PewPewPew - Das Filmblog über Katzen und Pizza

Als ob sie es gewusst hätten! Am Tag des verkündeten Austritts der Vereinigten Staaten aus dem Paris-Klimaabkommen haut Arcade Fire diesen wunderschönen Song zum Apokylapsendance raus. Ist eben doch nicht alles schlecht. Die Single stammt vom gleichnamigen Album “Everything Now” und man hat auch die Webseite passend eingerichtet. Neato!


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Es ist die Folge, auf die alle gewartet haben. Die Welt endet – oder nicht. Kevin ist verrückt – oder doch nicht? The Leftovers bietet kurz vor Schluss ein Meisterwerk aus Verwirrung und Empathie, das vor allem visuell begeistert.

Achtung, Spoiler für das Ende von Birdman: Am Ende von Birdman oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit steht Michael Keaton auf der Bühne und erschießt sich selbst. Er erwacht in einem Krankenhaus als gefeierter Theaterstar. Seine Figur, der gescheiterte Hollywoodstar Rigga Thomson, ist plötzlich wieder am Puls der Zeit angekommen, Paparazzi wie Filmstudios fragen nach ihm, selbst seine schwierigen Familienverhältnisse sind plötzlich verflogen. Doch dann steht er auf und geht ins Bad. Wortlos sitzt dort die Comicfigur Birdman auf dem Klo, ein buchstäblicher Scheißhaufen namens Depression, der die neuen Erfolge kurz mit einem Schnaufen verhöhnt, bevor er sich wieder seinem Geschäft widmet. Thomson geht zum Fenster, beobachtend neidvoll die Freiheit eines Vogelschwarms und springt hinunter. Spoiler Ende.

Sorry für den Spoiler, aber der Film lohnt sich auch mit dem Wissen um das Ende. Der Weg ist das Ziel; wie auch The Leftovers in dieser Woche beweist. Das Serienfinale in der nächsten Woche ist schon gar nicht mehr wichtig, die Charakterstudie ist abgeschlossen. Wie Birdman kommt The Leftovers zum gleichen Urteil: Psychische Probleme werden nicht durch willkürliche Siege überwunden, sie begleiten uns auf unserem Weg, verhöhnen uns und kosten uns viel Kraft. Am Ende vielleicht sogar unser Leben.

Kevin Garvey (Justin Theroux) ist in dieser Woche immerhin sehr besessen darauf, zu sterben. Der geflüchtete Polizeichef hat bereits eine Serie an Selbstmordversuchen überwunden, nun scheint aber der perfekte Zeitpunkt mit dem siebten Jahrestag des Plötzlichen Verschwindens gekommen zu sein. Bereits zum Beginn seiner wilden Reise versucht er sich selbst im Teich auf Graces Grundstück zu ertränken, doch sein Vorhaben wird von seinem Vater unterbrochen. Nicht, weil er ihn davon abwenden will, sondern weil dieser verdammte Narzisst dabei sein will, nichts verpassen darf, weil ja nur er, Kevin Garvey Sr., die Welt mit einem Regentanz retten kann, den er von seinem Sohn aus der Nachwelt erlernen muss. Kevin kann einem nur leidtun.

Doch bevor Kevin sich mehrfach in der spektakulär betitelten Folge The Most Powerful Man in the World (and His Identitcal Twin Brother) ertränkt, sehen wir Nora und Kevin kurz nach dem Ende der 1. Staffel von The Leftovers. Das Liebespaar sitzt glücklich und gemeinsam in einer Badewanne, lauscht über ein Babyphon Lilys Lauten und spricht gemeinsam über ihre Vorlieben hinsichtlich der eigenen Bestattung. Sexy. Doch die Szene zeigt uns tatsächlich kleine Momente, die nicht nur ironisch (Nora “I burn up good” Durst könnte inzwischen schließlich wirklich von der LAD-Strahlung weggeblasen worden sein), sondern mit viel Herz die kleinen Veränderungen kommentieren, die wir für unseren Partner machen und die Liebe für die Person unterstreichen. Nora findet, dass Kevin ein Bart gut stünde. Also lässt sich Kevin einen Bart wachsen. Es scheint ihm egal zu sein, so oder so (Ich bin eindeutig #TeamBeard), aber er macht es für sie. Könnte es auch sein, dass Kevin Garvey sich nun versucht, für Nora umzubringen?

