Review - PewPewPew

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“Only one way to keep you alive.”

Ein ziemlich passendes Zitat am Ende der Folge, als Rick Hershel etwas Schreckliches antut um ihn zu retten. Denn auch die Serie selbst war nach einer eher miesen ersten und überaus durchwachsenen zweiten Staffel in bitterer Not für einen Neustart. Am besten tut man das in einer Serie dieser Art, indem man die Szenerie wechselt, den Cast durchschüttelt und eventuell sogar einen Zeitsprung macht. The Walking Dead macht all das – und es funktioniert.

Die Episode eröffnet mit einem “Cold Opening“, in dem keiner unserer Helden auch nur ein Wort verliert. Gemäß dem Drehbuchgesetz “Show, don’t tell” sehen wir anhand Loris Schwangerschaft und Carls Alter, dass etwas Zeit vergangen ist (guter Versuch Chandler Riggs in der Serie zu behalten; fragt sich nur wie lange das noch gehen wird…). Acht Monate insgesamt. Die Gruppe hat einen harten Winter hinter sich, Charaktere haben sich weiterentwickelt und all diese wahrscheinlich anstrengenden Entwicklungen bleiben uns erspart. Wir wissen nur schnell: Unsere Helden sind müde, kaputt und hungrig.

Als die Gruppe zu Beginn auf der Flucht vor freilaufenden Horden und auf der Suche nach Essen in ein Landhaus einbricht, tötet Carl ohne zu zögern einen Walker. Auch Lori hat sich gewandelt. Sie hat mehr Verständnis für Rick und fürchtet inzwischen um ihr Leben: Was wäre, wenn sie eine Totgeburt hat und das Baby sie von innen auffrisst? Als Zuschauer erfährt man Sympathie für Lori; ein neues Gefühl. Man hat hier für einen großen Teil einen notwendigen Reset-Button gedrückt. Hoffentlich bleibt das alles so, wenn wir die Gefängnissoap kriegen, die uns wohl oder übel bevorsteht.

Denn dort geht es hin. Als Rick über das Gefängnis stolpert, ist das alles nicht so theatralisch und groß wie im Comic, aber hey, ich beschwer mich nicht. Was folgt ist das größte und over-the-topste Zombie-Gemetzel, das die Serie bis jetzt gesehen hat und auch in cineastischer Hinsicht keine direkte Vergleiche finden wird, als die Gruppe um Rick mit nichts als Messern und Stangen bewaffnet im Nahkampf das Gefängnis Stück für Stück erobert.

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Natürlich kann die Folge nicht komplett perfekt enden, vorher muss noch etwas Dummes passieren: Hershel läuft über einen Zombie, der scheinbar tot gegen Wand sitzt, und wird von eben diesem gebissen. Rick hackt ihm daraufhin das Bein ab – um ihn zu retten – und wir kriegen unseren Cliffhanger: Die schockierten Gesichter der Gefängnisinsassen, die im Comic eine zentrale Rolle in den ersten Ausgaben im Gefängnis spielen. Auf den ersten Blick konnte ich hier mal keine bekannten Gesichter (außer vielleicht Dexter) erkennen.

Das mit Hershel ist doof. Es nervt. Selbst wenn man davon ausgeht, dass der Zombie tot ist, steigt man nicht einfach über ihn. Zugegeben, es war dunkel und vielleicht ist das unsere erste Einführung in die Unterscheidung zwischen Walker und Lurker, aber es bleibt dabei: Hershel ist ein fantastischer Charakter und ihn so gehen zu sehen (sofern die Storyline dem Comic-Charakter Allen folgen wird, den die Serie ausgelassen hat) schmerzt einfach. Die Stelle mit ihm, seinem Sohn und dem Governor ist eine meiner Lieblingsszenen im Comic. Beth hätte hier gut funktioniert. Aber soviel zu meinem Comicnerdrage.

Die Folge ist gut. Hershel spricht davon, dass er im Feld vor dem Gefängnis Gemüse anpflanzen könnte. Passend zu meiner Hoffnung trägt die Episode den Titel “Seed”, zu deutsch Samen. Es ist eine vage, unsichere Hoffnung, die ähnlich wie das Samenkorn wachsen kann, wenn man sie pflegt und züchtet. Man hat mit der Folge einen guten Grundstein gelegt; es bleibt abzuwarten, ob man das hohe Niveau auch mal, außer in Piloten und Staffelfinalen, in normalen Episoden vorfinden kann.

Regie: Marcus H. Rosenmüller
Label: 20th Century Fox
Land/Herstellungsjahr: Deutschland 2011
Laufzeit: ca. 105 Min.
FSK: 12
Extras: Audiokommentar, Kinotrailer, Hochdeutsche Untertitel
Film-Rating: ★★½☆☆
DVD-Rating: ★★★☆☆

Die Berlinerin Amrita zieht mit ihrer Kommune und ihrer zwölfjährigen Tochter Lili sowie ihrem Sohn Fabian von Kreuzberg auf einen geerbten Hof in Bayern um dort ein Therapiezentrum zu gründen. Weil Bayern 1980 noch erheblich konservativer war als heute, ergibt sich natürlich der Kulturkampf schlechthin. Die Hippies werden dank Mantas im Garten, orangenen Gewändern und freier Liebe von den Nachbarn naserümpfend beobachtet und sogar als Terroristen gehandelt.

