Review - PewPewPew

Es sind harte Zeiten für Alexandria. Rick und Gruppe haben gerade einen Putschversuch abgewehrt, doch der wirkliche Gegner naht schon am Horizont. Der bevorstehende Winter in Verbindung mit der Nahrungsmittelknappheit droht Einige, wenn nicht die ganze Gruppe dahinzuraffen. Während Rick Carl zu Bette bringt, beobachtet eine vermummte Person aus der Ferne Alexandria durch ein Fernglas.

The Walking Dead hat seine Höhen und Tiefen, das weiß jeder, der die Comics auch nur ein paar Ausgaben verfolgt hat. Doch insbesondere die Ruhe in “We Find Ourselves” nach dem Knall in Volume 14 war einigen Lesern ein Dorn im Auge. Alles zu ruhig. Kirkman lasse alles dahinplätschern, während der Hauptfokus auf der TV-Serie liegt. Dass dies nicht so ist und Kirkman noch lange nicht ideenlos ist, beweist “A Larger World”.

(Spoilers!) Wir treffen auf Jesus, einen Typen, der schwört, dass er auf der Suche nach anderen Gruppen von Überlebenden ist. Er wird von seiner eigenen Gruppe weggeschickt und soll Handelsverbindungen eingehen. Ein verlockendes Angebot, doch die Zeiten haben ihre Narben in Ricks emotionalem Kompass hinterlassen. Er weiß zwar, dass sie die Lebensmittel gut gebrauchen könnten, doch kann er Jesus trauen?

Sie nehmen Jesus gefangen und wissen nicht, was sie mit ihm tun sollen. Er kann die Wahrheit sagen, aber auch die Position der Siedlung an seine Leute, eventuell gefährliche Hunde, weitergeben. Es ist eine nette Parallele zur TV-Serie, die jeodch konträr zur Serie ausgeht, denn schlussendlich überwiegen einfach die möglichen Vorteile das Risiko und Rick, Carl, Andrea, Glenn und Michonne begleiten Jesus zu seinen Leuten. Auf der Fahrt stellt sich heraus, dass Jesus ein Entfesselungsexperte ist und sich die ganze Zeit hätte befreien, sie im Schlaf töten können, was er nicht tat. Eine gute Basis für gegenseitiges Vertrauen.

Jesus führt sie zu auf einer Anhöhe gelegenen und passend benannten Siedlung namens “Hilltop”, der es an nichts wirklich mangelt. Mehr als 200 Bewohner leben dort relativ idyllisch zusammen, lediglich Schusswaffen fehlen. Nach einem Vorfall stellt sich heraus, dass die Siedlung unter der Tyrannie eines Außenstehenden namens Negan leidet, der Lebensmittel erhält und im Gegenzug nicht die Siedlung plattmacht. Es ist ein Rückblick in ein paralleles Universum, in dem Rick vor dem Governor eingeknickt wäre. Die Verhandlungen mit dem Anführer und Rick sind schnell: Rick hat nichts zum Tauschen. Doch das mag nicht so ganz stimmen, denn die Bewohner haben gesehen, wozu Rick und Co. fähig sind. Sie sollen sie von Negan befreien und erhalten im Gegenzug Lebensmittel.

Kirkman beweist, dass in seiner Geschichte noch schier unendliches Potential steckt. Klar, die Rivalrie zwischen der Hilltop und Negan erinnert an den Woodbury-plot um den Governor aber diese Konflikte sind nun nicht unwahrscheinlich in der Apokalypse. Außerdem gewinnt die Konstellation durch Ricks Gruppe einen interessanten Twist. Wir bewegen uns nun auf der Zielgeraden zu Issue 100, bei dem laut Kirkman die Scheiße dampfen wird. Ich kann mir also vorstellen, dass die Prämisse von “The Larger World”, dass dort draußen mehr ist als nur Zombies (die ohnehin in den letzten Ausgaben nur zu lästigen Nebensächlichkeiten reduziert wurden) noch interessant und wegbereitet sein wird für die Zukunft des Comics. Doch so idyllisch wie gerade alles wirkt, wird es nicht lange bleiben, insbesondere wenn das nächste Volume “Something to Fear” heißt.


Ein wenig ärgerlich bei diesem Volume sind die uneinheitlichen Cover. Die Cover bei TWD sind ja meist ohnehin nur Marketingspaß und werden Wochen im voraus entworfen, lange bevor die Skripte fertig sind, sodass es oft inhaltliche Diskrepanzen gibt. Aber dieses Mal sind sie wirklich durcheinander und uneinheitlich. Insbesondere der Schriftzug gefällt mir gar nicht. Die Vorschau auf die kommenden Ausgaben zeigt, dass man wohl weiterhin mit dem Volumetitel auf den einzelnen Ausgaben weitermachen möchte. Finde ich ein wenig blöd, aber was will man machen.

