Die Oscars 2025: Anora-Sweep - PewPewPew - PewPewPew

Die Oscars 2025: Anora-Sweep

14 Mar, 2025 · Sascha · Film

Die Oscars wurden in der Nacht zum letzten Montag wieder einmal vergeben und ich habe “Hollywood’s Biggest Night” zum 20. Mal in Folge live im TV mitverfolgt. Darüber wollte ich noch kurz ein paar Worte verlieren. In den Tagen zuvor berichtete ich davon einigen Freunden schon begeistert, die etwas mit Filmen anfangen können, aber meine Begeisterung für die Oscar-Nacht nicht so richtig nachvollziehen. Nach einer durchzechten Nacht dank einer Dose Rockstar Energy Guava muss ich nun feststellen, dass auch meine Aufregung etwas deplatziert war.

Natürlich erwarte ich keine krasse Show, es sind immerhin die Oscars. Überlang, zäh, hier und da vielleicht eine Handvoll Momente, insgesamt mit Sicherheit unspektakulär. Trotzdem überrascht mich jetzt, wie leidenschaftslos ich es doch miterlebte. Das lag ein wenig an der ereignislosen Verleihung selbst und besonders an dem ausbleibenden Diskurs auf Social Media. Wie nie zuvor merkte ich in der Oscar-Nacht, wie viele der früheren Poster und User doch wegblieben oder ganz von Twitter verschwunden sind. Ich folge ungefähr den gleichen Leuten, besonders im deutschen Sprachgebrauch, und auch bei Bluesky war weitestgehend tote Hose. Keine Läster-DMs, kein Abfeiern von Steven Gätjens peinlichen Momenten oder Replys über Bestürzung oder Freude. Traurig, wie alles sich so verstreut hat. Das finde ich extrem schade, denn früher war das eine sehr lebhafte Nacht vor zwei Bildschirmen.

Die Verleihung selbst fand den Weg zurück zu einem routinemäßigen Abfrühstücken der Kategorien. Daran hatte sicherlich Conan O’Brien eine Mitschuld. Ich liebe Conan und hat hier einen guten Job gemacht. Gleichzeitig war das doch insgesamt eine lauwarm statt bissig. Paradebeispiel dafür war, wie er den potenziellen Skandal des Abends gekonnte adressierte und dennoch umschiffte: “Little fact for you: Anora uses the F-word 479 times. That’s three more than the record set by Karla Sofía Gascón’s publicist.” Die Showeinlage zur Länge der Oscar-Verleihung war Classic Conan. Sprüche wie “If you haven’t seen Conclave, its logline is: A movie about the Catholic Church, but don’t worry.” saßen, blieben aber recht safe. Auch der Drake-Diss war, trotz der überraschend klaren Formulierung, natürlich total unkontrovers.

Conan war der perfekte Middleman für ein Publikum, für das der Kinobesuch seine kulturelle Kraft verloren hat. Er wirkte wie jemand, der sich einigermaßen in der Filmwelt und mit preisgekrönten Filmen auskennt, ohne aber ein obskurer Kenner zu sein. Er ließ es größtenteils normal erscheinen, sich für Filme zu interessieren und sich um sie zu kümmern – genau die Art von Gastgeber, die wir wahrscheinlich gebraucht haben. Egal, was die Einschaltquoten sagen – und sie werden wahrscheinlich nicht besonders gut sein –, es wird nicht Conans Schuld sein.

Gut hingegen war die Entscheidung, sicherlich auch von Conan beeinflusst, Nick The Voice Offerman die Nominierungen und Sieger vorlesen zu lassen als Stimme aus dem Off. Schön waren auch die mehrfachen Callbacks zu dem Sandwurm, auch ein classic Conan bit. Speaking of Dune: Sorely missed hier in mehrfachen Kategorien. Ein späterer Release zur Weihnachtszeit hätte durch recency bias sicher zu mehr Nominierungen oder Wins geführt. Ebenso fehlte mir mein persönlicher Film des Jahres, Civil War, mindestens in den Best Sound und Best Original Screeplay Kategorien. Von Challengers war ich weniger angetan als viele, aber der Score hier fehlt selbstverständlich auch. (Und eine Nominierung für den Schnitt!) Alleine die Jokes, die eine Nominierung hier möglich gemacht hätten, wären es wert gewesen.

Weniger erfolgreich war diese völlig deplatzierte sowie unmotivierte Show-Einlage für das James Bond Franchise. Es wirkte kurz nach dem Verkauf an Amazon fast wie Schwangengesang. Auch doof war diese Mischung aus Schauspielerhuldigungen bei der Einleitung, die später dann doch durch Clips abgelöst wurden. Es wirkte alles sehr halbherzig und undurchdacht. Was mich zu Adrien Brodys rekordbrechend lange Rede bringt, die man getrost vergessen kann. Aber ich freue mich für ihn und wer alle Filme gesehen hat, muss ihm auch den Oscar am Ende in die Hand drücken wollen. Fantastisches Actor-Brain on the guy, love it.

Klar, wer würde der lieben Demi Moore und ihren langen Karriere nicht den Oscar-Gewinn gönnen, aber Mikey Madison war besser und Anora ist ein Oscar-Film. The Substance, den ich durchaus in Teilen mochte, hatte bei den Oscars nichts zu suchen und die Nominierungen waren der Beweis, dass es sich um ein besonders schlechtes Kinojahr handelte. Überhaupt ärgerlich: Diese taktischen Nominierungen von eigentlichen Leads in Supporting Kategorien. A Real Pain ist ganz kuschelig und Kieran Culkin der klare Star des Films, aber auch hier fragt man sich: Wirklich, dieser Film? Er? Emilia Pérez ebenso. Ungesehen!

Verschmerzbar, aber nervig: Die Wins von Wicked. Das wirkt erneut so, als würden die Oscars populären Filmen nachhecheln statt den wahren Errungenschaften des Jahres die Statuen in die Hände zu drücken. Natürlich hätte Nosferatu hier siegen müssen.

Ende gut alles gut: Anora wins bigly. Das ist schön. Ich freue mich für Sean Baker. Ich freue mich besonders auf die blank checks für den Rest seines Lebens und die spaßigen Filme wie Red Rocket, die er machen wird. Der hätte diese Würdigung in meinen Augen eher verdient gehabt. Vielleicht lag es an A24, die den Red Rocket haben untergehen lassen. Dass The Brutalist noch Musik und Kamera kriegt, passte ins Bild. Corbet wird noch mehr Chancen haben und ein so früher Sieg könnte überstürzt wirken. Gleiches Spiel bei Chalamet, dessen Kampagne cool war, aber am Ende auch nervte angesichts einer doch so blassen Rolle (in der er immerhin alles gab).