalt, die Serie fand hier verstörende Bilder. The Leftovers verlangt dem Zuschauer viel ab, er muss sich voll darauf einlassen und in diese Welt und den Kopf des Showrunners abtauchen. Konfrontiert wird der Zuschauer mit dem, was er gerne selbst verdrängt. Belohnt wird er jedoch mit einer der besten Serien über die menschliche Existenz überhaupt. Dabei sind Lindelof und Perrotta aber nicht durchweg nihilistisch. In der Gemeinschaft findet sich Kraft das Dunkel auszustehen. Das mag so heruntergebrochen plump erscheinen, aber es ist wahr.

Zitat der Folge: “Oh, fuck you, you fucking tobacco-stained twat.”
Meta-Zitate der Folge: “Oh no, what happened next?”

Kurz vor dem Finale machte The Leftovers am vergangenen Wochenende nochmal eine Pause und als Zuschauer fühlt man sich ein wenig zurückgelassen, fast wie die Figuren in der Serie. Deshalb versuche ich auch nun ganz wie die Charaktere dieses Loch zu füllen. (weiterlesen…)

Review: The Leftovers S01E09

26 Aug, 2014 · Sascha · Fernsehen,Review · Comments

The Leftovers 109 HBO
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Kurz vor dem vermutlich schockierenden Finale wagt The Leftovers einen Blick in die Vergangenheit und die Welt vor dem Departure. The Garveys at Their Best ist dabei jedoch ein bissiger Kommentar auf die bereits vorherrschenden Probleme der dysfunktionalen Familie.

Wie alles im Leben hat das Schreiben von Kritiken zwei Seiten. Auf der einen Seite darf man sich außerordentlich intensiv mit einer Serie auseinandersetzen und gewinnt dadurch neue Einblicke oder Erkenntnisse, die ein Werk noch besser oder schlechter dastehen lassen. Auf der anderen Seite jedoch verdirbt man sich bei der Recherche oftmals bereits die ein oder andere Überraschung. Wer die Episodenzahl mancher Figuren oder die Titel zukünftiger Folgen studierte, wird wohl mit einem Flashback gerechnet haben dürfen.

Das macht den Anfang der Folge von The Leftovers aus der Feder von Showrunner Damon Lindelof und Co-Autorin Kath Lingenfelter jedoch nicht weniger spannend. Kevins (Justin Theroux) Heimkehr in ein für den Zuschauer fremdes Haus trägt nämlich die gleiche traumhafte Qualität mit sich wie seine vorherigen schizophrenen Ausfälle. Auch die uns unbekannte Frau, die Regisseur Daniel Sackheim zunächst unfokussiert im Hintergrund telefonieren lässt, könnte zum Beispiel Chief Garveys Affäre sein, bis wir wieder in die Realität zurückgeholt werden. Es ist die dominierende narrative Taktik Lindelofs in dieser herausragenden ersten Staffel: Verwirrung, Spekulation und dann die naheliegende sowie simple, aber zerschmetternde Realität.

Die Lebenswirklichkeit der Figuren vor dem Departure gestaltet sich jedoch trotz des heiteren und vollmundigen Episodentitels mit wenigen Ausnahmen nicht lebensfroher als die kollektive Depression drei Jahre nach dem 14. Oktober 2011. Die Brüche sind bereits hier vor dem Departure zu erkennen und teilweise manifestieren sie sich bereits in Form eines Risses in der Wand oder einem undichten Kaffeebecher in Kevins Realität. Teilweise sehen wir zwar völlig transformierte Figuren wie die junge Jill (Margaret Qualley) als sorgenloser Nyan Cat -Fan mit Zahnspange, die das schauspielerische Talent des Casts verdeutlichen. Diese Momente lassen ihr zukünftiges Selbst und den Eintritt in den Guilty Remnant in der letzten Folge noch deutlicher nachwirken. Doch die restlichen Figuren werden jedoch bereits von einer dunklen Vergangenheit oder einer schwierigen emotionalen Gegenwart geplagt.