Bestellen kann man Volume 16 hier (Amazon-Partnerlink). Nach dem Klick gibt’s die Cover der einzelnen Ausgaben.
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‘Into The Abyss’ Review

19 Jun, 2012 · Sascha · Film,Review · 0 comments

USA, 2011
Regie: Werner Herzog
Länge: 107 Minuten
FSK: 16
Rating: ★★★★★

‘Into The Abyss’ ist mit Sicherheit der traurigste Film, den ich jemals gesehen habe. Wer Herzog kennt, wird überrascht sein, wie er sich selbst zurücknimmt. Er bleibt stets Off-Screen, führt Interviews und weiß die Kamera durch das Leid des Lebens zu führen.

Vor rund 10 Jahren beschlossen die jungen Teenager Jason Burkett und Michael Perry, dass sie den roten Camaro eines Schulfreundes fahren wollen. Im Haus angekommen, töten sie die Mutter, bringen den Körper weg, müssen aber danach wieder in die Gated Community rein und töten daher ihren Schulfreund und dessen Freund beim Eingangstor. Nach einer Verfolgungsjagd mit der Polizei endet ihre Fahrt an einer Hauswand, sie können noch einige Meter entkommen, müssen sich aber angeschossen ergeben.

Wer Herzog kennt, weiß, wie schnell er hier sein eigenes Urteil in den Mittelpunkt stellen könnte, doch das tut er nicht. In einer Dokumentation über ein so unnötiges Verbrechen, die Dunkelheit im Menschen und die Todesstrafe, äußert er sich nicht einmal direkt zu den zentralen Themen, auch wenn man zwischen den Zeilen natürlich eine klare Botschaft erkennen kann. Herzog ist gegen die Todesstrafe. Er verachtet, was Michael Perry und Jason Burkett getan haben, das sagt er Perry direkt bei ihrem ersten und einzigen Treffen, zehn Tage vor dessen Hinrichtung. Doch Perry ist ein menschliches Wesen und als solches gebührt ihm laut Herzog Respekt, den er ihm entgegenbringt – doch das heißt noch lange nicht, dass er ihn mögen muss.

Herzog interviewt Mutter, Vater, Freunde, Brüder, Schwester und Bekannte, neu Angetraute, sogar die schwangere Freundin von Burkett (der keinen Kontakt zu ihr hatte, weshalb die Schwangerschaft ein Mysterium bleibt) und dabei vergrößert er immer weiter den Kreis um die zentrale Tat und das Leid wächst und wächst. Wie eine so dumme Tat die Leben von so vielen Menschen für immer beeinflusst ist erschütternd, die visuell eingefangene Traurigkeit ist so bedrückend, dass ich nicht glaube, dass ich den Film jemals wieder ansehen will. Die Trauer endet auch nicht bei Captain Fred Allen, der bei über 100 Exekutionen leitender Verantwortlicher war. Er hat nichts direkt mit dem Fall zu tun und ist dennoch zentrales Herzstück in Herzogs Dokumentation. Herzog richtet sich hier ganz zentral im Höhepunkt der Dokumentation an den Zuschauer: Ganz egal, ob man für oder gegen die Todesstrafe ist, sollte niemand dafür verantwortlich sein, diese Exekutionen durchführen zu müssen. Alleine deshalb sei die Todesstrafe abzuschaffen.

Man sagt, die Hoffnung stirbt zuletzt. Die Hoffnung nach all der Trauer ist immer ein Neubeginn. Meist in der Form eines neues Lebens. Burketts schwangere Frau bringt dieses buchstäblich bald zur Welt, doch die Hoffnung erstickt bereits im Keim. Nicht umsonst widmet Herzog einen Großteil den zweiten Akts dem Vater von Jason Burkett, der selbst im Gefängnis sitzt und bereits während der Kindheit seines Sohnes eingeschlossen war. Wie kann dieses Kind eine gute Zukunft vor sich haben? Wird sich die Geschichte wiederholen? ‘Into The Abyss’ ist wirklich eine dieser seltenen Dokumentationen, die so einnehmend sind, dass man noch tagelang danach über den Stoff nachdenkt, man den Glauben an alles verliert und sich fragt: “Und das alles wegen einer Spritztour in einem roten Auto?”

USA, 2012
Regie: James Swirsky, Lisanne Pajot
Personen: Jonathan Blow, Edmund McMillen, Thomas Refenes, Phil Fish
Länge: 96 Minuten
FSK: 12
Rating: ★★★★★

“Ich wünschte, dass es mir nicht so wichtig wäre. Aber das ist es. Es ist mir so verdammt wichtig.”, sagt Phil Fish in die Kamera, kurz nachdem er feststellt, dass ein Post über den Trailer seines Indie-Games “Fez” doch nicht wie zunächst angezeigt 11000 Likes hat. Es sind nur Klicks, virtuelle Zuneigung. Phil weiß das, er sagt es mehrfach, aber er kann es nicht ändern. Er braucht Kommunikation. Er will Feedback. Er will Anerkennung.

