PewCast 176: The Last Of Us – Staffel 2
PewCast 170: 28 Years Later
PewCast 167: Andor – 1 BBY

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Nicht jede Woche kann ein Highlight sein, doch die Qualität sinkt nur leicht ab. In der neuen Episode, die in ihren Motiven und Charakterzeichnung an LOST erinnert, zieht The Leftovers das Tempo an und schafft es alle Handlungsstränge voranzutreiben und zu verbinden. Sogar eine übergeordnete Lösung könnte sich anbahnen – gibt es doch eine Erklärung für all die Vorgänge?
Nach der erneut großartig inszenierten Folge um Nora Durst war abzusehen, dass sich mit der Rückkehr zum Figurenmosaik in Mapleton ein Qualitätsabriss bemerkbar machen würde, ähnlich wie nach der Folge um Noras Bruder Matt. Ich bin mir nicht unbedingt sicher, inwieweit dies wirklich zutrifft. Mit Sicherheit sinkt die atmosphärische Dichte an Emotionalität und Intensität mit dem Wegfall der Fokussierung auf eine einzelne Person, aber die etablierten Figuren profitieren ebenso von ihrer Einbindung in das Gesamtgefüge. Gleichzeitig zieht The Leftovers in Solace for Tired Feet das Erzähltempo an und führt sämtliche Handlungsstränge weiter. Das Gesamtbild profitiert von der Weiterführung bestehender Handlungsstränge und zusätzlicher Exposition und lässt ein Mosaik entstehen, das – geschmückt mit detailreichen Ablenkungsmanövern und Hinweisen – langsam Sinn ergibt. Zusätzlich zu der dichten Atmosphäre erhalten wir als Zuschauer auch endlich eine Vorahnung, wohin diese Staffel führen könnte.
Doch zuvor müssen wir uns mit den Teenagern abgeben. Lindelof und seine Co-Autoren haben bei der Charakterisierung dieser Figuren und dem Einfluss des Departures auf die Jugendkultur zu dick aufgetragen, während stets präsente Figuren wie die Zwillinge zu sehr ignoriert wurden, als dass diese Szenen auf dem gleichen Niveau mit dem Rest der Serie zu bemessen sind. Trotzdem kann dieser Prolog überzeugen. Als Mutprobe für die Teenies dient ein Kühlschrank im Wald, in dem angeblich ein Mobbing-Opfer bei einem Missbrauch am 14. Oktober verschwand. Es ist eine kleine, urbane Legende, die durchaus authentisch wirkt und sich bei Jugendlichen rumsprechen könnte. Auch Jill (Margaret Qualley) läuft Gefahr dort ihr Leben zu verlieren, als sie bei ihrer Mutprobe droht, im Kühlschrank zu ersticken, nur um dann zu ihrer und unserer Überraschung von ihrem Großvater (Scott Glenn) gerettet zu werden.
The Leftovers vollzieht seine Narrative in episodischer Natur. Alle Folgen sind in sich abgeschlossen und finden Wochen oder manchmal Monate nach den Ereignissen der letzten Episode statt. Diese Struktur funktioniert wunderbar in den Episoden, in denen alles Nebensächliche auf einen Cameo reduziert wird und der Zuschauer einer Person und ihrem Umgang mit dieser Welt folgt. Problematisch wird dies jedoch bei eher lose definierten und bewusst mysteriös gehaltenen Handlungssträngen wie dem um Wayne und Thomas. Man fühlt sich immer nur als Besucher in diesen Szenen und der Elan fehlt deutlich. Dies untergräbt direkt die Dringlichkeit gewisser Storylines. Weiterhin werden andere Punkte nur noch später in Dialogen kurz erwähnt, wie z.B. der Einbruch der GR (“Guilty Remnant”) zu Weihnachten. Andererseits profitiert die Serie von den Sprüngen, indem sehr viel bereits als gesetzt vorgegeben wird und die Welt lebendiger wirkt. Diese Figuren besitzen ein eigenständiges Leben und existieren fernab unserer Beobachtung. So hatten Nora und Kevin bereits mehrere Dates, doch erst als ihre Beziehung in die wichtigen zwischenmenschlichen Territorien abdriftet („I don’t know how to talk to you yet.“), steigen wir bei ihnen ein.
Doch viel Zeit bleibt Kevin in dieser Folge ohnehin nicht für Nora (Carrie Coon). Ihr erster Versuch sich auch körperlich näher zu kommen wird von den GR ruiniert. Nora kann zumindest ein wenig Rache ausüben, in dem sie Meg und ihrer Begleiterin eine kalte Dusche mit dem Gartenschlauch verpasst. Noras trockener Humor und direkter, stolzer Umgang mit ihrer Umwelt tut der Serie wahrhaftig gut. Später bleibt Kevin dann keine Zeit mehr, denn sein Vater ist aus der Anstalt entflohen. Ein kurzer Besuch bei der Bürgermeisterin vermittelt am Rande, dass auch ihre Beziehung mit dem ehemaligen Polizeichef vorüber ist. Doch wichtiger: Der Vater sucht seinen Sohn. Nicht nur die früheren Delikte von Großvater Garvey offenbaren die Dringlichkeit seiner Festnahme, sondern auch seine gewalttätigen Übergriffe auf einen ehemaligen Mitarbeiter und Randale in der örtlichen Bibliothek verdeutlichen den tiefen, mentalen Fall des schizophrenen Patienten.
Als Kulisse dieser tragenden Haupthandlung dient ein stiller Kampf der örtlichen Christen um Pfarrer Matt Jamison und Pattis Guilty Remnant. Die Gläubigen pflastern die Stadt nämlich mit großen Plakaten voll, auf denen Gladys mit der großen Aufschrift “Save Them” zu sehen ist. Später in der Folge rennen wir mit Chief Garvey einen Protest der GR. Diese haben, wie im Prolog zu sehen war, die Plakate von Wänden und Gemäuer entfernt und mit der Addition “Don’t” versehen. Dieser Konflikt findet sicherlich, wie an der Infrastruktur in Jamisons Haus zu sehen ist, bereits länger statt. Es ist ungemein erfreulich, dass sich die Serie nicht von Woche zu Woche an den gleichen Themen und Konfliktlinien abarbeitet, diese jedoch für den Zuschauer im Hintergrund sichtbar weiter schwelen lässt.
Verlockende Wahnvorstellungen
Nach einigen Verfolgungsjagden treffen sich Kevin Jr. und sein Vater, der zwischenzeitlich bei Pfarrer Matt (Christopher Eccleston) Unterschlupf fand, in einem Diner. Dort offenbart der Vater dem Sohn, dass die Stimmen ihm befohlen haben, seinem Sohn die Mai-Ausgabe des National Geographic Magazins aus dem Jahr 1972 zu schenken – und es ist wichtig, dass Kevin dieses Geschenk und seine neue Rolle in der Nachwelt akzeptiert. Das Magazin ist eine echte Goldgrube an Hinweisen und Anspielungen nach bester Lost -Manier und dabei die Unterwasserspinnen von Christine und eine verschwundene Zivilisation anmerkt. Aber nicht nur das Magazin wirkt wie von der Insel, auch Kevin Garvey Jr. ähnelt immer mehr seinem Vorgänger, dem Lost-Protagonisten und Insel-Arzt Jack Shephard. Kaputte Ehe, Vaterkomplexe, Alkoholmissbrauch, der Wunsch anderen helfen zu können und das Versagen der eigenen Psyche – die Liste ist lang. Justin Theroux’ Spiel kennzeichnet Kevin jedoch als verschiedenartige Figur und seine Träume sind ein Thema für sich.
Diese geben nämlich tiefen Einblick in den beginnenden Verfall seiner Psyche. Garveys Träume sind ein durchgängiges Motiv der Serie und Lindelof sowie seine Regisseuren haben offensichtlichen Spaß bei der Inszenierung, doch Mimi Leders Interpretation ist dieses Mal ein wahres Assoziationsfeuerwerk aus AFTEC, GR und Kevins Sohn. Ein Hund scheint ihn zu beißen, doch dann wacht er auf und die Wunde deutet eindeutig auf menschliche Bissspuren hin. Aimee scheint zu wissen, was wirklich mit ihm passiert ist – doch noch will Kevin nicht wissen, was genau stattfand.
Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Auch Thomas weiß nicht so wirklich, wie ihm geschieht. Er befindet sich mit der hoch schwangeren Christine gerade in Gary, Indiana. Dort erhascht er einen Blick von sich im Spiegel, offensichtlich ohne Ahnung, was genau er hier macht und wie er dort hingekommen ist. Immerhin kontaktiert Wayne ihn endlich wieder. Dieser ist nicht mehr in einem New Yorker Apartment wiederzufinden, sondern sichtlich am Ende seiner psychischen und körperlichen Kräfte irgendwo in einem Keller. Er bittet Tommy um die Lieferung von Geld. Tommy wird misstrauisch und verfolgt die Spur. Er landet in einem dreckigen Motel und findet sich in einem Netz aus Waynes Lügen wieder: Ein weiterer Typ kümmert sich um eine weitere schwangere Asiatin. Auch sie soll „die Eine“ sein und die „Brücke“ (eine weitere Anspielung auf die Möglichkeit des Kontakts) in sich tragen.
Es ergeben sich in dieser Folge ein paar nette visuelle und narrative Parallelen zwischen Vater und Sohn. Da wäre einmal der Briefkasten und dann das Handy, das beide zerstören. Beide werden an der Hand verletzt und stürmen in ein Zimmer, wo sie nach jemandem suchen, der nicht da ist. Beide finden sich enttäuscht von ihren Vaterfiguren hilflos und alleine in ihrem Schlamassel wieder. Vielleicht macht eine dieser Parallelen bald einen Knick, sodass sich die Beiden wieder treffen können. Tommy hat Waynes Lügen satt und fühlt sich bestätigt: Christine gebärt nämlich ein Mädchen. Dennoch bleibt diese Storyline trotz beeindruckender und einnehmender Darbietungen am schwammigsten. Basierend auf den bisherigen Entwicklungen dürfte es aber als sicher gelten, dass auch Waynes Geschichte durch eine besondere Betrachtung an Gewicht zunehmen dürfte. Die bewusst gewählte narrative Struktur steht dieser Gewichtszunahme nur leider im Weg und die Aufschiebung der Auflösung wirkt mit fortschreitender Laufzeit frustrierend.