Die Frage ist gar nicht mal so abwegig. Nach dem Gespräch mit Laurie aus der letzten Woche muss Kevin nun annehmen, dass seine Exfreundin wohl in einer anderen Dimension ist oder womöglich unter den Toten weilt. Mit der restlichen Welt hat er abgeschlossen und wie wir später herausfinden, bereut er den Abschied von Nora schwer. “We fucked up with Nora”, sagt er in einem der herzzerbrechendsten Momente der Serie. Jeder, der schon einmal eine Beziehung in die Brüche gehen hat lassen, aus Sturheit, Stolz oder sonstigen Gründen, kennt diesen Schmerz und die Reue. Alleine für diesen Moment hat Justin Theroux einen Emmy verdient. Doch bevor er den abstauben kann, folgen wir Kevin in die Welt der Toten – zumindest trifft er, sobald er ertrinkt, auf so ziemlich jede tote Figur aus der Serie. Bis auf Nora. Die ist in der Folge nicht zu finden und dennoch völlig zentral für das Verständnis. Bis auf die Frage, wie Kevin die Vorfälle überlebt, scheint das Rätsel um die Hotelwelt nämlich für mich in dieser Folge gelöst.

Es handelt sich nicht um den Himmel oder die Hölle und auch nicht um eine Vorwelt für die Nachwelt. Es handelt sich tatsächlich nur um eine gegenteilige Projektion von Kevin Garveys Innenleben. Die Toten leben wieder. Ein Machiavelli-Zitat besagt das exakte Gegenteil wie in unserer Realität. Die Guilty Remnant reden und sind aktiv. Kevin ist Präsident. Genau. Der Mann, der vor allen Verantwortungen in seinem alten Leben davongelaufen ist, wird in seinem fieberhaften Alptraum zum mächtigsten Mann der Welt. Doch bevor Kevin als Präsident den Menschen erzählt, dass wir die Familie nicht mehr brauchen und die Ehe die schlimmste Erfindung der Menschheit ist, muss er sich am Strand vor russischen Attentätern wehren, wo er als sein identischer Zwilling erwacht und von Hundejäger Dean gerettet wird. “It’s weird. Just go with it.” Die absurden Entwicklungen können zumindest für eine Folge Twin Peaks Konkurrenz machen. Regisseur Craig Zobel gibt sich sichtlich Mühe, sein Meisterstück International Assassin aus der letzten Staffel von The Leftovers zu wiederholen.

So bierernst diese mit Depression und Suizid gefüllte Episode auch erscheinen mag, so komisch kann sich diese Spannung auch entladen. Da wäre zum Beispiel der Penisscanner, mit dem der Präsident sich Zugang zu seinem geheimen Bunker beschaffen kann. Natürlich kommentiert die Serie hier augenzwinkernd das Fandom um eine gewisse Szene aus der 1. Staffel mit Justin Theroux in einer sehr verräterischen Jogginghose, gleichzeitig aber reflektiert die Unsicherheit auch seine Zweifel gegenüber der Beziehung mit Nora, die in dieser Staffel fast ausschließlich über Sex definiert wurde. Ist Kevin nicht mehr als nur sein bestes Stück? Als er aus der Welt zum ersten Mal erwacht, sieht er kurz sein Leben vor seinen Augen vorbeifliegen. Da wäre zwar Sex mit Nora, aber auch so ziemlich jeder gequälte Moment seiner Existenz vor und nach dem Plötzlichen Verschwinden. Dieser Mann ist geprägt von Zweifeln, von Angst und einer tiefen Depression. Nicht einmal ein Kompliment bezüglich seines Penis kann er ertragen.