‘Indie Game: The Movie’ ist eine Dokumentation über vier Videspielentwickler, die allesamt das stemmen, was große Firmen mit mehreren tausend Mitarbeitern schaffen. Über Monate hinweg verfolgte das Team um die Regisseure James Swirsky und Lisanne Pajot mehrere Entwickler und schnitt dann aus über 300 Stunden Material die vorliegende Doku. Herausgekommen ist eine emotionale Achterbahnfahrt, die die vier Hauptfiguren tief beleuchtet und als wesentlich mehr als vier Nerds, die Spiele in ihren Kellern machen, darstellt.

Da sind zum Beispiel Edmund und Tommy, die gerade Super Meat Boy am bauen sind, ein Spiel über einen Klumpen Fleisch, der sich durch Level vorbei an Sägen und anderen scharfen Objekten schlagen muss um zu seiner Freundin zu gelangen. Einerseits um sie zu retten, aber auch andererseits um zu überleben, weil sie Bandagen hat, die ihn retten. Sie komplettiert ihn. Edmund ist ein eher cooler Typ, die Sorte Kerl, die seiner Freundin bei einer Preisübergabe einen Heiratsantrag macht. Tommy ist chronisch krank und eher nachdenklich und hat außer seiner Familie keinen wirklichen sozialen Kontakt, Geld oder Unterstützung durch eine Frau wie Edmund, weil er sich 100% auf das Spiel konzentrieren muss.

Jonathan Blow hat es eigentlich bereits geschafft. 2008 hat er mit Braid die Indie-Spiel-Szene revolutioniert. Sein Spiel war ein kritischer und finanzieller Massenerfolg, aber wirklich glücklich ist er nicht. Sehr nachdenklich und reif hat ihn diese Zeit gemacht, aber auch sehr verletzt. Verletzt ist auch Phil Fish, der seit vier Jahren an dem Spiel Fez arbeitet, vom Spielprinzip vielleicht mit am ambitioniertesten, dafür aber alles alleine stemmen muss, seit sein Partner und er sich überworfen haben. Er hat weder Geld, noch ein Releasedatum in Aussicht und verzweifelt, weil alles umsonst sein könnte, falls sein ehemaliger Partner ihm nicht eine sehnsüchtig erwartete Unterschrift gibt.

Was hätte ‘Indie-Game: The Movie’ für eine nerdige Dokumentation werden können, die nur Gamern zu empfehlen wäre. Das Gegenteil ist der Fall. Auch wenn der Film mal kurz abdriftet in Spielmechaniken oder Design, ist das Zentrum stets der kreative Konflikt innerhalb der Personen oder Teams. Am Ende des Tages spielt es keine Rolle, ob Tommy, Edmund, Jon und Phil Bücher schreiben, Comics illustrieren, Filme machen oder Spiele designen. Was sie antreibt, ist die Hoffnung auf Kommunikation, Interpretation, Feedback und Liebe. Jonathan Blow hat Millionen mit seinem Spiel Braid verdient, kritische Erfolge links und rechts abgesahnt, sich und sein Spiel aber in den Kommentaren jedes auch so kleinsten Blogs verteidigt, gerechtfertigt oder Fehler korrigiert. Die Leute mögen das Spiel lieben, aber sehen sie es und interpretieren sie es so, wie er es gewollt hat? Worauf er es abgesehen hat?

Als Edmund die ersten Zahlen des ersten Verkaufstags von Super Meat Boy bekommt, tanzen und freuen sich er und seine Frau über den Rekord von 15000 Einheiten, eine Zahl, die die von Braid weit übersteigt. Tommy nimmt diese Zahlen wahr, doch freuen tut er sich nicht wirklich, obwohl er nun locker die Schulden seiner Familie bezahlen kann. Erst als er sieht, wie die Leute Videos von sich selbst beim Spielen hochladen, verzweifeln und geheime von ihm versteckte Level finden, kann er aufleuchten.

Am Ende geht ein Schatzsucher mit einem Metaldetektor am Strand entlang. Das Gerät empfängt etwas und er beginnt zu graben, doch findet nichts. Er geht weiter. Wie er saßen die vier jungen Männer auf einem Schatz und grabten. Manche waren sich sicher, dass dort etwas ist, sie müssen nur tief genug graben. Andere waren sich nach einiger Zeit gar nicht mehr so sicher. Würden sie überhaupt etwas finden? Wie tief noch? Währenddessen spricht Edmund in einem Voice-Over darüber, dass er Zeichnungen von Super Meat Boy gefunden hat. Ein junger Fan hat sie gemacht, genau wie er damals Super Mario zeichnete. Edmund ist inzwischen wohlhabend, hat ein großes Haus gekauft und sein Spiel verkaufte sich weltweit über eine Million mal, doch was ihn zu Tränen rührt, ist die Vorstellung, dass er durch sein Spiel einen kleinen Jungen dazu animiert haben könnte, selbst kreativ zu werden.