Und genau deshalb ist The Leftovers wohl so faszinierend. Lindelof und Buchautor Perrotta wurden vor dem Start der Serie nicht müde zu betonen, dass der Zuschauer sich keine Hoffnungen machen braucht, dass das zentrale Mysterium gelüftet werden wird. Und soweit funktioniert die Serie auch ohne diese Hoffnung. Selbst wenn sie wie letzte Woche kaum ins Übernatürliche abdriftet, ist die Atmosphäre und Inszenierung dieser Realität mit ihren Figuren so interessant, dass man keine Auflösung braucht. Doch Lindelof kann es wohl nicht lassen oder will bewusst seine Zuschauer ablenken, denn er streut hier und da mit zielgenauen Hinweisen Hoffnung.
Ein Blick auf Chief Garvey (Justin Theroux) genügt, um dies zu verdeutlichen. Sein Vater ist schizophren und auch er bemerkt Anzeichen für einen beginnenden Realitätsverlust. Er kann sich am Ende eines langen Tages in den Armen einer Frau wieder orientieren und Halt finden, doch das Problem bleibt bestehen. Er konfrontiert es nun aber frontal, nicht mehr mit medizinischen Auswegen, die in der Toilette landen. Er nimmt diese Gefahren endlich wahr und will sie kontrollieren. Lindelof erzählt dieses knallharte Psychodrama (ähnlich wie Jeff Nichols’ in Take Shelter – Ein Sturm zieht auf) in einem übernatürlichen Kontext und verleiht Kevins Geschichte daher eine zusätzliche Ebene. Und durch den 14. Oktober könnte ja doch etwas an der Geschichte seines Vaters dran sein. Als Zuschauer kann man diesen Glauben aus der Verzweiflung gut nachempfinden. Großvater Garvey ist eine labile Person, die bereit ist, auf ihrer Mission andere zu verletzten und erscheint offensichtlich geisteskrank. Doch der Zuschauer – zumindest plagt mich diese Stimmung immer mal wieder – will in seiner misslichen und verzweifelten Lage Antworten, egal wie verrückt sie klingen – weil sie ja doch stimmen könnten! Wie ich vor einigen Wochen bereits erwähnte, scheint Lindelof durchaus neben seiner eigentlichen Geschichte an eine Metadebatte über seinen Erzählstil interessiert zu sein. Ich bin gespannt, wohin dies führt. Allzu viele Hoffnungen sollten wir uns jedoch nicht machen – der Serie schadet dies nicht.
Zitat der Folge: “going to have sex w/ Nora for the 1st time, A little nervous, wish me luck, Smiley face w/ a wink”
Zitat der Folge: „Context is everything, son.“

Man hat das wohl vielleicht bereits seit dem ersten Trailer mit James Blacks “Retrograde” erwarten können, doch die großartige musikalische Auswahl in Damon Lindelofs The Leftovers überrascht von Woche zu Woche. Nicht nur Max Richters Score überzeugt mit Variationen seiner bisherigen Werke, sondern auch die punktuelle Songauswahl an bestimmten Momenten, um entweder eine Emotion oder sogar durch die Lyrics Botschaften für die stummen Mitglieder des Guilty Remnant zu übermitteln, kann überzeugen. Hier die gesamte Spotify-Playlist.

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Wie in Noras Fragebogen ergibt sich auch nun bei den Episoden ein Muster: Sobald sich The Leftovers auf das Schicksal einer einzelnen Figur konzentriert, ist das Endergebnis eine faszinierende, mitreißende und außerordentlich produzierte Glanzleistung, die das Potential dieser Ausnahmeserie verdeutlicht.
Wir Menschen sind gut darin, die Realität zu leugnen. Wir entwickeln ausgefeilte Systeme, Parallelwelten und Mechanismen, die unsere Tagesabläufe bestimmen. Wir geben uns ihnen freiwillig hin, um der schmerzenden Wahrheit zu entkommen. Die Wahrheit in The Leftovers ist, dass vor etwas mehr als drei Jahren zwei Prozent der Menschen ohne Erklärung verschwand. Das Ereignis ist nicht zu erklären. Wie gehen wir damit auf der individuellen und der gesellschaftlichen Ebene um? Und rechtlich gesehen, erinnert uns ein betrunkener Partylöwe inmitten der Folge, werden die verschwundenen Personen gar nicht als tot anerkannt. Sie sind einfach weg. Wie soll man damit umgehen? Alte Systeme fallen in sich zusammen, neue entstehen.
Nora Durst war bislang nur eine Randfigur in der Figurenkonstellation Mapletons. Dabei vereint sie die thematische Spannung aus Trauer und Schuld sowie das Spannungsverhältnis aus Individuum und Staat wie kein anderer Charakter der Serie. Ihre gesamte Familie, bestehend aus Ehemann und zwei Kindern, verschwand am 14. Oktober. Auf der einen Seite plagt sie eine tiefe Trauer. Sie will und kann all dies überhaupt nicht wahrhaben. Daher geht sie immer noch für die gesamte Familie einkaufen. Ungeöffnete Müslipackungen der Kinder werden mit neuen ersetzt. Die Kinderzimmer bleiben unberührt zurück, ein wahrhaftes Puzzle, das nur von den Verschwundenen wieder gelöst werden kann und bis zu ihrer Rückkehr verharren muss. Auf der anderen Seite aber treibt sie ein tiefe Schuld, dass gerade sie zurückgelassen wurde. Die Chance ist gering – 1 zu 128.000, wie sie später kühl bemerkt. Was hat sie falsch gemacht? Wieso ist sie noch hier? In der Figur der Nora Durst vereint sich die zentrale Thematik der Serie, weshalb es an der Zeit war, ihr mehr Raum zu schaffen.
Zu Beginn der Episode geht sie ihrem Alltag nach, zu dem ein Interview mit dem Ehemann eines Verschwundenen, aber auch das Stalking der Lehrerin gehört – der Lehrerin ihrer Kinder und der Affäre ihres Mannes. Könnten die Kinder sogar in ihrer Anwesenheit verschwunden sein? Ein ständiger Begleiter, eine Magnum in der Handtasche, deutet jedenfalls tiefergehende Rachefantasien an. Die Waffe dient aber auch einem weiteren Zweck. Gegen Abend bestellt sich Nora eine Prostituierte namens Angel (ha!), die sie mit der Waffe, unterlegt zu Slayers „Angel of Death“, anschießt. Nora verliert kurz das Bewusstsein, trägt jedoch eine schusssichere Weste und überdenkt die Tat. “Was ist Ihnen nur passiert?“, fragt gerade ausgerechnet die Prostituierte. Es geht ihr weniger um die womögliche Nahtoderfahrung. Die Kugel symboliert den Schlag, den ihr Leben erfahren hat. Sobald sie merkt, dass sie sich loslösen könnte, braucht sie ihre Dosis.
Danach führt uns Noras Beruf beim Department of Sudden Departures nach Manhattan (eine weitere 9/11-Referenz). Dort findet ein nationales Treffen der Regierungsbeamten und der Vertreter aus Religion und Wirtschaft zum 14. Oktober statt. Bereits die Ankunft gestaltet sich kurios und gespenstig. Vor dem Eingang belästigen Demonstranten alter und neuer Religionen vereint die Fachbesucher. Während ein Christ in der kunterbunten Menge das Verschwinden des Papstes als Verschwörungstheorie deklariert und direkt aus einem Monty Python-Sketch entsprungen sein könnte, wird die Situation schlagartig gefährlich, als ein Mann ihr eine Mk2-Handgranate in die Hand drückt und den Ring zieht. Nora ahnt im Gegensatz zum Zuschauer direkt, dass es sich hier um eine Attrappe handelt. Auf der Granate steht: „Any time now.“ – eine Erinnerung an die Worte von Chief Garvey aus dem Piloten, dass die gesamte Situation kurz davor ist zu explodieren.
Damit dies nicht passiert, hat sich ein durchdachtes und komplexes System aus der Regierung und der Wirtschaft gebildet. Nora trifft auf einer hemmungslosen Drogenparty („The FDA is gonna approve it next year“ – Gesellschaftskritik und ein Zeichen für die hoffnungslose Serienwelt in einem) nicht nur auf den Verkäufer von Loved Ones, der Firma hinter den lebensgetreuen Puppen, sondern wird auch mit der lächerlichen Farce ihres Berufs konfrontiert. Der Fragebogen kann und soll keine Ergebnisse liefern – er bringt Ruhe und eine Möglichkeit, mit dem 14. Oktober abzuschließen. Die Hinterbliebenen können sich von dem erhaltenen Geld über die nicht wirkenden Lebensversicherungen hinwegtrösten oder bei Loved Ones eine Beerdigung erkaufen. Das System funktioniert, alle gewinnen. Man kann weiterhin die Realität leugnen und versuchen, ein normales Leben zu führen, wie auch immer sich das gestalten mag. Doch will man das wirklich? Der Schmerz bleibt bestehen, die Figuren leiden weiter, es ist ein Teufelskreis aus Trauerphasen, dem niemand gänzlich entkommen kann.
Ähnlich wie Kevin Garvey gehen auch Nora Dursts Gegenstände verloren. Bereits nach sechs Folgen wirkt dieser Kniff der Autoren etwas abgedroschen. Die Tiefe fehlt, die Metapher ist zu lasch. Doch bei Nora handelt es sich nicht nur um eine kleine Randnotiz wie bei den verschwundenen Hemden aus der letzten Episode. Ihr verschwundener Ausweis dient als Basis für eine kleine Wendung später in der Folge mit einer Aktivistin, die sich auf das Treffen und die Podiumsdiskussion gemogelt hat. In einem starken Moment, der an einen entscheidenden Plot Point aus Contact erinnert, scheint Regisseur Carl Franklin die Zeit still stehen zu lassen. Die Aktivistin entpuppt sich jedoch als relativ harmlose Verschwörungsfanatikerin, die zwar die Theorie der unnützen Fragebögen und Verbrennungsanlagen (gesehen in Gladys) bestätigt, im nächsten Satz jedoch über Plasmawaffen des Mossads aus dem Jahre 2005 predigt und damit ihrer These jegliche Legitimität raubt.
Hug The Pain Away
Nora landet fertig mit der Welt an der Bar. Dort trifft sie auf Buchautor Patrick, der den Titel „What’s Next.“ geschrieben hat. Kein Fragezeichen. Er erzählt Nora von seiner Tochter, einer neuen Hoffnung und der Zukunft. Wenn The Leftovers bisher in seinen trostlosen Ausführungen über eine Gesellschaft, gefangen in Schockstarre, in einem Erfolg hatte, dann an dem Scheitern einzelner Figuren aufzuzeigen, dass niemand wirklich an etwas mehr glaubt, sich auf etwas freut oder hofft. Deshalb spricht Nora uns aus dem Herzen und explodiert: „Bullshit!“ Der Autor, ein “vierfacher Überlebender” (Legacy) muss lügen, er kann gar nicht so viele Personen verloren haben, wie er behauptet – sonst würde er sich doch wie sie fühlen. Nora findet in ihrer Trauer und Situation noch Stolz. Er ist ihr letzter Zufluchtsort. In einer der wenigen humorvollen Szenen der Serie bisher, die von dunklen Abgründen der menschlichen Natur geprägt ist, trinkt sie trotzig ihren Martini aus. Doch natürlich will Nora sich nicht so fühlen. Niemand will sich so fühlen. Weshalb sie auch auf das Angebot eines religiösen Fachbesuchers anspringt.
