Alex Honnolds nächster Free-Solo-Versuch auf Netflix ist unverantwortlich - PewPewPew - PewPewPew

Alex Honnold will am Samstag, den 23. Januar den Wolkenkratzer Taipei 101 in Taiwan free-solo’en. Das heißt: Der Ausnahmeathlet will ohne Seile und ohne Hilfsmittel bis nach oben klettern – nur mit seiner eigenen Kraft und einem Chalkbag. Vor ihm hat das so noch keiner geschafft bzw. sich getraut. Aus gutem Grund, denn nur ein einziger Fehler bedeutet hier den Tod.

Honnold hat Respekt vor der Aufgabe und trainiert deshalb. Und Angst spürt er auch, nur ein bisschen weniger oder zumindest anders als wir, wie ein MRT-Scan im Film Free Solo aufzeigte. Dort ging es um seinen wichtigsten Free Solo Erfolg: Die Besteigung von El Capitan im Yosemite Valley. Ich halte das für eine, wenn nicht die außerordentlichste körperliche Leistung, die ein Mensch je alleine vollbracht hat.

Und nun will er knapp zehn Jahre später erneut so einen Rekord aufstellen und da hochklettern. Vor ihm hat nur Alain Robert getan, der immer lustigerweise als “French Spider-Man” in the Medien bezeichnet wird. Robert tat dies aber auf Bitten der Eigentümer mit Erlaubnis und mit einer Absicherung.

Ich halte diesen Versuch für unverantwortlich. Bereits Free Solo beschäftigte sich ausgiebig mit der Frage, was geschieht, wenn Honnold keinen Erfolg hätte und in seinen Tod fällt. Dabei ging es nicht nur um die eigene Verantwortung für sein Leben oder die Beziehung zu seiner neuen Partnerin, sondern auch um die ethischen Bedenken Regisseure Jimmy Chin und Elizabeth Chai Vasarhelyi.

Doch dieses Netflix-Ding ist eben anders. Statt einer langwierigen Vorbereitung, einer vertrauten Wand mit abgesteckter Route und vielen erfolgreichen Besteigungen mit Seil soll es nun einfach mal so da raufgehen vor laufenden Kameras. Es gibt keinen wirklichen Grund, dies livezustreamen – außer um indirekt damit zu kokettieren, dass Zuschauer möglicherweise live Zeugen eines tödlichen Unfalls werden können. Honnold Freund Dean Potter, ebenfalls Bergsteiger, verlor bei einem Base-Jump mit Wingsuits sein Leben vor etwas mehr als einem Jahrzehnt. Potter trug dabei eine GoPro-Kamera. Wie auch bei einem möglich denkbaren Fall, bei dem Honnold am El Capitan gestorben wäre, wurde das Video niemals veröffentlicht. Schickt Netfix also den Livestream mit Verzögerung raus? Ich finde das, was zwischen den Zeilen steht, pervers.

Honnold ist älter und hat inzwischen zwei Kinder. Ich möchte gar nicht in die Debatte jetzt zu tief gehen, denn es gibt vielfältige Berufe oder Hobbys, bei denen sich Menschen in Gefahr bringen und als erfahrener Athlet wird Honnold sich nicht übernehmen, aber das Restrisiko bleibt. Ein kurzer Moment der Unachtsamkeit, ein Erdbeben oder zu starker Wind und eine Familie verliert ihren Vater. Das kann sicherlich auch am Granitfels passieren, aber in den vergangenen Jahren probierte Honnold eben verständlicherweise nichts mehr in der Hinsicht. Er hat sich auch eigentlich nichts mehr – oder uns – zu beweisen. Geht es hier um einen guten Deal, den er nicht abschlagen konnte? Ist das ein verzweifelter Versuch seitens Netflix einen Monokultur-Moment zurückzubringen?

Ich habe mir nun das exklusive Podcastinterview bei Jay Shetty in Gänze gegeben und verstehe immer noch nicht, warum es jetzt dieser Wolkenkratzer sein muss. “I should be well within my cover zone. […] But the physically exciting thing for me is that I’ve never done that.”, sagt Honnold dort mit Begeisterung, die ich nicht nachvollziehen kann. Seine Frau unterstützt ihn und er wäre eben nicht El Capitan hochgeklettert, wenn er nicht so wäre, wie er nun mal ist. Er lebt halt dafür. Und genau aus diesem Grund wohl weitermachen muss und da hochklettern wird. Nur mit zwei Kindern, dem Druck des Livestream-Termins und der kurzen Vorbereitung sorge ich mich und werde das nicht live mitverfolgen. Godspeed.