‘Indie Game: The Movie’ ist erhältlich zum Kauf oder Verleih bei iTunes und Steam. Jim Guthries atmosphärischer Soundtrack ist hier erhältlich.

USA/UK, 2011
Regie: Lynne Ramsay
Drehbuch: Lynne Ramsay, Rory Stewart Kinnear
Darsteller: Tilda Swinton, Ezra Miller, John C. Reilly
Länge: 112 Minuten
FSK: 16
Rating: ★★★★★

Das erste Mal sehen wir Eva, wie sie in einem See voll Blut auf Händen getragen wird. Dreckig, nass, rot. Doch sie grinst, es gefällt ihr. Menschenmassen drängen sich eng aneinander vorbei. Es sind grausige und erschreckende Bilder, die kein Stück ihrer Energie verlieren, selbst wenn man weiß, dass sie beim Tomatima-Festival entstanden sind. Später Abends schlendert sie betrunken mit einem Mann durch die Straßen. Dann trägt sie einen Anzug. Eine Frau kommt ihr auf dem Nachhauseweg entgegen, gibt ihr eine Ohrfeige und rennt bitterlich weinend davon. Eine Mann will die Polizei rufen, doch Evan winkt ab und geht weiter. Sie trägt es mit Fassung. Einige Jahre später sitzt Eva (Tilda Swinton) mit ausdruckslosem Blick auf einem Krankenbett. Ihr Baby Kevin schreit aufhörlich in den Armen des Vaters (John C. Reilly).

Dass Eva sich nicht auf Kevin gefreut hat, wäre eine Untertreibung. Sie ist die Person, die in diesem Moment alles bereut, die Uhren zurückdrehen möchte und dennoch nicht abhaut, sondern die Sache durchzieht. Sie begegnet Kevin freundlich, spielt mit ihm geduldig und sorgt sich liebevoll um ihr Kind. Doch schon im Säuglingsalter stößt Kevin sie brutal ab, hört sich nicht auf zu schreien. Wenn der Vater nach Hause kommt, überarbeitet und ohne wirkliche Verbindung zur Familie, probiert er trotzdem mit überschwänglicher Freude alles gut zu machen. Kevins Einstellung dreht sich um 180 Grad. Er umarmt freudig seinen Vater. Ein dunkles Grinsen verrät: Nur um seine Mutter zu bestrafen.

‘We Need To Talk About Kevin’ ist ein non-linearer Film. Höchstens die Falten auf Evas Gesicht oder ihre Haarlänge verraten uns, wo und wann wir uns gerade befinden. Sich einen Reim draus zu machen ist am Anfang nahezu unmöglich und auch nicht ratvoll, denn Regisseurin Ramsay setzt den Zuschauer in Evas Kopf, in dem nichts mehr Sinn macht, alles zusammenhanglos sich abspielt. Wir sollen uns nicht zurechtfinden. Frühere Einstellungen, in den Eva zu einem Ort fährt, an dem sich Blaulicht an den Scheiben ihres Autos spiegelt, verraten, dass etwas Schreckliches stattgefunden haben muss. Und umso länger der Film voranschreitet merken wir, dass Kevin dafür verantwortlich sein muss.

Gefangen in Evas Kopf kommt der Zuschauer zu keinem Schlusstrich, nichts macht wirklich Sinn. Sie würde am liebsten zurück nach Paris oder nach Spanien. Sie richtet sich einen Raum mit Karten und Anekdoten ihrer früheren Reisen ein, Kevin starrt sie finster an. Bereits bevor der Junge sie verbal für ihre Gefühle bestrafen kann, bringt er sie mit Taten zu Tränen. Den ganzen Film über sehen wir wie etwas zu einem Event hinführt. Aber selbst wenn es passiert, wissen wir nicht wieso. Die Frage nach dem genauen Warum quält uns.

