Review: Fear The Walking Dead S04E02 - PewPewPew


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Zweiter Schuss, Treffer. Nicht alles ist perfekt, aber der eigentliche Staffelauftakt in der zweiten Folge bringt Fear The Walking Dead wieder halbwegs auf den Weg. Trotzdem stören einige Veränderung sehr.

Aha. Es geht doch noch. Nach dem durchwachsenen Start kann Fear the Walking Dead in der zweiten Folge namens „Another Day in the Diamond“ zur Routine zurückfinden. Trotzdem lassen sich einige Punkte finden, die thematisch und atmosphärisch stören. Das könnte erfrischend oder bereits der Beginn des Untergangs sein.
Wiedersehen macht Freude

Endlich sehen wir wieder unsere bekannten Figuren. Die Clarks, Strand und sogar Luciana haben sich in einem Baseballstadion in Texas niedergelassen. Die sichere Unterkunft bietet Zeit zum Wiederaufbau. Knapp ein Jahr nach dem Start der Zombieapokalypse gibt es wieder so etwas wie einen Alltag. Madison (Kim Dickens) baut kleine Wohnungen in den Rängen, Nick kümmert sich um den Anbau von Gemüse, während der Rest in frisch gewaschenen Kleidern ein ausgewogenes Frühstück genießt. Nach draußen zu den Beißern geht die Gruppe nur, wenn sie muss. Wie zum Beispiel, als ein kleines Mädchen namens Charlie auftaucht. Madison macht sich mit ihren kompetenten Mitstreitern auf den Weg, um Charlies Familie, die etwas außerhalb eines abgesteckten Umkreises vermutet wird, zu finden. Statt der Familie finden sie jedoch eine Überlebende namens Celia und neue Widersacher, die Vultures. Ihr Anführer Mel macht dem Namen alle Ehre. Er will Madisons Lager gar nicht angreifen. Stattdessen spricht er von einem Zyklus, der das neue Leben in der Nachwelt dominiert: Aufbauen, Leben, Tod, Neubeginn. Seine Gruppe wartet und sammelt die Überreste auf.

Das macht die Vultures, für die Charlie übrigens als Spionin arbeitete, durchaus interessant. Dazu ist Melvins Ansatz ein netter Meta-Kommentar auf das postapokalyptische Leben wie es in Kirkmans Universums präsentiert wird. Trotzdem bleibt die Frage, wieso Madisons Gruppe nicht einfach das Feuer eröffnet. Ein gewaltsam ausgetragener Konflikt soll nach Möglichkeit vermieden werden, aber Melvins Truppe macht sich in Schießstand-Entfernung breit und zuvor hat es Madison auch nicht an einer gewissen Skrupellosigkeit gemangelt. Ich plädiere nicht dafür, jeden Gegner direkt umzunieten, doch diese inkonsistente Charakterzeichnung lässt mich verwirrt zurück. An Menschenwürde und einem friedlichen Miteinander war die Matriarchin in vorherigen Staffeln nur wenig interessiert.

Verwirrung dominiert die Serie

Verwirrung dominiert bisher die Erzählung dieser Staffel. Wie hat Madison die anderen Mitglieder ihrer Gruppe wieder finden können? Wie hat Nick die Explosion des Staudamms überlebt? Sind Qaletaqa Walker und Daniel Salazar (Rubén Blades) noch Teil der Serie? Wie fand Luciana wieder zurück in das Ensemble? Es fühlt sich an, als hätte man einige Episoden verschlafen und würde nun wieder einschalten. Keine dieser Geschichten muss notwendigerweise erzählt werden. Aber ich werde das Gefühl nicht los, dass die Autoren interessante Handlungsstränge zurücklassen, nur um Morgan in die Serie einzuführen.