Unter alledem leidet am meisten Tochter Lili, die keinen wirklichen Anschluss in der Schule finden kann. Insgeheim wünscht sie sich eigentlich ein ganz normales Familieneben wie das der anderen Kinder in ihrer Klasse. Wie bereits in seinem Erfolgsfilm „Wer früher stirbt, ist länger tot“ schaut sich der bayrische Regisseur Marcus H. Rosenmüller seine Heimat durch die Augen eines Kindes an und findet dabei interessante Aspekte. Die Demaskierung, wenn sie denn nach der Abhandlung jeglichen erdenklichen Hippie-Klischees passiert, ist zwar ehrlich, aber nicht tiefgehend genug um zu befriedigen.

Denn das Drehbuch weiß nie genau, was es denn sein will: Komödie oder Drama? Stellvertretend für diese Diskrepanz wäre die Eskalation des Konfliktes auf dem Dorffest zu nennen, an dessen Ende sich das ganze Dorf mit den Hippies einen ulkigen Kampf liefert, nach dem nichts passiert. Es gibt keine Konsequenzen. „Sommer in Orange“ ist dennoch ein unterhaltsamer Film, inklusive lustigen Figuren, guten Dialogen und einer guten Prise Humor.

Regie: Tim Boxell
Label: Imperial Pictures/KNM Home Entertainment
Land/Herstellungsjahr: Neuseeland 1997
Laufzeit: ca. 90 Min.
FSK: 16
Extras: Trailer
Film-Rating: ★☆☆☆☆
DVD-Rating: ★☆☆☆☆

Amy zieht zurück in die heruntergekommene Blockhütte, in der sie aufgewachsen ist. Dort will nichts funktionieren und dazu plagt sie noch eine Ratteninvasion. Auf dem Weg nach Hause bleibt auch noch ihr Auto liegen. Zum Glück trifft sie den jungen Biologen Marshall von der Universität in Minnesota, der sie nach Hause fahren kann. Marshall forscht in der Gegend, da alle Tiere und Insekten verschwunden sind. Daheim angekommen müssen die beiden feststellen, dass das Haus nicht von Ratten, sondern mutierenden Echsen befallen ist, die besonders hungrig auf Menschfleisch sind und sich rapide an die Tötungsversuche genetisch anpassen können.

„Echsenjagd“ ist eine neuseeländische Low-Budget-Horror-Produktion aus dem Jahr 1997, die jetzt in Deutschland veröffentlicht wird. Das liest sich nicht nur so, sondern sieht auch so aus. Regisseur Tim Boxell hat nicht ohne Grund nie wieder etwas von Wert gemacht, genau wie seine Drehbuchautoren. Die hier dargestellten Personen als eindimensional zu bezeichnen, wäre eine Beleidigung für die Brillanz der Charaktere aus „Transformers“.

Die Dialoge sind oberpeinlich, ebenso wie die Geschichte, in deren Tiefgang nicht einmal die kleinen, titelgebenden Echsen ertrinken könnten. Dabei sehen die mutierenden Echsen für das geringe Budget noch ganz manierlich aus und die Spezial-Effekte sind effektiv und ekelig. Aber leider ist hier alles andere so schlecht, dass es schlecht bleibt und nicht wieder lustig wird. Dafür fehlt dem Film einfach der gewisse Charme. „Echsenjagd“ ist todlangweilig, staubtrocken und kein Trash, sondern purer Schrott.

Regie: Fred Cavayé
Label: Koch Media
Land/Herstellungsjahr: Frankreich 2010
Laufzeit: ca. 84 Min.
FSK: 16
Extras: Making of, Trailer
Film-Rating: ★★★★☆
DVD-Rating: ★★★☆☆

Samuel ist ein netter Durchschnittstyp. Er arbeitet als angehender Pfleger im Krankenhaus, kümmert sich gut um seine hochschwangere Frau und hilft alten Frauen über die Straße. Man mag ihn sofort. Als er eines Nachts seinem Patienten Hugo das Leben rettet, erfährt seine Routine eine dramatische Wendung: Ein Einbrecher schlägt ihn bewusstlos und entführt seine Frau.

Um sie zu retten, muss er Hugo aus dem Krankenhaus schmuggeln. Der ist nämlich Herzstück eines Verschwörungskomplotts und soll eliminiert werden. Eine rasante Verfolgungsjagd durch die dunklen Straßen von Paris entbrennt. Fred Cavayé hat sich als einer der vielversprechendsten Regisseure des französischen Films in den letzten Jahren hervorgetan. Nach seinem gefeierten Thriller „Pour Elle“ („Ohne Schuld“, 2011 von Paul Haggis als „72 Stunden“ neu verfilmt) schafft er es, sich in seinem neuesten Werk selbst zu übertrumpfen.

Dabei verspricht „Point Blank“ nicht mehr zu sein als er ist, hält aber verbissen zu seinem Wort und lässt den Zuschauer über die gesamte Laufzeit von 84 Minuten nur kurz aufatmen, bevor er erneut in eine fantastische Verfolgungsszene nach der anderen geworfen wird. „Point Blank“ ist ein französischer Thriller der neuen Schule mit Noir-Elementen, guten Schauspielern und einer typischen, aber einnehmenden Geschichte, die sich locker gegen Produktionen aus Hollywood behaupten kann und keinerlei Remake bedarf.
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Diese Reviews erschienen zuvor in der Multi-Mania, in die ihr alle mal reinschauen solltet.