Kevin ist jung, gut aussehend, groß und dünn. Er scheint keine Probleme zu haben sich verbal zu verteidigen, ist intelligent und dabei noch sehr schlagfertig. Er ist kein Opfertyp. Seine Familie ist wohlhabend und für ihn und seine Kindheit in ein riesiges Vorstadthaus gezogen. Doch das gesamte Haus ist leer, selbst nach Jahren minimalst eingerichtet. Vielleicht ein Stil von Eva, aber besonders Kevins Zimmer fällt heraus: Kein Poster, kein Buch, kein Film, keine Comics und besonders keine Videospiele. Nichts scheint Kevin wirklich zu interessieren. Die Frage nach dem warum wird noch quälender. Vorgeschobene Gründe und Mythen der Medien werden entmystifiziert. Wir stehen wie Eva zum Schluss desillusioniert vor den Scherben ihres Lebens und wissen, was passiert ist. Aber nicht warum. Eine Qual.

John C. Reilly füllt seine Rolle alleine mit seinem ahnungslosen und liebenswürdigen Gesicht völlig aus und Ezra Miller braucht nur dunkel zu gucken, um dem Zuschauer einen Schauder über den Rücken zu schicken. Perfektes Casting. Doch der wahre Star des Films ist natürlich Tilda Swinton, der alle Emotionen durchlebt, als wären sie ihre eigenen. Ihre Performance ist eine Tour-de-Force, die alle Ehrungen verdient, die es gibt. Wieso der Film dennoch so gut wie leer ausging, ist mir unverständlich. Wahrscheinlich weil er zeigt, dass die Wahrheit komplex ist. Dass das Leben keine einfachen Antworten bietet. Wahrscheinlich, weil er zu real ist.

‘Men in Black 3’ Review

02 Jun, 2012 · Sascha · Film,Review · 2 comments

USA, 2012
Regie: Barry Sonnenfeld
Drehbuch: Michael Stuhlbarg
Darsteller: Will Smith, Tommy Lee Jones, Josh Brolin, Jemaine Clement, Emma Thompson, Michael Stuhlbarg
Länge: 106 Minuten
FSK: 12
Rating: ★★★★☆

Men in Black 3 ist ein Film, nach dem zwar niemand verlangt hat und den auch niemand wirklich braucht, der nun aber mal da und überraschenderweise wirklich gut, unterhaltend und eine emotional befriedigende Ergänzung zu dem bestehenden Filmcanon ist. Das ist eine wahre Überraschung, denn meine Erwartungen waren eher mittelmäßig, ein großer Fan der ersten Teile war ich nie und alles schrie eigentlich eher nach Geldmacherei; doch Will Smith, Josh Brolin, zu gewissen Teilen Tommy Lee Jones und ein smartes Drehbuch wissen zu überzeugen.

Die Men in Black Agenten J (Smith) und K (Jones) machen ihren Job nun seit Jahren, doch wirklich kennen tun die beiden sich immer noch nicht. Dafür ist K viel zu verschwiegen. Das hat unter anderem mit einem Zwischenfall im Jahre 1969 zu tun, bei dem Boris das Biest, ein mordendes Alien, beteiligt war. Dieses ist aus seinem Gefängnis auf dem Mond ausgebrochen und reist zurück in die Zeit, um seine Gefangennahme durch K zu verhindern. Dadurch wird die Gegenwart verändert und K ist nun seit über 40 Jahren tot. J muss zurück nach 1969 reisen, um den Mord zu vereiteln und Boris ein für alle mal den Gar auszumachen. Unterstützung erhält er von dem jungen K, der seine Lebensfreude noch nicht verloren hat.

Es ist überaus intelligent die Geschichte auf die zwei Hauptfiguren zu konzentrieren, denn mehr war bei Men in Black ohnehin nie drin. Das ungleiche Paar bekommt jedoch eine neue Dynamik durch die jüngere, “fröhlichere” Version von K, verkörpert von Josh Brolin in einer der bisher überraschendsten Vorstellungen des Jahres. Will Smith ist wieder fantastisch, scheint keinen Tag gealtert, und darf wie in den Vorgängern eine Menge physischer Comedy auf die Leinwand bringen. “Flight of the Conchords”-Star Jemaine Clement ist als Boris durch Schminke und Kostüm, aber auch vor allem dank der Synchronisation leider nicht wiederzuerkennen. Ergänzt wird das Team von einer wie immer soliden Emma Thompson als neue, weibliche Anführerin der “People in Black” und Michael Stuhlbarg als Griffin, einer Rolle ganz abseits seiner bisherigen Auswahl.