So betrinkt sich Tom in der Nacht und sucht seinen biologischen Vater auf, um ihn – vielleicht völlig berechtigt – zur Rechenschaft zu ziehen, obwohl er die vermutlich gewalttätige Familiengeschichte lieber vergessen würde. Seine Mutter, die wunderbare Amy Brenneman, versichert ihm jedoch: Das funktioniert nicht. Sie muss es wissen, denn Laurie war, wie uns das beeindruckende Designerhaus der Garveys verdeutlicht, eine erfolgreiche Psychologin. Doch auch sie ist tief unglücklich. Trotz der All American Family im Traumhaus bröckelt die Fassade. Sie ist schwanger und erwägt wegen der nicht erfüllenden Beziehung zu ihrem Mann eine Abtreibung. Eine ihrer Patientinnen erkennt diesen Zwiespalt sofort: „There’s something wrong inside of you.“ Es ist Patti (Ann Dowd), die Probleme mit ihrem gewalttätigen Ehemann Neil überwinden muss und zur Behandlung ihrer Paranoia, inklusive apokalyptischer Visionen, in Lauries Praxis sitzt.

Nora (Carrie Coon) hat dagegen sehr alltägliche Probleme. Ihre Kinder hören nicht auf sie, der kontinuierliche Stress als Hausfrau und die wenigen kognitiven Herausforderungen machen sie träge. Dazu erfährt sie von ihrem betrügerischen Ehemann keine helfende Hand. Etwas Abwechslung könnte sie beim aussichtslosen Wahlkampf der zukünftigen Bürgermeisterin erfahren, die wohl die Wahl dank des Departures gewonnen haben wird.

Kevin leidet jedoch bereits jetzt am meisten. Sein Vater und seine Frau überschatten ihn beruflich, sodass er sich in kleine Nebenprojekte wie der Suche eines Hirsches hineinsteigert. Ein weiteres Tier hat bereits vor dem Departure sein Unwesen getrieben und die Stadt terrorisiert. Am Abend widmet er seinem Vater bei einer Preisverleihung eine bewegende Rede vor der High Society Mapletons. Überschwänglich betont er die Familienwerte, sein Glück und die tiefe Dankbarkeit. Doch sein Vater durchschaut Kevins Spielchen mit seiner Umwelt und sich selbst und gibt ihm einen guten Ratschlag:

„Every man rebels against the idea that this is fucking it. Fights windmills, saves fucking damsels, all in search of greater purpose. You have no greater purpose. Because it is enough. So cut the shit, okay?“

This Is It

„The Garveys At Their Best“ ist wahrhaftig eine großartige Folge von The Leftovers, die sehr nuanciert die alltäglichen Plagen der Einwohner darstellt. Das Panorama der amerikanischen Vorstadt in dieser Folge unterscheidet sich auf den ersten Blick nicht allzu stark von den Szenarien anderer Serien. Doch unter der Oberfläche schlummert ein tiefes Misstrauen und ein nicht näher zu fassendes Unbehagen – die Figuren können es aber fühlen. Einige stärker als die anderen, aber irgendwo versucht jeder mit der Sinnlosigkeit unserer Existenz klarzukommen. Einige stürzen sich in den Beruf, andere ins Familienleben. Am Ende ist jeder irgendwo unzufrieden, ohne einen tieferen Sinn in alledem gefunden zu haben. The Leftovers wagt den mutigen Schritt und schaut hinter die Fassade und entblößt die Leere. Wieso daher einen Plot vortäuschen?

Kevins Vater diagnostiziert seinem Sohn also keine direkte temporäre Midlife-Crisis, sondern vermittelt die grundlegend frohe Botschaft, dass es reicht, wenn man am Leben ist. Was bleibt denn sonst übrig? Man verschwindet mit dem Rest der 2 Prozent und dann ist man ohne auch nur eine Spur zu hinterlassen weg vom Fenster. Trotz der vielen offensichtlichen und an anderer Stelle eher subtilen Spielchen mit Religion und Spiritualität schmiedet Damon Lindelof in seiner Serie ein tief atheistisches und nihilistisches Bild unserer Existenz. Es deutet sich schon vorher an: Auf die Frage Noras, ob die Verschwundenen an einem besseren Ort seien, lautet die Antwort schlussendlich “Nein”.