‘The Take’ Review

15 Sep, 2012 · Sascha · Film,Review · 0 comments

Regie: David Drury
Label: Koch Media
Land/Herstellungsjahr: Großbritannien 2009
Laufzeit: ca. 176 Min.
FSK: 16
Extras: Keine
Film-Rating: ★★★★☆
DVD-Rating: ★☆☆☆☆

England 1984 – Freddie, grandios verkörpert vom Szenendieb Tom Hardy, wird vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen. Er kehrt zurück zu seinem Cousin Jimmy, seiner Familie und seiner anderen Familie, der Mafia, deren Kopf Ozzy vom Knast aus die Geschäfte regelt. Während Cousin Jimmy anfangs ein besonnener, kluger Kopf ist, verliert sich Psychopath Freddie immer wieder in Gewaltausbrüchen, worunter das Geschäft und seine Familie leiden. Über ein Jahrzehnt hinweg erzählt „The Take“ den Aufstieg der zwei ungleichen Kriminellen im englischen Untergrund. Mit Erfolg, Geld und Frauen kommen Eifersucht, Neid und Rache ins Spiel, an dessen Ende nur einer als Sieger hervorgehen kann.

Eine eigentlich vierteilige Mini-Serie in Deutschland als fast dreistündigen Film zu veröffentlichen, entzieht sich meinem Verständnis. Darunter leidet das Pacing. Jede der vier Episoden hat nämlich spürbar ihren eigenen Arc und ihr eigenes Tempo und belichtet unterschiedliche Aspekte und Facetten der Geschichte. Bild- und tontechnisch ist „The Take” makellos, David Drury erzählt einen intensiven Krimi um Drogen, Sex und eine Menge Geld, in deren Zentrum stets die zwei Hauptcharaktere stehen. Vergleiche mit der Charakterdynamik in „Goodfellas“ und Beschreibungen als „Der englisch Pate“ sind nicht unberechtigt. Gerade deshalb ist es schade, dass die Veröffentlichung so lieblos daherkommt. Dennoch bleibt „The Take“ Fans des Genres empfehlenswert, insbesondere in seinem Originalton.

Kleine Andeutungen zum Ablauf der Staffel sind enthalten.

Eine momentan gern genutzte Strategie der Republikaner im US-Wahlkampf ist es Barack Obama als Außenseiter darzustellen. Der sei doch so anders, neu und ohnehin unmöglich. Dass Obama tatsächlich seine Geburtsurkunde veröffentlichen musste war nur ein Höhepunkt der rassistisch motivierten Schmutzkampagne von im Hintergrund agierenden PACs der Rechten. Obama, der erste farbige Präsident. Das kann ja gar nicht stimmen, er kann gar kein echter Amerikaner sein. Kenianer sei er in Wahrheit, eingeschleußt von einflussreichen Machtgruppen im Hintergrund, die Amerika transformieren wollen, wie es mir letztens einer meiner Mitarbeiter mittleren Alters erzählen wollte. Dabei fällt auch immer wieder die Stadt “Chicago”, aus der Obama und sein direktes Kampagnenmanagement um David Axelrod stammen. Dahin soll er wieder zurück, in die in der Geschichte durch Korruption und organisiertes Verbrechen in Verruch geratene Stadt am Michigansee.

Genau diese Stadt nimmt sich Boss vor und betrachtet sie durch die Augen von Tom Kane, der gerade gesagt bekommen hat, dass er unter Lewy-Körper-Demenz leidet und nur noch ein paar Jahre übrig hat. Ein Todesurteil, keine Frage. Jeder andere Mensch würde sein Leben radikal umkrempeln, womöglich seinen Job kündigen und die übrigen, guten Jahre im Kreise der Familie und Freunde verbringen. Nicht Tom Kane, denn er ist Bürgermeister von Chicago und eine öffentliche Bekanntmachung seiner Krankheit wäre das Todesurteil für seine Karriere und das Leben, an das er und seine Frau sich über die Jahre gewöhnt haben. „Politik ist die Summe der Mittel, die nötig sind, um zur Macht zu kommen und sich an der Macht zu halten und um von der Macht den nützlichsten Gebrauch zu machen“, wusste Machiavelli 1515 und fast 500 Jahre später könnte diese Definition nicht besser auf Tom zutreffen.

In Verbindung mit Max Webers Politikbegriff („Politik ist das Streben nach Machtanteil oder nach Beeinflussung der Machtverteilung […]”) ergibt sich das zentrale Leitmotiv aller Charaktere in der Serie. Tom bedient sich hinterhältiger Politik um seinen festen Griff um Chicago zu erhalten, der ihm all die Jahre Wohlstand und ein befriedigendes Leben gebracht hat. Er bedient sich im Laufe der acht Folgen der ersten Staffel jeglicher Reserven, macht nicht vor Freunden und Familie halt, um seine Machtposition zu erhalten. Klar, Tom hat in seinen vielen Jahren als Bürgermeister auch gute Taten vollbracht, aber es sind die Skandale, die ihn fast zum Rücktritt drängen. Aus dieser Ecke kämpft er sich geschickt mit schmutzigen Tricks. Er ist in jeglicher Hinsicht ein klassischer Politiker Machiavellis, den es heute zu Genüge in der Realität zu finden gibt. Spät in der Serie spricht ein Twist diese Thematik an und gibt dem eigentlichen Erfolg Kanes, den wir uns selbst entgegen unseren guten Verstandes erhofft haben, einen schweren Dämpfer.

Ihm gleich gesinnt ist der agierende Governeur Illinois’ Cullen, den Tom natürlich in der Tasche hat. Er kommt nach Chicago Toms Unterstützung bei einer Wahlkampfveranstaltung zu erhalten, während der bereits mit Ben Zajac, dem Schatzmeister, einen Nachfolger gefunden hat. Der ist jedoch weitaus mehr an Toms attraktive Assistentin Kitty O’Neill interessiert. Die Opposition im Stadtrat ist außerdem auch an ihm interessiert und die Frage seiner Loyalität zu Kane ist in der ersten Staffel leitend. Treu an Toms Seite jedoch agiert seine rechte Hand Ezra Stone, der Kontakte zu Leuten im Untergrund hält, die Toms Gegner beseitigen und ihm verschreibungspflichtige Medikamente illegal besorgen können.