Die Folge gipfelt dann in einem Treffen mit Holy Wayne, der lebt (Wie lange, ist jedoch unsicher – er glaubt bald zu sterben) und sich in New York aufhält. Der Gang zu ihm gestaltet sich als letzter Ausweg für Nora. Franklin lässt seine Figur einen langen, dunklen Gang entlangschreiten, der mit seinem warmen Licht am Ende durchaus den oft beschriebenen Nahtoderfahrungen ähnelt. Am Ende scheint sogar eine verschwommene Figur zu warten. Doch entgegen der Vorstellung, dass einen Verwandte ins Nachleben aufnehmen, will Waynes Handlanger 1000 Dollar über PayPal für die Dienste des Heilers. Nora ist eine Skeptikerin, wie sie im Buche steht, doch auch sie ist an einen Punkt angelangt, wo sie einfach nicht mehr weiter kann. Auch wenn Wayne (Paterson Joseph) geradezu schmerzlich der Trope des “Magical Negro” entspricht, kann die Figur vor allem durch die empathische und eifrige Darbietung der emotionalen Intelligenz Waynes gerettet werden. Im Gegensatz zu vorherigen Folgen sucht man hier vergebens nach übernatürlichen Phänomenen oder Träumen. Stattdessen ist „Guest“ eine Folge, die uns mit der brutalen Härte und bisher nur erahnten Hoffnungslosigkeit mancher Figuren konfrontiert. In einer Szene, in der Schauspiel, Musik und Regie zu einer magischen und ergreifenden Sinfonie zusammenfinden, fühlt sich Nora endlich verstanden, kann wieder Hoffnung schöpfen und ihr altes Leben hinter sich lassen – die Karthasis als ultimatives Ziel? Durch das Loslassen der Vergangenheit projiziert sie auch ihr Unterbewusstsein nicht mehr länger auf ihre Interviewpartner. Frage 121, ob die Verschwundenen an einem bessern Ort seien, wird nach etlichen Fragebögen endlich verneint.
In „Guest“ liefert Carrie Coon ein prachtvolles Gegenstück zu ihrem Serienbruder Christopher Eccleston, dessen Matt die beiden Boote und sogar den Helikopter in der Hoffnung, doch noch von Gott persönlich gerettet zu werden, verweigerte. Nora weiß dagegen, dass sie nicht mehr so weitermachen kann. Sie nimmt jede Hilfe an. Sie versucht mit Kevin nach Miami zu fliegen, sie nimmt die Droge auf der Party an und der ultimative Perspektivenwechsel kommt mit Wayne. Carrie Coon trägt diese Folge mit Bravour. Die ehemalige Theaterschauspielerin konnte bereits in kurzen Auftritten in vorangegangen Folgen dem Paradebeispiel ihrer Rolle eine reale Note verpassen. Doch in ihrer Einzelfolge wird Nora mit all ihren wilden Seiten, ihrem Schmerz, ihrer Trauer und eigentümlichen Ritualen lebendig.
Ein besonderer Kritikpunkt, den man der Serie momentan durchaus vorhalten könnte, ist das Fehlen eines überhängenden, dominierenden Plots, der alles vereint. Doch das ist natürlich nicht nur auf einer thematischen Ebene durch die Symbolkraft dieses narrativen Kniffs zu erklären, sondern vor allem für den Zuschauer interessant, der oftmals von so komplizierten und übernatürlichen Vorfällen in ähnlichen Serien wie FlashForward oder The Event zu sehr eingenommen wurde. Als Folge wirkten die Figuren austauschbar und der sich immer windende und mit Twists vollgepackte Plot fungierte als einziger Reiz. Stattdessen ist The Leftovers die Antithese zu dieser Erzählweise. Hier wird kein überkomplizierter und allzu gefälliger Plot vorgegaukelt, sondern den Figuren Platz gegeben, um zu atmen und zu existieren. Es beschleicht einen das Gefühl, dass diese Welt lange vor dem 14. Oktober existiert hat, als ob diese Figuren tatsächlich existieren und real sein könnten. The Leftovers bietet jedoch nicht nur lebensechte Figuren und nachvollziehbare Emotionen, sondern eine glaubhafte und durchdachte Welt, die in Sachen Qualität und Detailreichtum ihresgleichen sucht. In einer Serie, die die globale Gesellschaft kollektiv den Existenzialismus hinterfragen lässt, ist dies unabdingbar.
Zitat der Folge: “They can lie all they want, North Korea lost people.”
Meta-Zitate der Folge: “Oh, fuck your daughter!”

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Halbzeit in Mapleton. Nach vier Folgen seelischer Tortur durch die Mitglieder der Guilty Remnant schlägt eine kleine Gruppe in der 5. Folge brutal zurück. Die Tat steht sinnbildlich für die Ausweitung des Sicherheitstaats und die Einschränkung der Religionsfreiheit. Der Alptraum der USA wird wahr.
Es war wohl überfällig. Spätestens nach den Einbrüchen und dem Raub persönlichster Photos durch die Mitglieder der Guilty Remnant, musste die Gruppe um Patti (Ann Dowd) mit ernsthaften Konsequenzen rechnen. Wie lange die Tat zurückliegt, wissen wir ebensowenig inwiefern die allgemeine Reaktion der Bewohner aussah. Am Rande der Bürgerversammlung bezüglich der Ausgangssperre wird die Aktion zwar kurz erwähnt, wahrscheinlich mangelte es aber schlicht an Beweisen. Doch der Mord an GR-Mitglied Gladys bleibt in seinem Maße beispiellos. Könnte sich jedoch dahinter mehr verstecken?
Die Episode, aus der Feder von Buchautor Tom Perrotta und Showrunner Damon Lindelof, beginnt nämlich mit einer Einstellung, die man durchaus unterschiedlich interpretieren kann. Lange, intensive Blicke ist der Zuschauer nach fünf Episoden von den in weiß gekleideten Kettenrauchern bereits gewohnt, doch zwischen Patti und Gladys scheint es hier in der Frühe ein stilles Einverständnis über eine schwierige oder womöglich schmerzvolle Tat zu geben, denn es ist ein intensiver Moment. Gladys hat nämlich Tränen in den Augen.
Doch bevor Gladys ihren finalen Moment erlebt, darf sie noch einmal symbolhaft vorführen, weshalb Mapleton über die Entstehung des örtlichen Kultes so verärgert ist. Zusammen mit ihrer Partnerin verfolgt sie auf ihrer täglichen Tour Einwohner, steigt spöttisch über einen gestürzten alten Mann hinweg und belästigt allgemein das Stadtbild mit ihrer Anwesenheit aus Rauch und einem undefinierbaren Weiß. Ihr Mord ist dahingegen geradezu humanisierend. Gladys wird in den Wald gezerrt, an einen Baum gebunden und zu Tode gesteinigt. Regisseurin Mimi Leder (Deep Impact) scheut nicht vor der brutalen Natur des Moments zurück und lässt die Mörder im Dunklen, während der Zuschauer mit jedem Steinwurf mitleidet. Und dann bricht Gladys, in ihren finalen Sekunden legt sie ihr Schweigegelübde ab und fleht um Gnade, die ihr nicht gewährt wird. Sie kümmert sich nicht um mehr um den Kult, sondern nur noch um sich selbst – Patti (Ann Dowd) mag richtig liegen, dass die Familie zerfällt, aber jeder ist sich selbst der Nächste.
Es ist durchaus möglich, dass es sich hier um eine Selbstinszenierung der GR handelt; dass Gladys freiwillig zur Märtyrerin wurde und dann unter Schmerzen zusammenbrach. Doch wie wahrscheinlich ist dies wirklich? Wir kennen Patti bisher nicht gut genug, doch ihre Manipulationen im Folgenden zeigen deutlich, wie raffiniert und geschickt die Anführerin vorgehen kann. Inwieweit der Mord die Sache der GR fördert, ist unklar. Doch die eigenen Reihen schließen sich. Ende der Episode kann Patti nicht nur Meg als volles Mitglied verbuchen, auch Laurie hat ihre Zweifel aus den letzten Folgen hinter sich gelassen und ersetzt Gladys als neue rechte Hand an Pattis Seite. Dies gelingt ihr durch einen raffinierten Kniff: Nachdem Laurie einen Nervenzusammenbruch erleidet, gönnt Patti ihr und sich selbst einen Tag des Ausgleichs im örtlichen Motel (grandios kommuniziert durch die Lyrics aus „Kiss On My List“ von Hall & Oates). Am Morgen ist Patti beim Frühstück (es gibt Reste – ha! – für einen „Neil“, handelt es sich um Pattis Sohn / Mann?) in Kleidung vorzufinden, sie ist kommunikativ und gut gelaunt. Es ist eine komplett neue Seite, die die Anführerin aber geschickt einsetzt. Es ist jedoch nur ein Spiel. Sie gibt vor, dass der Tag für die Beiden sei, wenn es in Wahrheit nur um den Fortbestand von Laurie in der GR geht. Diese ist im ersten Moment ebenso geschockt wie der Zuschauer, mag den Plan aber nicht durchblicken. Indem Patti Gladys’ Leidensweg (toter Sohn im Jemen, womit nun der Krieg dort bestätigt sein dürfte) offenbart wird, gibt die Anführerin klugen Einblick in die emotionale Realität der „schuldigen Überreste“, aber auch Richtung und Handlungsanweisungen vor. Gefühle und Zweifel sind vernichtende Feuer für das eigene Gewissen, weshalb man sie nicht zulassen darf.
Der Plan geht auf. Am Ende der Episode möchte Priester Matt Jamison (Christopher Eccleston) zusammen mit den Überresten seiner christlichen Gemeinde und den Mitgliedern der GR Gladys gedenken, was durch Laurie eindrucksvoll und geradezu beängstigend verneint wird. Max Richters Score ist hier wieder großartig eingesetzt und verleiht seinen durch sporadischen Einsatz jeder wichtigen Szene ein zusätzliches Gewicht.
