Gedanken zu L.A. Noire

07 Jun, 2011 · Sascha · Featured,Games,Review

Ich bin kein exzessiver Gamer. Ich zocke regelmäßig und wahrscheinlich liege ich knapp über dem Durchschnitt. Dennoch ich relativ einseitig; in letzter Zeit hauptsächlich Battlefield Bad Company 2: Vietnam – bis mein Lieblingsserver mich auf Server, Teamspeak und Homepage bannte (dazu bald mehr).

Ich bin kein wirklicher Casual Gamer, denn ich mag spezifische Spiele, ich kaufe mir nicht irgendein Spiel, weil ich spielen möchte, sondern wähle und plane genau was ich spielen möchte; meistens weiß ich schon am Jahresanfang welche Spiele ich in diesem Jahr haben will. Daher bezeichne ich mich gerne als den selektierenden Gamer. Die Anzahl der Spiele hat in den letzten Jahren nie über 5 gelegen. Dieses Jahr wird es knapp. Hauptsächlich Fortsetzungen erfolgreicher Spiele stehen dieses Jahr auf dem Einkaufszettel: Portal 2, Infamous 2, Modern Warfare 3, Battlefield 3 und Assassin’s Creed: Revelations (und Dead Island, sofern sich das regeln lässt). Allesamt außerordentlich erfolgreiche Franchise. In dieser Hinsicht bin ich absoluter Mainstreamer. Das Spiel, das mich dieses Jahr über meinen Durchschnitt heben sollte, ist Team Bondis „L.A. Noire.“

Es sollte eigentlich mein Singleplayerhighlight des Jahres werden. Und ich wurde maßlos enttäuscht. Wie viele andere.

Das Tragische: Wir sind es allesamt selbst schuld.

Als letztes Jahr Rockstars „Red Dead Redemption“ auf den Markt kam, haben viele nicht unrichtig das Spiel als „GTA mit Pferden“ beschrieben. Die Sandbox (diesmal wortwörtlich) des Wilden Westens war vielen Spielern durch die Erfahrung mit diversen GTA-Titeln nicht fremd und es waren außerordentlich viele Gameplayelemente übernommen worden. An dieser Stelle muss ich natürlich zugeben, dass ich die Freiheiten eines GTA liebe und schätze und gerne in anderen Spielen wiederfinde. GTAIV war der Grund weshalb ich eine Playstation 3 gekauft habe. 3 Jahre später sollte nun L.A. Noire der glorreiche Titel des Jahres werden. Immerhin von Rockstar vertrieben und tolle Trailer und mega Hype – was sollt denn da schon schief gehen?

Einiges, denn ich wurde relativ schnell enttäuscht. Und ich bin es selbst schuld. Ich konsumiere Waren sehr gerne unvoreingenommen und besonders bei Filmen und Spielen informiere ich mich über das Produkt erst exzessiv nach dem Konsum; vorher beschränke ich mich meistens auf die Trailer und sonstigen Marketingblödsinn und lasse mich sehr gerne ein wenig anhypen. Was ich also erwartete war ein „GTA Noire“ in einem perfekt wiederbelebten Los Angeles mit fantastischer Grafik und perfektem Voice-Acting und Spitzenstory. Das bekam ich auch so ziemlich alles – bis auf den GTA-Anteil.

L.A. Noire ist kein GTA. Das ist schade, denn ansonsten ist das Spiel richtig gut – wenn man drauf steht. Nach kurzer Zeit wird man aber, sofern man so naiv ans Spiel herangeht wie ich, entrückt feststellen müssen, dass L.A. Noire ein Gameplaygemisch aus viel Altem und wenig Innovativem ist. Man arbeitet als WW2-Veteran Cole Phelphs beim LAPD und macht schnelle Karriere. Von da an bearbeitet man mit einem Partner Fälle: Man kriegt einen Fall vom Captain zugeordnet. Man fährt zum Todort und sucht nach Hinweisen, was mich an 90er Lucasarts-Klickspiele erinnerte – in eher negativer Hinsicht. Allgemein keine wirklich schwere Herausforderung. Danach kann man Personen und Verdächtige befragen und verfolgt quer durch die Stadt Hinweise. Das ist wesentlich unspannender als man sich das vorstellt. Denn auch wenn man immer drei Möglichkeiten bei Verhören hat (Wahrheit, Zweifel, Lüge), kann man nie wirklich scheitern und am Ende des Tages ist der Fall abgeschlossen, nur vielleicht mit zwei Sternchen weniger. Ab und an darf man Verdächtige verfolgen oder auf sie schießen, was aber durch und durch bekanntes Gameplay ist und sehr eintönig und lieblos wirkt. Das wirklich revolutionäre sind die Gesichter der Figuren und das Voice-Acting. Eine ganze Reihe von bekannten Gesichtern, vor allem aus US-amerikanischen Serien, wird man in vielen Rollen wiedererkennen. Die Schauspieler wurden alle mit mehreren Kameras gefilmt und das wurde direkt ins Spiel übertragen, weshalb Lügen tatsächlich erkennbar sind. Auf dem Bildschirm sind wirkliche Emotionen wirklicher Schauspieler zu sehen – wirklich klasse. Dagegen wirken aber die restlichen Animationen etwas fad und eintönig – für ein Spiel dieser Klasse zweifellos angemessen; nur wirken diese im Kontrast zu den perfekten Gesichtsanimationen einfach nicht.

