Review - PewPewPew

Das ist eine Review der 100. Ausgabe von Robert Kirkmans ‘The Walking Dead’. Weiterlesen sollte man nur, wenn man selbige bereits gelesen hat, denn die Review enthält Spoiler für Geschichte und Charaktere.

“You see, Rick. Whatever you do…no matter fucking what…you do not mess with the new world order. The new world order is this, and it’s very simple, so even if you’re fucking stupid…which you may very well be…you can understand it. Ready? Here goes…pay attention.
Give me your shit or I will kill you.”

Wann auch immer ein Comic einen Meilenstein erreicht, erwartet Fans und Sammler ein Ereignis sondergleichen. Insbesondere bei einem Comic, der so zentral in der Popkultur und Medienwelt verankert ist. Der Medienhype, der The Walking Dead dank Zombiekult, TV-Serie und Fancraze umgibt, nahm unglaubliche Züge an. Dazu gab es jeglich erdenklichen Comic-Con-Quatsch, 8 Variant-Cover und eine Serie will ja auch noch davon profitieren. Dass man fast 400.000 Ausgaben verkauft hat, ist ein Meilenstein und eine beachtliche Leistung für Charlie Adlard und Robert Kirkman. Als schlichter Fan jedoch wünscht man sich, dass die Ausgabe auf eigenen Beinen stehen kann und der Comic seine Qualität beibehält. Zu viele Comic-Autoren verloren mit dem Erfolg den Fokus auf das Wesentliche.
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Vereinigte Staaten, 2012
Regie: Marc Webb
Drehbuch: James Vanderbilt, Steven Kloves, Alvin Sargent
Darsteller: Andrew Garfield, Martin Sheen, Sally Fields, Rhys Ifans, Emma Stone
Länge: 136 Minuten
FSK: 12
Rating: ★★★☆☆

Manchmal ist Schmonzette gut. Als Sam Raimi seine Spider-Man Trilogie plante, war die Welt noch komplett anders. Das ist keine Übertreibung, die Twin Towers standen noch und sollten in einem abgedrehten Teaser sogar prominent gezeigt werden. Das Superhelden-Genre wie wir es heute kennen, mit drei oder vier großen Titeln pro Jahr, steckte gerade in seinen Kinderschuhen. Raimi und Bryan Singer (mit X-Men) legten den Grundstein für das, was wir heute in einer etwas abgewandelteren Form bei Marvel Studios vorfinden. Natürlich nicht zu vergessen ist Christopher Nolan, der mit seinen pseudorealistischen Ansatz bei seiner Batman-Trilogie Studios durch Milliardenumsätze dazu zwang einen neuen, dunkleren Ansatz zu wählen. Plötzlich müssen Superheldenfilme “dark and gritty” sein. Funktioniert es nicht, war es nicht “dark and gritty” genug, habe ich recht, Hal? Das kann doch nicht die Lösung sein. Dunkle Seiten gibt es in uns wie in Superhelden, doch den Spaß sollte man nicht vergessen. Whedon hat das bewiesen. Wieso also Raimi nicht einen viertel Teil drehen lassen? Geld.

‘The Amazing Spider-Man’ ist eigentlich ein Film, den niemand wollte. Weder Sam Raimi und seine Schauspieler, die gerne noch einen vierten Teil gedreht hätten, noch die Fans der Filme oder die wirklichen Fans, die Spidey lieber im Marvel Cinematic Universe rumspinnen sehen würden. Doch damit man die Rechte behält, muss man einen Film produzieren, also ein Reboot, weil billiger, realistischer, “darker and grittier”, weil genau das ja der Fehler in Spider-Man 3 war. Versteht das nicht falsch, das Reboot von Marc Webb mit Andrew Garfield und Emma Stone ist weit davon entfernt ein Fehlschlag zu sein, doch der große Befreiungsschlag, die endgültige filmische Version der “Spinne”, ist es auch nicht. Dabei passt Andrew Garfields Physik fantastisch, seine emotionale Weite überflügelt die von Tobey Maguire bei weitem und der Ansatz ist vielversprechend. Raimis Filme starteten in einer anderen Zeit, und blieben dort. Nun ist Peter Parker im neuen Jahrtausend. Nerd is chic. Peter ist cool: Er skatet, seine Photos sind beliebt und er hat eine Freundin – ganz ohne, dass der Spider-Man ist. Die Beziehung von Gwen und Peter wird durch Spider-Man vertieft, nicht erst ermöglicht, wie es bei Raimi noch der Fall war, wo der Nerd erst eine Maske braucht um eine Chance zu haben.