9/11, Jesus und die GR
Jamison erzählte zuvor Kevin Garvey eine Bibelanekdote. Der Apostel Thomas soll Jesus mit etwas vergleichen. Später, darauf von den anderen Aposteln angesprochen, sagt er, dass sie ihm ohnehin nicht glauben werden. Deshalb sei es einfacher still zu bleiben, anstatt die Wahrheit zu sagen. Jamisons Geschichte beschreibt den Guilty Remnant besser als jede bisherige Szene. Für ihn sind diese Leute quasi tot, doch er will ihnen helfen, wieder das Leben zu entdecken – stattdessen hilft er den Zuschauern und gibt wahrscheinlich die beste Erklärung oder Parabel über die GR ab, die es bisher gibt. Ähnlich wie Jesus verkündet der neue Kult die Wahrheit, die nicht zu verdrängen ist. Am 14. Oktober verschwanden vor drei Jahren wahrhaftig 140 Millionen Menschen vom Erdboden ohne auch nur den Hauch einer Erklärung – das Leben kann nicht einfach weitergehen. Doch jeder Akt der Erinnerung ist auch gleichzeitig ein Affront für die Hinterbliebenen, der eine Reaktion hervorruft. Doch für Pattis GR ist es wohl zu einfach, schlicht still zu sein. Stattdessen will sie ihre Mitgliederanzahl erhöhen und ihre Kontrolle ausweiten. Ein Konflikt, der zu genau dem Ende führte, das bereits der Apostel Thomas vor 2000 Jahren vorhersah.
Chief Garvey (ein oranger Justin Theroux) kann über die Geschichte nur lachen, denn er versinkt selbst in seinen eigenen Problemen. Für abstrakte Gedanken ist er momentan nicht zu kriegen, denn seine Lebenswirklichkeit wird weiterhin durch unerklärliche Phänomene erschüttert. Hemden und Anrufe verschwinden einfach, sein Hausalarm spukt herum und der mysteriöse Hundemörder ist immer noch auf freiem Fuß. Immerhin wissen wir nun seinen Namen, Dean, und dass er definitiv keine Einbildung Kevins ist (RIP Fight Club Theorie).
Weiterhin muss er sich mit seiner herrischen Bürgermeisterin rumschlagen, die leider bisher nur eintönig geschrieben ist, obwohl man weitaus mehr hinter der harten Fassade vermuten darf. Ebenso muss er sich um seine Tochter und ihre Freundin Aimee kümmern, die wohl nicht nur eine gute Freundin Jills ist, sondern tatsächlich bei den Garveys zu wohnen scheint.
Doch der interessante Teil seiner Handlung in dieser Folge ist ein Gespräch mit einem Regierungsbeamten, der einige lose Plotenden zusammenführt und die Serie erneut dort punkten lässt, wo sie bisher exzellent funktionierte: beim Worldbuilding. Zu Beginn geben uns die Nachrichten weiter nationalen Kontext. In Florida wurde erneut die Unterkunft eines Kultes zerstört, der laut dem Nachrichtensprecher das Feuer auf die Regierungsbeamten des erweiterten „Bureau of Alcohol, Tobacco, Firearms, Explosives and Cults“ (ATFEC, ehemals nur ATF) eröffnete. Dass diese offizielle Version anzuzweifeln ist, kann man basierend auf den Ausführungen des Agenten Kilaney erschließen, der Kevin offen und direkt anbietet, die „Plage“ in seiner Stadt zu entfernen. Dass dies ein nationaler und institutionalisierter Vorgang ist, zeigen uns die Nachrichten, der Umgang mit Waynes Kommune und die Massenabfertigung zum Schluss.
„Gladys“ (ausnahmsweise gibt der Titel der Episode keine Rätsel auf) bietet uns eine weitere Stunde des Leidens in Mapleton, doch der Subtext erzählt eine viel größere Geschichte. Der Alptraum vieler Tea Party Mitglieder in den USA wird wahr. Die Regierung hat tatsächlich die Kompetenzen und Institutionen, deren Ziel die Verfolgung von Religiösen oder Randgruppierungen ist. Es ist wohl kein Zufall, dass Damon Lindelof sich Buchautor Tom Perrotta als Co-Autoren für diese Folge ausgesucht hat, schließlich geht es um die bestimmende Thematik der Serie. Das zentrale Mysterium wird nicht erörtert, stattdessen wird erforscht, inwieweit sich die Konsequenzen dieses globalen Ereignisses im Makrokosmos im Mirkokosmos auswirken. Die Extremisierung der Regierung und Gesellschaft ist viel schrecklicher als eine Erklärung, die ihre Wurzeln im biblischen Kampf zwischen Himmel und Hölle hat.
Stattdessen ist The Leftovers ein Allegorie der USA nach dem 11. September 2001 und wahrscheinlich nur durch die US-amerikanische Perspektive gänzlich zu verstehen. Wenn Flugzeuge in Hochhäuser fliegen, bleibt nicht mehr viel von den Opfern übrig. Sie verschwinden quasi von einem Moment auf den anderen. Die, die es direkt beobachten, verkraften es kaum. Für andere prägen sich die Geschichten und Bilder für immer ins Gedächtnis ein. Damals starben fast 3000 Menschen. Die Erde drehte sich weiter. Nicht genug, dass die Welt untergehen würde. Doch sie veränderte sich dramatisch. Kriege in weiter Ferne folgten, Schuldige wurden gesucht, andersartig scheinende Religionen wurden verurteilt und verfolgt, ihre Mitglieder verschwanden entweder so brutal wie die Jünger Waynes oder wie die Departed vom Erdboden – Endstation: Guantanamo. Die Ausweitung des Sicherheitsstaates erfolgt hier noch dramatischer, es geht nicht mehr um vermeintlich Extreme im Ausland, sondern um – wenn auch provokative – Bürger im eigenen Land.
Dieser Ansatz ist fruchtbarer als die Entschlüsselung des Mysteriums selbst. Lindelof und Perrotta zeigen uns, in welche Tiefen die Gesellschaft langsam, aber sicher und fast schon unbemerkt abrutschen kann, wenn wir es aus niederen Bedürfnissen wie einem Mehr an Sicherheit zulassen, dass sie Freiheit anderer eingeschränkt wird. Damit wird die Serie quasi bisher auf den Kopf gestellt. Die Mitglieder der GR sind weiterhin komplexe und oftmals unsympathische Menschen, doch der Zuschauer hat sie nicht zu verurteilen oder gutzuheißen. Ihre Existenz, solange friedlich und legal, muss gestattet sein. Deshalb hat Kevin wohl auch bisher so mit sich selbst und ihnen gestrauchelt, im Grunde aber stets beschützt. Nicht nur das Schicksal seiner Frau ist an den Ausgang der Geschichte des GR in Mapletons geknöpft, sondern auch das seiner Nation. Das spürt er tief innendrin. „The Leftovers“ ist vielleicht die thematisch aktuellste Serie der amerikanischen Gegenwart. Sie stellt die Frage, wie es weitergehen soll.
Zitat der Folge: “I say ‘fuck,’ too.”
Meta-Zitate der Folge: “Don’t investigate too hard.”

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Nach dem vorzeitigen Höhepunkt der Serie in der letzten Folge widmen wir uns wieder der gesamten Stadt. In einer etwas plumpen Folge von The Leftovers ohne wirklichen Plot oder Höhepunkt gibt es aber viel über das Serienuniversum zu lernen.
Damon Lindelof hat es geschafft. Endlich. Nach Jahren zäher Debatten in den Kommentarspalten und Foren dieser Welt hat er eine Folge, zusammen mit Elizabeth Peterson, geschrieben, die tatsächlich so metaphorisch plump und stümperhaft daherkommt, wie ihm das die schlimmsten Kritiker vorwerfen. Böse Stimmen würden wahrscheinlich vermuten, dass es daran lag, dass diese Episode von The Leftovers nicht an Kritikerkreise im Voraus mit den anderen ersten fünf verschickt wurde. Stattdessen jedoch kam es zu Planungsproblemen. Regisseurin Lesli Linka Glatter musste aus terminlichen Gründen die Produktion für Homeland verlassen, House of Cards -Regisseur Carl Franklin sprang ein, es kam zu Verzögerungen und Reshoots. Dder Zuschauer bemerkt dies nicht. Ebensowenig wie die bewusste und hingebungsvolle Behandlung der zentralen Metapher der Folge. Ja, natürlich ist das Verschwinden des Christkinds eine plumpe Metapher, die nicht weiter ausgearbeitet wird. Das ist auch gar nicht das Ziel Lindelofs. Doch stattdessen die Reaktion der Figuren tiefer zu analysieren und der Intention der Autoren zu folgen, versagt die meiste Kritik und unterstellt der Serie unfairerweise eine unnahbare Oberflächlichkeit.
Die Folge beginnt zunächst einmal mit dem bisher besten Cold Opening des laufenden Fernsehjahres. Unterlegt zu „I’m Not The One“ von The Black Keys (clever!) begleiten wir die industrielle Produktion einer Babypuppe, die anschließend von der Stadtverwaltung gekauft und als Christkind im öffentlichen Krippenspiel des Marktplatzes platziert wird. In der Montage sehen wir die Reaktionen Mapletons: Tagsüber stehen die Mitglieder der Guilty Remnant Wache, nachts kommen die streunenden Hunde und allgemein gibt niemand mehr viel auf die vorweihnachtliche Zeit. Es ist ein Symbol für den Niedergang der traditionellen Religionen und eine kluge Weiterführung des Themas aus der letzten Folge. Auch wenn dies nicht der subtile Höhepunkt der Serienkultur ist, die Szene funktioniert und das zählt.
Jemand stiehlt das Baby, was kurzzeitig die Folge auf ein stumpfes Whodunit herabsenkt. Natürlich ist das Verschwinden des Christkinds eine Metapher für den Departure am 14. Oktober. Das ist plump, doch kein Grund die Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen. Der viel interessantere Ansatz ist ohnehin zu hinterfragen, wie die Figuren darauf reagieren. Hier kann die Serie zwar kaum neue Punkte liefern, dafür aber die Fronten klarer definieren und die Figuren weiter straucheln lassen. Es ist klare Exposition für zukünftige Folgen. Leider handelt es sich hier um die eher uninteressanteren Figuren. Jill darf mit ihren Teenagerfreunden wieder zeigen, wie die Autoren auf peinliche Art und Weise mit jungen Figuren versagen. Die Bürgermeisterin bleibt weiterhin eintönig und Donna darf den Mund nicht aufmachen, obwohl man dank des großartigen Spiels von Ann Dowd eine komplexe Figur vermutet.
Immerhin kann Kevin in der Folge punkten. Nicht nur, dass er das Christkind wiederfindet, er kann auch einen kleinen Flirt mit Nora Durst verbuchen. Carrie Coon und Justin Theroux haben Chemie und geben das Highlight der Folge. Die brutale Offenheit dieser Welt, in der es nichts mehr zu verlieren gibt, agiert hier als Barriere wie auch Chance auf neue Entwicklungen.