Und dann ist da noch Reporter Sam Miller beim Chicago “Sentinel”, der die Bauarbeiten nahe dem Herzstück von Kanes Karriere, dem Flughafenausbau, untersucht und tief in die Vergangenheit unseres Protagonisten gräbt. Er wird fündig und stürzt den Bürgermeister in den Abgrund, unter anderem mit Hilfe eines Insiders, der Tom ganz nahe zu stehen scheint.

Schauspielerisch ist die Serie allererste Sahne. Ein großes Plus der Serie ist, dass fast ausschließlich unbekannte und unverbrauchte Gesichter gecastet wurden, denen man dank ihrem Talent ihre Rollen sofort abkäuft. Kelsey Grammer überzeugt in jeglicher Hinsicht und verdient den Emmy, den er für seine Rolle erhalten hat, über alle Maße. Es ist Grammers erste Rolle in einer Dramaserie. Es war wichtig eine markante Person für Tom Kane zu casten, deren Gewicht man in diesem Poker um den Thron in Chicago sofort abkauft, aber trotz aller Härte doch in sein Herz schließen kann. Das klappt dank dem Frasier-Star absolut.

Ich kann nicht von mir behaupten, Chicago gut zu kennen, aber mein Gefühl sagt mir, dass man interessante und gute Schauplätze gewählt hat. Wenn auch viele der Szenen in dunklen Räumen und dem Büro des Bürgermeisters spielen, haben sich die Produzenten Denkmäler und historisch signifikante Ecken Chicagos ausgesucht, um ihre Figuren über ihre Pläne oder die Stadt philosophieren zu lassen. Insbesondere das Intro der Serie, unterlegt zu “Satan, your Kingdom must come down” von Robert Plant ist wunderbar und atmosphärisch.

Boss ist eine moderne Version von Game of Thrones. Es geht um Macht, es gibt Sex und Krieg geführt wird auch, jedoch mit anderen Waffen und versteckt. So wie sich das Fernsehen Politik eben vorstellt. Eine dunkle Version des West Wings mit einer schillernden Persönlichkeit, mit der wir leiden und fühlen, die wir aber dennoch nie ganz verstehen werden. Die ultimative Botschaft im Finale ist so real wie die Politik selbst. Sie war die ganze Staffel vor unserer Nase, doch wir haben sie dank einem Mix aus Bequemlichkeit und falscher Zuneigung nie vernommen. Parallelen zur Realität und echten Bürgermeistern in (nicht nur) Chicago sind daher selbstverständlich nicht zufällig und schmerzhaft. Ein gewisses Interesse für Politik ist von Vorteil, aber die Intrigen und Beziehungen, die die Serie ausmachen, sind überaus menschlich und auch ohne genauere Kenntnisse nahbar. Boss ist beste neue Serie der letzten Season.

Rating: ★★★★★

‘Chronicle’ Review

04 Sep, 2012 · Sascha · Film,Review · 1 comment

Vereinigte Staaten, 2012
Regie: Josh Trank
Drehbuch: Max Landis
Darsteller: Dane DeHaan, Michael B. Jordan, Alex Russell, Michael Kelly
Länge: 83 Minuten
FSK: 12
Kaufen: Chronicle ist hier erhältlich. (Amazon-Partnerlink)

Auf dem Papier ist ‘Chronicle’ Standardware aus Hollywood, wie wir sie aus den Nullerjahren gewohnt sind. Teenager, Superkräfte, Love Interest. Alles da, alles dutzende Male gesehen. Doch dank Max Landis’ gutem Drehbuch und Tranks leidenschaftlicher Umsetzung des Found-Footage-Ansatzes gelingt dem Film das, was vielen Superheldenfilmen fehlt: echter Tiefgang.

Andrew hat es nicht leicht: In der Schule gilt er als Loser, sein einziger Freund Matt gibt sich nur mit ihm ab, weil er mit ihm verwandt ist. Dazu ist seine Mutter ist todkrank und sein Vater, überfordert mit der Krankheit seiner Frau und seinem entfremdeten Sohn, wendet sich dem Alkohol zu. Andrew beginnt sich zu wehren und kauft sich eine Kamera um die Misshandlungen seines Vaters an ihm aufzuzeichnen. Als er, Matt und Schulsprecher Steve eine Höhle nahe einer Party im Wald finden, verändert sich das Leben der drei radikal. Die Tagline ‘Boys will be boys’ könnte nicht treffender sein, denn Andrew, Matt und Steve benutzen ihre neugewonnen Superkräfte nicht für die Verbrechensbekämpfung, sondern zum Spaß im Supermarkt.

Insbesondere Andrew ist anders als andere Superhelden. Er will weder den Tod seiner Eltern rächen, noch das Mädchen von nebenan gewinnen. Er will eigentlich nur ein normales Leben. Und das erhält er durch seine Fähigkeiten. Doch auch wenn sein Leben sich durch neue Schulfreunde und Klamauk im Supermarkt kurzzeitig verbessert, bleibt sein soziales Umfeld konstant. Sein Vater schlägt ihn weiterhin, in der Schule wird er weiterhin gemobbt – auch wenn er sich jetzt brutal und schockierend wehren kann – und bei den Mädels blamiert er sich, wofür ihn sogar seine engsten Freund schikanieren, was ihn noch weiter an den sozialen Rand treibt.

