Review: Fear The Walking Dead S02E01 - PewPewPew

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AMC

Ahoi, Matrosen! Können Zombies schwimmen? Wie sieht es mit Piraten in der Postapokalypse aus? Und gibt es Zombiehaie? Fear The Walking Dead schlägt nach der dramaturgischen Katastrophe der Schwesterserie ganz eigene und leise Töne an – und überzeugt.

Es klang alles so logisch. Auf dem Höhepunkt der Popularität von The Walking Dead kündigt AMC eine Spin-off-Serie von Robert Kirkman höchstpersönlich an. Natürlich. Wieso auch nicht? Während die Schwesterserie trotz sinkender Qualität und einem gleichbleibend niedrigen Budget Quotenrekorde am laufenden Band bricht, macht dieser Schritt schließlich Sinn. Da die Zuschauer sich sowieso scheinbar von dem Niveaulimbo der regulären Show nicht beeindrucken lassen und der Serie treu bleiben, hat AMC immerhin nichts zu befürchten. Und überhaupt: Das Szenario gibt es doch her! Wenn es nach dem Sender gehen würde, gäb es Serien im Zombieuniversum des Comic-Schöpfers Robert Kirkman bis zur eigentlichen Apokalypse.

Doch nun kehrt Fear the Walking Dead, das Spin-off mit dem so simplen und doch sachgemäßen Titel, zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt zurück. Nachdem Fear sehr kompetent mit leisen Tönen die Anfänge des Zerfalls dokumentiert hat und nun tatsächlich große Schritte sowie originelle Ideen wagt, hat es sich die Schwesterserie mit ihrem dramaturgisch katastrophalen Staffelfinale so bei den Fans vergeigt, dass wir um das Spin-off fürchten müssen. Ob sich die breite Enttäuschung aller Zuschauerränge tatsächlich in negativen Quoten niederschlagen wird, sei mal dahingestellt. Die Marke selbst ist angekratzt.

Das ist äußerst schade, denn Fear The Walking Dead bleibt auch in der zweiten Staffel eine Serie, die Aufmerksamkeit verdient. Die erste Staffel hatte durchaus ihre Schwächen, doch sie war durchgehend unterhaltend und clever geschrieben. Und wenn sie gut war, dann war sie richtig gut. Es war der völlig richtige Schritt, das große bisher ungenutzte Potential zu nutzen, das in der ersten Konfrontation der Menschen mit den Untoten liegt. Da The Walking Dead in einer Welt spielt, in der es das Konzept des Zombies an sich nicht gibt, ist die Frage des Umgangs mit dieser Form der Apokalypse höchst interessant.

Am Ende der recht kurzen ersten Staffel (die zweite wird mit 15 Folgen mehr als doppelt so viele Episoden zu bieten haben) gab uns der mysteriöse Strand (Colman Domingo), der eine reiche Villa und eine Luxusyacht besitzt, ein Versprechen: „Go West“. Die erste Folge, mit dem Titel Monster hält dieses Versprechen. (Thematisch passend: Die letzte Folge der ersten Staffel hieß The Good Man; Ist dies also unweigerlich das Schicksal aller guten Männer?). Während das Militär die großen Zombieherden im Innern von Los Angeles mit Jets und Feuerbomben bekämpft, rettet sich unsere Gruppe gerade so auf die zunächst sicheren Gewässer des Pazifiks. Das Opening verliert keine Zeit und setzt nur wenige Stunden nach dem Ende der ersten Staffel ein. Alle wirken dementsprechend gehastet und gestresst, besonders Madison (Kim Dickens) kann sich zu Beginn der Folge kaum aus ihrem Schock lösen und braucht erst einige Sekunden, bis sie sich sammeln kann. Während die Zombies von der Klippe fallen, sich aufrichten und auf sie zu begeben, pulsiert der Score von Komponist Paul Haslinger. Er scheint ihr zurufen zu wollen: “Beweg dich!”. Auch wenn diese Schockmomente in ihrer Intensität und Frequenz mit der Zeit abnehmen werden, haben sie bis jetzt kein Stück von ihrer Faszination verloren.

Dass die Figuren sich noch nicht wirklich mit den Regeln dieser neuen Welt angefreundet haben, wird blitzschnell deutlich: Nick (Frank Dillane) weiß sich nicht anders zu helfen, als einen Walker mit dem Propeller des Schlauchbootes niederzumetzeln. Es ist ein großartiger Moment für Gore-Fans, von denen die Serie sicherlich genügend hat. Die Szene greift aber darüber hinaus auch den Ton der ersten Staffel auf. Für Nick ist diese Aktion ein letzter Ausweg, er hat sich nicht daran gewöhnt. Auch Madison rutscht ein aufgescheuchtes “Oh God“ heraus. An der Yacht angekommen, muss die Gruppe jedoch mit Blick gen Los Angeles erkennen, dass ihre Unschuld nicht das einzige ist, was sie verloren haben. In einem fantastischen Wide Shot offenbart Stammregisseur Adam Davidson das wahre Ausmaß der Zerstörung von L.A. und damit auch den Stand der Militärstrategie Cobalt. Paul Haslingers Score untermalt den immensen und tragischen Verlust dieses Moments grandios.