Kevin darf sich weiter profilieren. Meg (eine bisher kaum genutzte Liv Tyler) besucht ihn mit Laurie, was beim Chief aufgeregte Freude auflöst, die im Keim erstickt wird. Laurie will die Scheidung, Kevin ist strikt dagegen. Wie bei mehreren Figuren fehlt uns leider hier die Motivation, um stärker mitzufühlen. Justin Theroux’ Spiel rettet die Szene und überschattet die unübersichtlichen Beweggründe. Laurie will die Scheidung und wirft das Geschenk weg, sie trauert aber nachts im Garten ihrem alten Leben nach und will das Feuerzeug doch insgeheim. Lindelof muss sich wohl gewehrt haben, denn laut eigener Aussage will er definitiv kein neues Lost. Aber eine Flashbackästhetik wie in der letzten Folge leuchtet die Figuren einfach besser aus als dieses nur langsam Sinn ergebende Puzzle – so sehr es sich auch thematisch und metaphorisch ergibt.
The One Thing You Can’t Replace
Es gibt da dieses großartige Stand-Up-Programm „New In Town” von Komiker John Mulaney, dessen höchst amüsantes Herzstück mit einer so krassen und unerwarteten Wendung aufwartet, dass er und auch die Zuschauer einfach nichts mehr dazu sagen können. Das Bit endet an der Stelle einfach. Mulaney erklärt darin, wieso er nichts mehr trinkt. Er erzählt von einer Party bei einem Schulfreund, an die er sich nicht mehr erinnern kann. Das Haus des Schulfreunds wurde verwüstet und sogar alte Photographien von Verwandten wurden gestohlen. Er fragt sich, ob er dafür selbst verantwortlich sein könnte und entschließt sich dazu, mit dem Trinken aufzuhören. Einige Jahre später trifft er auf einen alten Schulkameraden, der ebenfalls auf der Party war und ihm etwas zeigen will: Sein gesamter Kleiderschrank ist vollgeklebt mit Photos anderer Familien. Wieso? Weil diese Photos die einzigen Sachen sind, die man nicht ersetzen kann. „How fucked up is that?”
Very much. Deshalb muss Damon Lindelof wohl auch dieses Stand Up gesehen haben und auf die Idee gekommen sein, die Mitglieder der Guilty Remnant in die Häuser der Einwohner einbrechen und alle Familienphotos stehlen zu lassen, während die meisten sich auf dem Tanz vergnügen und betrinken. Natürlich ist es im Zeitalter der digitalen Photographie und der Cloud kein Problem mehr Photos zu ersetzen, aber es dürfte sich zum großen Teil um ältere Photos handeln, die womöglich extra beim Photographen oder analog entstanden sind. Kindheitsphotos von älteren „Departed“ dürften ebenfalls schwierig zu ersetzen sein. Wie auch immer die Logistik dahinter aussehen mag, die Tat an sich ist bereits ein solch ekelhaftes Verbrechen, dass diese Aktion drastische Konsequenzen der Polizei als auch aggressive Vergeltungsaktionen der Bewohner mit sich bringen wird.
Bisher ohne Konsequenzen bleibt die Geschichte um Christine und Tommy (nicht der leibliche Sohn Kevins, wie wir erfahren), die nach wie vor keine Richtung oder Schwung hat. Natürlich ist dies eine Folge der Abwesenheit von Wayne, der sich weiterhin auf der Flucht vor den Behörden befindet. Tommy muss Christine beschützen – damit hat sich die Sache aber auch. Dafür gibt uns die Geschichte einen kleinen, aber höchst interessanten Einblick in die größere Welt von The Leftovers. Es wird nicht näher erklärt, in welchem Ort sich die beiden zu Beginn befinden, aber wir sehen zwei verschiedene Ausprägungen ambulanter Psychiatrien. Dabei handelt es sich um schlichte Aufenthaltsräume für Leute, die den Departure nicht verarbeiten können und den Verstand verloren – oder einfach nur untertauchen wollen. Durch eine weitere neue Glaubensgruppe erhält Tommy auch die Idee, sich wie einer von ihnen zu verkleiden und so die schwangere Christine aus dem Krankenhaus zu befreien, nachdem er fälschlicherweise beschuldigt wurde, an ihrem Hämatom am Bauch schuldig zu sein. Viel zu oft werden im Alltag die Unbequemlichkeiten einfach ausgeblendet und unsichtbar für den „normalen“, funktionierenden Teil der Gesellschaft gemacht. Es macht daher Sinn, dass dafür spezielle Einrichtungen gebildet haben, um diese Leute aufzufangen. Ein weiterer Beweggrund der Guilty Remnant?
Weniger Sinn jedoch macht die gesamte Geschichte um Waynes Baby, das Christine in ihrem Bauch trägt. Zu Beginn greift sie ein geistesgestörter Mann an (Zwischenstand: 2 Penisse, 0 Brüste) und schreit: „I know what’s inside you.“. In Verbindung des Titels, B.J. and the A.C., könnte man daher wohl argumentieren, dass in Christines Bauch das Gegenstück zu Baby Jesus, nämlich der Antichrist, heranwächst. Auch wenn es dafür keine Indizien gibt, birgt diese Nebenhandlung bisher das größte Potential zur Lösung des gesamten Mysteriums. Eine weitere Bestätigung, dass an alledem etwas Wahres dran sein muss, gibt uns eine Busfahrt (Busnummer 9111). Während ein Soldat Christine über den Jemen aufklärt (gibt es dort einen Krieg?), fällt vor ihnen ein Lastwagen mit einer Ladung Loved Ones (TV-Werbung in Episode 3) um. Es handelt sich um detailgetreue Nachbildungen der Verschwundenen, die dann durch die Hinterbliebenen beerdigt werden können. Christine ist beim traurigen Anblick jedoch total aufgeregt, denn „it’s just like the dream“ des nackten Manns zu Beginn der Folge.
Man merkt schon an den vielen Klammern in dieser Review, dass uns in The Leftovers ein reichhaltiges und vielfältiges Universum geboten wird, das einer internen Logik folgt und viele Details durchdacht hat. Leider ergeben diese Fetzen bisher kein ebenso spannendes Gesamtbild. Natürlich ist dies nach vier Folgen noch keine Katastrophe, aber die scheinbar wahllose Streuung verwirrt – was wiederum die Intention dahinter ist. Großartige und kohärente Unterhaltung wie in der vergangenen Folge um Priester Matt Jamison ist dies nicht, aber ein Totalausfall liegt auch nicht vor. Stattdessen ist es eine typische Folge, wie man sie von Damon Lindelof erwarten würde, mit all ihren Vor- und Nachteilen.
Trotzdem gibt uns “B.J. and The A.C.” einen Einblick in die Vorgänge der Stadt. Durch den simplen Kniff zu Beginn entwickelt sich eine Folge, die fast schon in der Tradition einer einfachen Handlung nach Aristoteles steht. Das mag nicht für jeden Zuschauer interessant anzuschauen sein, der sich eine Klärung oder Ausarbeitung der Mysterien wünscht, aber die Showrunner haben sowohl in Interviews als auch der Serie bisher klare Zeichen gegeben, dass dies nicht unbedingt die zentrale Intention der Show ist. Und – ehrlich gesagt – ist dies auch nicht weiter wert erörtert zu werden. 140 Millionen Menschen verschwanden plötzlich von einem Moment auf den nächsten. Natürlich gibt es dafür wohl einen Grund. Doch welche Form dieser auch immer annehmen wird, die Auflösung dürfte sich relativ simpel gestalten. Entweder war es tatsächlich Gott höchstpersönlich oder es handelt sich um ein wissenschaftliches Phänomen. Wie auch immer, die Geschichte würde hier enden. Dann ist das temporäre Leid doch dramatischer und immens spannender.
Ich habe mich schon länger dazu entschieden, The Leftovers auf einer Metaebene als gemeinsame Therapiesitzung zwischen Lindelof und seinen Kritikern zu sehen. Ob Letzteren das überhaupt bewusst ist, mag man anzweifeln. Wie Jill Garvey kommen sie auch nun wieder aus ihren Löchern und werfen der Serie – nach vier Folgen – vor, dass das Mysterium nicht aufgelöst wird. Wie Jill Garvey beschäftigten sie sich lieber mit etwas anderem und wollen erst gerufen werden, wenn die Dinge „einfach“ sind. Lindelof und der geneigte Zuschauer müssen wohl wie Kevin dort im Türrahmen verzweifelt stehen. Gutes und gehaltvolles Drama gestaltet sich durch eine komplexere Natur. Natürlich wird es nie einfach.
Zitat der Folge:
“Get your balls off the son of God!”
Meta-Zitate der Folge:
“What the fuck does that mean?” “Am I supposed to give a shit?”

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Millionen Menschen verschwinden von jetzt auf gleich. Selbstverständlich hat dies unvorhersehbare Auswirkungen auf unsere Glaubensvorstellungen, die Organisationen und die Leute, die dahinter stehen. The Leftovers widmet die gesamte dritte Episode Pfarrer Matthew Jamison. Das Ergebnis? Ein kleines Meisterwerk.
In den ersten beiden Folgen von The Leftovers wurde der Zuschauer mit einer neuen Welt konfrontiert, bevölkert mit obskuren Kettenrauchern, die ein Schweigegelübde abgelegt haben, und angeblich magischen Wunderheilern. Da diese Gruppierungen noch etwas Zeit brauchen und ausgearbeitet werden müssen, ist es zu Beginn dieser Serie doch zunächst viel interessanter die Frage zu erörtern, was genau mit den alten Religionen in den drei Jahren nach dem Departure passierte und wie sie mit dem Fehlen der Antworten umgehen – oder ob sie womöglich das Verschwinden für Gottes Werk erklären und die Situation zu ihrem Vorteil ausnutzen.
Matthew Jamison, Pfarrer der episkopalen Kirche Mapletons, tut das exakte Gegenteil. Am 14. Oktober vor drei Jahren verlor er nicht nur seinen festen Glauben an Gott, sondern auch seine Frau (Janel Moloney) in einem Autounfall. Seither befindet sie sich in einem komatösen Zustand, der ständige Pflege beansprucht. Der Unfall ist nicht selbstverschuldet. Der Fahrer, ein korrupter Richter, verschwand mit dem Rest der 140 Millionen und schickte Matt auf den Weg des Schmerzes. Er sollte sein erstes Opfer werden.
