Review: Fear The Walking Dead S04E04 - PewPewPew


AMC

Binnen vier Folgen ist die Transformation beendet. Fear the Walking Dead hat sich gehäutet und ist nun eine Kopie der Mutterserie. Wieso das Spin-off noch existiert und was es will? Einfache Fragen, auf die die Serie keine Antworten zu haben scheint.

Lasst uns die Sache auf den Punkt bringen: In der vierten Folge passiert eigentlich gar nichts, doch das ist die Intention. Die Geschichte darf nicht schneller erzählt werden, denn Fear the Walking Dead hat sich an dem Erzähltempo der Mutterserie The Walking Dead angepasst. Nach den inzwischen nur noch als feindliche Übernahme zu bezeichnenden Veränderungen durch die neuen Showrunner hat die Serie nichts mehr mit ihren vorangegangen drei Staffeln gemein. Frank Dillane verlässt die Serie, von Daniel (Ruben Blades) gibt es ebenfalls noch kein Lebenszeichen, es existieren mehrere Zeitebenen, die stillstehen, es wird ausreichend gelabert und schnell klar: Wie bei der Mutterserie wird bis zum Midseason-Finale nichts passieren. Wir werden vorher weder herausfinden, wo Madison steckt oder was mit dem Stadion passiert. Dabei wissen wir noch nicht einmal, wie die Gruppe nach dem Staudamm zusammengefunden hat. Das wäre an sich gar nicht so dramatisch, würde die Serie nicht auch aus dieser Frage ein Mysterium aufbauen, das sich über eine Staffelhälfte erstreckt. Es würde wohl reichen, nur die erste und letzte Folge zu sehen.

Hinzu kommen viele Gimmicks, die The Walking Dead seit dem Beginn von Scott M. Gimples Zeit als Showrunner plagen. Da wären vor allem die sinnlosen Set Pieces, die scheinbar nur den Promos dienen. Konsequenzen irgendeiner Art vermisse ich hier schmerzlich. Alycia und Naomi befinden sich in dieser Folge zum Beispiel in einem ehemaligen Erlebnisbad mit Rutschen und Schwimmbecken. Die Serie kann natürlich nicht der Versuchung widerstehen, die beiden Figuren ins Wasser zu schicken und die rutschigen Flächen als kurzen Schocker zu nutzen, obwohl deutlich zu sehen ist, dass die beiden Frauen auch problemlos am Rand vorbeigehen könnten. Kreativität ist wichtig, gerade bei einem seriellen Zombienarrativ. Aber geht es auch weniger effekthascherisch?

Diese Szenen wirken wie eingeschoben in den eigentlichen Ablauf der Fear the Walking Dead-Folgen. Sie entstehen vermutlich – oder wirken zumindest so – bei einem Brainstorming des Writers‘ Rooms: „Welche Ideen habt ihr und wie könnten wir sie irgendwie in unsere Serie einbauen, um die Zuschauer kurz durchzurütteln, bevor sie einschlafen?“

Ach, würde es nur dabei bleiben. Die Zeitebenen ergänzen sich kaum und die Gespräche führen nur zur Erkenntnis, dass etwas Furchtbares passiert sein muss. Das betonen die Figuren immer wieder, ihre Reue wird sichtbar, aber all das war bereits bekannt. Hinzu kommen die Farbfilter, die die unterschiedlichen Handlungsstränge differenzierbar machen sollen. Schlussendlich ist es jedoch entweder zu dunkel, um etwas zu erkennen, oder alles grau in grau. Zusätzlich fehlen Fear the Walking Dead Einstellungen mit Ideen, sei es mal ein Wide Shot oder kreative Spielereien. Wie wäre es zum Beispiel mit einer Found-Footage-Episode, die ausschließlich über Altheas Aufnahmen erzählt wird?

Fear the Walking Dead ist visuell tot. Zombies, die sich ihrer Lokalität anpassen, sind schon lange eine spaßige Tradition. Somit sind die Kaktus-Zombies durchaus passend, aber auch nur ein kurzer und schnell vergessener Einwurf. Schlimmer ist der Wechsel des Serientitels. Der Opening Title soll angeblich eine Geschichte erzählen, wovon noch nichts zu erkennen ist. Viel eher würde mich freuen, wenn die Serie eine spannende Geschichte erzählen würde.