Das 3D ist mal wieder bis auf eine zentrale Szene nicht wirklich der Rede wert. Er stört nicht, fällt aber dank Sonnenfelds typischen Close-Ups im MIB-Stil deutlich auf. Was jedoch ins Auge springt, ist, dass alle Beteiligten einen wirklich guten Film machen wollten. Das ist ihnen auch in den meisten Aspekten gelungen. MIB war 10 Jahre weg. Die Welt ist noch abgespaceter geworden. Wir haben Personen wir Lady Gaga oder Nicki Minaj in der Musik, die mehr wie Aliens wirken als Menschen. Dass MIB aktuelle Popkulturreferenzen fast komplett auslässt und sich stattdessen in die Vergangenheit, das Golden Age der Raumfahrt und der Science-Fiction begibt, ist der wahre Coup des Films. Man geht zurück in eine Zeit, als die Menschen noch in den Sternenhimmel schauten und wir Leute ins All schossen, während zu gut gekleidete und teure Autos fahrende Schwarze von der Polizei angehalten wurden. Wer hätte das gedacht: MIB hat etwas zu sagen; darüber, wie weit wir gekommen sind, und wie weit wir dennoch inzwischen wieder von den alten, guten Idealen entfernt sind- spätestens seit dem Ende des Space Shuttle Programms.

Ja, im Hintergrund der MIB-Zentrale sieht man Lady Gaga und Tim Burton (berechtigerweise) auf der Alien-Watch über einen Bildschirm flimmern, aber stattdessen werden Witze über Andy Warhole gemacht, die in meiner Filmvorführung unheimlich weit über die Köpfe der Zuschauer hinausgingen. Allgemein war der Humor oft entweder sehr subtil oder sehr physisch, aber nie auf einem Pipi-Kaka-Niveau – welch ersehnte Abwechslung. Am Ende weicht der Humor dem Drama und das kann auch überzeugen. Alles in allem ein guter Eintrag in die Filmreihe, die mich komplett unerwarteterweise einem vierten Teil gar nicht mal so abgeneigt stimmt.

‘The Grey’ Review

29 May, 2012 · Sascha · Film,Review · 5 comments

Vereinigte Staaten, 2011
Regie: Joe Carnahan
Drehbuch: Joe Carnahan, Ian MacKenzie Jeffers
Darsteller: Liam Neeson, Dallas Roberts, Frank Grillo, James Badge Dale
Länge: 117 Minuten
FSK: 16
Rating: ★★★★½

Ottway (Liam Neeson) ist Jäger und ist bei einer Ölfirma in Alaska angestellt um die Arbeiter vor Angriffen von Wölfen im Freien zu schützen. Er kennt die Tiere, er respektiert sie und tut seinen notwendigen Job nur ungern. Als er und eine Gruppe von Arbeitern auf dem Heimweg über der alaskischen Wildnis mit ihrem Flugzeug abstürzen, müssen sich die ungleichen Köpfe zusammenraufen um gegen die bittere Kälte und die hungrigen Wölfe zu kämpfen.

Junge, junge, das hört sich vielleicht einfach gestrickt an. Und dabei kann das gar nicht weiter entfernt von der Wahrheit sein. Ja, ‘The Grey’ ist ein typischer Film dieser Art. Es heißt Mann gegen Natur und es gibt eine Reise zur erhofften Rettung. Leute sterben oder werden getötet. Und so weiter. Auch Regisseur Joe Carnahan, der zuletzt bei der Serienadaption vom ‘A-Team’ Regie führte, ist auf den ersten Blick kein Indikator für einen tiefgehenden Genrebeitrag. Und doch schafft es der Film einen zu packen, visuell zu beeindrucken und emotional durchzuschütteln.

Das gelingt vor allem auf Grund der gnadenlosen Realität des Films, der locker den Titel “No Bullshit – The Movie” tragen könnte. Die Welt kann so grausam und herzlos sein. Das fängt bei einer der besten Umsetzungen eines Flugzeugsabsturzes aus subjektiver Perspektive an, geht weiter bei Interaktion mit tödlich Verwundeten und endet bei der grausamen Unbarmherzigkeit der Wölfe, die die Männer kurz nach dem Absturz angreifen. Ottway mutmaßt, dass sie im Jagdgebiet der Wölfe abgestürzt sind und sie sich deshalb fortbewegen müssen. Finden würden die wenigen Hilfseinheiten, die für Ex-Knackis und harte Kerle gesendet werden, sie ohnehin nicht schnell genug. Vorher findet sie eher der Tod.

Also beginnt die Reise. Die Schauplätze wechseln, es gibt nette Set-Pieces und nette Wendungen. Die Charaktere sind auf den ersten Blick eindimensionale Pappaufsteller, doch der Absturz reißt ihnen die stereotypischen Masken vom Gesicht und offenbart ihre wahren Gesichter. Natürlich gibt es die für das Genre typischen Dynamiken, die innerhalb der Gruppe Streit auslösen. Doch das intelligente Drehbuch von Carnahan und Jeffers weiß durch einen Zwischenfall hier einen Riegel vorzusetzen, sodass sogar die härtesten Kerle auf ihre Menschlichkeit reduziert werden. Hervorzuheben ist wie, wie sollte es anders sein, Liam Neeson, der Ottway wie von ihm aus den letzten Rollen (96 Hours) gewohnt stoisch spielt, aber durch visuell ansprechende Rückblenden eine emotionale Zerbrechlichkeit hinzufügen kann, sodass man sich fragt, wie lange er dieser Gruppe noch Mut zusprechen und sie anführen kann.