Drei Jahre später treffen wir ihn bei einer Messe in seiner Kirche wieder, nachdem wir ihn bisher in nur zwei kleinen Cameos beim Verteilen von diffamierenden Flugblättchen sahen. Er erzählt die Geschichte eines kleinen Jungen, der neidisch auf seine kleine Schwester wurde und kurz darauf an Leukämie erkrankte. Der kleine Junge wusste nicht, wie er sich entscheiden soll. Ist er wütend und sieht er in seiner Krebserkrankung die Bestrafung Gottes? Oder ist er dankbar für den Leidensweg, der ihn zur Erkenntnis führte. Wie auch immer, die Erkrankung hat ihn gravierend verändert. Matts Kindheitsgeschichte steht für den zentralen Konflikt in The Leftovers aus mystifizierender Religiosität und brutalem Existenzialismus. Wie entscheidet sich die Gesellschaft nach dem Departure?
Rund drei Jahrzehnte später ist er, obwohl er Gott auf den Weg der Erleuchtung folgte, auf seiner Suche nicht vorangekommen. Dazu ist seine Kirche dem Departure leerer denn je. Die krasse Reaktion auf neue Bewegungen des religiösen Extremismus in der letzte Episode steht im krassen Gegensatz zum Schicksal der traditionellen Glaubensrichtungen, die mit der anderen Reaktion, dem Atheismus, zu kämpfen haben. Die Menschen bleiben zu Hause, nur noch wenige finden Weg in das Haus Gottes. So lässt ein Vater seine Tochter gegen den Willen seiner Frau heimlich taufen. Matt will kein Geld für den Dienst, der Rückkehr der Mutter in die Kongregation sei ihm dagegen genug. Die Hoffnung zerstört der Vater schnell, stattdessen bietet er ihm schmutzige Details über einen ehemaligen Arbeitskollegen an, die Matt gerne annimmt, denn es handelt sich um einen der Verschwundenen.
In seinen kleinen Auftritten sahen wir Matt nämlich bisher lediglich beim Verteilen der Flugblättchen, die die Verschwundenen diskreditieren. Es kann sich bei dem 14. Oktober nicht um die biblische Entrückung handeln, schließlich verschwanden nicht nur engelsgleiche Babys von Rücksitzen, sondern auch Schwerverbrecher aus ihren Zellen. Für ihn ist all dies ein Test. Und er will die Menschen überzeugen, dass er richtig liegt. Die Reaktion kriegt er prompt. Noch während seiner Predigt im Prolog stürmt ein Mann die Kirche, schlägt ihn zusammen und stopft ihm eins der Flugblätter in den Mund. Im Krankenhaus trifft er kurz auf Chief Garvey (Justin Theroux), dessen Rolle in der Folge auf einen Cameo reduziert wurde. Die noch wackelige Nebenhandlung um Wunderheiler Wayne oder die nervigen Teenies bleiben ganz fern. Das Drama findet hier seine maximale Intensität.
Matts Probleme enden jedoch nicht hier. Seit Wochen ignoriert er Anrufe der örtlichen Bank. Binnen 24 Stunden muss er 135,000 Dollar auftreiben um seine Kirche zu retten. In seiner Not wendet er sich an seine Schwester, bei der es sich um – Überraschung (oder auch nicht, immerhin hatten sie sich in der letzten Folge kurz freundlich geküsst) – Nora Durst (Carrie Coon) handelt. Ihr Verhältnis ist schwierig, doch sie ist gewillt ihm zu helfen. (Wahrscheinlich nicht zum ersten Mal, seine Suche nach Details aus dem Leben der Verschwundenen hat wohl auch mal zu seiner Schwester geführt, die dies beruflich betreibt.) Der Deal hat eine Bedingung: Matt muss mit seinen Flugblättern aufhören, was er jedoch kategorisch ablehnt. Es handle sich um einen Test. Seine Schwester weist ihn auf die bittere Wahrheit hin: Wenn es ein Test ist, versagt er selbst. Matt weiß dies, sieht seinen Stolz jedoch verletzt und gibt ein verletzendes Geheimnis preis: Noras Mann hatte eine Affäre mit einer Lehrerin ihrer Kinder.
Das Ende des Tages bringt ihn nach Hause zu seiner Frau und ihrer Pflegerin, die ebenfalls seit Wochen auf ihre Bezahlung wartet. In der emotionalsten Szene bisher badet Matt zaghaft seine Frau und weint sich dann zu Max Richters klagenden Streichern in den Schlaf. „Help me“, fleht er Gott an und schaut auf Albrecht Dürers Gemälde Hiob auf dem Mist, das in seinem Schlafzimmer hängt und seit dem Departure wohl eine neue und ihm sicherlich nicht unbewusste Bedeutung gewonnen hat. Doch der Blick erinnert ihn an einen Gefallen von Kevin Garvey Sr. – die Verbindung der zwei ist bisher kaum beleuchtet, aber sie führt zu wohl nicht ganz legal vergrabenen 20,000 Dollar im Garten des Chiefs. Dort trifft er auch auf Laurie (die großartige Amy Brenneman), die entflohene Mutter, die trotz ihres neuen Lebens bei den Guilty Remnant nachts die Familie besucht. Es sind diese kleinen Momente, ganz ähnlich wie die TV-Werbung für große Pappabbilder der Verschwunden, die die Perrottas Vision so komplex, real und greifbar machen.
A real human being
Auf dem Heimweg sieht er, wie schon zuvor im Casino, Tauben über einer roten Ampel. Er kennt wohl den titelgebenden Witz um den Christ, der Gott anfleht, ihm zu helfen, aber scheinbar keine Hilfe bekommt. Als Pfarrer ist ihm die Bedeutung der Tauben als Symbol des heiligen Geistes nicht entgangen, weshalb er die Zeichen erkennt und sich auf den Weg an einen Roulette-Tisch macht und alles auf Rot setzt. Er gewinnt das notwendige Geld und muss sich auf dem Parkplatz gegen einen Dieb behaupten. Diese zweite Szene, in der wir Matts hässliche Seite in Form eines brutalen Übergriffes erleben, ist dabei jedoch nicht so schockierend oder unberechtigt wie die erste.
Auf dem Weg zur Bank findet ein erneuter Übergriff auf die Guilty Remnant statt. Beim Versuch zu helfen wird er selbst angegriffen und verliert das Bewusstsein. Er erlebt einen genial inszenierten Traum – zweifellos der Höhepunkt der Serie bisher – von Regisseur Keith Gordon, in dem er all die dunkelsten Momente seines Lebens wieder durchlaufen muss. Die Krebsdiagnose als Junge, das in Flammen stehende Haus der Eltern, der Autounfall am 14. Oktober. Seine Existenz ist seit jeher von einer alles dominierende Hilflosigkeit geplagt, unterstrichen durch den starren Feuerwehrmann, die ihn verständlicherweise in die Arme Gottes trieb.
Er findet sich in seinem Bett wieder und seine Hände gebären Flammen, die um sich greifen, bis er komplett von ihnen bedeckt ist. Nach Kevin ist nun Matt damit bereits die zweite Figur, die aus Flammen erwacht. Er wacht im Krankenhaus auf und eilt zur Bank. Doch er ist zu spät. Wie Jesus durchlitt er zunächst den Betrug, wurde dann angegriffen und gegeißelt, um drei Tage später wieder aufzustehen. Dann der Twist: Der Käufer der Kirche die GR um Donna (Ann Dowd), die Matt einen triumphalen Blick zuwirft, der auf eine gemeinsame Geschichte hindeutet. Für Matt könnte dies der absolute Tiefpunkt sein, doch der Moment bietet auch das Potential für die Erlösung. Das Thema des Loslassens ist schließlich die dominierende Thematik von Lindelofs Figuren. Es ist ein erneuter Test. Wie entscheidet sich der Junge? Seine stoische Natur lässt bittere Zeiten erahnen. Für den Zuschauer bleibt der interessante Konflikt wohl erhalten.
Two Boats and a Helicopter ist die bestimmende Folge der Serie. Das ungewohnt schnelle Tempo der zweiten Hälfte der Folge lässt ironischerweise die Atmosphäre dichter, das Drama greifbarer werden. Wer sich jetzt noch nicht angesprochen fühlt, wird der Serie wohl nicht viel abgewinnen können. Damon Lindelof folgt der strukturellen Ästhetik aus Lost mit großem Erfolg und gestaltet zusammen mit seiner Co-Autorin Jacqueline Hoyt ein erneutes „Walkabout“, indem er sich mit einer bisherigen Randfigur beschäftigt, ihr komplexes Innenleben ausleuchtet und ihr Schicksal mit der Erkundung der zentralen Thematik verknüpft. Das Ergebnis ist ein kleines Meisterwerk, das fast ohne Kontext auskommt und mit nur minimal mehr Exposition auch als eigenständiger Kurzfilm funktionieren könnte.
Christopher Eccleston überzeugt in dieser Episode völlig. Sein Casting ist perfekt, seine ebenso getriebene als auch stoische Darstellung des Pfarrers ist der Anker dieser Folge und er verleiht dem zentralen Wunsch nach Antworten ein meisterhafte Gravität. Wenn er weint, weinen wir als Zuschauer. Freuen wir uns, ist es auf Grund des herzerwärmendsten Lachens der letzten Fernsehjahre. Seine Wut kennen wir, ebenso wie seine dunklen, hässlichen Momente, wenn wir uns getroffen fühlen und wild um uns schlagen, gerne auch verbal, in der Hoffnung einem anderen den Schmerz zuzufügen, den wir verspüren. Es trifft, wie so oft, die, die uns am Nächsten stehen, die es am wenigstens verdienen. Wir kennen sie am besten, wir wissen, wie man ihnen weh tun kann. Matt Jamison ist nicht nur eine komplexe Serienfigur, dessen tiefe, emotionale Zerrüttung wir mitfühlen können, sondern Matt ist in seinem Leid ein Mensch wie jeder andere. Es geht in The Leftovers nicht um das Finden von Antworten, sondern um das Mitgefühl und Verständnis für die gravierendsten Probleme und schwersten Fragen unserer Existenz. Mehr Fernsehen geht nicht.
Zitat der Folge: “If it’s a test, then you are failing it.”

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Nach der losen Einführung in das postapokalyptische Mapleton zieht die Serie das Tempo an und überrascht mit ehrlichen Figuren, die schnell zueinander finden. Die Frage dabei ist nur, welche davon überhaupt real sind und wohin dieser verdammte Bagel verschwunden ist.
Die TV-Landschaft hat sich in den vergangenen Jahren zweifellos drastisch verändert. Showrunner Damon Lindelof hat mit Lost sicherlich dazu beigetragen, im positiven als auch negativen Sinne. Ein von Seiten der Produktion oft angesprochenes Problem bestand in der enormen Anzahl an Episoden, die in einer üblichen Staffellänge eines Networksenders wie ABC zu bewerkstelligen sind. Dies stand in den ersten drei Staffeln offensichtlich im Konflikt mit dem High Concept einer Inselserie, die immer subversivere Züge annahm. Erst mit dem drei Jahre im Voraus geplanten Serienende und einer niedrigeren Episodenzahl konnten uninteressante Subplots um neu eingeführte Charaktere oder ganze Folgen um das Tattoo einer Figur entfallen. Man widmete sich dem Essentiellen und die Show atmete erschöpft, aber dankbar auf. No breaths wasted.
