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G’Day Australia! Nach zwei mysteriösen Epilogen im Land der Kängurus verlagert The Leftovers die restliche Handlung ab sofort und endgültig nach Down Under. Bevor Kevin und Co. jedoch in Australien ankommen, durchleiden wir zunächst noch zusammen mit Kevin Sr. die Schwierigkeiten der Weltrettung.

Alle Wege führen nach Australien – zumindest in den Serien von Damon Lindelof. Nachdem bereits John Locke in Lost ein Walkabout verwehrt wurde, ergreift The Leftovers die Chance und lässt erneut einen alten, stoischen Mann mit einer Mission nach Australien reisen, um dort auf den Traumpfaden der Aborigines seine Bestimmung zu finden. John Locke wollte einen Sinn im Leben; den fand er zwar nicht in Australien, aber über einen Umweg dann doch auf und mit der Insel. Kevin Garvey Senior hingegen reiste nach Australien, weil ihn die Stimmen in seinem Kopf dazu rieten. Aber auch er wollte einen Sinn erkennen.

Beide Männer sind in der Figurenkonstellation der Serie zunächst eher Randfiguren (Scott Glenn wurde erst in der letzten Staffel zum Series Regular befördert), doch die zwei Männer scheinen schicksalhaft mit dem Ende der Serie verbunden. Denn Garveys Obsession führt nicht nur zu persönlichen Konsequenzen, sondern rückt einen uralten Konflikt in Lindelofs Werk wieder direkt ins Zentrum.

Crazy Whitefella Thinking, die 3. Folge der 3. Staffel von The Leftovers, führt uns dem Titel gebührend auf eine cineastisch inszenierte Reise, auf der Papa Garvey versucht, die Apokalypse durch kulturelle Aneignung abzuwenden. Der weiße Mann ist gekommen, um die Welt zu retten. So weit, so meh. Er stiehlt illegal die Lieder der Ureinwohner, legt sich mit der Polizei an und lebt als ziemlich ungeselliger Zeitgenosse die letzten Tage seines Lebens im australischen Outback aus. Sein Ruf ist derart ruiniert, dass Fahndungsfotos sogar vor ihm warnen. All dies tut er, um die Apokalypse abzuwenden. Zumindest glaubt er das. Kevin Garvey Sr. ist davon überzeugt, dass am siebten Jahrestag des Sudden Departures eine biblische Sintflut einsetzen wird, die nur er abwenden kann. Dafür muss er, das sagte ihm ein magisches Huhn, nur eines tun: singen. Denn als er vor einigen Jahrzehnten “Itsy Bitsy Spider” vorsang, hörte auf magische Weise ein Regensturm auf, vor dem sich sein Sohn fürchtete. Diese Geschichte erzählt er schließlich dem Stammesführer Christoph Sunday, der ihm den letzten Teil der Songline übergeben soll.

Es ist nach wie vor eine meisterliche Leistung der Serie, dass diese hanebüchenen Geschichten um Randfiguren solch einen Pathos entwickeln können. Die Bilder von Mimi Leder reißen schlicht mit, ihre Kraft strotzt nur so von religiöser Symbolik. Ihre Folge will interpretiert werden, aber sie will auch bewegen. In den beiden zentralen Gesprächen, die der Folge so etwas wie Struktur innerhalb der rastlosen Suche bieten, konzentriert sie sich erneut nur auf die Gesichter der Figuren. Immer näher rückt die Kamera heran und man erwischt sich selbst dabei, wie man mit der Nase fast am Bildschirm klebt. Als ob eine größere Nähe mehr offenbaren würde. Am Ende wartet aber keine große Erkenntnis auf. Stattdessen entwickeln wir Mitgefühl für die existenziellen Ängste unserer Mitmenschen – und fühlen uns ein Stückchen weniger alleine.