Während sich ‘We Need To Talk About Kevin’ eindrucksvoll mit der Frage beschäftigt, wieso ein Kind zum Amokläufer wird – ohne eine Antwort zu geben – zeigt uns Landis nachvollziehbare Faktoren, die auf Andrew einwirken und das Fass zum Überlaufen bringen. Es fehlt oft nur die Kraft dazu. Oder die Waffe. Mit großer Kraft kommt große Verantwortung, weiß Peter Parker dank Onkel Ben. Andrew hatte nie eine Leitfigur oder Vaterfigur, zu der er aufblicken kann. Er ist emotional instabil, launisch und, erschreckenderweise, empathisch. Man versteht, wieso Andrew nicht mehr kann und wieso er rebelliert. Dank seiner Kräfte ist er losgelöst. Als Mobbingopfer will man einfach mal laut schreien und auf den Tisch hauen, sich alles nicht mehr bieten lassen – genau das tut Andrew.

Die finalen, viel kritisierten zehn Minuten sind fuer mich mit die interessantesten des Kinojahres. Als es zum Konflikt zwischen Matt und Andrew kommt, nimmt Regisseur Josh Trank sich Kameras von Zeitzeugen und Überwachungsanlagen an. Ein kluger Schachzug, denn Andrew ist zu beschäftigt, um eine Kamera zu halten. Früh im Film stellt Cousin Matt die Frage, weshalb Andrew alles aufzeichnet. Eine existenzielle Frage für jeden FF-Film; es muss einen Grund geben, weshalb man aufzeichnet. Andrew sagt, dass es ihm einfach wichtig ist, alles zu dokumentieren. Doch in Wahrheit bildet die Kamera sein Schutzschild. Sie bietet Distanz zur Außenwelt, zu der sich Andrew dennoch Kontakt wünscht.

Viel interessanter ist jedoch die Frage, wer sich dieses Material ansehen könnte und wieso es von Interesse sein könnte. ‘Cloverfield’ eröffnet mit kurzen, verschlüsselten Meldungen darüber, dass das folgende Material Eigentum des Departments of Defense ist. In ‘Chronicle’ wurde ebenso jedes verfügbare Material zusammengesetzt, um sich ein Bild über die Geschichte dieser Figuren zu machen.

Es ist daher im FF-Genre minder wichtig zu fragen, wieso jemand aufzeichnet, sondern wichtiger zu fragen, für wen das Footage interessant sein könnte. Sehr meta, aber nachvollziehbar: Wenn zwei Figuren eine Viertelstunde lang durch Seattle springen, dabei Hochhäuser zerstören und Busse durch die Luft wirbeln, wird das die Aufmerksamkeit der Welt und insbesondere des Militärs auf sich gezogen haben, weshalb wir auch einen Charakter gegen Ende des Films am Ende der Welt wiederfinden.

Laut ersten Meldungen soll sich Max Landis dieser Ansicht fuer das Sequel annehmen, das durchaus interessant sein dürfte und als erster Film wirklich die Frage behandeln dürfte, wie die Welt mit Superhelden Gone Wild umgehen würde.

prometheusreviewfeatured

Vereinigte Staaten, 2012
Regie: Sir Ridley Scott
Drehbuch: Jon Spaihts, Damon Lindelof
Darsteller: Noomi Rapace, Charlize Theron, Michael Fassbender, Idris Elba, Guy Pearce, Logan Marshall-Green
Länge: 117 Minuten
FSK: 16
Rating: ★★★★½

“Big things have small beginnings.”

Ridley Scotts Prometheus wie jeden anderen Film wie jeden anderen Film zu reviewen, bringt einen nicht weiter. Denn es kommen Erwartungen und Vorurteile gegenüber Regisseur und Drehbuchautor zusammen, dazu Hoffnungen und allerhand Emotionen und 30 Jahre Filmgeschichte. Heute kann sich jeder eine Bühne bauen um einen Film zu reviewen und das ist eine verdammt gute Sache, aber das ist auch er Grund, weshalb so viel Müll dort draußen zu finden ist und weshalb viele in der Blogosphäre meine Sympathie verloren haben.

Man geht mit Erwartungen an einen Film, das ist anders gar nicht möglich. Diese Erwartungen werden erfüllt – oder nicht. Aber das ist kein Grund zu sagen: Das will ich, und wenn ich das nicht kriege, bin ich wütend. Das ist kindisch. Trotz enttäuschten Fans und Schutz meinerseits ist Ridley Scotts Rückkehr zum Sci-Fi dennoch nicht ganz unproblematisch, aber der große Fehlschlag, für den ihn manche Outlets abtun, ist er bei Weitem nicht.

Die Prometheus ist auf der Suche nach dem Ursprung der Menschheit. An Bord ist Dr. Elizabeth Shaw (Noomie Rapace), die zusammen mit ihrem Freund und Wissenschaftler Charlie Holloway (Logan Marshall-Green) überall auf der Welt Höhlengemälde gefunden, die den Weg zum Planeten LV232 zeigen. Mit an Bord ist David 8 (Michael Fassbender), der persönliche Android von Firmengründer Weyland, der die Mission finanziert, sowie Missionsleiterin Meredith Vickers, gespielt von Charlize Theron, und der Rest der Crew, eine gemischte Gruppe von Waffenspezialisten und Wissenschaftlern. Auf dem Planeten angekommen entdecken sie Überbleibsel einer ausgestorbenen Zivilisation und Hinweise darauf, dass sie die Menschheit erschaffen hat. Darüber hinaus viel erschreckender: Kurz bevor ein Event sie alle tötete, waren sie auf dem Weg zur Erde um ihre Kreation auszulöschen.