Martin Sheen und Sally Fields als Petes Onkel und Tante funktionieren ebenso grandios, Sally Fields hat zwar nicht viel zu tun, aber ihre sorgende Blicke sind denen eines Alfreds nicht fern. Ben Parkers neue, engere Bindung im Film vollzieht Wunder und sorgt für einige der rührendsten Momente im Film. Was Vanderbilt in der ersten Stunde in Spideys Originstory abarbeitet ist magisch, der Ansatz mit den Webshootern und Peters Kostüm ist realistisch und anders genug um ein Reboot zu rechtfertigen und Regisseur Marc Webb liefert mit musikalisch grandios unterlegten Szenen, in denen Peter seine Kräfte entdeckt, den Rest. Das große Problem liegt viel mehr darin, dass man den geplanten vierten Teil mit dem neuen Ansatz vermischte, aber dadurch beide Aspekte an Reiz verlieren. Das fantastische Element des Lizards, ein Mann, der zu einer wahrhaftigen, überdimensionalen Echse mutiert, steht im starken Kontrast zu dem realistischen Ansatz von Spider-Man, der nun Spinnendrähten von Oscorp braucht, um sich durch New York zu schwingen. Ebenso werden Plotlines eingeführt, die nicht wieder aufgegriffen werden. Am ärgerlichsten dabei ist wohl, dass einem die “Untold Story” versprochen wurde, aber man wohl in letzter Minute alles aus dem Film rausstrich um es sich für den zweiten Teil aufzuheben. Dazu werden Subplots wie die Jagd um Onkel Bens Mörder, die Polizisten, die der Lizard verseucht und in Echsen verwandelt, sowie was mit dem Vorarbeiter von Connors bei Oscorp geschah, einfach fallen gelassen. Ironischerweise sind viele Szenen aus diesen rausgeschnittenen Plots in den Trailern vorhanden.

Dadurch wirkt der Film oftmals hektisch, der Schnitt hüpft unkontrolliert von Szene zu Szene, insbesondere der dritte Akt fällt völlig aus der Reihe. Curt Connors ist als Charakter ohnehin so schlecht gezeichnet, aber dass er dazu noch Peter retten darf, macht absolut keinen Sinn. Wenn es einen Menschen auf der Welt gibt, den man nicht retten muss, wenn er von einem Hausdach fällt, dann Peter Parker. Ebenso versteht wohl niemand die Beweggründe Connors plötzlich eine Gaswolke auf Manhattan niederregnen zu lassen. Ja, er ist eine Echse und will alle anderen Menschen auch in Echsen verwandeln, weil er plötzlich merkt, wie toll das ist, aber es will trotzdem keinen Sinn machen. Liegt wohl vor allem daran, dass er keine Persönlichkeit besitzt, außer, dass ihm ein Arm fehlt, was. er in. jeder. Szene. anmerkt. In die gleiche Schiene fällt die Szene, in denen New York Spider-Man helfen muss. In der Zeit von Raimi funktionierte das im Post-9/11-Trauma wunderbar, hier wirkt es gezwungen, wie eine Szene, die auf einer Liste stand, was in einen guten Spider-Man-Film muss.

Trotz allem ist das Reboot keine Enttäuschung. Es funktioniert als Film, auch wenn es nicht komplett befriedigt. Der Film ist mehr “vertane Chance” als Fehlschlag. Kein radikaler Neuanfang, langweiliger Bösewicht, keine große Enthüllung und dazu fehlen Schlüsselkomponenten wie die Osborns oder der Daily Bugle. So richtig ohne Origin-Geschichte hätte dieser Schritt ins neue Jahrtausend nicht gelingen wollen (zumal das der beste Teil des Films ist), aber dennoch wird man das Gefühl nicht los, dass es sich hier nur um das filmische Fundament für weitere Filme handelt. Das ist nicht verwerflich, das machen andere Filme schließlich auch, nur können die es besser vertuschen und erzählen noch eine Geschichte. Viele der Probleme liegen im Drehbuch, nicht bei Marc Webb, der hier seinen ersten Actionfilm mit Bravour abliefert und hoffentlich weiterhin als Regisseur für einen weiteren Teil zur Verfügung steht, in dem dann mal eine stringente Geschichte erzählt wird und nicht Knetmassen von links und rechts zu einem Mischmasch zusammengedrückt werden.

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Vereinigte Staaten, 2012
Regie: Marc Webb
Drehbuch: James Vanderbilt, Steven Kloves, Alvin Sargent
Darsteller: Andrew Garfield, Martin Sheen, Sally Fields, Rhys Ifans, Emma Stone
Länge: 136 Minuten
FSK: 12
Rating: ★★★☆☆

Marc Webb, James Vanderbilt und Alvin Sargent sollen also das Franchise ins neue Jahrzehnt bringen und mit Spider-Man umsetzen, was ihre Kollegen mit Iron Man und The Avengers geschafft haben.

Jedoch muss ich gleich zu Anfang sagen, dass sie dies nicht so hundertprozentig geschafft haben. Aber kommen wir dazu später.

Peter Parker im Jahre 2012: Skateboard statt Physik Bücher. Kontaktlinsen statt Hornbrille. Mini-Rebell statt Vorzeigestreber. Viel wurde umgestellt damit Peter Parker sein Oberstreberimage verliert: Peter widerspricht den Lehrern, lässt sich von Mädels nicht an der Nase herumführen und lehnt sich gegen die Bullys auf. Insgesamt nicht schlecht umgesetzt, denn die Comics scheinen hier wirklich nur noch als Richtlinie und Inspiration zu dienen und längst nicht mehr als Vorlage. Jedoch wurde der Streberanteil an Peters Persönlichkeit so weit reduziert, dass er nur noch super intelligent wirkt und sein Interesse gegenüber den Naturwissenschaften überhaupt nicht mehr rüberkommt. Davon, dass er auf der High School ursprünglich mal Reed Richards’ Bücher in der Pause auf dem Schulhof las, merkt man im Jahre 2012 leider gar nichts mehr.
Im Groben und Ganzen macht das aber Sinn, denn die „Underdogstreber-goes-Superhero“-Story wirkt doch schon sehr angestaubt. Ein bisschen mehr Streber hätte ich mir aber schon gewünscht. Darüber hinaus gibt Andrew Garfield sein Bestes um den zwiegespaltenen Teenie zu spielen, jedoch sieht er einfach zu alt aus und das zögerliche Kopfschütteln wirkt auch nicht in jeder Szene.

