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“Go! I’m dead!”

Nach der großartigen Einführung von Woodbury und dem Governor in der letzten Folge, kommen wir in ein tiefes Tal der Tränen in der vierten Folge. Die Screentime wird aufgeteilt zwischen Woodbury und dem Gefängnis, wobei wir in Woodbury nichts erfahren, das wir nicht schon wissen. Merle ist creepy, Andrea gefällt’s, der Governor ist shady und Michonne misstrauisch. Alles Puffer für die Balls-to-the-Wall-Action im Gefängnis.

Rick und Co. räumen gerade das Gefängnis auf. Alle schauen sich freudig an, Hershel kann sogar wieder gehen und ein Funken Hoffnung keimt auf. Doch wir befinden uns hier in The Walking Dead und Glenn stöhnt passend “Können wir nicht einmal einen guten Tag haben?” als Walker auf der anderen Seite des Zauns lauern. Doch das sind nicht die einzigen. Jemand im Gefängnis – es stellt sich heraus, dass es Andrew war, den Rick entkommen ließ – hat die Zäune geöffnet und nun strömen Walker von überall her. Beth und Hershel können sich in einer Ecke retten, während Maggie, Carl und Lori in die dunklen Gassen des Gefängnisses gedrückt werden. T-Dog wird gebissen und sichert Carol ein wenig Zeit um zu entkommen. Lori bekommt Wehen und hat Probleme bei der Geburt. Sie zwingt Maggie das Baby aus ihr herauszuschneiden um wenigstens ein Leben zu retten. Lori stirbt und Carl schiebt seiner Mutter eine Kugel in den Kopf, sodass sie nicht wiederkehrt. BLAM.

Alles in allem könnte man meinen, dass man hier eine gute Folge gesehen hat. Dem ist aber nicht so. Was man hier sieht, sind Autoren bei der Arbeit, die sie fundamental falsch verstehen. Das Problem der zweiten Staffel war nicht (nur), dass wir zu wenig Action hatten, sondern dass die Serie sich um nichts wirklich dreht. Es ist in Ordnung eine geniale actionreiche Folge voller Zombiesplatter zu haben, in der Helden ihr Leben lassen. Doch das kann nicht zur Normalität werden und wenn es in dem Tempo weitergeht, das die ersten Folgen anlegen, haben wir schon keine Leute mehr vor der Winterpause. The Walking Dead ist gut in den Momenten, wenn die Charaktere gegen die Zombies ankämpfen. Doch da muss mehr sein als die imminente Gefahr von Zombies gefressen zu werden. Wer war T-Dog? Wieso spricht er sich für die Knackis aus 5 Minuten bevor er stirbt? Dass wir für ihn fühlen, wenn er sich für Carol opfert? Opfer und Heldentaten müssen sich verdient machen beim Zuschauer. Nun ist T-Dog tot. Whatever.

Doch Lori ist anders. Auch wenn sie von Fans gehasst wurde, kann man nicht leugnen, dass sie immens wichtig für Carl und Rick war, so komplex ihr Verhältnis auch war. Man geht hier ein großes Risiko ein, sie zu diesem Zeitpunkt sterben zu lassen. (Mein Comic-Herz weint natürlich, weil der beste Cliffhanger aller Zeiten – sofern umgesetzt – nicht seine ganze Pracht entfalten kann.) Es ist eine feine Linie, die die Schreiber hier gehen müssen und ich bin mir nicht sicher, dass dazu fähig sind. Zweifellos, die Folgen sind besser geworden, doch so wirklich interessant waren bisher keine Dialoge. Die Diskussion um Oscar und Axel war auch leicht an der Grenze zur Fremdscham, besonders dank T-Dogs Mini-Dale-Gedächtnis-Arc.

The Walking Dead muss sich um mehr drehen als Zombies, die Todesgefahr und den Horror. Wenn es so weitergeht – und das darf man Interviews der Showrunner Mazarra und Kirkman entnehmen – wird sich der Anteil an Action, Gore und Horror pro Folge so halten. Und das ist nicht gut. Es muss Zuschauer mehr zum Bildschirm treiben als die Frage “Wer stirbt denn heute?”. Es entsteht zwar durchaus Potential hier in der Folge (Ricks Schuld, Carls Elternmord, das Baby und die Gruppe), doch es bleibt abzuwarten, wie das genutzt wird.

Immerhin das Ende überzeugt dann doch stark; insbesondere Andrew Lincolns ist großartig. Wie sein Rick sich da vor Carl stellt und ihn anjammert, in der Hoffnung ihn zu brechen, ihn umarmen zu können und das Leid zu teilen und der Junge da einfach so knallhart steht bis Rick realisiert, was passiert sein muss. Großartiges Ende, das leider vom Schnitt so abrupt in die Credits geschickt wird. Da hätte Rick ruhig noch ein paar Sekunden heulend auf dem Boden liegen können.

