Review: Fear the Walking Dead S06E01 – The End Is The Beginning - PewPewPew


AMC

Fear The Walking Dead ist auf Amazon zurück. Die Freude ist angesichts der katastrophalen fünften Staffel begrenzt. Dennoch deutet sich hier ein toller Neuanfang an.

Es gibt einen Vertrag zwischen Zuschauer und Serie – und Fear the Walking Dead hat diesen schon mehrmals gebrochen. Wenn eine Serie im Fernsehen oder auf einem Streaming-Anbieter startet, mit der wir möglicherweise eine langjährige Bindung eingehen, dann basiert das Vertrauensverhältnis vor allem auf einem Versprechen: Diese Geschichte ist keine Zeitverschwendung sein.

Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass der Zuschauer fortan immer weiß, was passiert. Oft macht sogar das Gegenteil den großen Reiz aus und lässt uns von Woche zu Woche wieder einschalten. Fear the Walking Dead hat uns in den letzten zwei Staffeln jedoch immer öfter im Stich gelassen, sodass es eigentlich keinen Grund mehr gibt, noch einen Blick in die Serie zu wagen. Der Auftakt der 6. Staffel belehrt uns dennoch eines Besseren.

Fear The Walking Dead: Implosion einer Fernsehserie

Würde Fear the Walking Dead nicht von seinem Franchise geschützt werden – die Serie wäre vermutlich schon längst abgesetzt worden. Gerade die 5. Staffel war eine kreative Bankrotterklärung. Das Finale der Beweis, dass die Showrunner die Notwendigkeiten und Logiken des Genres grundsätzlich nicht verstanden haben.

Nach dem Abgang von Dave Erickson implodierte Fear the Walking Dead und verfuhr sich in hanebüchen Handlungssträngen, die nichts in einer Zombieserie zu suchen hatten. In der 5. Staffel starb keine Hauptfigur, vor den Zombies fürchtet sich schon lange keiner mehr. Die titelgebende Angst wich Themen wie Hoffnung und Zusammenhalt – und das auf wenig überzeugende Weise.

Jede Figur ist gleich, austauschbar, farblos – wie die langweiligen Bilder des sonst so hübschen Texas. Fast zwei Staffeln nach Madisons Tod (Kim Dickens) sucht Fear immer noch nach einem neuen Sinn. Umso überrascher ist nun die Kehrtwende, die die Serie im Auftakt von Staffel 6 vollbringt.

Fear the Walking Dead unternimmt eine kleine Kurskorrektur

Viele der alten Story-Elemente sind zwar nach wie vor vorhanden, während billige Figuren wie Virginia der Serie treu bleiben und der bescheuerte Plot um die Zwangseinweisung der Überlenden im Dorf auch nicht verschwinden will. Dennoch kann die 1. Folge der 6, Staffel, namentlich The End Is The Beginning, durchaus als Zurückweisung des Bisherigen und Anerkennung der Kritikpunkte gesehen werden.

Fear the Walking Dead machte in den vergangenen Wochen und Monaten keinen Hehl daraus, dass Morgan (Lennie James) den scheinbar unausweichlichen Cliffhanger überleben würde. Fans des Zombie-Universums sind das bereits gewohnt und werden es mit einem Augenrollen hinnehmen, obgleich es doch die Vorstellungskraft weit übersteigt. Dafür begeistert die Serie mit einem veränderten Look.

Vorbei sind die Zeiten von Gelbfiltern oder den Graustufen eines halbambitionierten Schwarz-Weiß-Films. Fear The Walking Dead spielt in Texas und sieht jetzt endlich wieder aus wie ein Western – ein Genre, mit dem sich der Zombiefilm viele Elemente teilt. Dazu passen auch die Figuren, die wir in den 45 Minuten verfolgen. Das neue Fear the Walking Dead-Kapitel wartet mit einem Kopfgeldjäger, einem Farmer und seiner schwangeren Frau auf.

Dazu kommt Morgan, unser angeschossener Wanderheld, der lernt, dass er seine Moral den Gegebenheiten des Landes anpassen muss. Nichts davon berauscht die Sinne oder fordert den Zuschauer heraus. Trotzdem gelingt es Fear The Walking Dead durch eine Rückkehr zu Genrekonventionen mit Mittelmäßigkeit zu überraschen.

Vergraulte Fans der Serie dürfte dies erfreuen. Während zuletzt die Einschaltquoten massiv schrumpften, wurden kritische Stimmen immer lauter. Es folgte sogar eine Petition, die den Rauswurf der Showrunner forderte. Über solche Aktionen und ihren Sinn lässt sich streiten, doch es war ein Zeichen, dass manche Zuschauer genug von gekünstelten Konflikten ohne Todesopfer, lahmen Bösewichten und fliegenden Heißluftballons in Form von Bierflaschen hatten.

Morgans Situation am Ende der letzten Staffel war symbolisch für den Zustand der Serie: Angeschossen und seelisch zerstörte, die idealistische Ideologie am Boden, genau wie er, umzingelt und dem Tode geweiht. Genau daher ist es richtig, mit Morgan in dieser Folge zu beginnen. Und es ist umso wichtiger, dass die Serie ihre positiven Veränderungen an ihm verdeutlicht.

Fear The Walking Dead: Ein wackeliges Fundament für den Neuanfang

Das Ende der Episode wirkt dabei wie ein Versprechen: “Morgan Jones ist tot”, sagt unsere Hauptfigur zu Virginia (Colby Minifie) über Funk und zu uns Zuschauern vor dem Bildschirm. Passend zu der im Marketing stark verwendeten Tagline “Die Vergangenheit ist tot” bittet die Serie um eine letzte Chance.

In dem Sinne lässt sich auch Morgans finale Handlung lesen, als er seinen geliebten Stock gegen eine Axt eintauscht. Morgans Entwicklung ist aber nicht organisch, sondern eher “von heute auf Morgan”: Seine Motivation ist unklar und mit einem Wisch, den er mit sich trägt, wird dem Zuschauer eine Entwicklung vorgegaukelt. Es handelt sich dabei aber klar um eine Reaktion auf die Fans und Petitionen und besitzt somit den Anschein von Fanservice, der schwer zu ignorieren ist.

Doch Fear the Walking Dead steht am Scheideweg und hat keine Zeit für Nuancen. Die Serie braucht dicke Pinsel, mutige Entscheidungen und neue Wege. Der plötzliche Mord des Kopfgeldjägers passt daher perfekt ins Bild. Er überrascht sogar für eine Serie, die aus einer verwirrten Frau nach einem Autounfall eine serienmordende Tramperin als Antagonistin für eine ganze Staffelhälfte werden ließ.

Die Aufteilung der Gruppen im Finale der Folge dürfte wieder zu einer anthologischen Erzählstruktur führen. Woche für Woche werden wir wieder mit Strand und Alicia, mit John und June, mit Charlie und Daniel zu tun haben. Die Stimmung, das Genre und auch die Qualität werden wohl wieder wanken. Doch mit dieser ersten Folge steht, wenn auch wackelig, die Staffel plötzlich wieder auf einem Fundament. Es ist gut zu wissen, dass das noch möglich ist. Immerhin.