Der einzige Ausweg aus der Konfrontation mit der Sterblichkeit? Entweder man findet sich wie die Mitglieder des GR damit ab oder macht sich weiter etwas vor, wie Kevin Tom rät: „Sometimes you have to pretend.“ Und Kevin folgt seinem eigenen Vorschlag genauestens: Er gibt vor, mit seinem Familienleben und seinem Job glücklich zu sein und mit dem Rauchen will er auch aufgehört haben. Manchmal funktioniert es, aber völlig glücklich stimmt ihn das auch nicht. Es führt ihn zu dunklen Orten, Sünden und Schuldgefühlen. Er ist kein guter Mann, dieser Kevin Garvey, und er weiß es.

Andere Kritiker oder auch der bekannte Drehbuchautor und Podcastguru John August haben erwähnt, dass sie sich diese Folge auch früher gewünscht hätten, doch ich bin höchst zufrieden mit der Platzierung der Folge innerhalb der Staffel. Theoretisch hätte man die Folge bereits in abgewandelter Form vorher ausstrahlen können, doch die Folge so kurz vor Schluss zu bringen, verdeutlicht nicht nur, dass das Leben, dem viele Figuren in den vorherigen acht Folgen nachtrauern, gar nicht so toll war. (Mit der Ausnahme von Jill vielleicht.) Der bisherige Aufbau gibt dem Leiden auch Bedeutung. Die Inszenierung des Departures von Daniel Sackheim mit der musikalischen Untermalung von Max Richter ist atemberaubend. Es handelt sich um eine Sequenz, die in ihrer Tragik, Schönheit und Nuance kaum hätte besser gedreht werden können und sie funktioniert vor allem, weil wir wissen, was genau in diesem Moment in vielen Figuren zu Bruch geht und wieso sich andere bestärkt fühlen.

Steven Zeitchik schrieb vor Kurzem in der LA Times über den Aufstieg des Post-Plot Cinema am Beispiel von Guardians of the Galaxy. Vielleicht ist es an der Reihe The Leftovers als das aktuelle Serienäquivalent zu definieren. Die erste Staffel übertrifft sich von Woche zu Woche, ein Panaroma der Bedeutungslosigkeit aufzuzeichnen. Die Gesellschaft wirkt leer, verwirrt und ziellos. Im Kontrast dazu gibt es einzelne Folgen, die uns das Schicksal einiger Individuen zeigen und als Beispiel für gute Charakterzeichnung dienen. Ein naheliegender Kritikpunkt jedoch wäre, dass dies trotzdem auf nicht viel hinausläuft – was wiederum genau der Punkt der Serie ist. Stanley Kubrick hat einmal im Interview mit dem Playboy bei einer Diskussion von 2001 gesagt: “The most terrifying fact about the universe is not that it is hostile but that it is indifferent; but if we can come to terms with this indifference and accept the challenges of life within the boundaries of death — however mutable man may be able to make them — our existence as a species can have genuine meaning and fulfillment. However vast the darkness, we must supply our own light.”

Der Departure ist damit nur ein nicht zu leugnender Beleg. Die Menschen mögen es unterschiedlich interpretieren, aber die Tatsache bleibt bestehen, dass es keinen tieferen Sinn gibt. Schlussendlich zeigt uns The Garveys At Their Best, dass das Beste eigentlich gar nicht so gut ist. Aber es ist genug. Die Verrückten („Are you ready?“) gibt es bereits vorher, nach dem Departure erhalten sich nur neuen Zulauf. Kevin hat bereits vor dem Departure Visionen, doch am Ende gibt es für alles eine plausible Erklärung. Die christliche Erscheinung des Hirsches ist am Ende nur reflektierende Plastikfolie im Geweih. Zufall und Chaos beherrschen diese Welt. This is it. God is dead. Don’t freak out.