“Welcome to Woodbury.”

Vor etwas mehr als einem halben Jahr habe ich über eine Episodenidee des früheren Showrunners Frank Darabont berichtet, die einer Gruppe von Soldaten in ihrem Kampf um Atlanta begleitet hätte. Der Hauptdarsteller wäre Sam Witwer gewesen, ein relativ bekannter Schauspieler, der auch den Zombie im Panzer gespielt hat. Es wäre eine geniale Episode im Stile von Black Hawk Down geworden, nur mit Zombies. Doch sie wurde abgelehnt. Immerhin wären unsere Helden gar nicht vorgekommen. Das gefiel AMC gar nicht. Das ist schade, denn der Serie tut es verdammt gut sich mal abseits der Strecke umzugucken, wie uns “Walk With Me” beweist.

Wir steigen ein bei der noch immer kranken Andrea und Michonne, die ihre beiden Zombiefreunde immer noch angekettet hat. Ein Helicopter stürzt in der Nähe ab. Als sie die Absturzstelle begutachten wollen, kommen Männer und retten den Piloten, den Rest der Leichen töten sie. Die zwei Beißer im Gepäck machen Lärm und Michonne muss sie opfern. Doch das alles rettet sie nicht: Sie werden entdeckt – von Merle!

Die beiden werden nach Woodbury gebracht und dort vom Governor empfangen, der von David Morissey gespielt wird und seinem Comic-Ebenbild in keinster Weise ähnelt. Das ist okay, denn ich empfand diese Figur immer als Karikatur und Morissey bringt wesentlich mehr Tiefe zu der Rolle, die sie auch braucht. Dieser Governor ist nämlich ein Mann von Autorität, Kraft und Durchsetzungsvermögen. Ein, wie René es treffend ausdrückte, Staatsmann.

Und obwohl das Gefängnis, Rick und so weiter nicht in dieser Episode vorkommen, sind sie dennoch die ganze Zeit über in unseren Gedanken. Wenn dieser Typ in der gleichen Zeit Woodbury, wie wir es hier sehen, aus dem Boden gestampft hat, was sagt das dann über unseren Helden aus? Was macht Rick falsch? Ist Rick ein Waschlappen? Was Comicfans bereits wissen, wird in der Folge lange und spielerisch bis zum Ende herausgezögert: Der Governor ist ein Psychopath, der für seine Sicherheit seinen Verstand und seine Moral geopfert hat. Die zentrale Frage der Serie, wie weit man bereit ist zu gehen, wird hier in Form seiner Figur schaurig beantwortet und ich kann mir gut vorstellen, wie beängstigend das auf unwissende Zuschauer gewirkt haben muss.

Nebenbei kriegen wir auch Merle in der light Version vorgeschoben, einen Merle, der sich untergeordnet. Was das über den, der über ihm steht, aussagt, ist auch klar. Weiterhin gibt es eine nette Verbeugung vor Day of the Dead und wir kriegen Informationen über die Zombies, die auch verhungern – aber eben zu langsam. Dallas Roberts (aus Rubicon, einer schrecklich guten und kriminell unbekannten Serie) spielt einen Zombieforscher, der hart an der Karikatur vorbeischrammt. Ebenso Danai Gurira spielt ihre Michonne ein wenig zu hart. Klar, Comicfans wissen, dass zwischen Michonne und ihr Katana nichts kommt, aber die einseitigen, bösen Blicke haben spätestens in der zweiten Szene ihre Wirkung verloren. Hoffentlich kommt da bald mehr von ihr.

Insgesamt eine sehr gute Folge. Woodbury ist eingeführt, jetzt bleibt noch ein bisschen Gefängnisquatsch übrig und dann kommt es bestimmt in ein paar Folgen auch schon zur ersten Konfrontation. Die kriegen das dann wohl wirklich komplett in einer Staffel (16 Folgen) durch. Schade.

“Yeah, yeah, I get it. I get it. Shit happens.”

Und sie haben es geschafft: Ladies and gentlemen, I present to you – the almost perfect episode of ‘The Walking Dead’. Wirklich, ich bin geschockt. Es gibt zwar noch ein oder zwei kleine Sachen, die für mich stören, aber dennoch: Das war klasse. Fangen wir an.