Allgemein konzentriert sich diese Folge weniger auf ihre Figuren als mehr auf die Momentsaufnahme und das Worldbuilding. Man muss es Fear The Walking Dead doch lassen: Mit dem Wechsel auf das Meer kann man nicht nur einfach ganz neue Bereiche in dieser Welt bereisen, sondern eine ganz eigene Ästhetik entwickeln, die sich mit dem Original kaum vergleichen lässt.

Gleichzeitig kann sogar mit dem Mythos an sich gespielt werden: Können Zombies schwimmen? Ja, können sie, wie wir später noch herausfinden werden. Doch zuvor müssen sich die Figuren einmal sammeln. Sie können 3000 Meilen mit dem Boot fahren, womöglich bis nach El Salvador. Bis jetzt heißt das Ziel noch San Diego, aber auch Hawaii wird von Alicias Freund aus dem Radio genannt. Dem Wechsel auf das Wasser gebührt im Kontext der stets gleichen Wälder Georgias nicht nur immenser Respekt aus produktionstechnischer Sicht. Er öffnet auch Tür und Tor für eine schnelle Abwicklung von Ereignissen und Kurzgeschichten. Die zweite Episode unterstreicht diese Vermutung. Bereits in der ersten Staffel gelang es Fear the Walking Dead mit der Dokumentation der schleichenden Apokalypse an Max Brooks großartige Zombiebibel World War Z zu erinnern. Durch den cleveren Schritt aufs Meer kann hier problemlos an frühere Tendenzen angeknüpft werden.

Und das tut die Serie auch. Travis, Daniel, Strand und Co. begegneten zum Tode geweihten Menschen in einem völlig überfüllten Boot mit kaputtem Motor. Sie treffen auf ein zerstörtes Boot voller Leichen. San Diego ist dicht. Über das Radio erfahren wir, dass überall die öffentlichen Dienste wie die Küstenwache ihre Aufgaben niederlegen. Das Radio selbst wird aber nicht nur Werkzeug der Dokumentation des Horrors (Menschen springen in ihrer Verzweiflung von Klippen, während andere in Selbstgesprächen darüber geschockt berichten, um nicht den Verstand zu verlieren), sondern auch zur direkten Gefahrenquelle: Jack, Alicias neuer Freund aus dem Radio, ist womöglich das Boot, das auf die Yacht mit voller Fahrt zusteuert.

„The whole world is I don’t know at this point“, sagt Strand. Er hat recht. Für die Figuren bedeutet dies ein enormes Gefahrenpotential. Für den Zuschauer bedeutet es aber auch viele neue Abenteuer in neuen Umgebungen. Gleichzeitig muss Fear es schaffen, diese Abenteuer mit Figuren zu erzählen, mit denen man mitfiebert. Der Zerfall der Gesellschaft führt zur Rückbesinnung auf den Familienkern. Travis (Cliff Curtis) betont das. So muss es jetzt sein. Sein Sohn kann dies nicht akzeptieren. Das Seebegräbnis der Mutter beendet er vorzeitig, denn diese neue Familie, mit der Travis nun versucht das eigene Überleben zu sichern, besteht für ihn (noch) aus Fremden.

Es ist gut, dass sich die Autoren darüber bewusst sind. Für den Großteil der ersten Folge beschäftigen sich die Showrunner Robert Kirkman und Dave Erickson nämich damit, ihre Figuren miteinander reden zu lassen. Es sind kurze, aber wichtige Interaktionen und kleine Charaktermomente. Alicia das Radio zu überlassen ist sicherlich keine schlaue Idee, aber das empfindet der Zuschauer nur, weil er der Naivität der Figuren voraus ist. Aktuell erfordert die Serie ein hohes Maß an Empathie, das auch die Figuren selbst ausstrahlen. Daniel kümmert sich um Chris. Eine schlaue Paarung, immerhin haben beide gerade jeweils die wichtigste Frau in ihrem Leben verloren. Interaktionen dieser Art gibt es zuhauf in der ersten Folge. Nick gibt Daniels Tochter Tipps für die Bearbeitung ihrer Wunde, Strand baut Nicks Selbstwertgefühl auf, dieser geht wiederum mit Chris schwimmen. Nicht nur, weil er selbst gerne schwimmen will, sondern weil er einfach den kurzen Drang zur Rebellion nachvollziehen und verstehen kann. Es muss nicht immer sicher sein, aber es fühlt sich in dem Moment einfach richtig an. Noch können sich die Figuren diesen Luxus leisten. Auch Travis und Daniel kommen sich nahe. Obwohl Daniel zunächst den anderen Familienvater zurückweist, kann er sich nach einem kurzen Moment doch öffnen.

Monster legt zwar wichtige Brotkrumen für die Zukunft (Strands mysteriöses Gespräch auf Spanisch, Seepiraten, geheime Motive, Misstrauen), schafft es jedoch eindrucksvoll die buchstäbliche Orientierungslosigkeit nicht nur geographisch, sondern auch bei der Charakterisierung der Gruppe aufzuzeigen. Und so kann die notgedrungene Patchworkfamilie über den Dialog und durch die gemeinsame Verarbeitung von Ängsten und Problemen einen gemeinsamen Kern schmieden. Denn schon bald werden Monster an ihre Tür klopfen. Oder schlimmer: Die Gruppe muss sich selbst davor bewahren, zu Monstern zu werden.