Zur Story spalten sich wohl die Geister. Ich habe von Leuten gelesen, die das Buch und seine Dialoge in den Himmel loben, während andere durchaus richtige Kritikpunkte anbringen. Ich würde mich eher zum letzten Lager hin orientieren. Der Charakter des Cole Phelphs soll ein guter Cop sein, der dem Gesetz treu zur Seite steht. Mit der Zeit stellt man dann fest, dass Cole selbst dunkle Geheimnisse hat. Die Flashbacks aus dem Krieg wirken aber stets hinein geschustert und sie sind in ihrer Anzahl und in ihrem Ausmaß viel zu lang und groß im Kontrast zu ihrem dramaturgischen Nutzen. Ja, Cole macht harte Entscheidungen im Krieg und manchmal auch die falschen – das ist Krieg, das wissen wir auch nach einem Flashback; da braucht es keine 20 Stück. Weiterhin kommt Coles moralischer Fall abrupt und völlig unbegründet. (Spoiler) Er geht seiner Frau mit einer deutschen Tänzerin/Sängerin/Hure fremd, ohne, dass wir seine Frau oder seine Kinder einmal sehen – sie wurden kurz erwähnt, jedoch sieht man seine Frau erst, als sie Coles Kleider auf den Gehweg schmeißt. Das war’s.

Kurz vor dem Ende macht das Spiel dann eine gefühlte 180° Wende und man spielt für fast den Rest des Spiels einen Seitencharakter aus den Flashbacks. Nachdem ich ohnehin Probleme, und da bin ich wohl nicht alleine, hatte, mich mit Cole zu identifizieren (ein eigentlich unsympathisches Arschloch), muss ich plötzlich einen anderen Charakter spielen. Glücklicherweise ist dieser aber wesentlich besser und interessanter – eigentlich ein Charakter, der Hauptdarsteller von Anfang an hätte sein können (und müssen). Ebenso spielen zum Schluss kurze, animierte Stories aus den Zeitungen, in den frühen Fällen als Gimmicks vermutet, eine essentielle Rolle. All dies fügt dazu bei, dass vieles unausgereift und nicht durchdacht wirkt. Das Ende ist dahin geschludert und vieles bleibt ungelöst – frech wird den Figuren im Spiel gesagt: Pech, müssen wir halt mit leben. Eine verlogene Lobrede spricht nahezu die fourth Wall und man hat das Gefühl man wird von der Spielfigur selbst verhöhnt. (Spoiler Ende)

Weiterhin ist vieles nicht zu Ende gedacht oder entwickelt worden. Wieso sind Gebüsche aus Beton? Wieso kann ich keine Holzzäune umfahren? Wieso kann ich Maschendrahtzäune in dem drei Jahre alten GTAIV umfahren und nicht in LA Noire? Sowas nervt.

Macht das alles LA Noire zu einem schlechten Spiel? Keinesfalls. Die Story und das Gameplay mögen speziell sein, wissen aber stets die Zielgruppe zu befriedigen. Die Grafik und insbesondere das Lighting sind außerordentlich gut. Das Los Angeles der 1940er Jahre ist bis ins kleinste Detail auferstanden und weiß zu überzeugen. Doch all dies nutzt niemandem, wenn man nach Abschluss der Story nicht mehr viel zu tun hat außer Filmrollen und Autos zu suchen. Auch wenn man detailreich die Gebäude und die goldene Ära Los Angeles’ aufleben lässt, wirkt die Stadt leblos und uninteressant und daran wird auch DLC nichts ändern können, denn das Grundproblem bleibt: L.A. Noire ist kein GTA. Man kann nicht einfach sich Stunden damit aufreiben können, mit einem Auto durch die Stadt zu fahren und Blödsinn zu machen, denn das Spiel ist einfach bierernst und bietet die Engine dafür gar nicht.

Das macht LA Noire sehr speziell. Es zwingt einen sich ins Gedächtnis zu rufen, dass die Gleichung Open World Game + Rockstar = GTA nicht aufgeht, denn Rockstar hat auch ganz andere Spiele wie Midnight Club veröffentlicht hat. Alle Hobbydetektive und CSI-Fans werden bei LA Noire große Freuden haben und auch Gamer, die gerne „Heavy Rain“-artige „Cinegames“ spielen, werden ihr Geld nicht bereuen. Alle anderen sollten sich vorher gründlich informieren und nicht so naiv sein wie ich.