Die Episode beginnt wo wir letzte Woche aufgehört haben. Rick hackt Hershel das angebissene Bein ab und die Gefängnisinsassen schauen geschockt. Zurück in ihrem Zellentrakt angekommen, bemerken sie, dass die Insassen ihnen gefolgt sind. Nach einem kurzen Stand-Off wird den unwissenden Knastis die neue Welt erklärt: Keine Polizei, keine Zivilisation, keine Hoffnung auf Rettung. Doch mit ihrer Freiheit sind nicht nichts vertrauenswürdig geworden und sollen daher ihren eigenen Zellentrakt bekommen, Rick und Co. helfen sogar bei der Säuberung.

Die verläuft natürlich nicht so reibungslos wie erhofft und Big Tiny (hätte Tiny nicht gereicht? We get it, people!) wird gebissen. Tomas, ein impulsiver Typ lateinamerikanischer Abstammung, dessen Schauspieler scharf am Over-Acting kratzt, macht kurzen Prozess mit ihm und hackt seinen Kopf in Stücke. Rick und Daryl schauen sich an und wissen ganz genau: Der Typ ist eine Gefahr und muss weg. Als er später auch in einer riskanten Situation mit seiner Machete nach Rick schlägt und es so aussehen lassen will, als ob er einen Zombie treffen wollte, haut Rick ihm einfach eine Machete in den Kopf.

Tomas’ Freund Andrew läuft in einer netten Verbeugung vor dem Comic davon. Doch anders als im Comic läuft Rick ihm hinterher. Sie kommen an einen Hof voller Zombies und Rick schließt hinter ihm die Tür und überlässt ihn somit seinem Schicksal.

©AMC

Währenddessen versucht Carol Hershel zu stabilisieren. Kurzzeitig sieht es aus als ob dieser stirbt und Lori beginnt mit einer Mund-zu-Mund-Beatmung, die ihm zwar das Leben rettet, aber auch verrückt ist. Kein Witz. Die Frau beginnt ihre Lippen auf einen Mann zu pressen, der kurz davor steht ihr gleich ins Gesicht zu beißen. Unglaublich dumm. Doch Lori handelt nach ihrem besten Wissen, denn immerhin ist die einzige Frau, die Hershel ausgebildet hat ihn in irgendeiner Weise mal zu ersetzen, draußen an einer Zombieleiche am rumschnibbeln. Wegen Kaiserschnitt üben und so. Hat das nicht ein paar Stunden Zeit? Ich meine, Hershel liegt dort im Sterben und sie ist das einzige Gruppenmitglied, das ihm wirklich helfen kann. Unglaublich ärgerlich wie dumm die Charaktere wieder geschrieben werden. Während sie draußen an ihrem Zombie rumspielt wird sich auch noch von einer unbekannten Gestalt beobachtet. Irgendwas sagt mir, dass es nicht jemand aus Woodbury war.

Doch Hershel kommt durch (dank Carl, der mal alleine in die Klinik gelaufen ist, Medikamente fand und nur zwei Walker töten musste. No big deal. I love this kid) und die anderen zwei Gefangenen haben ihren eigenen Zellentrakt.

Rick ist endlich der Ärsche tretende Badass in dieser Folge, wie wir ihn aus dem Comic kennen. Er trifft harte, grausige Entscheidungen für das Wohlsein seiner Gruppe. Lange mussten wir darauf warten. Es gibt einen gewissen Soapanteil und auch die Reiberei zwischen Carl und Lori könnte nerven, doch es führt alles zu einem Punkt. Subtext. Charakterentwicklung. Etc. Solange das alles zu etwas führt, kann man da gut und gerne durch.

Doch all dies kommt so unerwartet, so radikal und schnell. Insbesondere die Kälte, die Rick Lori erweist, als diese ihr Herz öffnet und zugibt, was für eine schlechte Frau sie ist usw., überrascht. Rick entgegnet ihr nur ein “Wir sind dir alle dankbar”. Eine kurze Berührung an der Schulter. Das ist alles. Kalt und grausig. Diese Charaktere haben einiges durchgemacht über den Winter. Und das ist okay, denn sie sind inzwischen so, wie man sich das wünscht. Doch das gleicht alles eher einem minimalen Reboot (so nötig er war) als einer Charakterentwicklung, die im Comic so detaillert durchgekaut wurde.

Bei dem bisherigen Tempo der dritten Staffel wäre eine Flashback-Winterepisode gerne gesehen. Klar, man hat den Zeitsprung rein aus Produktionsgründen gemacht, denn ein Winter wäre Produktionshölle deluxe mit Sternchen, aber so eine kleine Episode wäre schon nett. Sonst haben wir der Prisonplot ja wirklich schon in der dritten Staffel durch und das wäre verdammt schade.