Ohje, was wollten die Leute das Alien-Prequel! Da hieß es plötzlich, dass ‘Prometheus’ ein doch sehr eigenständiger Film sein wird und alle machten sich vor Freude in die Hosen und dann kam die große Enttäuschung. Ja, ‘Prometheus’ funktioniert in seinen wenigen Sekunden, in den es die Brücke zur Alien-Quadrilogy schließt, als Prequel, aber das ist sowas von überhaupt nicht das, woran Scott und Lindelof interessiert sind. Beide Filme haben ein Raumschiff mit einer Crew im Weltall, doch die Filme sind thematisch und tonal so unterschiedlich, dass ein Vergleich einfach nur unfair ist.

Die Ähnlichkeiten hören jedoch zum Beispiel bei den Raumschiffen auf. Die Prometheus und die Nostromo teilen keine Gemeinsamkeiten, weder im äußeren Design noch in ihrem opposen Innenleben, was Puristen des Alien-Universums momentan auf die Palme bringt. Dabei ist die Lösung dieses Ärgernisses einfach und bereits im Prolog gegeben. Die Prometheus ist ein State-of-the-Art-Erkundungsschiff, ausgerüstet mit den neuesten, wissenschaftlichen Instrumenten, wohingegen die Nostromo ein abgewrackter Schlepper ist, der schon einige Lichtjahre auf dem Buckel hat. Dadurch lässt sich auch die 1970er Technologie an Bord der Nostromo erklären, obwohl diese knapp 30 Jahre nach der Prometheus durchs Weltall schippert.

Es sind kleine Dinge wie diesen, an denen sich die Leute aufreiben. Dabei hat der Film wirkliche Gründe zur Kritik. Angeblich fehlen 20-30 Minuten und die sind mit Sicherheit gegen Ende des zweiten Aktes entnommen worden, wo der Film schnelle Wendungen nimmt und Charaktere scheinbar aus dem Nichts Entscheidungen treffen, die konträr ihrer bisherigen getroffenen Charakterisierung sind. Aber das stimmt aber auch nur wieder so halb. ‘Prometheus’ ist nicht nur vom Konzept, sondern auch in der Charakterisierung seiner Figuren Smart-Sci-Fi und legt viel Tiefe in einen Blick oder einen heruntergezogenen Mundwinkel.

Der zentrale Charakter in dieser Hinsicht ist der des David, grandios verkörpert von Michael Fassbender. David wird von seinen Crewmitgliedern gemobbt, dass er keine Seele hat und nicht viel wert ist. Was verständlich und, no pun intended, menschlich ist. Da steht einem eine Maschine gegenüber, die in jeglicher Hinsicht besser ist, als man selbst. Das letzte, was einem bleibt, was einen von der Maschine abhebt, ist die Seele. Dies treibt David an. Er hat definitiv eine Agenda, ob sie seine eigene oder die eines Chefs ist, soll offen gelassen werden; doch katastrophale Folgen sind sicher.

David findet in Meredith Vickers seine Gegenspielerin. Charlize Theron spielt die pragmatische Mitarbeiterin von Weyland, die mit an Bord ist, aber entgegen David absolut keinerlei Interesse an dieser Mission hat. Diese Dynamik in den Figuren spiegelt sich in vielen Duos wider. So findet Hauptcharakterin Elizabeth Shaw mit ihren tiefgehenden Fragen bei ihrem realitisch-denkenden Freund Charlie kein Gehör. Dann wären da noch der Kapitän und sein Schiff, zwei Co-Piloten und eine Wette, sowie zwei Wissenschaftler, die sich nicht stets wie Wissenschaftler benehmen, was fatale Folgen hat.

Ja, einige der Charaktere sind eindimensional. Welch Schock. Das ist heute nichtsbedeutend und Schlagwort von halbgebildeten Internettrolls geworden. Ein Drehbuch wie dieses, ein Film wie dieser über ein Schiff mit 17 Crewmitgliedern, braucht eindimensionale Charaktere. Charaktere, deren Namen und Funktion wir wissen um kurz darauf ins Gras beißen zu dürfen, um uns über die Gefahren zu informieren, die unseren Helden, an die wir uns wahrhaftig binden, bevorstehen.

Und diese Gefahren sind real. Die ‘Prometheus’ ist auf der Suche nach dem Ursprung menschlichen Lebens und nichts Geringeres wird sie finden. Und nur weil man das findet, wonach man sucht, heißt das noch lange nicht, dass das eine gute Sache ist. Soviel sei gesagt. Diese existenzielle Suche ist thematisch leitend. Ridley Scott und Drehbuchautor Lindelof, der nach eigenen Angaben in enger Kollaboration mit Scott das Drehbuch in nur zwei Wochen schrieb, bewegen sich thematisch mit dem Film viel näher an ‘Blade Runner’, einem Film, den beide wohl in Kongruenz mit der Filmgemeinschaft höher schätzen als Alien selbst.

Die Kreation, die nach mehr Leben verlangt, kommt auch in ‘Prometheus’ vor. Die Beziehungen zwischen Schöpfer und Schöpfung sind so interessant und vielseitig. Wieso erschaffen wir etwas? Weil wir es können. Bei den meisten Dingen gibt es keinen tieferen Sinn. ‘Prometheus’ ist der Film, nach dem man noch stundenlang nach dem Verlassen des Kinosaals mit seinen Freunden debattieren kann – und das ist gut. Diese Sorte Film gibt es nicht mehr oft.