Zitat der Folge: “The foot feels the foot when it feels the ground.”

Review: The Leftovers S01E08

19 Aug, 2014 · Sascha · Fernsehen,Review · Comments

the leftovers hbo 108
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Mit Cairo gelingt The Leftovers der Ausbruch aus dem bisherigen Schema. Showrunner Damon Lindelof produziert eine grandiose Folge, dank der inszenatorischen Gewalt von Michelle MacLaren, abseits der feinfühligen Charakterbeobachtungen in vorangegangen Folgen.

Es ist ironisch. Mit Cairo strahlte HBO vorgestern die erste Folge von The Leftovers aus, die nicht von Showrunner Damon Lindelof geschrieben wurde. Doch seine Fingerabdrücke am Skript sind unverkennbar. Wieso genau The Walking Dead Produzent Curtis Gwinn und der relativ unbekannte Fernsehfilmautor Carlito Rodriguez dafür engagiert wurden, bleibt wohl ein Produktionsmysterium. Denn gerade in Cairo offenbart Lindelof bisher nicht genutzte Spannung und Emotionalität, Innenleben und Gesamtgefüge. Es ist vielleicht die zentrale Folge der Staffel. Figuren werden vollendet, andere zeigen neue Seiten an sich, Beziehungen gehen zu Ende und der interessante Handlungsort, eine Hütte im Wald mit Personen, die zwar vor einem stehen, deren Existenz man jedoch zumindest anzweifeln kann, erinnert an sein umstrittenes Magnum Opus Lost.

Die Gastautoren meistern ihre Aufgabe jedoch auf beeindruckende Art und Weise. Sie balancieren ihre Handlungsstränge besonnen und schreiben authentische Dialoge für spannende Szenen. Die Figuren mögen leiden, der Zuschauer darf jedoch genießen. Dazu ist die Folge von Michelle MacLaren inszeniert, dieser faszinierenden TV-Regisseurin, die sich in den letzten Jahren mit grandiosen Folgen in Breaking Bad sowie einigen markanten Folgen in The Walking Dead sowie Game of Thrones einen Namen in der Branche machte. Ihre Regiearbeit verleiht der Serie eine ganz neue Qualität. Ihre Übergänge sind flüssiger, ihre Bilder des Suburbanen mythisch und das Finale wirkt nahezu biblisch. Im buchstäblichen Kammerspiel im Wald gegen Ende der Folge fängt sie Kevins klaustrophobische Paranoia mit einer unruhigen Kamera und vielen Rahmen im Bild stimmig ein. Aber das sind nur einige von vielen Bildern, die aus dieser Folge deutlich länger hängen bleiben.

Diese Konfrontation mit ihrem blutigen Ende ist mit dem wunderschönen Cold Open natürlich zu erahnen. Bereits seit Beginn der Serie schmiedet Lindelof an diesem Aufeinandertreffen der Anführer. Dieses Mal treffen beide alleine aufeinander, nur einer entkommt. Wie der Showrunner bereiten die Figuren sorgfältig ihre Pläne vor. Für Patti scheint dies eine größere Aktion am kommenden Memorial Day zu sein, für Kevin Garvey ist es ein symbolhaftes Abendessen mit Nora Durst, seiner Tochter und Aimee. Es ist einer von vielen Schritten des Neuanfangs. Nora (Carrie Coon) gibt zwar zu, nicht zu wissen wie es weitergehen soll, aber gemeinsam können sie die Vergangenheit und somit den Schmerz hinter sich lassen – und Kevin glaubt ihr. Was er dabei jedoch vergisst ist das Wohl seiner Tochter.