Die Verantwortung nagt aber weiter an Kevin. Er trifft auf Patti, die Verkörperung seiner unüberwindbaren Depression, und muss sich selbst bzw. seinen identischen Zwilling umbringen, um an einen Schlüssel zu gelangen, der alle atomaren Sprengkörper der Welt startet. Er entscheidet sich zu diesem Schritt. All seine anderen Missionen sind gescheitert. Weder kann er Evie davon überzeugen, dass ihr Vater sie liebt, noch kann er den Kindern von Grace entlocken, weshalb sie keine Schuhe mehr tragen. Selbst die Apokalypse kann er nicht abwenden, denn auch hier weiß Christopher Sunday: Kein Gesang kann den Regen stoppen. Doch vielleicht hat Kevin doch die Apokalypse abgewendet: Indem er im Spiegeluniversum die Welt vernichtet, hat er womöglich die reale gerettet? Man kann sich definitiv in diesen Gedankenspielen verrennen und zu einem gewissen Grad ist das auch von den Leftovers-Autoren so gewollt.

Doch der wahre, springende Punkt ist: Kevin möchte diese Welt nicht nur verlassen, er hasst sie so sehr, dass er sie absolut zerstören will. Wahrscheinlich wird er wieder hierher zurückkehren, irgendwann. Symbolisch mag er sie zerstört haben, doch er weiß: Sie, die Depression, schlummert in ihm, sie wird in ihn immer begleiten.

Deshalb will er dort auch nicht bleiben und liest ganz zentrale Stellen aus dem Roman, den er angeblich verfasst haben soll, nicht vor. (Wie viele andere Dinge geschehen oder erscheinen Sachen plötzlich im Augenblick einer Entscheidung Kevins. Für mich ist das ganz klar ein weiterer Hinweis, dass wir uns hier nur in seinem Kopf aufhalten.) In der Geschichte, in der er seiner Frau ausreißt und sich selbst als Feigling sieht, der seine Familie im Stich lässt, lässt er einige Zeilen aus: “But now, here, he was free. […] He did not have her and he did not want her. He had this, and this was enough. Always. He would always have the sea.” Eindeutiger kann es kaum werden. Kevin muss seine Feigheit töten, seine Probleme überwinden, und kann so zu Nora gelangen. Dazu muss er nur kurz den Weltuntergang einleiten. “Whatever helps.”

Des Weiteren ist es höchst spannend, wie sehr die Figuren die Erwartungshaltung des Zuschauers reflektieren. Für das Ende von The Leftovers spult man die Narrative vor zu einem Zeitpunkt, der aus nicht ganz unlogischen Gründen tatsächlich innerhalb des Universums eine Bedeutung haben könnte. Statt aber im Finale eine tatsächlich revolutionäre Auflösung zu bieten, auf die Figuren und Zuschauer hoffen, beendet die Serie das Mysterium eine Folge vor dem Ende. Kevin erwacht, die Sintflut war doch nur ein heftiger Regensturm und die Erde dreht sich weiter. Das Ende ist eben aber doch nicht das Ende. Und wie der Zuschauer fragen sich die Figuren: Was jetzt?

Das Wunderschöne ist: Es spielt keine Rolle, wie The Leftovers endet. Die Serie hat bereits die Komplexität des Menschseins anhand mitreißender Charakterstudien erörtert, und wie im Leben geht es eben weiter. Irgendwie. Irgendwo. Hoffentlich gemeinsam.

Zitat der Folge: “This isn’t my first time visiting the other side of the world.”

– Ich habe keine Erwartungen an das Finale, auf das ich wie jeder andere warten muss. Ich erhoffe mir lediglich ein kleines Happy End, so kurz die Dauer auch sein mag.

– Wie die Adventisten verbringen die Garveys das Ende der vermeintlichen Apokalypse auf dem Dach ihres Hauses.

