Review: Fear The Walking Dead S05E08 - PewPewPew

Halbzeit bei Fear The Walking Dead! Nach acht Folgen ist die fünfte Staffel wieder genau dort angelangt, wo die Serie letztes Jahr aufgehört hat und niemand ist schlauer. Das ist eine Bankrotterklärung.

Die fünfte Staffel von Fear the Walking Dead, das können wir nun nach acht Folgen zweifelsfrei sagen, eine scheinheilige Moralpredigt und erzählerische Bankrotterklärung der Autoren.

Wie es dazu kam? Ein kurzer Rückblick: Morgan (Lennie James) verlässt seine Heimat und wird der neue Protagonist der Serie, die daraufhin nicht nur ihre besten Figuren Madison (Kim Dickens) und Nick (Frank Dillane) tötet, sondern auch die Kernidee verwirft, die die Serie seit drei Staffeln bearbeitet: Die Überlebenden sind in Wahrheit die Walking Dead, vor denen es sich zu fürchten gilt. Deshalb ja auch Fear the Walking Dead.

Madisons langsamer Fall zur ruchlosen Mörderin und der einhergehende Bruch mit ihrer Familie wurden mit Morgans Gutmenschentum und Hilfsmission ausgetauscht. Das Ergebnis war vielleicht moralisch löblich, aus erzählerischer Perspektive jedoch weitaus weniger spannend.

Fear The Walking Dead: Der Kleine Prinz mit Zombies

Diese Staffel ist in etwa Der kleine Prinz mit Zombies. Morgans Gruppe entscheidet sich, anderen Menschen zu helfen. Sie empfangen nur eine einzige, vage Nachricht, riskieren sofort Leib und Leben für eine waghalsige Rettungsmission, bei der sie mit ihrem neuen Flugzeug abstürzen, da der einzige Pilot der Gruppe aus zunächst unbekannten Gründen nicht mitfliegt.

Die Gruppe strandet in einer nicht näher definierten Sackgasse irgendwo in Texas. Mysteriöse Berge und vermeintlich kaputte Straßen machen eine Rückkehr ohne das Flugzeug unmöglich. Die Überlebenden üben sich in der Reparatur des Flugzeugs und Philosophie, während Dwight problemlos durch die Region wandert. Außerdem gibt es Waisenkinder, ein kurz vor der Kernschmelze stehendes Atomkraftwerk und eine Überlebende der mysteriösen CRM-Organisation, die Rick Grimes entführte.

Die Serie ist aber an all diesen Aspekten nicht interessiert. Das Atomkraftwerk sehen wir nie, der Helikopter-Plot wird in einer Episode abgespeist und auf die Filme mit Rick Grimes verschoben, während die Kinder eigentlich gar nicht gerettet werden wollen – bis ihre Rettung durch die Handlungen unserer Figuren notwendig wird.

Währenddessen schwingen die Figuren große Reden über Erlösung und den Sinn des Lebens inmitten einer radioaktiv verseuchten Zombieapokalypse, statt die Beine in die Hand zu nehmen und zu Fuß aus der Region zu fliehen.

Fear The Walking Dead scheitert im Großen und im Kleinen

Am Ende erkennt Morgan, dass Selbstfürsorge auch wichtig ist. Selbst in der Zombieapokalypse darf sich niemand komplett vergessen. Diese Erkenntnis präsentiert die Serie als tiefsinnige Offenbarung und ignoriert gleichzeitig die narzisstischen Probleme in Morgans Ansatz, anderen zu helfen, um sich selbst dadurch zu helfen.

Es ist zum Verzweifeln. Die einzelnen Plot-Elemente passen nie organisch zusammen, es mangelt an sinnvollen Konflikten und die Atmosphäre wird ständig durch fast schon psychotische Monologe torpediert. Konflikte, wenn es sie überhaupt gibt, werden in der Gruppe schnellstens glatt gebügelt. Dazu wächst der Cast pro Folge und in acht Folgen stirbt keine einzige Figur – in einer Zombieserie!

Eigentlich passiert nichts in sieben Episoden. Game of Thrones brauchte eine weniger, um den Hass seiner Fanbase auf sich zu ziehen. Und dann sprach die Serie ihrer letzten Originalfigur ein Todesurteil aus: Alicia (Alycia Debnam-Carey) kam mit dem radioaktiven Zombieblut in Kontakt, vor dem Grace seit etlichen Folgen warnt.