Jill is is looking for trouble and finds it – literally. Nachdem sie Nora bereits beim Essen angegriffen hat, bricht sie nun in ihr Haus ein und ist auf der Suche nach der Waffe ihrer neuen Mutter (gesehen in Episode 2). In der Box zum Brettspiel Trouble findet sie den Revolver – für Jill (Margaret Qualley) ein Beweis, dass Nora zwar begonnen hat, ihren Schmerz hinter sich zu lassen, ihn sich jedoch für bittere Zeiten aufbewahrt. Das bedeutet jedoch auch, dass es keine Sicherheit mehr gibt. Niemand kann sich wirklich sicher sein, dass diese Zeiten vorbei sind. Wieso also dann überhaupt noch weitermachen? Ich habe bisher zwar die übertriebenen Aktionen der Teenager stark kritisiert, die Charakterzeichnung bleibt aber weiterhin ausgezeichnet. Jill leidet nicht an stereotypischen Gefühlen der Furcht und Angst, wie man sie oft in der Fiktion bei Heranwachsenden findet, sondern sie ist tief unglücklich.

Das Spiel, übrigens, erscheint mir nach einer kleinen Google-Suche als eine amerikanische Version von Mensch Ärgere Dich Nicht; was insofern passend ist, dass dies Aimees Ratschlag an ihre beste Freundin ist, als sie nach einem Streit auszieht. Angeblich soll Aimee mit Kevin geschlafen haben. Es gibt dafür viele Anzeichen und spielhafte Hinweise innerhalb der Serie, aber ich glaube, dass es sich hierbei tatsächlich nur um eine verbale Eskalation („So I fucked the shit out of him on a pile of guns!“ – Wow!) handelt, als um eine wahre Begebenheit. Dass all dies auf Aimee nervig wirkt, ist verständlich. Sie hat sich mit ihrem Schicksal abgefunden. Sie will keine Fragen von Noras Ministerium für ein bisschen Geld beantworten, predigt dagegen Akzeptanz und versucht das Beste aus ihrem Leben zu machen, während sie anderen eine Hilfe ist. Hoffentlich kann sie Jill vor den Machenschaften des GR retten.

“You people are some sick fucks!”

Diese Hilfe könnte auch Chief Garvey dringend gebrauchen. Nach einer weiteren alkoholisierten Nacht landet er mit Hundemörder Dean (Michael Gaston) nahe der Stadt Cairo in New York in einer Waldhütte aus seiner Jugend, die nun völlig ihre Unschuld verliert. Innen befindet sich Patti bereits übelst zugerichtet; in den markanten Blitzeinwürfen der Serie erahnen wir, welche Gewalt sie so zugerichtet haben muss. Doch es ist erst der Beginn von Pattis Leiden, dem sie sicher, gewillt und stark gegen übertritt. Kevin ist dagegen kurz vor dem Zusammenbruch. Er kann sich an nichts aus der Nacht erinnern und beginnt seine Realität komplett und ohne Scham zu hinterfragen. Dean kann nichts mit Garvey in seinem Zustand anfangen. Dieser sieht sich als Schutzengel für Garvey und möchte die Aktion mit ihm bis zum Tode Pattis durchziehen, doch er verlässt die Szene jedoch nach einem Zwischenfall.

Wichtig: Er argumentiert scheinbar ähnlich wie Kevins Vater beim Verlassen der Szene mit einer unsichtbaren Person und bestätigt damit sämtliche Theorien und Prophezeiungen, dass “die” auf der anderen Seite mit Kevin etwas vorhaben. Ich halte Dean für einen realen Menschen, der wie Kevins Vater von der anderen Seite kontaktiert und auf eine Mission gesandt wurde. Er bleibt zwar ein Mysterium, Patti nennt ihn auf Grund fehlender Personaldaten einen “Geist”, aber Kevins Schizophrenie ist dennoch hier der bestimmende Faktor. Durch seine Perspektive erhält die Geschichte eine übernatürliche Spur, die Lindelofs Spiel mit dem Zuschauer hervorhebt. Alles deutet auf eine realitätsnahe Lösung hin, doch die Hoffnung durch den unverlässlichen Erzähler darf bestehen bleiben.