– Der AFTEC-Officer, der Kevin in der ersten Staffel die mögliche Auslöschung der Guilty Remnant in Mapleton in Aussicht stellte, adressierte ihn zu Beginn des Telefonats als Chief Harvey, genau wie Kevins Name in der anderen Welt. Hmm …

– Der finale Shot im Hotelverse erinnert stark an das Ende von Fight Club. Passt zum starken Einsatz von Pixies Where is my mind? in Staffel 2.

– Interessantes Spiel mit der Symbolik: Kevin sucht den Schlüssel im (zum?) Herzen und dringt ähnlich wie die Heilige Lanze unterhalb der Rippe ein – nur auf der rechten Seite. Heißt das – gespielt gedacht –, dass Kevin doch in Wahrheit der echte Jesus in der wahren Welt ist?

– Die Episode beginnt übrigens mit einer großartigen Trollaktion: Passend zum Alternativen Universumsspaß in der Folge hören wir in der Titelsequenz das ursprüngliche Serien-Theme von Max Richter. Nach der Veränderung in der 2. Staffel war der Aufschrei so groß, dass einige Fans sogar ihre eigenen Kompositionen aus neuen Bildern und alter Musik auf Youtube hochluden. Süffisanter Kommentar von Damon und Co.

Es war anfänglich keine bewusste Entscheidung, aber mit großer Überraschung und Freude kam irgendwann die Realisation: Teaser kann man vielleicht schauen, Trailer sollten vermieden werden. Filme, deren Trailer ich nicht gesehen habe, mag ich hinterher oft viel mehr. Und selbst wenn dem nicht so ist, bleibt die Immersion immer noch viel größer, weil ich der Geschichte vertraue und ihr folge statt mental Bilder aus dem Trailer abzuhaken.

Manchmal mache ich aber eine Ausnahme und falls ihr immer noch nicht überzeugt seid, solltet ihr mir jetzt auch einfach vertrauen: Ihr müsst diesen Valerian Trailer sehen, der sehr prominent eine Verfolgungssequenz featuret, die in den vorangegangenen Videos nur angeteaset wurde. Dazu wurde die Geschichte im Trailer aufs Wesentliche reduziert und diese Version von “Gangsta’s Paradise” empfinde ich als verdammt atmosphärisch. Weiterhin wirken die farbenfrohen Bilder in der aktuellen Blockbusterlandschaft wie eine Erfrischungskur. Ja, ich bin mir sicher: Das wird mein Sommerhighlight. Luc Bessons Adaptation von Valerian startet bei uns am 20. Juli in den Kinos und dürfte wohl ein ähnliches Schicksal wie John Carter an den Kinokassen erleiden. Das ist sehr schade, die Comicreihe Valerian und Veronique bietet nämlich Material für ein ganzes Franchise.

In den Unweiten des Internets, insbesondere auf Imageforen, fand ich seit Jahren immer wieder das obige Bild als Wallpaper-Vorschlag und hatte es sogar für einige Zeit mal als Desktophintergrund. Es inspirierte mich. Wie kann eine Zivilisation so überleben und wie ist es dazu gekommen, dass plötzlich Städte auf riesigen Maschinen herumfahren? Und sind das dort Menschen rechts zwischen den Fahrspuren, die sich scheinbar verstecken müssen? Eigentlich müsste man doch eine Geschichte dazu erzählen können, vielleicht sogar einen Film drehen. Aber Moment, so etwas wird ja nicht einfach so verfilmt heutzutage.

Vor einigen Wochen wurde meine Ignoranz weggeblasen. Die Zeichnung ist ein Promobild für die Buchreihe Mortal Engines von Philip Reeve, in der riesige Städte in der Postapokalypse herumdüsen und andere Städte angreifen und “auffressen”. Es wird noch besser: Peter Jackson verfilmt die Reihe und hat bereits eine erste Konzeptzeichnung veröffentlicht.


via Peter Jackson

Hier eine Zusammenfassung der Hintergrundgeschichte von Reddit.