The Leftovers spielt mit einem ähnlichen Konzept und würde sich ebenfalls prinzipiell für eine höhere Episodenzahl eignen. Über eine halbe Staffel hinweg könnten sicherlich kleine Geschichten wie die um die Gummibärchen in der letzten Woche auf Waynes Anlage geschrieben werden. Neue Gäste, die Heilung bedürfen, oder Versorgungspässe könnten zu interessanten Episodenarcs verhelfen. Stattdessen aber schreitet der Plot in Windeseile voran. Während der Zuschauer letzte Woche noch mit der geheimen Anlage von Wunderheiler Wayne im Dunkeln zurückgelassen wurde, beginnt diese Woche erfrischend mit einer schnellen Entmystifizierung dieses Kults. Es ist erfreulich, dass die Regierung im Informationszeitalter nicht so ahnungslos charakterisiert wird, wie es zu befürchten war. Spätestens nach den Enthüllungen durch Edward Snowden hätte diese Darstellung einer solchen Einrichtung im Staate die operative Logik dieser Institution behindert.
Peter Berg führt nach dem Pilot erneut Regie und lässt die Kamera keine Sekunde ruhen. Der fast schon dokumentarische Stil ist sein Markenzeichen. Bereits zuvor fängt er aber das Vorgespräch der zwei Regierungsbeamten stimmungsvoll ein. Trotz der Beiläufigkeit der Konversation, die im Kontrast zu dem steht, was folgt, wirken die Figuren gehetzt und ausgelaugt von der Arbeit. Wir werden wohl nicht mehr von der Außenwelt erfahren als in dieser bisher beliebigen Nebenhandlung, aber die Guilty Remnant und andere, eventuell aggressiver agierende Kulte dürften die nationalen Institutionen auf Trab halten. Der mit dem Departure verbundene Extremismus lässt daher auch den überaus krassen Überfall auf Waynes Lager in einem anderen Licht erscheinen und weckt Erinnerungen an den Davidianer-Zwischenfall in Waco 1993.
Tom kann sich nur mit Blut an den eigenen Händen aus der Situation und mit Waynes Lieblingsasiatin Christine an einen Rückzugsort retten. „She’s important“, lässt uns Tom wissen und zunächst nur eine persönliche Motivation erahnen, doch Wayne bestätigt eine tiefergehende Bedeutung: „This girl is everything.“. Mit Ausnahme von Paterson Josephs enigmatischer Figur und seiner intensiven Darstellung kann diese Nebenhandlung bisher jedoch wenig überzeugen. Chris Zylka gibt Toms Verzweiflung durch markerschütternde Schreie ein gewisses Gewicht, doch seine Motivation – oder das Fehlen dieser – reichen momentan nicht aus, um zu fesseln. Bisher überzeugt die Geschichte ebenso wenig wie Waynes heilende Umarmungen. Immerhin vermögen die grotesken Züge von Waynes intensiver Verbindung zu seinen Gefolgsleuten – bis über den Tod hinaus – interessieren.
Nach diesem actionreichen Opening werden wir zum ersten Mal mit der Titelsequenz der Serie begrüßt. Unterlegt mit einem tragischen Klagen der Streicher von Komponist Max Richter schweben wir entlang eines mobilen Freskos, das die suburbanen Streitigkeiten und familiären Probleme aufgreift sowie den zentralen Verlust durch den Departure mit davon schwebenden Personen betont. Zweifellos ist diese Titelsequenz kein moderner Klassiker wie die mechanische Zusammensetzung Westeros, aber die Sequenz ist wirkungsvoll und kann in ihrer religiösen Symbolik und historischen Tradition dem Folgenden ein gewisses Gewicht verleihen.
Dabei hätte das Nora Durst (Carrie Coon) gar nicht nötig. Wie in der Pilotfolge vermerkt wurde, verlor sie am 14. Oktober ihre gesamte Familie. Überbleibsel in ihrem Auto erinnern daran, dass sie den Verlust nicht verarbeitet hat. Ihr auffällig irrationales Verhalten und eine Magnum in ihrer Handtasche erwecken das Interesse von Jill und Aimee, die ihr daraufhin zu einem Treffen mit einem älteren Ehepaar folgen.
Nora arbeitet für eine Organisation (wahrscheinlich die Regierung), die sich mit dem Verschwinden der Personen auseinandersetzt. Gegen eine Bezahlung beantworten die Eltern zusammenhangslose und eindringliche Fragen zum Privatleben ihres verschollenen Sohnes. Hatte er Allergien? War er jemals in Brasilien? Konnte er kochen oder beherrschte er eine Fremdsprache? Dass diese Rasterfahndung erfolglos blieb, ist nicht erwähnenswert; aber die bloße Tatsache, dass diese Befragungen stattfinden, unterstreichen das Versagen von konventionellen Antworten. Zurück bleibt nur das Leid und der Frust, der im besten Fall im Büro des Psychologen entladen wird. Im schlimmsten Fall prallen die Massen wie in der Pilotfolge aufeinander. Wie auch immer, die Pinguine gewinnen. Wir verlieren.
Ein Hauch von LOST
Wir müssen währenddessen weiterhin unter der mäßigen und zweifelhaften Charakterisierung der Teenager leiden. Zwar kann Aimee diese Woche immerhin durch ihre offene Art die Vermutung vieler Zuschauer ansprechen, dass wohl auch einige Morde unerklärt bleiben werden durch das Verschwinden am 14. Oktober. Doch ihre Existenz scheint von Seiten der Autoren nur dadurch berechtigt, um Jill nachdenklicher und sympathischer erscheinen zu lassen sowie als Verbindung zu Noras Plot zu dienen. Sie werden hier von Seiten des Drehbuchs ähnlich ausgenutzt wie die Prius-Zwillinge von den Mädchen.
Ansprechender gestaltet sich der Einblick in die Hierarchie der Guilty Remnant. Nach Megs Aufnahme sind einige Wochen vergangenen. Im Ort ist Schnee gefallen, die Vorweihnachtszeit beginnt, doch von dieser kalten Idylle fehlt jede Spur. Stattdessen verweilt sie mit Jensen (ein vulgärer Victor Williams, Deacon aus King of Queens) immer noch im Aufnahmehaus. Es ist ihr noch gestattet zu reden, doch ihr Fortschritt unter Schirmherrin Laurie geht schleppend voran – zum Missfallen von Patti Levin, großartig gespielt von Ann Dowd, die mit wenigen Blicken und einem aggressiven Schreibstil die bisher packendste Performance der Serie abliefert.
Draußen im Wald soll Meg einen Baum fällen. Der Grund ist ihr unbekannt. Sie mag die Symbolik verstehen, doch emotional ist sie noch nicht auf dem Level der Guilty Remnant angekommen. Nachdem sie jahrelang ihre Hochzeit in der Hoffnung auf eine Rückkehr ihrer verschwundenen Mutter verschob, muss sie nun ihr Leben neu sortieren. Zu viel scheint verloren, ein Neustart gelingt nur durch die komplette Auslöschung des Selbst.
Verloren ist auch Chief Garvey, dessen Wahrnehmung immer mehr an Jack aus LOST erinnert, die Paradefigur von Damon Lindelof. Im Unterschied zu Megs Verlobtem kann er nicht abschließen, sondern verfällt immer mehr seinen mysteriösen Träumen, die uns erkenntnisreiche Einblicke in seine Psyche offenbaren. Ebenso wie der Arzt der Insel leidet der schicke Führungsmann unter Alkoholismus, einem Vaterkomplex und Wahnvorstellungen, die seine wachsende Paranoia befeuern. Nicht nur, dass scheinbar niemand den mysteriösen Hundemörder kennt, sein Auto steht auch noch plötzlich eines Tages in Kevins Einfahrt. Ohne Registrierung. Mit totem Hund in der Ablage. Seine Untergebenen und die dauergestresste No-Bullshit-Bürgermeisterin äußern ihre Bedenken, doch Kevin fühlt sich bestätigt, als der Mann eines Tages vor seiner Tür erscheint.
Er sei allein und fühle sich einsam. Zu erkennen geben möchte er sich jedoch nicht. Kevin beginnt an sich selbst und der Realität zu zweifeln. Gespiegelt ist dieses innere Zerwürfnis durch eine wunderbare Szene im Polizeirevier. Scheinbar auf magische Weise verschwindet ein Bagel in einer Maschine, die er nur durch intensive Bearbeitung aufschrauben und entzaubern kann. Der Bagel ist auffindbar. Er ist real. Ob ihm das mit dem „Mysteryman“ gelingt? Seine Tochter nimmt zwar das mitgebrachte Sixpack entgegen („Why don’t you put that in the fridge for your dad?“) und fragt, um wen es sich handelte. Aime hingegen ignoriert den Mann komplett. Vielleicht sind Tyler Durden’sche Analysen zu früh angedacht, aber Garveys entgleisende Psyche und innerer Konflikt, ob berechtigt oder unberechtigt, stehen wunderbar für die anhaltende Schockstarre der Gesellschaft und die dünne Decke der Zivilisation.
Alles in allem bietet ‘Penguins One, Us Zero’ eine packende Stunde Fernsehen, die mehrere Handlungen auf intelligente Weise zusammenführt, Zusammenhänge offenbart und uns dennoch das Präsentierte hinterfragen lässt. Nebenhandlungen und beifällige Bemerkungen erinnern uns an die Vorgänge in der Außenwelt, während dennoch das Drama in Mapleton im Vordergrund steht. Ganz absagen müssen wir die Diskussion übernatürlicher Elemente jedoch nicht. Kevins Vater (Scott Glenn), der nach dem Departure den Verstand verlor, litt bereits vor dem 14. Oktober an Schizophrenie, die auch nun der Chief fürchtet. Bei seinem Besuch in der Nervenheilanstalt offenbart sich aber nicht nur eine zusätzliche Komponente in der mütterlichen Beziehung mit der Bürgermeisterin, sondern auch der Umstand, dass Opa Garvey über eine übernatürliche Verbindung zu einer Entität verfügt, womöglich sogar den Verschwundenen, die Kevin Hilfe schicken wird – in Form des Mysterymans.
Zitat der Folge: “Jesus, I never should’ve told you to watch the fucking Wire.”

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Zwei Prozent der Menschheit verschwinden binnen einer Sekunde, ohne auch nur eine Spur zu hinterlassen. Die Hinterbliebenen kämpfen in der neuen Serie von Lost Co-Creator Damon Lindelof mit den mikrokosmischen Folgen und den Altlasten ihres Showrunners.