Kurz vor ihrem Abtritt aus der Serie kann Ann Dowd dann noch einmal glänzen und sogar sprechen. Macht das Patti zur Heuchlerin oder hat sie einfach nur keine alternativen Ausdrucksmöglichkeit? Und spielt das überhaupt eine Rolle? Sie ist eine Agentin des Chaos. All das fällt ihr leicht, womöglich aber auch weil sie weiß, dass sich selbst im weiteren Verlauf der Serie sowie im stetigen Kampf der GR ohnehin als Märtyrerin instrumentalisieren wird – wieso dann nicht jetzt? Ihr Glaube an einen Sinn verleiht ihr Kraft. Ohnehin offenbart sie Kevin alles: Gladys? Wie vermutet vom GR inszeniert. Die Affäre Kevins zum Zeitpunkt des Departures? Hat Laurie Patti in einem Gespräch offenbart – ebenso wie den Grund der Scheidung. In dieser sinnlosen Welt gibt der GR Laurie etwas, das ihr Mann oder eine andere Person nicht mehr geben kann: einen Sinn, eine Aufgabe. Pattis Erläuterungen sind für aufmerksame Zuschauer der Serie keine Offenbarung, doch ihre Ausführungen zum 14. Oktober und dem daraus entstandenen Kult machen die Sache rund. Dazu brilliert Richters Score erneut im Höhepunkt der Folge.

Wie der Guilty Remnant ohne ihre Anführerin auskommen wird, bleibt derweil spannend. In ihrer Abwesenheit muss Laurie mit einer ungewohnt emotionalen Meg fertig werden (endlich gibt man Liv Tyler etwas zu tun) und die schockierende Ankunft Jills verarbeiten. Doch die Mission der GR scheint so weit fortgeschritten, dass solch kleinen Problemen die Gesamtmission nicht mehr in Mitleidenschaft ziehen können. Wie diese aussieht? Man kann es bisher nur erahnen. Es liegt eine Spur von Jonestown in der Luft, besonders weil Patti nochmal die Aufopferungsbereitschaft der Mitglieder betont. Doch zunächst scheint eine weitere Schockaktion für den Memorial Day geplant zu sein, für den Patti bereits im Cold Open Kleider in der Kirche bereit legte. In den USA gedenken die Bürger am Memorial Day den Gefallenen Soldaten. Während der Gedenktag am 14. Oktober zum praxisorientierten Routinemarsch wurde, will der GR hier den Bürgern wohl eine Lektion erteilen, die man so schnell sicherlich nicht vergisst oder verarbeitet. Ob sich in der offensichtlich illegalen Lieferung tatsächlich nur Loved Ones Puppen oder, wie ich eher vermute, sogar echte Leichen befinden, wird sich wohl erst nächste Woche oder im Finale herausstellen. Michelle MacLaren jedenfalls liefert mit der Vogelperspektive der losen Kleider eine der schaurigsten Einstellungen der Serie, die in ihrem Horror an Spielbergs Krieg der Welten erinnert.

Cairo profitiert von sorgfältiger Exposition und einer außerordentlichen Regiearbeit. Beliebig wirkende Subplots und Charakteristika werden vollendet und in den Gesamtzusammenhang eingebunden. Vom unterschiedlich aufgenommen Inhalt mal abgesehen bietet Lindelofs Adaption eine unbestreitbar exzellent konzipierte Narrative, deren suburbanes Mosaik aus Verlust und Schmerz in ihrer gewissenhaften Komplexität schlicht beeindruckend ist. Wen das noch auf einer emotionalen Ebene anspricht, darf in den Genuss einer wahrhaft einzigartigen Serie kommen. Dazu gibt es eine leichte Transformation. Cairo ist nicht mehr ganz so abgeschlossen wie die bisherigen Folgen und die Spannung steigt ins Unermessliche. Zum ersten Mal seit Beginn der Serie darf man wirklich gespannt sein und rätseln, was als Nächstes passiert.

Zitat der Folge: „Now I know why you don’t fucking talk.“
Meta-Zitat der Folge: „Dude is ripped!“

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