Probably about two millennia ago the Ancients (who appear to be humans from around the late 21st to early 23rd century) destroyed themselves in the Sixty Minute War. The weapons used completely fucked up Earth and caused natural disasters and dried up oceans and left it completely unrecognizable. A lot of technological knowledge was lost after the Sixty Minute War so all modern technology is a sort of Victorian-Era Steampunk. Working Ancient tech, which is much more advanced, is incredibly rare and highly sought after though.

Anyway to escape all the turmoil, and to survive, humans built cities on giant traction wheels and built them up on tiers like a wedding cake. These cities then drove around chasing and “eating” (hooking them into the ‘gut’ of the city to be stripped of resources and the people turned into slaves) smaller towns and cities.

This has been happening for hundreds of years now but, because it’s not a sustainable way of living, ‘food’ has grown scarce. The book is set around London, which was the first traction city.

None of this is actually the story of the book it’s just the world it’s set in. There’s this whole fantastic story that happens which should translate really well into a blockbuster movie.

Ich freue mich nach Jahren des Fantasierens auf den Film und erfreue mich bis dahin an meiner Ignoranz. Ist euch das auch mal passiert, dass euch so eine Entwicklung kalt erwischt hat? Ich hätte ja danach googlen können. lol

Medieval City Layout Generator

26 May, 2017 · Sascha · Design · 0 comments

Sehr cooles Tool für alle Worldbuilder und George R.R. Martin Wannabes unter uns: Ein Algorithmus, der mittelalterliche Stadtpläne in vier verschiedenen Größen ausspucken kann.

Happy 40th Birthday, Star Wars!

25 May, 2017 · Sascha · Film · 0 comments

Was kann man noch über Star Wars schreiben, was nicht bereits woanders und besser geschrieben wurde? Trotzdem wollte ich trotz meines im Blog wohl dokumentierten, schwächelnden Fandoms nicht den 40. Geburtstag eines Universums verpassen, das mir so viel gegeben und bedeutet hat. Von daher ein riesiges Dankeschön an George Lucas und seine vielfältigen, unverzichtbaren Kollaborateure, die mir unzählige Stunden an Unterhaltung, Freude und Freunde beschafft haben. Auch wenn ich bis auf Rogue One wenig mit der aktuellen Renaissance des Franchises anfangen kann, bleibt mir der Rest ja für immer erhalten.

“The great war is here.”, weiß Jon Snow, doch er meint den im Norden. Währenddessen kämpfen Cersei und die Mutter der Drachen im Süden um den Eisernen Thron. Unter dem Strich ist das ein schicker Trailer zur siebten Staffel von Game of Thrones, viel CGI, Sex und noch größere, epischere Schlachten. Ob Weiss und Benioff das Kind schon schaukeln werden oder ob Staffel 7 endgültig zu viel wird? Ab dem 16. Juli wissen wir mehr.

Hier noch einmal alle Podcast-Besprechungen der 6. Staffel:

Wowcast 67: Game of Thrones 6×09/10

Wowcast 66: Game of Thrones 6×07/08

Wowcast 64: Game of Thrones 6×05/06

Wowcast 63: Game of Thrones 6×03/04

Wowcast 60: Game of Thrones 6×01/02


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Alle wollen, dass Kevin Garvey stirbt. Es wird Zeit, dass etwas Besinnung in The Leftovers einkehrt. Bevor die Serie also in den großen Finalfolgen den Hauptfiguren die Bühne zur Verfügung stellt, widmet sich The Leftovers in einer der schönsten und traurigsten Stunden der Serie Lauries Schicksal.

Die Wahrscheinlichkeit, dass ich heute zum letzten Mal mit meinem Großvater gesprochen habe, ist relativ groß. Persönliche Erzählungen in der ersten Person soll ein Kritiker ja vermeiden. Persönliche Meinung? Gerne. Doch das Privatleben des Kritikers sollte keine Rolle bei der Bewertung spielen. Doch ich kann nicht umhin zu bemerken, welche Parallelen sich aktuell auftun und welche Lektionen sich daraus ergeben. Nun sind die Situationen wahrlich nicht gleich. Certified erzählt von Lauries Suizidversuchen, während ich einem alten, sterbenden Mann Auf Wiedersehen sagen muss, aber es ist verblüffend, wie ähnlich die Gespräche, aufs Wesentliche reduziert, sich gestalten.