Emma Stone macht da als Gwen Stacy schon eine bessere Figur. Sie spielt die Mischung aus „Daddy‘s Girl“ im Minirock und Naturwissenschaftlerin sehr solide, ohne große Ausreißer nach oben oder nach unten. Insgesamt ist Stacy sehr nahe an der Comicvorlage und bei ihr wurde weniger Neuzeit-Kosmetik vorgenommen als an Peter Parker. Gwen soll hier als Sympathieträger fungieren und ist sehr viel weniger zickig als die zweiglasig fahrende Gwen aus dem Comics (Sie datet Harry Osborn und Flash Thompson gleichzeitig und macht dazu auch noch Peter Avancen, macht ihm Druck sie zu heiraten, nur um dann wieder kleinbeizugeben, etc., etc.). In den Silver Age Jahren war Gwen Stacy noch zu manchen Zeiten eine waschechte Zicke. Ein Charakterzug, den man hier komplett rausgenommen hat. Jedoch genau dieser kleine, aber feine Eingriff gibt dem Ganzen dieses cleane Hollywood Feeling, das alle Unebenheiten weggestrichen werden, was mich erheblich stört.

Was mich auch sehr gestört hat: Die Handlungsabschnitte rund um Peter Parkers Eltern und Curt Conners. Gehetzt und nicht richtig ausgearbeitet. Den konspirativen Einschlag mit den Flashbacks von Peters Eltern wirkte viel zu erzwungen um Peters Psyche mehr Tiefe zu geben und ihm irgendeine Motivation an die Hand zu geben, sich bei Oscorp einzuschleichen. Hätte man Peters Charakter dieses angeborene Interesse für Naturwissenschaften nicht rausgekürzt, wäre dieser absurde Subplot auch gar nicht nötig gewesen. Und überhaupt: Wieso ist Peter Parkers Vater auf einmal renommierter Genetiker? Und wieso arbeitet er ausgerechnet mit Curt Connors zusammen? Und ausgerechnet seine Formel sorgt dafür, dass Dr. Connors in eine schlecht animierte Echse verwandelt? Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber für mich als Fan Boy hat das ganze überhaupt nicht funktioniert. Mal davon abgesehen, dass erst im Jahre 1997 (!) die Origin Geschichte rund um Peters Eltern in ein paar Spin-Offs erzählt wurden und noch nie eine wirklich bedeutende Rolle gespielt hat.
Wieso braucht Peter eigentlich 17 Jahre um das erste Mal den Namen seines Vaters zu googlen?

Rhys Ifans spielt auch hier nur eine Karikatur eines Naturwissenschaftlers und vermasselt selbst die wenigen Szenen, die ihm vom Skript gegeben werden. Selbst sein Alter Ego Lizard (wieso kann The Lizard sprechen?! Bitte, bitte nicht!) sieht einfach nur grottig aus und der Produktionsdesigner sollte gefeuert werden!
Da ist es nicht überraschend, dass Martin Sheen und seine Partnerin alle an die Wand spielen.

Aber es kommt, wie es kommen muss und Peter wird Opfer seiner Neugier und wird von der legendären radioaktiven Spinne gebissen. Insert Dramatic Music here!
Doch auch die U-Bahn Szene überzeugt nicht so richtig. Sie ist nicht kompletter Schrott, jedoch auch nicht dieser grandiose Moment in dem Peter seine Kräfte entdeckt. Die Szenen, in denen Peter sine Kräfte beim Skateboarden oder klettern erkundet, sind da sehr viel sympathischer und lassen einen richtig nachempfinden wie genial dieses Gefühl für einen sein muss.

Doch dann kommt die Szene um Onkel Bens Tod.

Versteht mich nicht falsch. Peter Parker als Wrestler im Jahre 2012? Das wäre albern gewesen. Somit bin ich eigentlich ein Freund der Überfallsszene im Supermarkt, nach der Onkel Ben erschossen wird. Aber so tölpelhaft und ungelenk hätte man es dann aber doch nicht darstellen müssen. Alles wirkt so erzwungen. Ben stolpert viel zu zufällig in die Szenerie. Der Spruch mit der Heilsarmee wirkt zu künstlich. Insgesamt war die Idee nicht schlecht, doch die Umsetzung allerdings schon.

Sehr positiv sind mir jedoch die Bewegungen von Spidey aufgefallen. In der Luft, an der Wand, im Kampf oder im Schwung. Seine Bewegungen sehen nach ultimativer Agilität und Beweglichkeit aus. Wenn die Bewegungen eine Bezeichnung verdient hätten, dann „spinnenartig“.
Doch so toll Spideys Bewegungen waren, so lieblos sind die Kampfchoreografien. Einzig und allein die Kampfszene in der Schule war nicht schlecht. Die anderen in der Kanalisation oder auf dem Oscorp Tower reichen nicht mal annähernd an die genialen Kampfszenen aus den ersten zwei Spider-Man Filmen von Raimi ran und wirken eher wie lieblose Raufereien.

