Review: Fear The Walking Dead S04E07 - PewPewPew


AMC

Auch in der vorletzten Folge der ersten Staffelhälfte gibt uns Fear the Walking Dead nur Brotkrumen, die uns hoffentlich im Finale zu Antworten führen werden. Währenddessen durchleben wir den dilettantischsten Schusswechsel der Serie, hirnrissige Actionsequenzen und erleben Figuren, die wir nicht wiedererkennen.

Fear the Walking Dead muss im kommenden Midseason-Finale liefern. Die Serie muss nicht nur die Leidenschaft und Liebe für ihre Figuren wiederbeleben, sondern auch die Geschichte um die Bösewichte und das Stadion sinnvoll auflösen, um so rückwirkend eine Rechtfertigung für diese verkorkste Staffel mit ihrer irreführenden Erzählstruktur zu zimmern. Ich wage mal zu behaupten, dass die Serie diese Mindesterwartungen nicht erfüllen wird.

Logik in Zombienarrativen

Es gibt wenig, das ich mehr hasse als „Logik“ in Zombienarrativen. Ja, auch ich möchte natürlich, dass sich die eingeführten Monster und Menschen an ein gewisses Regelwerk halten und somit kohärent und einheitlich auftreten, aber Zombies mit dem Mikroskop zu begutachten, halte ich für einen falschen Ansatz. Es handelt sich hierbei um ein übernatürliches Konzept, das man nicht zu sehr hinterfragen sollte. Ist doch egal, ob es Zombies oder Infizierte sind, ob sie langsam marschieren oder rennen. Hauptsache ist, sie haben eine Bedeutung innerhalb einer spannenden und tiefgehenden Geschichte mit interessanten Figuren.

Die schlimmste Sorte an Kritik in dieser Sparte ist die an den Handlungen der Figuren. Hätte, hätte, Fahrradkette. Endlose Diskussionen entstehen seit jeher, wenn die Entscheidungen der Figuren reflektiert werden. Es geht um Leben und Tod – und jeder weiß es besser als der andere. Anstatt mit den Figuren zu fühlen, ihre teilweise irrationalen Handlungen auf total menschliche Reaktionen in den Situationen zurückzuführen, werden Szenarien wie in Videospielen durchgespielt. Es wird gezeigt, wie Charakter A eigentlich total leicht aus Szenario B hätte entkommen können, wenn – ja, wenn nur dies oder das! Das ist eine beliebte Kritik bei Zombiefilmen. Ich vermute, es geht darum zu zeigen, wie „dumm“ die Figuren sind oder wie schlau man selbst ist und wie einfach man selbst in der Zombieapokalypse überleben würde. Das ist einfach nur langweilig.

Trotzdem werde ich genau dies nun tun. Nicht aus den genannten Gründen, sondern weil Fear the Walking Dead in dieser Folge offenbart, dass hinter dem Vorhang keine große Überraschung auf uns warten wird, die alles rückwirkend Sinn machen lässt. Stattdessen trennen sich die Wege der Figuren, weil wir seit Anbeginn der Staffel wissen, dass sie sich trennen und nun passiert es endlich. Puh. Die Serie gibt sich nicht einmal im Ansatz Mühe, diese Szenarien sinnvoll zu gestalten.

Aber auch die spätere Zeitebene lässt eine gewisse Cleverness vermissen. Nichts an Alicias Plan bei dem Treffen auf der Rennbahn macht Sinn. Das liegt weniger an Alicia, sondern am Drehbuch, das ein Shootout auf engem Raum erzwingen will. Man muss sich das wirklich mal vorstellen: Zwei Gruppierungen, die sich gegenseitig erschießen wollen, fahren mit ihren Autos bis auf weniger Meter aufeinander zu, steigen dann noch dazu aus ihren Autos aus, nehmen entweder gar keine Deckung oder verstecken sich hinter dünnen Autotüren und zielen dann wortlos aufeinander. Was für ein Blödsinn.

Später in der Episode ist das Stadion in der Flashback-Zeitebene umzingelt. Wieso? Weil Madison und ihre Gruppe nur zuschauen. Genüsslich nehmen sich die Vultures Zeit, ihren Plan ungehindert auszuführen, während alle Augen interessiert das Geschehen verfolgen. Zu diesem Zeitpunkt ist der Angriff bereits eine Tatsache, doch Madisons Truppe rührt keinen Finger. Kein einziger Schuss wird abgefeuert, nicht einmal ein Warnschuss. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Auch ihre Kinder, sobald auf dem Vorparkplatz des Stadions angekommen, lassen sich einfach so von einer Gruppe Zombies umzingeln, bis sie eingekesselt sind und im Schlamassel sitzen. Sie fahren weder ein paar Meter weg, noch hupen sie, um die Horde wegzulocken. Einfach nichts dergleichen passiert und es stellt sich die Frage, wieso es so peinlich gefilmt ist. Regisseurin Sarah Boyd bietet uns noch dazu eine Vogelperspektive, in der wir genau sehen, wie einfach Nick und Alicia mit ihrem Auto hätten fliehen können. Seit sieben Episoden warten wir auf die Auflösung der Frage, wie Madison von ihrer Familie getrennt werden konnte – und das ist die Antwort?

