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© AMC

Nach dem atmosphärischen Start in der Pilotfolge macht Fear The Walking Dead genau dort weiter, wo die Serie letzte Woche aufgehört hat. Mit der Apokalypse lässt man sich aber weiterhin Zeit. Wie erfrischend.

Seit gestern sind die Polizisten des Los Angeles Police Departments auf Streife mit Kameras unterwegs. Am Körper befestigt sollen diese Aufnahmegeräte in Zukunft garantieren, dass sich die Polizisten bei ihrer Arbeit beobachtet fühlen, um so der potentiellen Korruption eine zusätzliche, psychische Barriere vorzuschieben. Dies ist leider eine traurige Notwendigkeit geworden, besonders nach einer anhaltenden Welle ausufernder Polizeibrutalität in den letzten Jahren.

Es ist auch eine Folge von beschämenden Zwischenfällen wie dem Tod von Walter Scott, den nach einer Auseinandersetzung mit einem Polizisten auf der Flucht mehrere Kugeln in den Rücken trafen. Momente später legt der Polizist einen Gegenstand, mutmaßlich einen Taser, neben den toten Scott.

Festgehalten wurden diese Momente von Feidin Santanas Kamera, einem zufälligen Augenzeugen. Erst dank dieses Beweisvideos konnte es zu einer Anklage gegen den Polizisten kommen. Es ist eines von leider viel zu vielen Beweisvideos, die in den letzten Jahren bei der Aufklärung dieser Zwischenfälle nötig wurden. Daher ist es nicht verwunderlich, dass Chris (Lorenzo James Henrie) in der neuen Folge von Fear the Walking Dead in einer Mischung aus Neugier und Wut den Bus verlässt, zur Gefahr läuft und sich mit seiner Kamera nützlich machen will.

„Cops shot a homeless dude. Shot him like 20 times.“

„This is wrong, wrong, wrong.”

„That man was unarmed.“

„Put the camera down.“

„The people are taking action. This is important, dad.“

Auf den ersten Blick würden wohl nur wenige Zuschauer diese Zitate AMCs neuer Zombieserie zuordnen, aber tatsächlich ist dies nur eine kleine Auswahl der Sätze, die in der neuen Serie über Zombies ausgesprochen wurden. Wenn man denn überhaupt noch daran glauben möchte, dass sich dieses bisher sehr vielversprechende Spin-off einer abgenutzten Serie tatsächlich um Zombies dreht.

Bereits in der letzten Episode wurde nämlich ein solcher Zwischenfall mit der Polizei auf Video festgehalten und durch soziale Netzwerke zum viral video. Hier agiert das Video noch als eine Mischung aus Aufklärung und Anleitung. In der neuen Folge “So Close, Yet So Far”, die nahtlos an die Pilotfolge anschließt, filmt Travis’ Sohn dann erneut eine solche Aktion. Doch die soziale Komponente ist neu.

Grausige Bilder offenbaren sich dem Zuschauer. Eine Person liegt tot auf der Straße, notdürftig mit einem Leichentuch bedeckt. Die Polizisten haben die Straße nur mäßig abgesperrt. Augenzeugen und zugelaufene Menschen fangen an zu protestieren. Es sind Szenen, wie man sie viel zu oft in den letzten Monaten auf Bildschirmen in alle Welt übertragen sieht. Ein weiterer Walker stößt hinzu und kann schnell erledigt werden, doch die Situation eskaliert. Die Menschen beginnen zu randalieren und zu toben. Szenen, wie sie sich jüngst erneut in Ferguson abgespielt haben, kommen einem ins Gedächtnis. Inmitten dieses Chaos kann Travis (Cliff Curtis) seine Familie, übrigens allesamt people of color, aus der Gefahr bringen und bei einem Friseur und seiner Latino-Familie Zuflucht finden, während außerhalb der Sicherheitstore die Ausschreitungen blutig werden.

Es wäre wohl zu viel des Lobes, wenn man Fear The Walking Dead hier eine wohlformulierte Gesellschaftskritik unterstellen würde. Die Serie zeigt zwar gute Cops, die in den Augen der unwissenden Bevölkerung überzogen handeln, und schlechte Cops, die ihre Autorität nutzen, um sich persönlich für die Apokalypse zu wappnen. Aber noch ergibt sich keine wirklich klare Aussage. Es geht viel mehr um die eigentlichen Opfer. Die Authentizität dieser Szenen verleiht diesen gefühlt immer häufigeren Zwischenfällen nämlich eine neugewonnene mediale Bedeutung. Sie werden in den Mainstream gedrängt, bis man sie schlicht nicht mehr ignorieren kann (Nick: „No one is paying attention.“).