Die 6. Folge der 3. Staffel von The Leftovers beginnt zunächst wie so oft mit einem Cold Open. Eine junge Frau erzählt von dem Verlust ihres Sohnes am Tag des Sudden Departures. Nach einiger Zeit erinnern wir uns: Es ist die Frau aus der ersten Szene der Serie, die wie so viele andere Menschen in dem Moment des Verschwindens die betroffenen Personen wegwünschten. In diesem Fall war es ihr Sohn, der laut ihrer Theorie jederzeit wieder zurückkehren könnte. Zwei Jahre sind seit dem schicksalhaften Tag vergangen. Gerne würde die Mutter wissen, was sie tun soll: Endlich loslassen oder vielleicht doch warten, falls plötzlich ein Zweijähriger auf dem Parkplatz wieder auftaucht, der nach seiner Mutter schreit?

Deshalb ist sie zu Laurie gekommen, die auch zwei Jahre nach dem Sudden Departure noch ihren Beruf als Therapeutin ausübt. Laurie, die ebenfalls am 14. Oktober ein Kind verlor, erfährt durch die Schilderung der jungen Frau einen Schock. Sie kann ebenfalls keine Antwort auf die Fragen der Mutter finden. Einige Minuten später steht sie in ihrer Dusche und erbricht alle Tabletten, die sie kurz zuvor noch freiwillig verschlang, um ihr Leben zu beenden. Sie überlegt es sich anders. Stattdessen trennt sie sich von allem Weltlichen, zieht sich weiße Klamotten an und geht auf die zwei Frauen zu, die vor ihrer Praxis Zigaretten rauchen.

“Sagt mir, was ich tun soll.”

Mit diesen Worten begab sich Laurie Garvey (Amy Brenneman) in die Hände der Guilty Remnant; genau jener Sekte, die glaubt, dass das Plötzliche Verschwinden nicht vergessen gemacht werden kann und das Leben eigentlich aufgehört hat. Ihre Mission ist daher, die restlichen Hinterbliebenen ständig an das Ereignis zu erinnern. Es ist kein körperlicher Suizid, aber in gewisser Weise zumindest ein gesellschaftlicher. Die Guilty Remnant ist in dieser Staffel buchstäblich pulverisiert worden. Sieben Jahre nach dem kosmischen Ereignis hat The Leftovers keinen Platz mehr für diese verständliche, wenn auch krasse Reaktion auf das kosmische Schauspiel. Doch zumindest der Kerngedanke bleibt erhalten: Was, wenn das Leben tatsächlich aufgehört hat und nichts mehr besser wird – wenn es keine Antwort auf die existenziellen Frage gibt? Was dann?

The Leftovers gelingt es immer wieder auf faszinierende Weise, grundlegende Wahrheiten über unsere Existenz anhand des übernatürlichen Ereignisses runterzubrechen. Wir können jederzeit sterben. Unsere Zeit auf der Erde ist begrenzt. Und der Sudden Departure hat diese Ohnmacht gegenüber der Zeit und das Gefühl, dem Schicksal völlig ausgeliefert zu sein, sehr ins Zentrum gerückt. Eben diese Ohnmacht führt zu der Unsicherheit, die Laurie und viele andere verspüren. Am liebsten würden sie wie Schulkinder gesagt bekommen, was sie tun sollen. Doch tief in uns wissen wir: Niemand hat Antworten.

