Marsianer-ESA-Paolo-Ferri

Der liebe Gerold von DigitaleLeinwand.de hat mich letzte Woche zum ESOC in Darmstadt geschickt und ich kam mit diesem Text zurück:

Als ein heftiger Sandsturm auf dem Mars aufzieht, muss die Crew der Ares 3 Mission der NASA den roten Planeten fluchtartig verlassen. Ihr Raumschiff droht von den heftigen Winden umgestoßen zu werden. Es sind auch diese Winde, die eine Kommunikationsschüssel abreißen und den Astronauten Mark Watney auf der Flucht treffen und vermeintlich tödlich verletzen. In ihrer Not lässt die Crew Watney zurück und kehrt zurück zur Erde. Am nächsten Morgen erwacht jedoch Mark, gespielt von Matt Damon, alleine auf dem Mars, ohne die Möglichkeit der Rückkehr oder Kommunikation zur Erde. Fortan muss er mit dem, was ihm zurückgelassen wurde, ums Überleben kämpfen.

Eine interessante Gemeinsamkeit, die sowohl der Film als auch die Buchvorlage von Andy Weirs Der Marsianer teilen, ist die Prämisse: Die Crew der Ares 3 befindet sich schon eine kleine Weile auf dem Mars – und sie sind nicht einmal mehr die ersten Menschen, die den vierten Planeten des Sonnensystems erkunden. Es handelt sich um die bereits dritte Mission. Ähnlich wie bei Apollo 13 könnte man vermeintlich meinen, es handle sich um eine Routinemission. Been there, done that. Doch dann geht etwas schief. Die Politik und Weltgemeinschaft reagieren. Aber die Politik, die zu dieser Mission überhaupt geführt hat, wird jedoch zu keinem Zeitpunkt, weder im Buch noch im Film, erörtert. Watney und seine Crew sind, irgendwann in einer nicht allzu fernen Zukunft, einfach da.

Die Missionen im Film überraschen jedoch kaum, sagt Johann-Dietrich Wörner, Generaldirektor bei der Europäischen Weltraumorganisation ESA, während eines Pressebesuch im ESOC in Darmstadt, zu dem 20th Century Fox für den Heimkinostart des Films geladen hat. Wörner hält den Weg zum Mars als den nächsten logischen Schritt der Menschen und zitiert dabei fast Carl Sagans Pale Blut Dot: Der Mensch ist ein Wanderer, ein Entdecker, jemand, der Grenzen überschreitet. Innerhalb der nächsten dreißig Jahre wäre eine Mission, wie sie im Film zu sehen ist, durchaus denkbar. Wenn man seinen Worten lauscht, fällt es sehr schwer, nicht selbst in Schwärmerei zu verfallen. Ein Dorf auf dem Mond, Reisen in die Tiefen des Sonnensystems, zum Mars, zu Asteroiden, Rover auf den Jupiter- und Saturnmonden. All das ist denkbar und innerhalb eines überschaubaren Zeitraums denkbar. Es muss nur einer damit anfangen. Doch dann setzt die Nüchternheit ein. Das Telefon klingelt. Es ist der hessische Ministerpräsident.

Und dann wird einem schnell wieder bewusst, dass die Mondlandung hauptsächlich durch das space race des Kalten Krieges vorangetrieben wurde und trotz den wissenschaftlichen Erkenntnisse und Fortschritte eine teure Machtdemonstration war. Wer sich in den Sechzigerjahren von der Idee der „World of Tomorrow“ anstecken ließ, wird wohl von Missionen, wie sie uns Der Marsianer zeigt, bereits in den Achtzigern geträumt haben, spätestens zu Beginn des neuen Jahrtausends. Sinkende Budgets, größere Vorsicht und ein größeres Desinteresse der Bevölkerung, ja eine Infragestellung der Raumfahrt angesichts akuterer, irdischer Probleme ließen diese Träume vorerst platzen.