Ad
The Leftovers bietet ein Konzept, das für Damon Lindelof persönlich geschrieben worden zu sein scheint. Es ist nicht wirklich schwer zu verstehen, was genau ihn an Tom Perrottas gleichnamigen Roman angezogen hat, wenn ihr euch ein wenig mit dem noch jungen Werk des Autors beschäftigt. Bei den Projekten, bei dem ihm alleinige narrative Verfügung oder relative Autorität zugestanden wurde, verfuhr Lindelof stets nach der Mystery-Box-Maxime seines Mentors, J.J. Abrams, bei der keine Auflösung oder Antwort so interessant und einnehmend sein kann, wie das dazugehörige Mysterium. Bei Lost bewies der Showrunner zusammen mit Carlton Cuse, wie interessant er dieses Gefüge, manche würden es wohl als Kartenhaus bezeichnen, aus Antworten und immer neuen Fragen gestalten und dabei gleichzeitig komplexe Charaktere und Themen bedienen kann. Der Zwiespalt zwischen Religion und Wissenschaft, zwischen Glaube und Beweis, dominierte die verschollene Insel. Es ist daher nicht verwunderlich, weshalb die nicht mit weltlichen Methoden zu erklärende Prämisse von Tom Perrottas Roman ihn so offensichtlich faszinierte.
Von jetzt auf gleich verschwinden zwei Prozent der globalen Weltbevölkerung. Es ist genug, um wahrscheinlich kleine Schäden anzurichten. Aber nicht genug, um die globale Bevölkerung ins politische Chaos zu stürzen. Das Leben geht weiter. Die durch den “Departure” resultierende Existenzkrise findet ihren Konflikt im Mikrokosmos New Yorks. Zwei Prozent sind nicht genug für die Apokalypse, aber immerhin 140 Millionen Menschen weltweit. Genügend, dass fast jeder einen kennt, der verschwunden ist. Und wenn das Event die Familien nicht zerschlägt, dann tut es der stetig wachsende Einfluss lokaler Gruppierungen, die auf ihre Weise versuchen, mit der Nachwelt und ihren Implikationen umzugehen.
Lindelof offenbart recht schnell, woran ihm in seiner neuen Serie gelegen ist und worin er sich in seiner Adaption nicht weit von Perrottas Vorlage unterscheidet. Wir beginnen die Pilotfolge mit einer jungen Mutter (Carrie Coon), die gestresst vom Alltag plötzlich in ein tiefes Loch gestoßen wird, als ihr Baby spurlos vom Rücksitz ihres Autos verschwindet. Während sie verzweifelt nach Hilfe ruft, schreit neben ihr ein Junge nach seinem Vater und am Ende des Parkplatzes kommt es zu einem minder schweren Autounfall.
Was hätten die Serien-Macher aus diesem Event à la FlashForward schnitzen können, bei dem uns ein visuelles und irrationales Chaos die katastrophalen Konsequenzen schildert. Ein Flugzeug, das von jetzt auf gleich ohne Piloten auskommen muss, ist nur eine von vielen Horrorvorstellungen, die sie aus dem Szenario hätte zaubern können. Stattdessen beginnen wir im kleinen Städtchen Mapleton.
Kevin Garvey (Justin Theroux) ist der Polizeichef und ein Mann geplagt von Ohnmacht, Zweifel und Alkohol. Er ist getrieben vom Verlust. Seine Familie wurde am 14. Oktober, der eine symbolträchtige Kraft des 11. Septembers versprüht, verschont und zerbrach dennoch in den folgenden Jahren. Seine Frau, so erfahren wir im emotionalen und nur halb funktionierenden Höhepunkt der Folge, schloss sich einem Kult namens Guilty Remnant an, deren Mitglieder dem irdischen Leben nach der Demonstration der Kraft Gottes abgeschworen haben und ihr Dasein nur noch in weißen Kleidern als Kettenraucher verbringen. Verbale Kommunikation erscheint ihnen als unnütze Tätigkeit. Sie verfolgen labile Personen wie Meg Abbott (Liv Tyler), die weiterhin ein schönes Leben aus Suburbia und Hochzeitsplanung träumen darf, tief in ihr jedoch eine Leere verspürt, die ihr Leben prägt und welche sie am Ende dazu bewegt, sich dem Kult anzuschließen.
Garveys Sohn Tom verbringt derweil seine Zeit in der Wüste Nevadas bei einem nebulösen Wunderheiler namens Wayne (Paterson Joseph), der eine erstaunliche Mischung aus weiblichen Models und entschlossenen Soldaten um sich versammelt hat. Sein Ruf hat sich sogar bis zu Kongressabgeordneten herumgesprochen, doch Waynes antagonistische Haltung und Warnung an Tom, dass die Schonfrist vorbei ist, deutet eine aggressivere Note an, als wir das von Wunderheilern erwarten würden. Die angelegte Infrastruktur deutet eventuell auf terroristische Pläne hin.
Im Gegenteil dazu wirken die Provokationen (“Stop wasting your breath”) der Guilty Remnants beim Heroes Day, dem gesetzlich angeordneten Gedenktag für die verschwundenen Menschen, gerade zu pazifistisch. Wie bei Beerdigungen, ist diese Veranstaltung nicht für die Toten gedacht, sondern für die Verbliebenen. Um den Verlust und augenscheinlichen Tod zu verarbeiten, durchgeht der Mensch die “5 stages of grief”, an deren Ende die Akzeptanz der Vergänglichkeit steht. Diese ist aber im Serienuniversum nicht zu bewerkstelligen, weshalb die normale Bevölkerung in einem permanenten Depressionszustand verharrt. Psychisch ist dies auf Dauer nicht zu verkraften. Es gibt nichts zu tun. Sie können nicht einmal jemanden beerdigen. Wo sind die Helden nur hin?
Doch von Helden geht Pastor Jamison (Christopher Eccleston) gar nicht aus. Er schwadroniert über die Verschollenen und ihr teilweise unrühmliches Leben. Nicht alle, die an dem Tag verschwanden, waren engelsgleich und er will es beweisen. Es handle sich bei dem Verschwinden nicht um die biblische Entrückung, den “Rapture”, die für viele fundamentale Christen in den USA als sicheres Ereignis feststeht. Die willkürliche Auswahl (verdeutlich im einzigen humorvollen Anteil der ersten ansonsten nihilistisch geprägten Folge: Shaq, Papst Benedikt XVI. und Gary Busey) kann als Erklärung nicht dienen und wissenschaftlich ist dem augenscheinlichen Verschwinden von Energie und Materie ebenfalls nicht näher zu kommen. Die daraus resultierende Frustration schlägt beim Heroes Day in Gewalt um, die Regisseur Peter Berg in ihrer Tragik stimmig einfängt.
Ein weiterer Subplot widmet sich Garveys Tochter Jill (Margaret Qualley), die ihrem Vater mit ihrer wenig glaubhaften, hypersexuellen Freundin auf eine Party entflieht. Sie ist ihm als einzige geblieben und dennoch fern. Im einzig schwachen Moment der Folge reduzieren Lindelof und Perrotta hier die Jugendlichen auf eine Metapher aus Sex, Nihilismus und jugendlicher Aufsässigkeit. Die Szene wird immerhin noch durch die Beerdigung des Hundes gerettet, den Garvey zuvor mit sich nahm, nachdem ihn ein mysteriöser Mann (Michael Gaston) vor seinen Augen erschoss und floh. Im thematisch stimmigsten Subplot findet so nämlich Chief Garvey zu einer Frau, die von der urbanen Legende um entflohene Hunden erzählt, die, nachdem sie das Verschwinden ihrer Herrchen mitansehen mussten, wieder zu ihrem ursprünglichen, animalischen Zustand verwilderten. Diese sind es auch später, die im Klimax der Folge den Hirsch angreifen, der Garvey bis in seine Träume zu verfolgen scheint. Könnte der natürliche Instinkt der Hunde hier die Zukunft der geplagten Menschen deuten, die sich durch ihre Rationalisierung der Situation nur Zeit erkaufen? Oder sind wir angewiesen den Hirsch im christlichen Kontext zu interpretieren (Psalmvers 42,2), nachdem sie als Darstellung der nach Heil Suchenden zu sehen sind? Oder ist der Hirsch in Wahrheit nur eine weitere Projektion von Garveys brodelnden Unterbewusstsein? Das hinterlassene Chaos in der Küche, das von dem Tier angerichtet wurde, steht dabei sinnbildlich für den Abgang der Mutter aus der Familie. Und sollte dies zutreffen, wird die Gesellschaft der bissigen Hunde die Guilty Remnants verschonen und kann Garvey seine Frau retten?
Augenscheinlich bietet The Leftovers ein einzigartiges und verheißungsvolles Konzept. Doch der Pilot lässt in bester Lost-Manier selbst die simpelsten Zusammenhänge offen. Auf lange Sicht gesehen, kann dieses Konzept jedoch frustrierend für den Zuschauer werden. Bereits im Vorfeld betonten die Showrunner daher in Interviews, dass die Serie am Ende eine Auflösung bietet, das geheimnisvolle Verschwinden aber dabei nicht im Vordergrund steht. Dass die Figuren weder über Ambition noch Kompetenz verfügen, um das zentrale Mysterium zu lösen, fällt in den Hintergrund solange das Drama stark genug ist. Komplexe und interessante Figuren sowie fähige Darsteller besitzt die Serie, um dies zu bewerkstelligen. Im Umkehrschluss muss die Frustration im Umgang mit dem Fehlen der Antworten und die brachiale Existenzkrise der Charakere aber auch Wege finden, die inneren Emotionen auf den Bildschirm zu übertragen. Lost löste dieses Problem mit einer symbiotischen Plotstruktur aus Insel und Flashbacks zum vorherigen Leben der Überlebenden, während The Leftovers kleine Momente des Wahnsinns als emotionalen Einblick in die Figuren formuliert, die allesamt eine traumartige Qualität besitzen. Sei es nun die wilde, nackte Flucht von Garveys Vater, der Doppelsuizid am College oder der Sex mit einer fremden Frau, die sich wohl beim Akt mit Garvey in Luft aufgelöst haben muss.
Zukünftige Folgen werden ohne die Neuerscheinungseffekte des Konzepts auskommen müssen. Ein interessanter Mix aus Radio, TV und Podcasts übernimmt zwar im Hintergrund die Aufgabe des Worldbuildings erstklassig, wenn die betonte Stille zu Beginn der Serie die Trauerzeit der Figuren untermalt. In Zukunft müssen die Figuren diese Stille aber zu füllen wissen. Die Schonzeit ist vorbei.
Zitat der Folge: “Ours is not to reason why.”