Vereinigte Staaten, 2012
Regie: Stephen Chbosky
Drehbuch: Stephen Chbosky
Darsteller: Logan Lerman, Emma Watson, Ezra Miller, Paul Rudd
Länge: 104 Minuten
Rating: ★★★★½

“Right now we are alive and in this moment I swear we are infinite.”

Wer Jugendbuchliteratur angelsächsischer Autoren kennt, der kennt ‘The Perks of Being a Wallflower’. Wer Jugendbuchliteratur angelsächsischer Autoren liebt, der liebt ‘The Perks of Being a Wallflower’. Ja, meiner Ansicht nach geht in dem inzwischen mächtig gewachsenen Feld von “Young Adult Literature” nichts um Stephen Chboskys modernen Klassiker herum. Gerade deshalb ist eine Filmadaption eine schwierige Sache, immerhin kann die wahre Vision eines Autoren nie wahrhaftig auf die Leinwand transportiert werden, richtig? Falsch, denn Chbosky, der seit der Veröffentlichung seines Briefromans auch als Drehbuchautor in Hollywood gearbeitet hat, schrieb nicht nur das Drehbuch für die Adaption, sondern führte auch dazu noch Regie. Gute Nachricht für alle Fans: Mit Erfolg.

Charlie (Logan Lerman) hat nach dem Selbstmord seines besten Freundes eine schwierige Zeit hinter sich. Doch eine Möglichkeit zum Neuanfang lauert in Form dem Beginn der Highschool am Horizont. Schnell lernt er jedoch, dass er es als introvertierte Leseratte nicht leicht hat. Noch am ersten Tag beginnt er die Tage bis zum Abschluss zu zählen um dieser Hölle zu entkommen. Doch das ändert sich als er die Stiefgeschwister Sam (Emma Watson) und Patrick (Ezra Miller) kennenlernt, die ihm eine neue, unendliche Seite des Lebens aufzeigen. Doch trotz neuer Freunde und genialer Partys schlummert tief in Charlie eine tiefe Traurigkeit, wie eine tickende Zeitbombe.

Es gibt da eine Szene relativ am Anfang des Films. Nach einer Party fahren Sam, Patrick und Charlie in einem Pick-up-Truck durch einen Tunnel in einer nicht näher zu erkennenden Stadt (es wird suggeriert: es könnte Deine sein) und es läuft David Bowies “Heroes” im Radio. Sie erkennen den Song nicht, doch das spielt keine Rolle. Es fühlt sich richtig an. Sam begibt sich auf die Ladefläche, breitet ihre Arme auf und genießt den Fahrtwind und die Musik, kurz: den Moment. Sam, träumerisch und verliebt, himmelt sie an, bis er realisiert: Alles passt, trotz meiner Probleme. Es sind diese magischen Momente im Leben in denen wir alles vergessen und sich alles gut anfühlt. Als ob uns nichts etwas anhaben könnte und wir niemals sterben. Wir fühlen uns unendlich. Wofür Chbosky in seinem Roman Seiten braucht, schafft er hier visuell und musikalisch untermalt in wenigen Sekunden.

‘The Perks of Being a Wallflower’ ist ein Roman, der von seinen Figuren lebt und daher war das Casting ein essentieller Teil auf dem Weg zur erfolgreichen Adaption. Wenn jemand die Figuren besser kennt als jeder andere, dann Chbosky, der ein glückliches Händchen bei seiner Auswahl besaß. Logan Lerman zeigt die ganze Breite seines Talents und empfiehlt sich mit dieser Rolle auch für weitere Dramen abseits seines bisherigen Spektrums mit einer Performance, die die zaghafte Unsicherheit, beginnende Freude und dennoch tiefe Traurigkeit seines Charakters zu zeigen und kontrollieren weiß. Ezra Miller überrascht nach der kongenialen Rolle als amoklaufender Teenager in ‘We Need To Speak About Kevin’ mit seinem überschwänglich sympathischen Patrick und Emma Watson macht in einer reifen Darstellung der Sam, soviel wie ihr Manic Pixie Dream Girl hergibt.

Chboskys Regiearbeit ist nicht phänomenal. Trotzdem liefert er eine solide Arbeit ohne große Überraschungen und Firlefanz ab, die insbesondere dank Andrew Dunns Photographie im Gedächtnis bleibt; fängt sie doch visuell dank Grobkörnigkeit und leichten Farben einen gewissen unverwechselbaren Look der frühen 1990er ein. Viel mehr Lob gebührt Chboskys Vermögen mehrere Fäden der Geschichte wesentlich besser über die Laufzeit des Films anzudeuten und langsam zu verbinden und in Sequenzen vor allem musikalisch zu untermalen. Hier sind die Szenen zu finden, in der der Film über seine Vorlage dank des Mediums hinauswächst.