Dieses Gewicht der Einzelfälle lässt sich auch im direkten Kampf mit der neuen Gefahr spüren, denn ganz vergessen hat Fear the Walking Dead seine Hauptattraktion natürlich nicht. Doch während in der Originalserie Katana und Machete mühelos Schädel spalten, versucht Tobias vergeblich, mit seinem Messer seinen ehemaligen Schuldirektor zu erledigen. Noch sind die Zombies dafür zu frisch. In der Begegnung mit ihnen muss man sich nicht nur zuerst vergewissern, ob sie tatsächlich bereits tot sind (bis auf die Augen und ein hungriges Knurren lässt nämlich nur höchstens ein bisschen Blut am Hemd diese Vermutung zu), sondern auch noch wesentlich härter zuschlagen. Diese Härte wird insofern intensiviert, als dass die Walker noch als die Menschen zu erkennen sind, die sie einmal waren. Das Zögern, das in diesen schwierigen Konfrontationen über Leben und Tod entscheiden kann, erklärt auch die Vermehrung der Walker trotz ihrer offensichtlichen Bewegungsschwäche.

Und so gelingt es Autor Robert Kirkman und Showrunner Dave Erickson, die Walker neu zu definieren und das Spin-off von seinem Original abzuheben. Während die Zombies in der Originalserie schon lange nur noch die Hintergrundmusik spielen, höchstens Inspiration für Greg Nicoteros VFX-Zombie-of-The-Week bieten und als brachiale Naturgewalt die Figuren zum äußersten Handeln zwingen, gewinnen sie in Fear deutlich an Persönlichkeit, Gewicht und metaphorischer Kraft zurück.

Nicks (Frank Dillane) Drogensucht ist dagegen, wenn auch authentisch erzählt, weiterhin nur ein funktionales plot device, um Figuren an gewisse Orte zu schicken und dadurch die Spannung zu erhöhen. Auch der krasse Abschied von Alicias Freund kann trotz seiner Implikationen nicht wirklich zünden, da die Teenagerbeziehung ohnehin nicht substantiell genug ist und auch nicht stärker aufgebaut wurde. Sowieso wird weiterhin viel zu viel geredet. Manche Momente würden in ihrer suburbanen Simplizität eine starke Identifikation hervorrufen, würde man sie nicht durch ausdruckslose One-Liner unterbrechen. Ein Fallbeispiel, das sich jüngst in der Erörterung von Stille und Vereinsamung übte, lief immerhin sogar auf dem gleichen Sender.

Dennoch findet Regisseur Adam Davidson auch in der zweiten Folge imposante Bilder und lässt Blicke unter Nachbarn Bände sprechen. Zusätzlich hat er auch ein Auge für das Bizarre dieser langsam erzählten Apokalypse: So putzt Alicia noch den Boden ihres Elternhauses, während ihre Mutter bereits Konserven und Arzneimittel für die Flucht organisiert und sich von ihrem vorausahnenden Schüler das Untergangsszenario erklären lässt. Komponist Paul Haslinger kann dies erneut musikalisch großartig unterstreichen. Sein monotones Brummen im Hintergrund wirkt wie eine Bestätigung des kommenden Untergangs; wie das Grollen einer Explosion, die niemand so richtig gehört haben oder wahrhaben will, die aber dennoch zu jedem Zeitpunkt spürbar ist.

Zusammen mit den Autoren schafft Davidson bisher weder ekelerregenden Momente oder Jump-Scares, sondern erheblich realere und menschliche Momente. So können die Sicherheitsmaßnahmen in der Schule wie das Abhörgerät und der Metallscanner einen schaurigen Warneffekt hervorrufen, der wesentlich effektvoller als eine verwesende Leiche ist. Dass der anschließend aufgefundene Walker in seinem aktuellen Zustand keine Dämonisierung zulässt, kann Madison nicht verkraften. Es folgt ein emotionaler Zusammenbruch. Der erste von vielen, muss man befürchten. Die Schuldgefühle werden sicherlich nicht abnehmen. Am Ende der Folge fallen die Nachbarn gegenseitig über sich her. Madison hätte sie warnen können, tat es jedoch nicht. Vielleicht hatte man kein gutes Verhältnis, doch die Unschuld der Menschen ist zu diesem Zeitpunkt der Apokalypse noch zu vermuten.

Fear the Walking Dead hat die einmalige Chance, die Konventionen der Zombieapokalypse zu durchbrechen, indem es nicht nur um die moralischen Kämpfe um das Für und Wider des Überlebens der Überlebenden geht. Aktuell ist das Schicksal der Opfer wesentlich interessanter – und die Brutalität, die ihnen widerfährt. Denn nun kann man sie nicht mehr ignorieren, da die Bedrohung alle betrifft. Dass das Schicksal der Opfer medial so ins Zentrum gerückt wird, überrascht und beeindruckt.

Noch sind die Walker zu wenige an der Zahl, um als Romero’sche Metaphern zu gelten. Tatsächlich sind sie nicht einmal als Zombies zu erkennen. Die Verwesung hat noch nicht eingesetzt, eine Entmenschlichung des „Feindes“ lässt sich nicht bewerkstelligen. Und so bewahrt sich Fear die Unschuld des Zombies und lässt sie als das erkennbar werden, was sie sind: Menschen.