Bei 2 1/2 Stunden wurde zu viel Zeit auf Peters und Gwens Schmonzette verwendet und die restlichen Subplots wurden nur durchgehetzt. Man erinnere sich nur an das erste Treffen zwischen Connors und Peter bei Oscorp. Grauenhaft. Schnell mal in 2 Minuten gegenseitiges Interesse runtergespielt um dann den großen Spinnenbiss in lila einzuspielen. Marc Webb zeigt weder gutes Timing noch Spacing im Film und schafft es weder Spidey-Fans noch 0815-Kinobesucher zu begeistern. Einzig und allein die schönen Bewegungen von “der Spinne” faszinieren.
Insgesamt wurde einfach zu viel glatt poliert und an zu wenig Schrauben gedreht um dieses Reboot zu rechtfertigen. Als Fanboy bin ich ernüchtert, als Kinobesucher sogar enttäuscht.

Dave ist eigentlich Photograph und von Kindestagen an Spider-Man-Fan. Seine Bilder findet ihr auf seiner Homepage.

Indonesien 2011
Regie: Gareth Evans
Drehbuch: Gareth Evnas
Darsteller: Iko Uwais, Joe Taslim, Donnie Alamsyah
Länge: 101 Minuten
FSK: 18
Rating: ★★★☆☆

Hochhäuser waren schon immer attraktiv für Filmemacher. Sie sind auf Grund ihrer Architektur sowohl visuell ästhetisch als auch handlungstechnisch eingrenzend und regen daher zur Inspiration an. King Kongs Flucht ist nicht nur auf Grund seiner visueller Intensität filmhistorisch prägend, sondern besticht vor allem durch sein dramaturgisches Todesurteil für die Hauptfigur. Auch John McClane wusste bereits wie interessant Hochhäuser im Film sein können. Mit ‘Dredd’ wird nächstes Jahr auch das Remake des Science-Fiction-Klassikers der Richter und Henker seinen Weg in ein Hochhaus finden und mit dem Indie-Hit ‘Attack the Block’ fanden die Betonmeiler sogar ihren Weg in die Filmtitel. Schwer wird es vor allem das Remake ‘Dredd’ haben, das sich sowohl visuell als handlungsspezifisch ungewollt (Das Drehbuch war lange vor dem Release von ‘The Raid’ fertig) nahe am indonesischen Martial-Arts-Hit ‘The Raid’ vergleichen lassen muss, der alle Register des Genre zieht und sich mit voller Kraft in die Herzen von Martial-Arts-Fans kämpft.

Wir werden unserem Helden vorgestellt: Rama ist ein Rekrut bei der Polizei. Am Morgen rezitiert er den Koran, durchgeht höllische Fitnessübungen und verabschiedet sich von seiner schwangeren Frau mit einem Kuss. Das war’s. Entweder du drückst ihm jetzt die Daumen, die nächsten 100 Minuten zu überleben oder nicht – mehr Charakterisierung nimmt zu viel Zeit weg von der Action. Und von der gibt es zu Genüge. In einem Van informiert der Polizeichef seine Truppe über einen Boss des kriminellen Untergrunds, der ein Hochhaus besetzt hält. Es wird ein schwieriger Job, der Kerl hat das Haus bereits gegen andere Gangs erfolgreich verteidigt. Im Haus gewährt er Mitgliedern und Junkies kostenfrei Unterkunft. Daher muss es jetzt geräumt werdne. Ein Redshirt hinterfragt die Anweisungen: Wieso heute? Und warum überhaupt? Egal, es gibt keine Antworten, denn Regisseur Gareth Evans möchte Action und Action soll es geben. Die Reizbefriedigung heiligt alle Plotlöcher.

Wir erfahren nie in welchem Land wir uns befinden. Wir können annehmen, dass es Indonesien ist, da der Film dort produziert wurde und alle Schauspieler einen südasiatischen Look haben, aber wirklich wissen werden wir es nicht und es spielt auch keine Rolle. Rama wird uns am Anfang als Muslim vorgestellt, doch es wird nicht weiter verfolgt. Weder betet er in kritischen Momenten, wie zum Beispiel als er fährt, dass seine Mission nicht autorisiert ist und Hoffnung auf Verstärkung sinnlos ist, zu Allah, noch hat es irgendeinen tieferen Sinn bezüglich seines Charakters. Alles in dieser Hinsicht wirkt billigt, hier wurde gespart. Bewusst. Wo jedoch nicht gespart wurde, sind die Kampfszenen. Während sich das Polizeiteam Stockwerk für Stockwerk hochkämpft, werden tausende Kugeln verschossen, literweise Blut vergossen und jede Menge Kriminelle getötet. Alles ist einfach, alles ist stumpf – und trotzdem ist ‘The Raid’ ein guter Film.

Filme wie dieser brauchen nämlich keine wirkliche Geschichte. Hier sind die Bösen, das sind die Guten, sie kämpfen, habe Spaß oder geh aus dem Kino, was übrigens viele auf Grund der intensiven und realen Gewaltdarstellung bei der Sneak Preview taten. Ein US-Kollege beschrieb den Film perfekt als er sagte, dass ‘The Raid’ eine aus der Bahn geworfene Achterbahnfahrt ist. Rama ist kein Charakter, ist ein Vehikel, der uns durch das Chaos und die Action führt. Und die Action hört für die gesamte Laufzeit von 101 Minuten kaum auf. Regisseur Evans und die beiden Hauptdarsteller haben Kämpfe choreographiert, die über mehrere Minuten andauern, oftmals durch 30 oder mehr sekundenlange Long-Takes an Intensität nicht zu erhöhen sind. Nach jedem Kampf ging ein aufatmendes “Uhhh” durch die Reihen. In diesen Pausen ist der basslastige Score zu spüren, der während der Kämpfe für den Realismus in den Hintergrund tritt. Mike Shinoda von Linkin Park ist für diesen verantwortlich; kein Werk an das man sich erinnern wird, aber während des Films unterstützt seine musikalische Untermalung die dramaturgischen Momente und füllt die Atempausen bestens.