Jeder hat seine Geheimnisse und Probleme. Charlies Probleme sind größer als die der meisten Teenager. Ebenso wie die der anderen Figuren. Ein angelsächsischer Kritiker bemängelte, dass der Film suggeriert, nur wer misshandelt, gemobbt oder verprügelt wird, eine richtige oder intensive Jugenderfahrung hat. Das ist natürlich Quatsch. Der Film erzählt eine Geschichte und so krass die Probleme der Figuren auch sein mögen, man fühlt mich ihnen.

‘The Perks of Being a Wallflower’ ist eine liebevolle Adaption eines modernen Klassikers. Die Geschichte, ihre Figuren und deren Probleme sind zeitlos. Die schwierige Adaption des Briefromans klappt dank Regisseur, Cast und Soundtrack.

Joseph Gordon-Levitt spielt den Jurastudenten Wilee, der das schnelle Leben als Fahrradkurier zu sehr liebt um sich um seine Abschlussprüfung zu kümmern. Als ihm eine heiße Ladung unterkommt, für der spielsüchtige und manische Polizeikommissar Monday (Michael Shannon) bereit ist zu töten, entfacht eine rasante Verfolgungsjagd durch Manhattan.

Gordon-Levitt ist sympathisch und trägt den Film, Michael Shannon channelt seinen korrupten Cop aus Boardwalk Empire perfekt und David Koepps Aufnahmen vom urbanen Manhattan sprießen nur so vor kinetischer Energie. Die Stuntaufnahmen mit echten Fahrradprofis sind atemberaubend und auch der Hauptdarsteller musste nach einem Unfall mit 30 Stichen genäht werden. Besonders herausstechend sind die Szenen, in denen Wilee einem Objekt ausweichen muss und er blitzschnell mehrere mögliche Pfade erkennt und sie im Kopf, für uns aber visuell, durchspielt.

Drehbuchautor Koepp hat mit seinem Regiedebut definitives Talent hinter der Kamera bewiesen, doch seine sonstigen Geschichten sind packender und dichter. Premium Rushs seichte Story ist zwar erfrischend kurz und bündig im überfüllten und komplizierten Sequelkinosommer, aber streckenweise zu dünn und einfach um völlig zu überzeugen.

Rating: ★★★½☆

Das indirekte Sequel zu 2 Days in Paris. Delpy ist mit ihrem Vater zurück, der dieses Mal zu ihr nach New York kommt – samt ihrer Schwester und Chaosfreund. Kulturchaos ohne Ende. Der Vater versucht kiloweise Wurst und Käse durch den Zoll zu schmuggeln und weigert sich dann zu duschen. Urkomisch.

Doch nicht alles bleibt beim Alten: Delpys Charakter ist inzwischen mit Chris Rock zusammen, der überraschenderweise überzeugt, und das in einer eher seriöseren Rolle. Während alle anderen Charaktere Stereotypen und Vorurteile überspitzt ausspielen, ist Rock auffällig ruhig und zeigt andere, ungewohnte Seiten auf.

Wer auf Feel-Good-Filme, am besten noch aus Frankreich und mit Alles-ist-und-wird-gut-Voice-Over am Ende, steht, wird hier vollends befriedigt. Der Rest kann den Film gerne für ein Date aufheben, bei dem der Film nicht im Vordergrund steht.

Rating: ★★★☆☆

Ja, große Lücke hatte ich das als Blogger, Netzfreund und Filmefan, aber sie wurde geschlossen. Pirates of Silicon Valley ist ein Made-for-TV-Film vom Amisender TNT und das sieht man dem Film kontinuierlich an. Aber das heißt nichts Schlimmes. Seine eher mäßige, visuelle Qualität fügt dem ohnehin schlecht gealterten Film eine gewisse Retroqualität hinzu, die sich positiv auf die gesamte Geschichte um Gates und Jobs auswirkt.

Noah Wyle verkörpert Steve Jobs so gut, dass der ihn später einmal bei einer Keynote noch einmal seine Rolle aufleben ließ. Die restlichen Darstellungen sind leider nur Karikaturen ihrer Vorbilder; insbesondere Michael Anthony Hall als nerdiger Bill Gates gefiel mir überhaupt nicht. Die Geschichte ist nett, wenn auch nicht detailliert genug um die wahren Begebenheiten aufzuzeigen. Der metadokumentarische Ansatz gefiel aber sehr.