Marsianer-ESA-Kommandozentrale

Das ist frustrierend für Raumfahrtfans und alle fortschrittlich denkenden Menschen. Paolo Ferri, Flugbetriebsleiter bei der ESA und Vater der erfolgreichen Rosetta-Mission, sieht die Sachlage sehr nüchtern. Wie alle scheint er abgebrüht und seine Erwartungen runtergeschraubt zu haben. Momentan erkunden wir das Weltall hauptsächlich mit Robotern, doch die Technik würde uns theoretisch mehr erlauben. Nicht nur Werners Monddorf steht zur Diskussion, auch eine Landung von Astronauten auf Asteroiden sei möglich, um mehr über die Entstehung des Sonnensystems und die mögliche Abwehr von Gefahren zu lernen, um dem Schicksal der Dinosaurier zu entgehen.

Grundsätzlich sei laut Ferri, ein großer Fan des Buches und den kreativen Ideen Watneys in der Geschichte, weitaus mehr möglich. Zusammen plant er mit seinen Mitarbeitern gerade den Start der ExoMars-Mission der ESA. Im März 2016 startet der ExoMars Orbiter mit einer russischen Trägerrakete in Richtung des roten Planeten. Dort angekommen, wird er Messungen vornehmen und mit einem Probelander schauen, inwiefern es der ESA gelingen wird, einen Rover sicher zu platzieren. Nach den Russen und den Amerikanern will man nun ebenfalls mit der zweiten Phase der Mission ab 2018 einen ferngesteuerten Roboter auf den Mars bringen. Es soll ein Rover landen und bis zu zwei Meter tief in die Planetenoberfläche bohren können – die tiefste Bohrung überhaupt. Beide Missionen dienen zur Erkundung der Messungen von Methan auf dem Mars, die einen geologischen oder sogar – unwahrscheinlich, aber nicht auszuschließen – biologischen Ursprung haben können.

Eine Landung auf dem Mars von Astronauten sieht die ESA aktuell nicht als realisierbares Ziel. Die Technik sei da und vorhanden, doch der Wille fehlt. Es wird hier häufig vom Willen gesprochen. Damit sind natürlich der politische Wille und die Finanzierung der Missionen gemeint, deren Vorteil dem Steuerzahler schmackhaft gemacht werden muss. Darin seien die Amerikaner sehr gut, meint Ferri. Die große mediale Berichterstattung zur Landung von Curiosity, die Verfilmung des Bestsellers und der große Film des Films beweisen, dass eine Reise zum Mars die Menschen immer noch bewegt und faszinieren kann. Und das obwohl der Mars im Kino mit MISSION TO MARS und RED PLANET Anfang der Jahrtausendwende kränkelte und spätestens mit Disneys bombastischem Flop MARS NEEDS MOMS endgültig für Tod erklärt wurde. Währenddessen bleiben die Budgets für Weltraumbehörden jedoch auf einem historischen Tiefpunkt.

Die Führung im ESOC zeigt jedoch, dass abseits der Träumereien die Wissenschaft ihr Möglichstes innerhalb des gestellten Rahmens tut. Flugdynamiker sitzen konzentriert an ihren Computern und berechnen Flugbahnen bereits Jahre im Voraus. In anderen Bereichen werten Wissenschaftler die Daten der Copernicus-Mission aus. Im Kontrollzentrum probt man für zukünftige Missionen bereits jeden erdenklichen Fehler. Die ESA ist gerüstet. Auch ihre Astronauten finden regelmäßig den Weg ins All, wie kürzlich der deutsche Alexander Gerst. Nicht ohne Grund wird der norwegische Schauspieler Aksel Hennie den deutschen Alexander Vogel im Film gespielt haben. Die Filmfigur und Gerst teilen sich nicht nur den Vornamen, Hennie ist Gerst auch äußerlich nachempfunden worden.

Der Marsianer zeigt also: Ob das Ziel das anvisierte Monddorf oder der rote Planet ist, die ESA wird an vorderster Front bei der Erkundung des Weltalls dabei sein – sofern der Wille und die Ressourcen vorhanden sind.