‘The Grey’ ist traditionelles Man vs. Nature Kino, das dank starker Performances (Neeson und Roberts) und einem guten und abwechslungsreichen Drehbuch begeistern kann. Die Geschichte ist konsequent und erbarmungslos und man sollte sich die Credits ganz anschauen, weil noch etwas kommt. Nicht, dass man ohne auch schon genug bedient wäre…

‘Dark Shadows’ Review

28 May, 2012 · Sascha · Film,Review · 2 comments

Vereinigte Staaten, 2012
Regie: Tim Burton
Drehbuch: Seth Grahame-Smith (Story: Grahame-Smith mit John August)
Darsteller: Johnny Depp, Helena Bonham Carter, Eva Green, Michelle Pfeiffer, Chloe Moretz
Länge: 113 Minuten
FSK: 12
Rating: ★½☆☆☆

Barnabus Collins (Johnny Depp) emigriert mit seinen Eltern von Liverpool nach Maine. Sein Vater ist ein reicher Unternehmer und errichtet ein erfolgreiches Fischerunternehmer in der schon bald nach ihm benannten Hafenstadt Collinsport. Auf einer Anhöhe errichtet er das prachtvolle Anwesen Collinwood, in dem der junge Barnabus die Herzen aller Putzmädchen bricht bis er auf die Undercoverhexe Angelique (Evan Green) trifft, die die Frau seines Lebens in den Tod treibt und ihn in einen Vampir verwandelt, der von den Dorfbewohnern eingekerkert und lebend unter die Erde gebracht wird. Knapp 200 Jahre später wird er bei Bauarbeiten wieder gefunden und kehrt zurück auf sein heruntergekommenes Anwesen, in dem die letzten, verstrittenen Überbleibsel der Collins hausen. Barnabus muss die Familie wieder zusammenführen und dem Fischerunternehmen zu altem Glanz verhelfen, das inzwischen von der Konkurrenz, Angeliques Firma, vom Markt verdrängt wurde.

‘Dark Shadows’ ist das neueste Produkt von Johnny Depp und Tim Burton, das auf einer amerikanischen Seifenoper aus den 60ern beruht. Ich sage Produkt, weil nichts mehr an diesem Film von einem künstlerischen Drang herrührt, sondern es wieder eine typische Burton-Produktion ist, die einem nicht wirklich geheimen Schema folgt. Es ist die filmische Version von Malen nach Zahlen. Ja, das Art-Design ist wie immer hübsch, wenn man auf den Stil steht und die Schauspieler können in den wenigen Momenten, die ihnen gegeben werden, glänzen, aber Dark Shadows krankt an seinem schlendernden Drehbuch. Nichts macht wirklich Sinn, es gibt keine Konsequenzen, keine Risiken, keine Ziele.

Die ersten 15 Minuten sind wirklich gut und sehr atmosphärisch. Burton versteht es den Ton aufzubauen und Figuren in Szene zu setzen. Doch genau das folgt dann auch: Nur Szenen, keine wirklichen Sequenzen. Figuren kommen, Figuren gehen, Sachen passieren, alles bleibt beim Alten. Insbesondere Helena Bonham Carters Charakter, der vielleicht 10 Minuten Screentime hat, wirkt deplatziert (wohl bewusst, es wird offen ein Sequel aufgebaut. Ärgerlich). Zwischendurch tötet Johnny Depp 10 Bauarbeiter, 9 Hippies und soll dann der sich um seine Familie sorgende Romantiker aus dem 18. Jahrhundert sein. Es funktioniert nicht.

Es funktioniert so vieles nicht: Barnabus hat Sex mit Angelique, damit diese seinem neuen Love-Interest nichts antut. Es hat keine Konsequenzen jeglicher Art. It just happens. Helena Bonham Carters Charakter gibt Barnabus einen Blowjob – augenscheinlich grundlos? Eine der merkwürdigsten Szenen der letzten Jahre. Am Ende ist dann plötzlich Chloe Moretz (Spoiler, schätze ich mal…) ein Werwolf und faucht ihrer verblüfften Mutter ein “Yeah, I’m a werewolf, get over it” zu; wohl auch an das Publikum gerichtet, das, sofern bis zu diesem Zeitpunkt noch geistig dabei, wohl endgültig den Stecker ziehen wird. Es gibt kein Set-up, kein Pay-off, es passiert einfach.