Rating: ★★★½☆

Brave war zwar in keiner Weise ein Make-or-Break-Moment für Pixar, aber man war schon gespannt, wie Pixar sich nach dem Totalausfall namens Cars 2 zurückmelden würde. Leider ist Brave keiner der originalen und frischen Hits, mit denen Pixar uns seit Mitte der Neunziger in andere Welten versetzte und träumen ließ, sondern eine bereits oftmals rezitierte Disney-Story, die einer Prinzessin auf dem Weg zu wahrer Erkenntnis folgt. Die Animation ist pixarüblich atemberaubend, insbesondere Meridas Haare, für die ein komplett neues Programm geschaffen wurde, stehlen die Show. Doch die Charaktere und Geschichte sind zu flach, einiges wird nicht mehr aufgegriffen und andere Ideen finde ich teilweise zu krass.

Alleinstehend ist Brave sicherlich ein solider Animationsfilm für Kinder. Im Kontext seiner Macher jedoch kann er nicht an die Magie früherer Werke anschließen. Die Einführung einer weiblichen Protagonistin ist nett, aber sie bleibt in der Geschichtsstruktur der archaischen Disney-Tradition gefangen.

Rating: ★★½☆☆

© AMC

“Only one way to keep you alive.”

Ein ziemlich passendes Zitat am Ende der Folge, als Rick Hershel etwas Schreckliches antut um ihn zu retten. Denn auch die Serie selbst war nach einer eher miesen ersten und überaus durchwachsenen zweiten Staffel in bitterer Not für einen Neustart. Am besten tut man das in einer Serie dieser Art, indem man die Szenerie wechselt, den Cast durchschüttelt und eventuell sogar einen Zeitsprung macht. The Walking Dead macht all das – und es funktioniert.

Die Episode eröffnet mit einem “Cold Opening“, in dem keiner unserer Helden auch nur ein Wort verliert. Gemäß dem Drehbuchgesetz “Show, don’t tell” sehen wir anhand Loris Schwangerschaft und Carls Alter, dass etwas Zeit vergangen ist (guter Versuch Chandler Riggs in der Serie zu behalten; fragt sich nur wie lange das noch gehen wird…). Acht Monate insgesamt. Die Gruppe hat einen harten Winter hinter sich, Charaktere haben sich weiterentwickelt und all diese wahrscheinlich anstrengenden Entwicklungen bleiben uns erspart. Wir wissen nur schnell: Unsere Helden sind müde, kaputt und hungrig.

Als die Gruppe zu Beginn auf der Flucht vor freilaufenden Horden und auf der Suche nach Essen in ein Landhaus einbricht, tötet Carl ohne zu zögern einen Walker. Auch Lori hat sich gewandelt. Sie hat mehr Verständnis für Rick und fürchtet inzwischen um ihr Leben: Was wäre, wenn sie eine Totgeburt hat und das Baby sie von innen auffrisst? Als Zuschauer erfährt man Sympathie für Lori; ein neues Gefühl. Man hat hier für einen großen Teil einen notwendigen Reset-Button gedrückt. Hoffentlich bleibt das alles so, wenn wir die Gefängnissoap kriegen, die uns wohl oder übel bevorsteht.

Denn dort geht es hin. Als Rick über das Gefängnis stolpert, ist das alles nicht so theatralisch und groß wie im Comic, aber hey, ich beschwer mich nicht. Was folgt ist das größte und over-the-topste Zombie-Gemetzel, das die Serie bis jetzt gesehen hat und auch in cineastischer Hinsicht keine direkte Vergleiche finden wird, als die Gruppe um Rick mit nichts als Messern und Stangen bewaffnet im Nahkampf das Gefängnis Stück für Stück erobert.

© AMC

Natürlich kann die Folge nicht komplett perfekt enden, vorher muss noch etwas Dummes passieren: Hershel läuft über einen Zombie, der scheinbar tot gegen Wand sitzt, und wird von eben diesem gebissen. Rick hackt ihm daraufhin das Bein ab – um ihn zu retten – und wir kriegen unseren Cliffhanger: Die schockierten Gesichter der Gefängnisinsassen, die im Comic eine zentrale Rolle in den ersten Ausgaben im Gefängnis spielen. Auf den ersten Blick konnte ich hier mal keine bekannten Gesichter (außer vielleicht Dexter) erkennen.

Das mit Hershel ist doof. Es nervt. Selbst wenn man davon ausgeht, dass der Zombie tot ist, steigt man nicht einfach über ihn. Zugegeben, es war dunkel und vielleicht ist das unsere erste Einführung in die Unterscheidung zwischen Walker und Lurker, aber es bleibt dabei: Hershel ist ein fantastischer Charakter und ihn so gehen zu sehen (sofern die Storyline dem Comic-Charakter Allen folgen wird, den die Serie ausgelassen hat) schmerzt einfach. Die Stelle mit ihm, seinem Sohn und dem Governor ist eine meiner Lieblingsszenen im Comic. Beth hätte hier gut funktioniert. Aber soviel zu meinem Comicnerdrage.