Es fehlt an Sorgfalt

Fear the Walking Dead legt dazu keine Sorgfalt an den Tag, um seine Schießerei irgendwie auch nur ein bisschen glaubhaft zu inszenieren. Es ist wohl sicherer und inzwischen auch billiger geworden, Kugeln und Schüsse mit CGI umzusetzen, aber wenn Waffen ohne Rückstoß abgefeuert werden und Kugelhülsen ohne einen Schuss abzufeuern einfach so aus einem Gewehr fliegen, geht ein gehöriger Teil der Glaubwürdigkeit verloren. Auch wie unbeholfen die Figuren aufeinander schießen oder eben nicht schießen, ist hochpeinlich umgesetzt.

Es entsteht schlicht der Eindruck, dass der Serie ihre Action relativ egal ist. Für die Macher scheinen diese Sequenzen inzwischen wie ein Fertiggericht zu funktionieren: Ein paar Waffen, Zombies, hier und da ein Gegner – fertig ist der Mix, der die Serien seit fast einem Jahrzehnt auf dem Bildschirm hält. Eine spannende Idee, einen kreativen Funken oder auch nur eine gut inszenierte Szene finden wir selten. Doch diese Folge hat hinsichtlich der inneren Handlungslogik wirklich den Vogel abgeschossen.

Nicht wiederzuerkennende Figuren

Aber wären es nur die Handlungen der Figuren. Nein, es sind auch Nick, Madison und Co. selbst, die nicht fürchterlicher sein könnten. Menschen ändern sich, ebenso wie Figuren in guten Serien. Wie Personen sich hier jedoch verändert haben, macht schlicht und einfach keinen Sinn. Madison war die Person, von der Nick immer weglaufen wollte. Sogar in der Zombieapokalypse, wo der Zusammenhalt der Familie stets so betont wird, war Madisons kalter Umgang mit ihren Kindern eine Kerndynamik der Serie.

Noch kurz vor dem Ende der dritten Staffel verirrt sich Nick zusammen mit seinem neuen Stiefbruder Troy in eine Zombiemenge. Umhüllt mit Zombieinneren sind die beiden schwarzen Schafe ihrer Familien geschützt und in einem der schönsten Bilder der Serie nehmen sie sich umringt von Walkern in die Arme, während Nick unter Tränen beichtet, wie sehr er nicht zurück zu Madison will. Und dann erschießt Madison Troy vor Nicks Augen im Finale und es wird nie aufgearbeitet. Dazu kommt noch der Umstand, dass die eigensinnige Madison Nick findet und rettet. Nichts davon passt zu den Darstellungen dieser Figuren in den vorangegangen Staffeln. Die Geschichte zwischen den Staffeln, die vor dem Zeitsprung, wird in zwei Sätzen abgetan. Der arme Frank Dillane weiß um die Irrsinnigkeit dieser Wandlungen. Er erzählt seine Dialoge auch mit der Leidenschaft, als würde er sie von einem Teleprompter abseits der Kamera zum ersten Mal ablesen.

Keine der alten Figuren ist sympathisch. Strand ist in dieser gesamten Staffel bisher extrem verhalten aufgetreten, Daniel immer noch verschwunden, Luciana hat ohne Nick keine wirkliche Funktion und selbst Alicia ist kaum wiederzuerkennen. In dieser Folge, wo erneut diese moralische Ambiguität aus „Wir müssen Mel retten, jeder Mensch hat eine Würde“ und „Ich zerstöre jetzt den Lieferwagen mit einem Granatwerfer, obwohl ich die Person noch vor Kurzem retten wollte“ ausgespielt wird, kommt Madisons Tochter ganz schlecht weg. Währenddessen sind Althea und Morgan selten mittendrin und eher nur so dabei, während letzterer in jeder Szene eine traurige Erinnerung bleibt, dass nur wegen ihm dieser ganze Zeitsprung und somit diese Erzählung stattfindet.

Fear the Walking Dead hat mit diesem Soft Reboot in der vierten Staffel schlicht fundamentale Fehler auf ganzer Linie gemacht. Klar, John Dorie und Naomi sind weiterhin ein spannendes Team, doch Naomis Teamzugehörigkeit ist so sprunghaft und verwirrend erzählt, dass ich mich schlicht nicht mehr für die Auflösung interessiere. Ebenso hat sich Madison so stark verändert, dass mir ihr Schicksal eigentlich egal ist. Tot oder lebendig? Wie soll mich das berühren, wenn ich die Figur nicht mehr wiedererkenne? Genau diese Gleichgültigkeit ist für mich als ehemaligen Fan und Verteidiger dieser Serie eigentlich das Schlimmste.