Es ist vor allem die 1. Staffel, die diesen Szenen und Folgen ihre Kraft bietet. Ohne das bierernste Fundament gerät The Leftovers in Gefahr ins Lächerliche gezogen zu werden. Doch wir wissen um das Leid der Figuren, um den immensen Einfluss, den der Sudden Departure auf ihr Leben hatte. Deshalb ist es auch nur gerecht, dass Scott Glenns älterer Kevin in der verringerten Staffelorder doch noch eine eigene Episode erhält, in der er brillieren darf. Sein Kevin ist jedoch das beste Beispiel für die universelle Darstellung von Leid in der Serie. Kevin Sr. verlor früh seine Frau und machte doch weiter. Erst der Sudden Departure brach ihn dann endlich, weil er seinen Schmerz nie richtig verarbeitet hat.

Der ehemalige Sheriff zeigt ganz deutlich, dass es der Serie nie wirklich um das übernatürliche Event ging. Selbstverständlich sind die gesellschaftlichen Veränderungen durchaus interessant, aber im Kern verfolgt Lindelofs Adaption eine Erörterung der menschlichen Existenz und der Antworten auf die dunkle Stille des Universums. Dass Kevin Sr. Stimmen hört, die ihm sagen, was er tun soll – nachdem ihm in einer Führungsrolle unmissverständlich die Kontrolle genommen wurde – erscheint noch als verständlichste aller Reaktionen. Immerhin wickelt er sich keine Plastiktüte um den Kopf. Doch ein gewisser Teil seiner Geschichte muss ja schon stimmen. Später verstummen die Stimmen, doch er sieht Kevin aka das Huhn im Fernsehen in Perth. Dies ist ein eindeutiger Beweis, dass sich zumindest nicht alles aus der Episode International Assassin in Kevins Kopf abgespielt hat. (Dazu sei auch an den Australier David Burton aus der letzten Staffel erinnert, der Jesus-like aus einer Höhle von den Toten auferstanden ist und davon sprach, dass er in einem Hotel war. Ein anderer Fall oder ein Deckname von Kevin Garvey Sr.?).

Kevin Juniors hoffnungsvolle Karriere als Nachrichtensprecher ist dagegen eindeutig nur ein weiterer Bewältigungsmechanismus. Hier hat keine übernatürliche Macht ihre Hände im Spiel. Um den Tod der Mutter zu verkraften, versucht sich der Junge als Herrscher über die Nachrichten, um so Meldungen aller Art zu kontrollieren. Deshalb ist Kevin auch so besorgt um den angeschossenen Ronald Reagan oder die Ente, die ihren Kopf zu lange unter Wasser hält, und so erleichtert, als die Situation glücklich ausgeht. Die Abmoderation, “alive and well”, ist eine schmerzhafte Erinnerung an die notwendige Rückversicherung, die das Kind in der posttraumatischen Phase braucht. Gleichzeitig dient dieser Spruch aber auch als Möglichkeit zur Reflexion, kontrastiert Regisseurin Mimi Leder sie doch mit Bildern von Kevin Senior, der obsessiv die Tänze und Bräuche der Ureinwohner studiert, um sie später zu kopieren und die Apokalypse abzuwenden. Alive? Ja. Well? Eher nicht.

Auf seiner Reise trifft er auf einen Mann, der sich selbst in Brand setzt. “Sie” hätten ihn nicht genommen, sagt er, weil er kein Baby töten würde, wenn im Umkehrschluss Krebs heilbar wäre. Eine Frage aus einem Ethikaufnahmetest der angepriesenen Wissenschaftler aus der letzten Folge? Die serielle Erzählung verbindet automatisch die Fäden im Kopf miteinander, ohne dass Lindelof und sein Autorenteam noch viel machen müssen.