Probleme hin oder her, visuell ist Ridley Scotts neuester Film zweifellos und unbestreitbar ein Meisterwerk. Sogar das 3D funktioniert, man verspürt es nach gewisser Zeit gar nicht mehr, es gibt keine billigen Tricks. Mit vielleicht das beste 3D, das ich bisher in einem Kinosaal außerhalb des Animationsgenres bestaunen durfte.

Positiv herauszuheben ist auch Marc Streitenfeld, dessen Score genau weiß, wann er pompös und abenteuerlich klingen muss und wann geheimnisvoll, mystisch und gefährlich.

Nachdem ich nun alles ein wenig habe ruhen lassen (ich sah den Film am 30. Mai und dann im Juli ein weiteres Mal), kann ich einige der Enttäuschungen und Beschwerden nachvollziehen, aber die Art wie die Leute bisher reagierten verblüfft mich immer noch. Ich kann verstehen, wenn einige Leute alles andere als begeistert waren, aber das ist nicht der Fehler des Films, sonder viel mehr der Personen, die sich so sehr haben hypen lassen. Und für die Leute, die sagen, dass es nicht so spannend gespenstig war wie ‘Alien’: Ja, richtig, aber wie schon gesagt geht der Film gar nicht in diese Richtung. Die Bandbreite des Films ist wesentlich größer: Die Geschichte spielt nicht auf einem Fracht-, sondern auf einem riesigen Expeditionsschiff und in einem außeriridischen Militärschiff.

Die außerirdischen Lebensformen schauen auch in Ordnung aus; während man dort sitzt, sagt man sich: Komm schon, raus mit den Aliens, aber dann wiederum weiß man, dass das einfach zu billig wäre und nicht passt. Die Verbindung zu ‘Alien’ passt auch. Einige Leute müssen nur mal runterkommen. Ich meine, wenn ich etwas nicht mag, werde ich nicht wütend darauf und diskutiere in dieser Art und Weise. Scott ist wahrscheinlich immens zufrieden, wieviel Diskussion der Film hervorgerufen hat. Es ist ein guter Film, nicht sein bester, aber im Moment würde ich wesentlich lieber ein ‘Prometheus’ Sequel sehen als einen Blade Runner 2.

Vorwort

Ich hatte mit ‘The Cabin in the Woods’ so viel Spaß wie schon lange nicht mehr. Ich wusste absolut nichts, hatte nicht einmal den Trailer geguckt – dem Herrn sei Dank, denn dort stecken viele unspaßige Spoiler drin. Daher sollte man meiner Meinung nach mal versuchen, ‘The Cabin in the Woods’ mit so wenig Vorkenntnis wie möglich zu sehen. Was ich jedoch sagen kann, ist, dass ich den Spaß meines Kinojahres hatte. Der Film lässt einen nicht los, ist so unglaublich schlagfertig geschrieben, und erhöht das Tempo und seine Verdrehtheit alle 15 Minuten bis zum großen Knall am Ende. Versucht es einfach mal – für mich hat es sich gelohnt.

Weiterlesen also auf eigene Gefahr. Eine Review ohne Spoiler, so klein sie auch sein mögen, hat nämlich keinen Mehrwert. (weiterlesen…)

‘THX 1138’ Gast-Review

17 Jul, 2012 · Sascha · Film,Review · 10 comments

Vereinigte Staaten, 1971
Regie: George Lucas
Drehbuch: George Lucas, Walter Murch
Darsteller: Robert Duvall
Länge: 88 Minuten
FSK: 12
Rating: ★★★★½

23 Jahre alt ist George Lucas, als er seinen fünften Studentenfilm dreht. Er hat eine Dauer von 15 Minuten, die hauptsächlich einfangen, wie ein Mann mit der Nummer 1183 durch eine technokratische Welt hetzt, um dem System zu entrinnen. Der Name des Filmes lautet Electronic Labyrinth THX 1138 4EB und ist ein Nachfolger seines Filmes Freiheit.
Kurz darauf wurde er durch Zufall erst ein wertvoller Assistent Francis Ford Coppolas und wenig später dessen engster Freund. Angewidert vom hierarchischen System Hollywoods und dessen versteinerten Strukturen, gründeten beide das unabhängige Studio American Zoetrope. Zusammen mit vielen kreativen Köpfen arbeiteten sie an der Umsetzung von Filmen, die freier, gewagter und unkonventioneller werden sollten als das, was die Graue Eminenz der Traumfabrik wiederkäute.
Das erste Projekt war eine Langfassung von Lucas‘ dystopischem Kurzfilm.

Story:

Der Film fängt an mit dem Ende der zweiten Episode des 1939er Buck Rogers. „Tragedy on Saturn“ flimmert über die Mattscheibe, dann erst ist es dem Zuschauer vergönnt, einen Blick auf die wirkliche Welt von THX 1183 zu werfen. Er wird feststellen, dass sich nominell erst einmal wenig seit dem Kurzfilm getan hat, Setting und Handlung sind weitestgehend identisch, beides wurde aber um entscheidende Elemente erweitert.

