Review: Fear The Walking Dead S04E15 - PewPewPew


AMC

Auch in der 15. Folge der 4. Staffel von Fear The Walking Dead können die Autoren der Serie kein neues Leben einhauchen. Kurz vor dem Finale wirken die Handlungen vorhersehbar und die Figuren schal. Zeit, dass bald Schluss ist.

Der spannendste Moment im (Fear) The Walking Dead-Universum ist schon fast ein Jahrzehnt alt. Er stammt aus dem Comic. Achtung, Spoiler: Dort tötet ein kleiner Junge seinen Zwillingsbruder, da die Sozialisation des Kindes aus dem Ruder lief und die alltäglich gewordene Gewalt plötzlich Teil des Spielzimmers wurde. Wie ist mit einem solchen Kind umzugehen, das nun für den Rest der Gruppe zur Gefahr werden könnte? Weder Rick noch seine Freunde trauten sich anzusprechen, was jeder dachte. Auch das Kind zurückzulassen käme am Ende dem scheinbar unvermeidlichen Schicksal gleich. Autor Robert Kirkman hatte ein verlockendes Dilemma erschaffen. Spoiler Ende.

Darf man einen Menschen töten, um andere zu beschützen?

Verwirkt ein Mörder sein eigenes Recht auf Leben? Wenn der Rechtsstaat in der Zombiehorde verschwunden ist, wer sorgt dann für Recht und Ordnung und wie wird das durchgesetzt? Verschwindet mit dem Staat auch die Staatsfundamentalnorm der Menschenwürde? Ein ehemaliger Sheriff wie Rick Grimes kann sicherlich Recht und auch Ordnung durchsetzen, aber darf er das? Und wenn ja, sollte er? Gäbe es keine leichtere Lösung? The Walking Dead – sowohl der Comic als auch die Serie – hat diese vielen spannenden Fragen zum Zerfall unserer Zivilisation in vielfältiger Form gestellt und dabei die Tragik der Entscheidungen dramaturgisch stilvoll eingefangen. Diese dünne Decke der Zivilisation ist nach wie vor der Reiz und Motor an Zombienarrativen.

Auch Fear the Walking Dead fand mit seinen ehemaligen Hauptfiguren Madison (Kim Dickens) und Travis (Cliff Curtis) passende Kandidaten, um diese Fragen zu erörtern. Travis verlor nicht nur seine Frau, er musste sie selbst töten und war danach ein gebrochener Mann, der nur seiner Familie zuliebe die Beziehung zu seiner Menschlichkeit aufrechterhielt. Als für ihn im 2. Staffelfinale seine Welt zusammenbrach, tötete er brutal die Mörder seines Sohnes. Der Gewaltausbruch agierte dabei durchaus schockierend als kathartischer Befreiungsakt für den Zuschauer.

Viele Fans hatten nicht umsonst noch größere Hoffnungen für seine Ehefrau. Madison verbrachte die 1. und 2. Staffel Fear the Walking Dead im Hintergrund, manipulierte ihre Kinder und wurde in der 3. Staffel auf dem Höhepunkt der Serie zu einer mordenden Matriarchin, die ihre Familie über alles stellte. So war ihr Troy Otto zwar ein Dorn im Auge, doch er war ein junger, psychisch labiler Mann in einer Extremsituation und somit nicht unbedingt zurechnungsfähig. In Madisons neuer Welt gab es jedoch zum Schock von Nick (Frank Dillane), ihrem Sohn und Troys Freund, keinen Platz für Troy.

Die Auflösung dieser Spannungen zwischen Mutter und Sohn interessierte die neuen Showrunner von Fear the Walking Dead jedoch nicht. Madison und Nick starben in der 1. Staffelhälfte. Auch die Erörterung der philosophischen Fragen behandelten sie höchstens oberflächlich. Die Charakterzeichnung der importierten Figur wurde stattdessen zum Modell. Seine markanten One-Liner prägen nun das gesamte Sprachbild der Serie, von Bösewicht über Neuankömmlinge bis alte Figuren, und werden nur durch Strands oder Dories Shakespeare’sches Geschwafel konterkariert.

Das bringt uns nun zur neuen Fear the Walking Dead-Folge I Lose People… Es gibt freilich ein ganzes Dutzend an Handlungslöchern, deren Masse eigentlich eine Auflistung verlangt. Ohnehin ist die übergeordnete Geschichte zu mickrig, als dass sie das Gewicht der philosophischen Diskussionen tragen könnte. Jeder Ansatz bricht in sich zusammen und lenkt dabei die Aufmerksamkeit auf Ungereimtheiten und widersprüchliche Charaktermotivationen.

Am Ende bleibt die Frage, wieso die “Filthy Woman” noch lebt. Weder Alicia, noch Wendell in der letzten Folge oder jemand in dieser Folge konnte oder wollte Martha den Garaus machen und somit schleppt Fear the Walking Dead die mit Abstand schlechteste Antagonistin des gesamten Medienimperiums mit ins Finale. An sich ist es nicht verwerflich, dass Morgan an die Resozialisierung glaubt, aber wir reden von einer Serienkillerin, die keinerlei Spur von Reue oder Tiefgang zeigt. Ihre lächerliche Hintergrundgeschichte in der letzten Folge raubte ihr dazu noch die letzte Chance auf eine nuancierte Darstellung oder Glaubhaftigkeit. Viel verwerflicher ist es jedoch, dass die Idee, die Frau zu beseitigen, nicht einmal ordentlich erwähnt oder zu einem moralischen Dilemma ausgebaut wird. Sobald Althea gefunden wird (Schlecht konzipiert: Die Spannung für das Finale baut nun auf der Rettung der Figur auf, über die wir am wenigstens wissen), wird Morgans Gruppe endlich aufbrechen. Martha könnte bekehrt oder zurückgelassen werden – nur würde sie wohl weiter morden. Muss Morgan also handeln?

Es wäre interessant gewesen, wenn Fear the Walking Dead diesen Plot einfach hinter sich gelassen hätte. Das Ende der Folge verspricht aber ein Wiedersehen mit Martha und nun auch Zombie-Jim. Wäre es nicht viel erfrischender, wenn Morgan und seine Truppe tatsächlich ohne Gegenwind gen Virginia aufgebrochen wären? Womöglich könnte es einen Zeitsprung geben, nicht jede Handlung muss schließlich in der Fiktion Schritt für Schritt geschildert werden, wie es die Serie in dieser Staffelhälfte leider oft tat. Ohne Ballast könnten die Zuschauer tatsächlich überrascht werden oder vielleicht sogar ein antiklimaktisches Staffelfinale herbeigezaubert werden. Das würden vielleicht einige Zuschauer befremdlich finden, aber es würde als friedliche Antithese die Themen der letzten acht Episoden unterstreichen. Immerhin wäre die Serie dann konsequent. Oder Morgan taucht schon in Alexandria auf und es ist zerstört, wodurch das Spin-off einen langen Schatten auf die bald beginnende 9. Staffel von The Walking Dead werfen würde.

Stattdessen wird Martha wohl einige unglückliche Figuren aus der Serie schreiben. Ich hoffe fest, dass Morgan nächste Woche durchdreht, um sein dümmliches Gefasel zu entlarven und die harte Realität der Apokalypse zu offenbaren. Um die Serie irgendwie noch ein wenig verlockend zu machen. Das hätte sie bitter nötig.