Die Folge ist gut. Hershel spricht davon, dass er im Feld vor dem Gefängnis Gemüse anpflanzen könnte. Passend zu meiner Hoffnung trägt die Episode den Titel “Seed”, zu deutsch Samen. Es ist eine vage, unsichere Hoffnung, die ähnlich wie das Samenkorn wachsen kann, wenn man sie pflegt und züchtet. Man hat mit der Folge einen guten Grundstein gelegt; es bleibt abzuwarten, ob man das hohe Niveau auch mal, außer in Piloten und Staffelfinalen, in normalen Episoden vorfinden kann.

Regie: Marcus H. Rosenmüller
Label: 20th Century Fox
Land/Herstellungsjahr: Deutschland 2011
Laufzeit: ca. 105 Min.
FSK: 12
Extras: Audiokommentar, Kinotrailer, Hochdeutsche Untertitel
Film-Rating: ★★½☆☆
DVD-Rating: ★★★☆☆

Die Berlinerin Amrita zieht mit ihrer Kommune und ihrer zwölfjährigen Tochter Lili sowie ihrem Sohn Fabian von Kreuzberg auf einen geerbten Hof in Bayern um dort ein Therapiezentrum zu gründen. Weil Bayern 1980 noch erheblich konservativer war als heute, ergibt sich natürlich der Kulturkampf schlechthin. Die Hippies werden dank Mantas im Garten, orangenen Gewändern und freier Liebe von den Nachbarn naserümpfend beobachtet und sogar als Terroristen gehandelt.

Unter alledem leidet am meisten Tochter Lili, die keinen wirklichen Anschluss in der Schule finden kann. Insgeheim wünscht sie sich eigentlich ein ganz normales Familieneben wie das der anderen Kinder in ihrer Klasse. Wie bereits in seinem Erfolgsfilm „Wer früher stirbt, ist länger tot“ schaut sich der bayrische Regisseur Marcus H. Rosenmüller seine Heimat durch die Augen eines Kindes an und findet dabei interessante Aspekte. Die Demaskierung, wenn sie denn nach der Abhandlung jeglichen erdenklichen Hippie-Klischees passiert, ist zwar ehrlich, aber nicht tiefgehend genug um zu befriedigen.

Denn das Drehbuch weiß nie genau, was es denn sein will: Komödie oder Drama? Stellvertretend für diese Diskrepanz wäre die Eskalation des Konfliktes auf dem Dorffest zu nennen, an dessen Ende sich das ganze Dorf mit den Hippies einen ulkigen Kampf liefert, nach dem nichts passiert. Es gibt keine Konsequenzen. „Sommer in Orange“ ist dennoch ein unterhaltsamer Film, inklusive lustigen Figuren, guten Dialogen und einer guten Prise Humor.

Regie: Tim Boxell
Label: Imperial Pictures/KNM Home Entertainment
Land/Herstellungsjahr: Neuseeland 1997
Laufzeit: ca. 90 Min.
FSK: 16
Extras: Trailer
Film-Rating: ★☆☆☆☆
DVD-Rating: ★☆☆☆☆

Amy zieht zurück in die heruntergekommene Blockhütte, in der sie aufgewachsen ist. Dort will nichts funktionieren und dazu plagt sie noch eine Ratteninvasion. Auf dem Weg nach Hause bleibt auch noch ihr Auto liegen. Zum Glück trifft sie den jungen Biologen Marshall von der Universität in Minnesota, der sie nach Hause fahren kann. Marshall forscht in der Gegend, da alle Tiere und Insekten verschwunden sind. Daheim angekommen müssen die beiden feststellen, dass das Haus nicht von Ratten, sondern mutierenden Echsen befallen ist, die besonders hungrig auf Menschfleisch sind und sich rapide an die Tötungsversuche genetisch anpassen können.

„Echsenjagd“ ist eine neuseeländische Low-Budget-Horror-Produktion aus dem Jahr 1997, die jetzt in Deutschland veröffentlicht wird. Das liest sich nicht nur so, sondern sieht auch so aus. Regisseur Tim Boxell hat nicht ohne Grund nie wieder etwas von Wert gemacht, genau wie seine Drehbuchautoren. Die hier dargestellten Personen als eindimensional zu bezeichnen, wäre eine Beleidigung für die Brillanz der Charaktere aus „Transformers“.