Von daher haben die Guilty Remnant vielleicht ja, trotz zweifelhafter Methoden, doch einen Punkt gehabt. Eigentlich sind wir ja sowieso alle bereits wandelnde Tote, für die es keinen Sinn im Leben mehr gibt. The Leftovers fokussiert sich nicht ausschließlich auf diese Verzweiflung, aber es fällt schwer, aktuell, am Ende des 2. Aktes dieser Staffel, nicht erneut den bierernsten Pessimismus der 1. Staffel zu spüren. Bereits die stets offensichtlichen Lyrics des dieswöchigen Introsongs verraten uns genau, was die Serie übermitteln will (Es ist übrigens verblüffend, nein, fast schon ärgerlich, dass man nicht Don’t You Forget About Me von den Simple Minds genommen hat):

So you wanna die, commit suicide
Dial 1-800-Cyanide line
Far as life, yo it ain’t worth it
Put a rope around your neck and jerk it
The trick didn’t work
Your life was fucked up from the first day of birth

Bereits in der 1. Staffel gab uns The Garveys At Their Best einen Einblick in das Leben der Figuren vor dem Tag des Plötzlichen Verschwindens – und nichts war besser. Die Figuren litten trotzdem bereits an ihren alltäglichen und individuellen Problemen. Wie kann man also weitermachen? Stanley Kubrick hat einmal im Interview mit dem Playboy bei einer Diskussion von 2001 gesagt:

The most terrifying fact about the universe is not that it is hostile but that it is indifferent; but if we can come to terms with this indifference and accept the challenges of life within the boundaries of death — however mutable man may be able to make them — our existence as a species can have genuine meaning and fulfillment. However vast the darkness, we must supply our own light.

Und wenn das bedeutet, dass man seinen Sohn in einer Wassergrube ertränken muss, um die Welt zu retten, und das den Sinn des eigenen Lebens darstellt (und man dann glücklich sterben kann, selbst, wenn das einen Tod im Gefängnis bedeutet), dann sei es eben so. “Sometimes you have to pretend.”

Laurie hat jedoch aufgehört, zu kämpfen. Sie erkennt, dass es allen Figuren schlecht geht und es wohl auch nicht mehr besser wird. Matts Krebs ist zurück, seine Frau hat ihn verlassen. Nora, John und Grace werden immer ihren Kindern hinterhertrauern. Kevin Sr. ist verrückt und will seinen Sohn umbringen, der das tatsächlich auch noch aufgrund seiner eigenen psychischen Probleme für eine gute Idee hält. Laurie erkennt, dass alle Bewältigungsstrategien irgendwo ihre Berechtigung haben und man die Menschen in der Konfrontation mit Sterblichkeit und der Vergänglichkeit des Lebens nicht stören soll. Im Panorama der Bedeutungslosigkeit navigiert sie sich also von Fall zu Fall und versucht, ihren Patienten so gut wie es geht zu helfen.

Teilweise gelingt ihr sogar ein Erfolg. Nora realisiert am Ende ihres Weges (buchstäblich, sie steht an einer Klippe), dass sie lange Zeit als Spielverderberin gelebt hat, die die Bewältigungsmechanismen anderer Menschen aus purem Egoismus zerstört hat. Sie erzählt, wie sie und Matt als Kind einen schönen Moment mit einem Strandball nach dem Tod ihrer Eltern hatten, nur um ihn von einem Ordner zerstört zu bekommen. Nach all den Jahren des frenetischen Suchens versteht sie, dass sie zu genau dieser Person geworden ist. “Wer macht so etwas?!”, fragt sie sich erschrocken. Die passiv-aggressive Nora zum Beginn der Leftovers-Folge ist verschwunden, hier sehen wir eine zutiefst unglückliche Frau, die nur noch ihrem Leiden ein Ende setzen will. Fast schon kindlich fällt sie Matt in die Arme. Laurie versucht noch die Wogen zu glätten und erklärt, dass einige Menschen eben stark sein und die Regeln einhalten müssen, sodass die Gesellschaft nicht im Chaos versinkt. Doch der Schaden ist angerichtet. Nora will nicht mehr. Ein Abschied von der Figur wäre hier auch ohne Max Richters musikalische Untermalung tieftraurig und imposant, doch wir werden Carrie Coon sicherlich nicht das letzte Mal gesehen haben.