‘The Raid’ ist ein No-Brainer der guten Sorte. Es geht weder um die Charaktere, noch um die Geschichte, deren Plottwist, oder das Motiv dahinter, mir nicht wirklich klar ist. Dennoch findet der Film bei Genre-Fans sein Publikum. Wer auf harte, intensive Actionfilme steht, die weder vor realistischer Gewaltdarstellung noch hyperstilisierten Martial-Arts-Kämpfen zurückschrecken, wird die Achterbahn seines Kinosommers erleben. Einzig allein der Untertitel “Redemption” erschließt sich mich nicht. Erlösung erfahren keine der Charaktere, dafür die Zuschauer, wenn sie am Ende der Fahrt aussteigen dürfen.

Es sind harte Zeiten für Alexandria. Rick und Gruppe haben gerade einen Putschversuch abgewehrt, doch der wirkliche Gegner naht schon am Horizont. Der bevorstehende Winter in Verbindung mit der Nahrungsmittelknappheit droht Einige, wenn nicht die ganze Gruppe dahinzuraffen. Während Rick Carl zu Bette bringt, beobachtet eine vermummte Person aus der Ferne Alexandria durch ein Fernglas.

The Walking Dead hat seine Höhen und Tiefen, das weiß jeder, der die Comics auch nur ein paar Ausgaben verfolgt hat. Doch insbesondere die Ruhe in “We Find Ourselves” nach dem Knall in Volume 14 war einigen Lesern ein Dorn im Auge. Alles zu ruhig. Kirkman lasse alles dahinplätschern, während der Hauptfokus auf der TV-Serie liegt. Dass dies nicht so ist und Kirkman noch lange nicht ideenlos ist, beweist “A Larger World”.

(Spoilers!) Wir treffen auf Jesus, einen Typen, der schwört, dass er auf der Suche nach anderen Gruppen von Überlebenden ist. Er wird von seiner eigenen Gruppe weggeschickt und soll Handelsverbindungen eingehen. Ein verlockendes Angebot, doch die Zeiten haben ihre Narben in Ricks emotionalem Kompass hinterlassen. Er weiß zwar, dass sie die Lebensmittel gut gebrauchen könnten, doch kann er Jesus trauen?

Sie nehmen Jesus gefangen und wissen nicht, was sie mit ihm tun sollen. Er kann die Wahrheit sagen, aber auch die Position der Siedlung an seine Leute, eventuell gefährliche Hunde, weitergeben. Es ist eine nette Parallele zur TV-Serie, die jeodch konträr zur Serie ausgeht, denn schlussendlich überwiegen einfach die möglichen Vorteile das Risiko und Rick, Carl, Andrea, Glenn und Michonne begleiten Jesus zu seinen Leuten. Auf der Fahrt stellt sich heraus, dass Jesus ein Entfesselungsexperte ist und sich die ganze Zeit hätte befreien, sie im Schlaf töten können, was er nicht tat. Eine gute Basis für gegenseitiges Vertrauen.

Jesus führt sie zu auf einer Anhöhe gelegenen und passend benannten Siedlung namens “Hilltop”, der es an nichts wirklich mangelt. Mehr als 200 Bewohner leben dort relativ idyllisch zusammen, lediglich Schusswaffen fehlen. Nach einem Vorfall stellt sich heraus, dass die Siedlung unter der Tyrannie eines Außenstehenden namens Negan leidet, der Lebensmittel erhält und im Gegenzug nicht die Siedlung plattmacht. Es ist ein Rückblick in ein paralleles Universum, in dem Rick vor dem Governor eingeknickt wäre. Die Verhandlungen mit dem Anführer und Rick sind schnell: Rick hat nichts zum Tauschen. Doch das mag nicht so ganz stimmen, denn die Bewohner haben gesehen, wozu Rick und Co. fähig sind. Sie sollen sie von Negan befreien und erhalten im Gegenzug Lebensmittel.

Kirkman beweist, dass in seiner Geschichte noch schier unendliches Potential steckt. Klar, die Rivalrie zwischen der Hilltop und Negan erinnert an den Woodbury-plot um den Governor aber diese Konflikte sind nun nicht unwahrscheinlich in der Apokalypse. Außerdem gewinnt die Konstellation durch Ricks Gruppe einen interessanten Twist. Wir bewegen uns nun auf der Zielgeraden zu Issue 100, bei dem laut Kirkman die Scheiße dampfen wird. Ich kann mir also vorstellen, dass die Prämisse von “The Larger World”, dass dort draußen mehr ist als nur Zombies (die ohnehin in den letzten Ausgaben nur zu lästigen Nebensächlichkeiten reduziert wurden) noch interessant und wegbereitet sein wird für die Zukunft des Comics. Doch so idyllisch wie gerade alles wirkt, wird es nicht lange bleiben, insbesondere wenn das nächste Volume “Something to Fear” heißt.