An diesem Punkt sollte man sich auch einmal die Frage stellen, was außer der Kohle und der Bequemlichkeit die Beiden dazu animiert ihre Projekte umzusetzen. Es gab wunderschöne Produktionen von Depp und Burton, die die zwei zu verdientem Ruhm führte, doch inzwischen ist der kreative Drang doch eingeschlafen. Burton hat schon seit langem, mit der Ausnahme von Sweeney Todd, nichts mehr wirklich Originelles getan. Wieso mal nicht mal etwas tun, das niemand von einem erwartet? Wieso immer etwas Traditionelles mit einem Twist? Wieso immer Depp? Kann Depp eigentlich noch eine Rolle in einem ernsthaften Drama als Familienvater spielen? Kann Burton noch ohne seinen Baukasten arbeiten?

Es kommt bei Burton ja schlussendlich immer zu einer Dichotomie: Entweder man mag es oder eben nicht. Bei ‘Dark Shadows’ ist das anders. Das Drehbuch ist objektiv beliebig und wahllos, überfüllt mit Charakteren und unterentwickelten Subplots. Aber Johnny Depp hat Schminke im Gesicht. Dem normalen Kinogänger wird es wohl egal sein.

‘Der Diktator’ Review

25 May, 2012 · Sascha · Film,Review · 0 comments

Vereinigte Staaten, 2012
Regie: Larry Charles
Drehbuch: Sacha Baron Cohen, Alec Berg, David Mandel, Jeff Schaffer
Darsteller: Sacha Baron Cohen, Anna Faris, Ben Kingsley, John C. Reilly
Länge: 83 Minuten
FSK: 12
Rating: ★★★½☆

Admiral General Aladeen herrscht im rohstoffreichen Nordafrika-Staat Wadiya in einer der letzten Diktaturen der Welt. Er bastelt an einer Atombombe und lebt ein ziemlich einsames Leben voller Exekutionen und gefühllosem Sex mit eingeflogenen Prominenten. Als die UN militärische Schritte gegen Aladeens Regime beschließt, ist die letzte Rettung eine Rede vor der UN-Vollversammlung und eine Bekennung zur Demokratie. In New York angekommen, wird er Opfer eines Putsches, der einen Doppelgänger einsetzt um so den Weg für vorgeschobene Demokratie und Ölkartelle zu bereiten. Fortan muss er sich als Unbekannter durch die Straßen Brooklyns wieder an die Macht kämpfen.

‘Der Diktator’ ist die nun mehr vierte, eigens erschaffene Kunstfigur Sacha Baron Cohens, die es auf die große Leinwand schafft und außerdem die dritte Zusammenarbeit mit Regisseur Larry Charles (‘Religulous’). Und das sieht man. Cohens Aladeen und der Film wissen zwar immer noch sehr zu unterhalten, aber inzwischen fehlt ihm der frische Charme eines Hinterwäldlers, eines missverstandenen Schwulen oder eines Dorfgangsters. Das rührt daher, dass ‘Der Diktator’ ein reiner Film ist, mit einem richtigen Drehbuch, richtigen Schauspielern und allem drum und dran und Cohen mit seinen Figuren nicht in Interviews geht oder Reaktionen auf der Straße einfängt, die ‘Borat’ zum lustigsten Film des vergangenen Jahrzehnts machten.

Cohen und seine Co-Autoren haben daher leider den Bogen etwas überspannt. Die Witze sind teilweise derbst politically incorrect, manchmal funktionieren sie perfekt, manchmal gar nicht, aber stets ohne Sinn und nur der Provokation dienend. Hat er das wirklich gesagt? Lustige Wortspiele werden überspannt, zu oft gebraucht und der Pipi-Kaka-Humor darf natürlich auch nicht fehlen, auch wenn er sich im Vergleich zu anderen Filmen sehr in Grenzen hält. Das ist schade, denn ‘Der Diktator’ hätte genug politische Aktualität, Brisanz und Reibungsfläche gehabt um die Komödie des Jahres zu werden. Der Film weiß zwar immer noch sehr zu unterhalten, insbesondere in seinen grandiosen ersten 15 Minuten, verfällt dann aber im zweiten Akt in eine Geschichte, in der sich Cohen in einer Masse an Celebrity-Cameos, Liebesgeschichten und unterentwickelten Charakteren verliert.

Sein Schlussplädoyer, das an Chaplins Rede in ‘Der große Diktator’ erinnert und die USA als Quasi-Diktatur darstellt, ist herrlich pikant. Cohen schwört zwar, er hätte Chaplins Meisterwerk nicht gesehen um sich nicht für seine Rolle inspirieren zu lassen, doch das ist nach der Schlussszene schwer zu glauben. Daher ist es umso bedauernswerter, dass er sich nicht doch mehr am “großen” Diktator orientiert hat und sich im kompletten zweiten Akt des Films eher an Stereotypen abarbeitet, statt wirklich etwas zu sagen. Wie Tarkovsky schon wusste: Wir schauen nur, aber wir sehen nicht.