Das ist bewusst übertrieben. Aber selbst das, was erzählt wird, erfahren wir ausschließlich in Flashbacks. Zu lernen, wie etwas passiert ist, wird nie so spannend und aufregend sein, wie es selbst zu sehen.

Die Figuren sind alle so damit beschäftigt, zu reden, dass sie beinahe vergessen, Nick zu begraben. Das geschieht dann äußerst unzeremoniell, als wäre er kein wichtiger Charakter in Fear the Walking Dead gewesen. Auch seine Schwester und seine Freundin zeigen sich kaum erschüttert oder innerlich zerrissen. Ihre Beziehungen zu Nick waren sicherlich nicht immer einfach, aber wenn man mehrere Jahre täglich gemeinsam ums Überleben kämpft, schweißt das doch zusammen. Ebenso hatte der Zuschauer eine intensive Beziehung mit dem heimlichen Hauptdarsteller. Nun reicht ein Grab am Straßenrand, eine schmerzliche Metapher für den Umgang mit der gesamten Serie.

Ich muss gestehen, mir macht das Schreiben solcher Kritiken keinen Spaß. Ich begleite Fear the Walking Dead gerne und werde auch weiterhin jede einzelne Episode kritisch kommentieren. In der längeren Betrachtung gibt es durchaus deutliche Schwankungen. Nach vielen Zweifeln konnte die erste Staffel stark überraschen, während die zweite trotz einiger Schmankerl durchaus bereits Ansätze zeigte, die Eintönigkeit der Mutterserie anzunehmen. Die großartige dritte Staffel konnte viele Zuschauer wieder packen, weil sie auf ein Finale hinarbeitete und gleichzeitig Themen betrachtete, die tatsächlich wertig waren. Die Figuren passten sich auch leicht an diese Geschichten an, die Schauspieler blühten auf.

Doch nun ist Fear the Walking Dead tot. Ich hatte es bereits in der Kritik des Finales befürchtet und genauso ist es gekommen. Die dramatische Wende in jeglicher kreativer Hinsicht ist unwiderruflich vollzogen. Das mag gefallen – oder eben nicht. Doch es stellt sich die Frage, weshalb dann überhaupt noch zwei Serien existieren müssen, wenn sie in stilistischer Hinsicht derart krass angenähert werden. Bei Film-Universen wie den Marvel-Filmen gibt es durchaus eine logische Erklärung, immerhin wird trotz kreativen Ausbrüchen auf ein gemeinsames, übergeordnetes Ziel, das streng überwacht wird, hingearbeitet.

Doch worauf arbeitet Fear The Walking Dead hin? Wieder die nächsten Villains of the Season besiegen? Und dann? Es gab einmal die Hoffnung, dass Fear The Walking Dead die Grundlage für eine größere Storyline im Original stellen könnte. Aber auch das ist inzwischen unrealistisch. In der dritten Staffel gab es eine Aussöhnung zwischen Weißen und den amerikanischen Ur-Einwohnern gegen einen gemeinsamen Feind. Die erste Staffel erzählte vom Verlust des Vertrauens in den Staat, lange bevor dieser von Zombies überrannt wurde. Was will Fear The Walking Dead?

Nächste Woche erwartet uns bei Fear The Walking Dead eine Bottle Episode mit John Dorie. Die Figur ist dank ihrer Aufrichtigkeit und Hilfsbereitschaft durchaus spannend. Es stellt sich die Frage, ob sich John diese Eigenschaften in der harschen Welt bewahren konnte oder ob der Cowboy eine dunkle Seite verbirgt. Seine Beziehung zu Naomi bzw. Laura dürfte in der Hinsicht sicherlich einiges offenbaren. Die gesamte Staffel wird dadurch aber wieder angehalten, um die Hintergrundgeschichte einer einzigen Figur zu beleuchten.

Fear The Walking Dead ist eine Zombie-Serie. Nein, keine Serie über Zombies. Sie ist tot und wird dennoch ausgestrahlt. Wo bleibt der Gnadenschuss?