Insbesondere Madisons Charakterwandel irritiert doch sehr. Madisons Ziel war es stets, ihre Familie vor jeglichen Bedrohungen zu beschützen. Dafür riskierte sie mögliche Partnerschaften, sichere Unterkünfte und war gewillt, jeden zu töten, der ihr in die Quere kam. Es gab nicht ohne Grund den Plan der ehemaligen Autoren, die Clarks irgendwann zu den Bösewichten ihrer eigenen Serie werden zu lassen. Egal wo die Familie landete, wurde die Siedlung kurze Zeit später von ihnen gewaltsam übernommen oder durch sonstiges Unheil zerstört. Das Baseballstation, das nun als neue Unterkunft dient, mag anders sein. Zum ersten Mal hat Madison selbst eine sichere Unterkunft aufgebaut. Sie ist die unangefochtene Anführerin, die vielen Einwohnern direkt das Leben gerettet hat und die somit langsam den Kern ihrer Familie auf rund vier Dutzend Menschen erweitert hat. Diese Kehrtwende ist durchaus spannend, aber wie auch in der Mutterserie wird der Zuschauer vor vollendete Tatsachen gesetzt, die – wenn überhaupt – im Nachhinein aufgearbeitet werden. Dabei bleibt immer eine Distanz zu den Figuren, die es vorher nicht gab.

Gleichzeitig operiert die Serie ähnlich wie The Walking Dead mit Flashbacks und Sprüngen in die Zukunft bzw. Gegenwart, wo die Handlung aktuell eine Minute pro Folge weitererzählt wird. Woran liegt es, dass seit der Übernahme durch Scott M. Gimple beide Serien mit diesen bedeutungsschwangeren und ominösen Flashforwards beginnen, nur um dann zu erzählen, wie die Figuren zu diesem Punkt gelangen? Dabei ist alles nur Schall und Rauch. Es handelt sich hierbei um einen redundanten und wenig überraschenden Kniff, der eine stringente Erzählung versperrt, die packend und einnehmend sein könnte.

Fear The Walking Dead wird zum Comic

Insgesamt lässt sich in der Folge die „Comic-Book-isierung“ der Serie beobachten. Morgan, der kämpferische Mönch, ein Cowboy und eine Journalistin; all das sind Comic-Figuren, während die Clarks oder Strand stets fehlerbehaftete, aber dennoch realistische Figuren waren. Dies war in gewisser Weise immer der Vorteil von Fear The Walking Dead. Da sich die Serie nicht an der Geschichte eines Comics entlang hangeln muss, ist sie in ihrer Erzählung freier und kann dazu seriöse Ansätze lästigen Comic-Elementen vorziehen. Nun aber fängt der Anführer der neuen Widersacher auf einem Fahrrad unter klassischer Musik Zombies ein, während eine Journalistin ein perfekt ausgerüstetes Auto mit Maschinengewehren benutzt, das in Mad Max kaum auffallen würde.

Fear kam bisher ohne diese Elemente und überlebensgroße Figuren aus. Die Serie verhandelte realistische Konflikte wie die Frage nach der Landverteilung in Abwesenheit der Vormachtstellung einer weißen Oberschicht. Erhalten die Natives ihr Land zurück oder wird wieder wie im Wilden Westen darum gekämpft? In einem Genre, das ganz bewusst mit dem Frontier-Gedanken spielt, war das eine spannende Angelegenheit. Es gab Fragen und Themen wie diese, die tiefer gingen, als nur zu erörtern, wie Madisons Familie zu einer Straßengang wurde, die in einer der vielen Zeitebenen Morgan findet. Sind wir hier bei Westworld?

Es ist verständlich, dass Fans der bisherigen Serie damit ein Problem haben können. Die bisherigen drei Staffeln waren sicherlich nicht perfekt, aber Fear The Walking Dead war gerade dabei, sein eigenes Ding zu machen. Recht gut sogar. Vielleicht stellt sich gegen Mitte der Staffel heraus, dass diese Neuerungen doch ziemlich innovativ und nachhaltig sind. Die Zweifel bleiben vorerst vorhanden. Die Unterschiede sind zur vorigen Staffel sind nun völlig offensichtlich, selbst die alte Titelsequenz hat nicht überlebt. Ich frage mich, was am Ende der Staffel noch übrig bleibt.