Die Zeichen für das Midseason-Finale könnten nicht schlechter stehen. Es ist daher keine Überraschung, dass den Showrunnern Ian Goldberg und Andrew Chambliss mit der Folge kein Wunder gelingt und retrospektiv alles plötzlich Sinn ergibt. Vielmehr ist Is Anybody Out There? eine Folge, in der die Probleme der Serie kulminieren und in Szenen gipfeln, die unfreiwilliges Gelächter hervorrufen.

Fear the Walking Dead verliert sich in gekünstelten Konflikte

So muss sich Alicia einfach nur duschen und ist wieder gesund. Grace klemmt den Truck zwischen den einzigen anderen Autos auf einer leeren Landstraße ein, daher muss die Flucht zu Fuß gelingen. Plötzlich wird das Benzin schlecht, weshalb John (Garret Dillahunt) und Dwight eventuell zurückbleiben müssen, während die Batterien der Funkgeräte, die bisher problemlos eine Staffel lang funktionierten, genau im dramaturgisch passenden Moment den Geist aufgeben.

Gekünstelte Konflikte wohin man schaut: Natürlich kommen am Ende alle erfolgreich zum Flugzeug, das die radioaktive Rauchwolke um Haaresbreite umfliegen kann. Morgan bekommt einen Teil seines Stocks wieder, Alicia überlebt, John macht June einen Heiratsantrag. Das Ausbleiben bedeutungsvoller Konsequenzen verblüfft.

Aber es sind auch die kleinen Momente, die ärgern. Daniel (Rubén Blades) verschwindet eine Woche, wundert sich aber über die vermeintliche Gewichtszunahme seiner Katze Skidmark. Dwight und John sind angeblich 15 bis 20 Meilen vom Flugzeug entfernt, doch die Rauchwolken des explodierten Kraftwerks sind bei June (Jenna Elfman) und John gleich groß. Alicia glaubt, dass Madison stolz wäre, doch ihre Mutter war stets auf die eigene Familie bedacht und ging dafür über Leichen.

Help The Walking Dead: Die Serie braucht neue Autoren

Es bereitet mir keinen Spa, Woche für Woche so über eine Serie zu urteilen, die ich einst für ihre überraschend kompromisslosen Schritte, kontroversen Charaktere und stylishen Bilder bewunderte. Jede Staffel hatte Höhen und Tiefen, doch Fear The Walking Dead sitzt seit dem Showrunner-Wechsel in einem Loch fest.

Ich mag immer noch viele der Figuren und ihre Schauspieler, auch handwerklich ist die Serie eigentlich nach wie vor qualitativ hochwertig.

Doch selbst die besten Regisseure und Kamerafrauen scheitern an der Aufgabe, aus diesen Geschichten atemberaubende Bilder zaubern. Das Problem liegt auf dem Papier. Wie sollen hirnrissige Probleme wie den Parkunfall von Grace (Karen David) in dieser Episode sinnvoll inszeniert werden? Wie können die Schauspieler psychotherapeutische Gespräche glaubhaft spielen, wenn im Hintergrund ein Atomkraftwerk explodiert?

Es bringt nichts, die Serie braucht dringend neue Autoren. Sie braucht Autoren, die eine Geschichte mit Sinn und Verstand erzählen können, die ein Gefühl für Setting und Atmosphäre erklären können und auch verstehen, wie radioaktive Strahlung funktioniert.

Nun ist aber zuerst einmal Sommerpause. Durch den verzögerten Start der Staffel fällt diese jedoch kurz aus. Eine 6. Staffel wurde auf der San Diego Comic-Con bereits bestätigt, einen Showrunner-Wechsel gibt es trotz Fan-Petitionen aber nicht. Diese Petitionen muss nicht unbedingt ernst genommen werden, aber ihre Existenz ist ein markantes Symptom.

In drei Wochen gehen Morgan und Co. dann mit Logan (Matt Frewer) auf die Jagd nach dem letzten Benzin. Das brauchen die Figuren, um anderen Menschen zu helfen. Pferde wären schließlich zu einfach.