THX 1183, so die Bezeichnung der Hauptfigur, wurde hineingeboren in eine Welt der Totalitäten – totale Effizienz, totaler Konsum, totale Nivellierung, totale Überwachung. Menschen werden vom System einem Wohnpartner und einer Arbeit zugeteilt. Sie sind nicht mehr als Masse, die dazu dient, Lücken in der Produktionskette zu schließen. Das gesamte Dasein steht im Dienst der permanenten Erzeugung zur permanenten Konsumtion. „Work hard, increase production, prevent accidents, and be happy.“ Das Individuum ist nur eine Nummer und so austauschbar wie eine Schraubenmutter. Triebe, die dieser Gesellschaft nicht direkt von Nutzen sind, werden durch Drogen einfach unterdrückt. Die Verweigerung der vorgeschriebenen Ration ist ebenso eine verbrecherische Handlung wie der Geschlechtsakt, beides wird mit umgehender Eliminierung sanktioniert. Um jene zähen Bedürfnisse, die sich nicht rückstandslos durch Medikamente betäuben lassen, kümmern sich in letzter Instanz ein primitives Fernsehprogramm und reizende Fahrstuhlmusik. Sollten sich trotz allem Zweifel oder Unzufriedenheit bilden, wird einem verständnisvollen Terminal alles gebeichtet. Gott wurde nicht ersetzt von einem Computer, der Computer wurde zu Gott. Die Bewohner sind derart entmenschlicht, dass sie mechanischer agieren als die allgegenwärtigen Wachroboter, deren Tonlage und Kleidung variabler ist als die uniforme Existenz ihrer Erschaffer.
Während THX seine Aufgaben anstandslos erfüllt, macht seine Mitbewohnerin Anstalten, aus dem ewigen Kreislauf auszubrechen. Sie verweigert heimlich die tägliche Dosis Drogen und tauscht später auch THX‘ Psychopharmaka aus. In Folge wachsen Sorge und Verwirrung in ihm heran, aber auch eine sonderbare Zuneigung für seine Zimmergenossin.

Und wieder flieht der Mann mit der Nummer 1183 durch die kalten Räume vor seinen Häschern.

Kritik:

Lucas‘ Weiterspinnen gegenwärtiger Situationen ist vielleicht nicht überall kohärent, dafür aber absolut stimmig. Jede Kameraeinstellung sitzt, jeder Ton trifft ins Schwarze, die Bildkompositionen sind ausgeklügelt und strotzen vor Eleganz. Die Welt in den engen Räumen vermittelt eine beispiellose Klaustrophobie und jeder Schnitt trägt seinen Teil zur Stimmung bei. Dies ist umso verwunderlicher, wenn man sich vor Augen führt, mit welcher Eile das junge Team den Film geschaffen hat. Immer die Zeit im Nacken, an zufälligen Orten drehend und nur im Ausnahmefall mit einer Genehmigung, fing man THX 1138 im Sauseschritt mit der Kamera ein. In erster Linie kam dabei ein wahnsinnig guter, bewundernswert zeitloser Film heraus, der keinen Deut von seiner imponierenden Sogwirkung eingebüßt hat. In zweiter Linie handelt es sich um das erste unzweideutige Zeugnis von dem wahnsinnigen Talent des Filmemachers, der später mit Indiana Jones und Star Wars zwei Marken ins Leben rufen sollte, die nicht nur die Filmkultur für immer veränderten. So ehrlich, eindringlich und intensiv wie sein Langfilmdebut sollte aber keine seiner späteren Produktionen mehr ausfallen.
Verdaulicher, unbeschwerter und epischer wurden seine Filme. Vielleicht wäre es anders gekommen, wenn THX 1183 nicht von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen wäre. Warner Bros reagierte aufs Höchste irritiert, als Coppola ihnen den Film vorstellte. Lucas‘ Erstling wurde nicht angenommen und American Zoetrope hatte das im Voraus gezahlte Geld, das lange schon ausgegeben war, zurückzuzahlen. Vielleicht dachte man sich auch dort, dass THX 1138 mit ein wenig Fantasie als Parabel auf das seelenlose Treiben im schwerfälligen Studiosystem lesbar war.
Dieses Desaster trieb das ambitionierte Team an den Rande des Ruins, dem es nur knapp durch Coppolas Überraschungserfolg Apocalypse Now entrinnen konnte.
Nach einem weiteren Versuch nahm sich Warner Bros THX 1138 zwar an, doch wurde der Science Fiction-Film gegen den Willen des Regisseurs umgeschnitten und ihn um 5 Minuten gekürzt. Er kam schließlich quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit in die amerikanischen Lichtspielhäuser und blieb – einzelner wohlwollender Kritiken zum Trotz – nahezu unbeachtet. Die idealistische Künstlerkommune war danach nie wieder dieselbe. Wie die Zusammenarbeit der kreativen Köpfe, in deren Wirkkreis auch weitere namenhafte Personen ihrer Generation wie z.B. Martin Scorsese flanierten, sich ohne diesen Rückschlag weiterentwickelt hätte, kann nur gemutmaßt werden. Was stattdessen geschah, ist Geschichte.

Fazit:

Erst im Zuge der DVD-Veröffentlichung im Jahre 2004 unterzog man den Film einem aufwändigen Restaurationsprozess. Die ursprüngliche Schnittfassung wurde rekonstruiert und Bild und Ton erhielten eine achtbare Frischzellenkur.
Das Ergebnis ist ein Film, der (insbesondere auf BluRay) aussieht, als wäre er irgendwann nach der Jahrtausendwende entstanden anstatt 1971. Tricktechnisch wirkt THX 1138 so taufrisch, dass Machwerke wie Michael Bays Die Insel gleich in mehrfacher Hinsicht drittklassig und überholt erscheinen.
Wirklich wichtig ist jedoch, dass der Transfer in die Moderne diesem Klassiker zwar ohne Frage fantastisch zu Gesicht steht, ihn aber natürlich nicht besser gemacht hat. THX 1138 ist heute ebenso großartig wie er es damals schon gewesen ist und auch in der Zukunft noch sein wird, wie dystopisch diese auch ausfallen mag.

Diese Review ist eine Gast-Review von Martin, der sich auf seinem Blog SciFi Filme mit Science-Fiction Serien und Filmen in seinen Kritiken ausführlich auseinandersetzt. Sehr lesenswerter Blog.