Ein wenig ärgerlich bei diesem Volume sind die uneinheitlichen Cover. Die Cover bei TWD sind ja meist ohnehin nur Marketingspaß und werden Wochen im voraus entworfen, lange bevor die Skripte fertig sind, sodass es oft inhaltliche Diskrepanzen gibt. Aber dieses Mal sind sie wirklich durcheinander und uneinheitlich. Insbesondere der Schriftzug gefällt mir gar nicht. Die Vorschau auf die kommenden Ausgaben zeigt, dass man wohl weiterhin mit dem Volumetitel auf den einzelnen Ausgaben weitermachen möchte. Finde ich ein wenig blöd, aber was will man machen.

Bestellen kann man Volume 16 hier (Amazon-Partnerlink). Nach dem Klick gibt’s die Cover der einzelnen Ausgaben.
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‘Into The Abyss’ Review

19 Jun, 2012 · Sascha · Film,Review · 0 comments

USA, 2011
Regie: Werner Herzog
Länge: 107 Minuten
FSK: 16
Rating: ★★★★★

‘Into The Abyss’ ist mit Sicherheit der traurigste Film, den ich jemals gesehen habe. Wer Herzog kennt, wird überrascht sein, wie er sich selbst zurücknimmt. Er bleibt stets Off-Screen, führt Interviews und weiß die Kamera durch das Leid des Lebens zu führen.

Vor rund 10 Jahren beschlossen die jungen Teenager Jason Burkett und Michael Perry, dass sie den roten Camaro eines Schulfreundes fahren wollen. Im Haus angekommen, töten sie die Mutter, bringen den Körper weg, müssen aber danach wieder in die Gated Community rein und töten daher ihren Schulfreund und dessen Freund beim Eingangstor. Nach einer Verfolgungsjagd mit der Polizei endet ihre Fahrt an einer Hauswand, sie können noch einige Meter entkommen, müssen sich aber angeschossen ergeben.

Wer Herzog kennt, weiß, wie schnell er hier sein eigenes Urteil in den Mittelpunkt stellen könnte, doch das tut er nicht. In einer Dokumentation über ein so unnötiges Verbrechen, die Dunkelheit im Menschen und die Todesstrafe, äußert er sich nicht einmal direkt zu den zentralen Themen, auch wenn man zwischen den Zeilen natürlich eine klare Botschaft erkennen kann. Herzog ist gegen die Todesstrafe. Er verachtet, was Michael Perry und Jason Burkett getan haben, das sagt er Perry direkt bei ihrem ersten und einzigen Treffen, zehn Tage vor dessen Hinrichtung. Doch Perry ist ein menschliches Wesen und als solches gebührt ihm laut Herzog Respekt, den er ihm entgegenbringt – doch das heißt noch lange nicht, dass er ihn mögen muss.

Herzog interviewt Mutter, Vater, Freunde, Brüder, Schwester und Bekannte, neu Angetraute, sogar die schwangere Freundin von Burkett (der keinen Kontakt zu ihr hatte, weshalb die Schwangerschaft ein Mysterium bleibt) und dabei vergrößert er immer weiter den Kreis um die zentrale Tat und das Leid wächst und wächst. Wie eine so dumme Tat die Leben von so vielen Menschen für immer beeinflusst ist erschütternd, die visuell eingefangene Traurigkeit ist so bedrückend, dass ich nicht glaube, dass ich den Film jemals wieder ansehen will. Die Trauer endet auch nicht bei Captain Fred Allen, der bei über 100 Exekutionen leitender Verantwortlicher war. Er hat nichts direkt mit dem Fall zu tun und ist dennoch zentrales Herzstück in Herzogs Dokumentation. Herzog richtet sich hier ganz zentral im Höhepunkt der Dokumentation an den Zuschauer: Ganz egal, ob man für oder gegen die Todesstrafe ist, sollte niemand dafür verantwortlich sein, diese Exekutionen durchführen zu müssen. Alleine deshalb sei die Todesstrafe abzuschaffen.

Man sagt, die Hoffnung stirbt zuletzt. Die Hoffnung nach all der Trauer ist immer ein Neubeginn. Meist in der Form eines neues Lebens. Burketts schwangere Frau bringt dieses buchstäblich bald zur Welt, doch die Hoffnung erstickt bereits im Keim. Nicht umsonst widmet Herzog einen Großteil den zweiten Akts dem Vater von Jason Burkett, der selbst im Gefängnis sitzt und bereits während der Kindheit seines Sohnes eingeschlossen war. Wie kann dieses Kind eine gute Zukunft vor sich haben? Wird sich die Geschichte wiederholen? ‘Into The Abyss’ ist wirklich eine dieser seltenen Dokumentationen, die so einnehmend sind, dass man noch tagelang danach über den Stoff nachdenkt, man den Glauben an alles verliert und sich fragt: “Und das alles wegen einer Spritztour in einem roten Auto?”

USA, 2012
Regie: James Swirsky, Lisanne Pajot
Personen: Jonathan Blow, Edmund McMillen, Thomas Refenes, Phil Fish
Länge: 96 Minuten
FSK: 12
Rating: ★★★★★

“Ich wünschte, dass es mir nicht so wichtig wäre. Aber das ist es. Es ist mir so verdammt wichtig.”, sagt Phil Fish in die Kamera, kurz nachdem er feststellt, dass ein Post über den Trailer seines Indie-Games “Fez” doch nicht wie zunächst angezeigt 11000 Likes hat. Es sind nur Klicks, virtuelle Zuneigung. Phil weiß das, er sagt es mehrfach, aber er kann es nicht ändern. Er braucht Kommunikation. Er will Feedback. Er will Anerkennung.