Die Dialoge sind oberpeinlich, ebenso wie die Geschichte, in deren Tiefgang nicht einmal die kleinen, titelgebenden Echsen ertrinken könnten. Dabei sehen die mutierenden Echsen für das geringe Budget noch ganz manierlich aus und die Spezial-Effekte sind effektiv und ekelig. Aber leider ist hier alles andere so schlecht, dass es schlecht bleibt und nicht wieder lustig wird. Dafür fehlt dem Film einfach der gewisse Charme. „Echsenjagd“ ist todlangweilig, staubtrocken und kein Trash, sondern purer Schrott.

Regie: Fred Cavayé
Label: Koch Media
Land/Herstellungsjahr: Frankreich 2010
Laufzeit: ca. 84 Min.
FSK: 16
Extras: Making of, Trailer
Film-Rating: ★★★★☆
DVD-Rating: ★★★☆☆

Samuel ist ein netter Durchschnittstyp. Er arbeitet als angehender Pfleger im Krankenhaus, kümmert sich gut um seine hochschwangere Frau und hilft alten Frauen über die Straße. Man mag ihn sofort. Als er eines Nachts seinem Patienten Hugo das Leben rettet, erfährt seine Routine eine dramatische Wendung: Ein Einbrecher schlägt ihn bewusstlos und entführt seine Frau.

Um sie zu retten, muss er Hugo aus dem Krankenhaus schmuggeln. Der ist nämlich Herzstück eines Verschwörungskomplotts und soll eliminiert werden. Eine rasante Verfolgungsjagd durch die dunklen Straßen von Paris entbrennt. Fred Cavayé hat sich als einer der vielversprechendsten Regisseure des französischen Films in den letzten Jahren hervorgetan. Nach seinem gefeierten Thriller „Pour Elle“ („Ohne Schuld“, 2011 von Paul Haggis als „72 Stunden“ neu verfilmt) schafft er es, sich in seinem neuesten Werk selbst zu übertrumpfen.

Dabei verspricht „Point Blank“ nicht mehr zu sein als er ist, hält aber verbissen zu seinem Wort und lässt den Zuschauer über die gesamte Laufzeit von 84 Minuten nur kurz aufatmen, bevor er erneut in eine fantastische Verfolgungsszene nach der anderen geworfen wird. „Point Blank“ ist ein französischer Thriller der neuen Schule mit Noir-Elementen, guten Schauspielern und einer typischen, aber einnehmenden Geschichte, die sich locker gegen Produktionen aus Hollywood behaupten kann und keinerlei Remake bedarf.
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Diese Reviews erschienen zuvor in der Multi-Mania, in die ihr alle mal reinschauen solltet.

‘The Take’ Review

15 Sep, 2012 · Sascha · Film,Review · 0 comments

Regie: David Drury
Label: Koch Media
Land/Herstellungsjahr: Großbritannien 2009
Laufzeit: ca. 176 Min.
FSK: 16
Extras: Keine
Film-Rating: ★★★★☆
DVD-Rating: ★☆☆☆☆

England 1984 – Freddie, grandios verkörpert vom Szenendieb Tom Hardy, wird vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen. Er kehrt zurück zu seinem Cousin Jimmy, seiner Familie und seiner anderen Familie, der Mafia, deren Kopf Ozzy vom Knast aus die Geschäfte regelt. Während Cousin Jimmy anfangs ein besonnener, kluger Kopf ist, verliert sich Psychopath Freddie immer wieder in Gewaltausbrüchen, worunter das Geschäft und seine Familie leiden. Über ein Jahrzehnt hinweg erzählt „The Take“ den Aufstieg der zwei ungleichen Kriminellen im englischen Untergrund. Mit Erfolg, Geld und Frauen kommen Eifersucht, Neid und Rache ins Spiel, an dessen Ende nur einer als Sieger hervorgehen kann.

Eine eigentlich vierteilige Mini-Serie in Deutschland als fast dreistündigen Film zu veröffentlichen, entzieht sich meinem Verständnis. Darunter leidet das Pacing. Jede der vier Episoden hat nämlich spürbar ihren eigenen Arc und ihr eigenes Tempo und belichtet unterschiedliche Aspekte und Facetten der Geschichte. Bild- und tontechnisch ist „The Take” makellos, David Drury erzählt einen intensiven Krimi um Drogen, Sex und eine Menge Geld, in deren Zentrum stets die zwei Hauptcharaktere stehen. Vergleiche mit der Charakterdynamik in „Goodfellas“ und Beschreibungen als „Der englisch Pate“ sind nicht unberechtigt. Gerade deshalb ist es schade, dass die Veröffentlichung so lieblos daherkommt. Dennoch bleibt „The Take“ Fans des Genres empfehlenswert, insbesondere in seinem Originalton.