Dahingegen treffen sich jedoch Kevin und seine Exfrau definitiv zum letzten Mal. Beide ertrinken am Tag des Sudden Departures auf unterschiedliche Art und Weise, aufgrund verschiedener Motive. Doch im letzten Aufeinandertreffen, dessen Finalität sich beide bewusst sind, fallen einst schwere Worte mit einer verblüffenden Leichtigkeit. Frühere Barrieren fallen, zwei Menschen sehen sich endlich losgelöst von allen Hindernissen als das, was sie wirklich sind.

Nachdem Laurie die hungrigen Mäuler am Essenstisch betäubt hat, kann sie sich dem Mann ihrer Kinder widmen. Dieser ist weiterhin in seiner Wahnstörung gefangen, doch Laurie lässt ihn ziehen. Nichts hält sie mehr in dieser Welt, und dass beide das Kind, das Laurie am 14. Oktober 2011 verlor, nicht wollten, ist auch für beide o.k. In einer Welt, deren bevorstehender Untergang auf globaler und individueller Ebene (sowie auch auf der Meta-Ebene, immerhin bleiben uns nur noch zwei Folgen) zu spüren ist, fallen persönliche Wahrheiten plötzlich leicht: “We are all gone”, sagt Laurie zu ihrem Mann.

Die Therapeutin agierte besonders in dieser letzten Staffel von The Leftovers als Stimme der Vernunft. Was bedeutet es also, wenn sie sich nun am Ende umbringt. Besonders nach diesem erfreulichen Telefongespräch mit ihren Kindern? Natürlich erkennt sie, dass ihre Kinder zusammen glücklich sind und vielleicht halb unbeschadet aus der ganzen Misere noch entfliehen können. Doch der Moment ist so herzergreifend, dass ihr darauffolgender Suizid umso mehr schmerzt. Und von dem gehe ich aus. Man darf mir gerne in den Kommentare widersprechen, aber ein normaler Tauchgang würde dem gesamten Spannungsbogen und Lauries Entwicklung entgegenwirken.

The Leftovers findet auf den letzten Metern zurück zur auswegslosen Hoffnungslosigkeit der 1. Staffel. Jetzt kann uns nur noch Kevin-Jesus retten.

Zitat der Folge: “I don’t know how I got there, and by ‘there’ I mean here.”

– Hausaufgabe: Unbedingt vor nächster Woche noch einmal International Assassin aus der vergangenen Staffel nachholen.

– Prognose: Nora wird tatsächlich durch die LADR-Machine der zwei lesbischen Physikerinnen wandern und im Hotel auf Kevin treffen, der dem Wunsch seiner Jünger Folge leisten wird. Es wird eine himmlische Reunion geben, deren bittere Realität von der schmerzhaften Realisation geprägt ist, dass beide sich eventuell nie wieder sehen werden – entweder weil Kevin wieder aufwacht oder Nora vielleicht tatsächlich durch die Maschine umgebracht wurde und nicht aus dem Hotel entfliehen kann.

– “I borrowed your pills.”

– Der Epilog der 1. Episode mit einer alten Nora hat der Staffel natürlich bereits zum Auftakt einen Knall mitgegeben. Doch inzwischen wirkt diese Prognose mehr als Hindernis als zusätzlicher Thrill. Nora und Lauries Abschied in Certified könnten als Abschied dieser Figuren agieren. Natürlich wäre der Wegfall von zwei Hauptfiguren vor den letzten zwei Folgen ein großer Verlust, but stranger things have happened! Noras Abschied wäre tatsächlich perfekt bezüglich der kontinuierlichen Faszination der Serie für die Dinge, die wir nie tatsächlich wissen können. Let the mystery be? Vielleicht, aber The Leftovers wird wohl noch etwas deutlicher werden, bevor alle Lichter ausgehen.

– “Sweet Loreley!” Ich werde Scott Glenns selbstsichere, verrückte Vaterfigur schwer vermissen.

– Today’s Special ist natürlich eine echte Serie.