‘Indie Game: The Movie’ ist eine Dokumentation über vier Videspielentwickler, die allesamt das stemmen, was große Firmen mit mehreren tausend Mitarbeitern schaffen. Über Monate hinweg verfolgte das Team um die Regisseure James Swirsky und Lisanne Pajot mehrere Entwickler und schnitt dann aus über 300 Stunden Material die vorliegende Doku. Herausgekommen ist eine emotionale Achterbahnfahrt, die die vier Hauptfiguren tief beleuchtet und als wesentlich mehr als vier Nerds, die Spiele in ihren Kellern machen, darstellt.

Da sind zum Beispiel Edmund und Tommy, die gerade Super Meat Boy am bauen sind, ein Spiel über einen Klumpen Fleisch, der sich durch Level vorbei an Sägen und anderen scharfen Objekten schlagen muss um zu seiner Freundin zu gelangen. Einerseits um sie zu retten, aber auch andererseits um zu überleben, weil sie Bandagen hat, die ihn retten. Sie komplettiert ihn. Edmund ist ein eher cooler Typ, die Sorte Kerl, die seiner Freundin bei einer Preisübergabe einen Heiratsantrag macht. Tommy ist chronisch krank und eher nachdenklich und hat außer seiner Familie keinen wirklichen sozialen Kontakt, Geld oder Unterstützung durch eine Frau wie Edmund, weil er sich 100% auf das Spiel konzentrieren muss.

Jonathan Blow hat es eigentlich bereits geschafft. 2008 hat er mit Braid die Indie-Spiel-Szene revolutioniert. Sein Spiel war ein kritischer und finanzieller Massenerfolg, aber wirklich glücklich ist er nicht. Sehr nachdenklich und reif hat ihn diese Zeit gemacht, aber auch sehr verletzt. Verletzt ist auch Phil Fish, der seit vier Jahren an dem Spiel Fez arbeitet, vom Spielprinzip vielleicht mit am ambitioniertesten, dafür aber alles alleine stemmen muss, seit sein Partner und er sich überworfen haben. Er hat weder Geld, noch ein Releasedatum in Aussicht und verzweifelt, weil alles umsonst sein könnte, falls sein ehemaliger Partner ihm nicht eine sehnsüchtig erwartete Unterschrift gibt.

Was hätte ‘Indie-Game: The Movie’ für eine nerdige Dokumentation werden können, die nur Gamern zu empfehlen wäre. Das Gegenteil ist der Fall. Auch wenn der Film mal kurz abdriftet in Spielmechaniken oder Design, ist das Zentrum stets der kreative Konflikt innerhalb der Personen oder Teams. Am Ende des Tages spielt es keine Rolle, ob Tommy, Edmund, Jon und Phil Bücher schreiben, Comics illustrieren, Filme machen oder Spiele designen. Was sie antreibt, ist die Hoffnung auf Kommunikation, Interpretation, Feedback und Liebe. Jonathan Blow hat Millionen mit seinem Spiel Braid verdient, kritische Erfolge links und rechts abgesahnt, sich und sein Spiel aber in den Kommentaren jedes auch so kleinsten Blogs verteidigt, gerechtfertigt oder Fehler korrigiert. Die Leute mögen das Spiel lieben, aber sehen sie es und interpretieren sie es so, wie er es gewollt hat? Worauf er es abgesehen hat?

Als Edmund die ersten Zahlen des ersten Verkaufstags von Super Meat Boy bekommt, tanzen und freuen sich er und seine Frau über den Rekord von 15000 Einheiten, eine Zahl, die die von Braid weit übersteigt. Tommy nimmt diese Zahlen wahr, doch freuen tut er sich nicht wirklich, obwohl er nun locker die Schulden seiner Familie bezahlen kann. Erst als er sieht, wie die Leute Videos von sich selbst beim Spielen hochladen, verzweifeln und geheime von ihm versteckte Level finden, kann er aufleuchten.

Am Ende geht ein Schatzsucher mit einem Metaldetektor am Strand entlang. Das Gerät empfängt etwas und er beginnt zu graben, doch findet nichts. Er geht weiter. Wie er saßen die vier jungen Männer auf einem Schatz und grabten. Manche waren sich sicher, dass dort etwas ist, sie müssen nur tief genug graben. Andere waren sich nach einiger Zeit gar nicht mehr so sicher. Würden sie überhaupt etwas finden? Wie tief noch? Währenddessen spricht Edmund in einem Voice-Over darüber, dass er Zeichnungen von Super Meat Boy gefunden hat. Ein junger Fan hat sie gemacht, genau wie er damals Super Mario zeichnete. Edmund ist inzwischen wohlhabend, hat ein großes Haus gekauft und sein Spiel verkaufte sich weltweit über eine Million mal, doch was ihn zu Tränen rührt, ist die Vorstellung, dass er durch sein Spiel einen kleinen Jungen dazu animiert haben könnte, selbst kreativ zu werden.

‘Indie Game: The Movie’ ist erhältlich zum Kauf oder Verleih bei iTunes und Steam. Jim Guthries atmosphärischer Soundtrack ist hier erhältlich.