Der Ausgang von Kevin Seniors Sintflut ist nur halb so interessant wie der Konflikt, der durch seine Befürchtung und sein Handeln entsteht. Die Trauer, die so oft im Zentrum von The Leftovers steht, wird universell und speziell diskutiert. Erika verlor ihre Tochter, sie trauert. Ihr Mann findet dagegen Trost bei der Kirche. Dagegen wirkt der Verlust Noras intensiver. Ihre Familie verschwand gänzlich, ohne eine Spur. Es gab keine Beerdigung, und, noch schlimmer, keine Erklärung. Auch wenn The Leftovers immer wieder mit einer Auflösung flirtete, wird das Mysterium immer unaufgelöst bleiben. Damit kommen viele Zuschauer oft nicht klar. Doch genau dieser Unmut über den Status Quo verrät doch einiges über den Frust unserer Existenz. Vielleicht erfahren wird einige Hinweise, entwickeln unsere eigene Interpretation, finden unseren persönlichen Sinn – doch das große Ganze bleibt uns immer verwehrt.

Natürlich finden die Weltreligionen ihren Ursprung in der Frage der menschlichen Existenz und der Beantwortung der “Großen Fragen”. Warum sind wir hier? Wohin gehen wir nach dem Tod? Wieso hat es gerade gedonnert? Auf viele Fragen bietet heutzutage die Wissenschaft eine nachvollziehbare Antwort. Doch oft können diese Antworten kalt wirken, sie fühlen sich nicht richtig an für das Gehirn des Menschen, das noch an die Informationsübermittlung durch Erzählungen aus hunderten, vorherigen Generationen gewöhnt ist. Grace Playford trifft am Ende den Nagel auf den Kopf: Religion scheint nur eine Geschichte zu sein, der wir gerade folgen. Einer von Hunderten (einen Personal Jesus!), der man scheinbar beliebig glaubt, weil es gerade richtig erscheint oder gut tut. Diese Realisation schmerzt ihr sehr. Aber wie Kevin Sr. beweist: Es braucht nur einen anderen, der einem glaubt oder Mut zuspricht. Einer, der bereit ist, sich deine Gebete anzuhören. Einer, der sich um deine Probleme schert. Und schon ist die Welt wieder in Ordnung.

Ob Graces Abenteuer mit ihrem neuen Kevin dieses Mal glücklicher endet oder ob erneut eine enttäuschende Antwort am Ende dieses Tunnels auf sie wartet? Alle Kräfte wirken ab sofort zusammen, um dies herauszufinden. Der Ausgang des Konflikts hat, so zeigte uns der Epilog der 1. Folge der 3. Staffel, darüber hinaus weitreichende Folgen für die Beziehung von Kevin und Nora. Nora, die unbedingt die Wahrheit herausfinden möchte und Klarheit ins Dunkel bringen will, trifft auf den schwachen Kevin, der nicht das leugnen kann, was er erlebt hat. Woman of Science, Man of Faith. Hoffen wir, dass die Arche, die Grace bauen lässt, für beide Platz hat.

Zitat der Folge: „That makes no fucking sense at all!“

– Richard Cheeses Cover von Depeche Modes „Personal Jesus“ ist die dieswöchige, musikalische Untermalung für die Titelsequenz. Das passt zum Thema der Folge/Serie, aber nicht mehr unbedingt wirklich zu den Bildern. Es sei verraten: Die Musik wechselt von nun ab wöchentlich und passt jedes Mal fantastisch.
– In dem Dorf der Aborigines sieht man das Logo der fiktiven Oceanic Airlines aus Damon Lindelofs Serie Lost. Ein nettes Easter Egg, obwohl sich der Showrunner doch eigentlich gegen eben diese Ostereiersuche in The Leftovers aussprach. Trotzdem: Es passt, denn es handelt sich hier um Episode #23.
– “Well, that’s all subject to interpretation.“
– “If you want a real adventure, you need to chart your own course.”
– Das National Geographic Cover vom Mai 1972 bleibt weiterhin eine amüsante Fundgrube. So wird über eine Spinne berichtet, die sich unter Wasser bewegen kann und von einem bärigen Parkbesucher, der gerne Regeln bricht. Als vor einigen Jahren Theorien über die mögliche Verbindung zum Ablauf der Serie entstanden, hätte ich nicht geglaubt, dass wir hier irgendwann dann doch so haargenau enden.