USA/UK, 2011
Regie: Lynne Ramsay
Drehbuch: Lynne Ramsay, Rory Stewart Kinnear
Darsteller: Tilda Swinton, Ezra Miller, John C. Reilly
Länge: 112 Minuten
FSK: 16
Rating: ★★★★★

Das erste Mal sehen wir Eva, wie sie in einem See voll Blut auf Händen getragen wird. Dreckig, nass, rot. Doch sie grinst, es gefällt ihr. Menschenmassen drängen sich eng aneinander vorbei. Es sind grausige und erschreckende Bilder, die kein Stück ihrer Energie verlieren, selbst wenn man weiß, dass sie beim Tomatima-Festival entstanden sind. Später Abends schlendert sie betrunken mit einem Mann durch die Straßen. Dann trägt sie einen Anzug. Eine Frau kommt ihr auf dem Nachhauseweg entgegen, gibt ihr eine Ohrfeige und rennt bitterlich weinend davon. Eine Mann will die Polizei rufen, doch Evan winkt ab und geht weiter. Sie trägt es mit Fassung. Einige Jahre später sitzt Eva (Tilda Swinton) mit ausdruckslosem Blick auf einem Krankenbett. Ihr Baby Kevin schreit aufhörlich in den Armen des Vaters (John C. Reilly).

Dass Eva sich nicht auf Kevin gefreut hat, wäre eine Untertreibung. Sie ist die Person, die in diesem Moment alles bereut, die Uhren zurückdrehen möchte und dennoch nicht abhaut, sondern die Sache durchzieht. Sie begegnet Kevin freundlich, spielt mit ihm geduldig und sorgt sich liebevoll um ihr Kind. Doch schon im Säuglingsalter stößt Kevin sie brutal ab, hört sich nicht auf zu schreien. Wenn der Vater nach Hause kommt, überarbeitet und ohne wirkliche Verbindung zur Familie, probiert er trotzdem mit überschwänglicher Freude alles gut zu machen. Kevins Einstellung dreht sich um 180 Grad. Er umarmt freudig seinen Vater. Ein dunkles Grinsen verrät: Nur um seine Mutter zu bestrafen.

‘We Need To Talk About Kevin’ ist ein non-linearer Film. Höchstens die Falten auf Evas Gesicht oder ihre Haarlänge verraten uns, wo und wann wir uns gerade befinden. Sich einen Reim draus zu machen ist am Anfang nahezu unmöglich und auch nicht ratvoll, denn Regisseurin Ramsay setzt den Zuschauer in Evas Kopf, in dem nichts mehr Sinn macht, alles zusammenhanglos sich abspielt. Wir sollen uns nicht zurechtfinden. Frühere Einstellungen, in den Eva zu einem Ort fährt, an dem sich Blaulicht an den Scheiben ihres Autos spiegelt, verraten, dass etwas Schreckliches stattgefunden haben muss. Und umso länger der Film voranschreitet merken wir, dass Kevin dafür verantwortlich sein muss.

Gefangen in Evas Kopf kommt der Zuschauer zu keinem Schlusstrich, nichts macht wirklich Sinn. Sie würde am liebsten zurück nach Paris oder nach Spanien. Sie richtet sich einen Raum mit Karten und Anekdoten ihrer früheren Reisen ein, Kevin starrt sie finster an. Bereits bevor der Junge sie verbal für ihre Gefühle bestrafen kann, bringt er sie mit Taten zu Tränen. Den ganzen Film über sehen wir wie etwas zu einem Event hinführt. Aber selbst wenn es passiert, wissen wir nicht wieso. Die Frage nach dem genauen Warum quält uns.

Kevin ist jung, gut aussehend, groß und dünn. Er scheint keine Probleme zu haben sich verbal zu verteidigen, ist intelligent und dabei noch sehr schlagfertig. Er ist kein Opfertyp. Seine Familie ist wohlhabend und für ihn und seine Kindheit in ein riesiges Vorstadthaus gezogen. Doch das gesamte Haus ist leer, selbst nach Jahren minimalst eingerichtet. Vielleicht ein Stil von Eva, aber besonders Kevins Zimmer fällt heraus: Kein Poster, kein Buch, kein Film, keine Comics und besonders keine Videospiele. Nichts scheint Kevin wirklich zu interessieren. Die Frage nach dem warum wird noch quälender. Vorgeschobene Gründe und Mythen der Medien werden entmystifiziert. Wir stehen wie Eva zum Schluss desillusioniert vor den Scherben ihres Lebens und wissen, was passiert ist. Aber nicht warum. Eine Qual.

John C. Reilly füllt seine Rolle alleine mit seinem ahnungslosen und liebenswürdigen Gesicht völlig aus und Ezra Miller braucht nur dunkel zu gucken, um dem Zuschauer einen Schauder über den Rücken zu schicken. Perfektes Casting. Doch der wahre Star des Films ist natürlich Tilda Swinton, der alle Emotionen durchlebt, als wären sie ihre eigenen. Ihre Performance ist eine Tour-de-Force, die alle Ehrungen verdient, die es gibt. Wieso der Film dennoch so gut wie leer ausging, ist mir unverständlich. Wahrscheinlich weil er zeigt, dass die Wahrheit komplex ist. Dass das Leben keine einfachen Antworten bietet. Wahrscheinlich, weil er zu real ist.