Review: Fear The Walking Dead S05E10 – 210 Words Per Minute - PewPewPew


AMC

Fear The Walking Dead veranstaltet in der 10. Folge der 5. Staffel eine Hommage an Dawn of the Dead – obwohl nicht sicher ist, ob die Serie sich dessen bewusst ist.

Auch in der 10. Folge der 5. Staffel verändert Fear the Walking Dead nichts an dem schädlichen Format, das die Serie seit zwei Staffeln in die Bedeutungslosigkeit zwingt. Zu Beginn der Episode 210 Words Per Minute (210 Wörter pro Minute) meldet sich ein Überlebender über das Radio. Er wendet sich mit einer Bitte an die Gruppe: Er wurde gebissen, lebt allein in einer großen Mall und möchte unter den Sternen beerdigt werden.

Wie Fear The Walking Dead noch gerettet werden kann

Also begeben sich Grace (Karen David), Morgan (Lennie James) und Dwight (Austin Amelio) auf die Suche nach dem Typen, wohlwissend dass Bösewicht Logan (Matt Frewer) ebenfalls den Funkspruch abgehört haben könnte und ihnen nun auflauert.

Und das ist jetzt die Show. Das ist Fear The Walking Dead: Eine neue Figur und zwei Figuren, für die The Walking Dead keine Verwendung mehr fand, begeben sich selbst in Gefahr, um “Das Gute” zu tun. Von Strand (Colman Domingo) und Alicia (Alycia Debnam-Carey) fehlt jede Spur, Daniel (Rubén Blades) darf Dwight immerhin kurz die Haare schneiden. Das war’s.

Fear The Walking Dead und die hirnrissigen Ölfelder

Natürlich gibt es noch den lodernden Konflikt im Hintergrund mit Logan. Doch nichts daran ergibt wirklich Sinn. Ähnlich wie bereits in der ersten Staffelhälfte verpasst es die Serie zentrale Inhalte entweder zu zeigen, zu erzählen oder schlicht rational aufzubauen.

Aber einen Schritt zurück: Logan kam am Ende der ersten Staffelhälfte zur Gruppe und bot seine Kooperation an. In der Midseason-Pause, das erfuhren wir so am Rande in der experimentellen Folge der letzten Woche, banden die Überlebenden ihm jedoch einen Bären auf und ließen ihn zurück. Nun könnte man vermuten, dass Logan Rache will, doch es ist viel verrückter: Logan, der laut eigener Aussage sein ganzes Leben in der Region gelebt und gearbeitet hat, muss Morgans Leute finden, weil nur sie den Ort des begehrten Ölfelds irgendwann zwischen den Folgen fanden.

Ja, richtig gelesen. Der zentrale Konflikt dieser beiden Gruppen dreht sich um Benzin, das mysteriöserweise aus Öl hergestellt werden wird – wir sehen das natürlich nie und für unsere Experten ist das sowieso keine Herausforderung. Aber wir befinden uns im Westen Texas’. Es gibt dort buchstäblich hunderte Ölfelder. Selbst wenn dieser eine Ort für Logan so wichtig ist, wieso hat er dann vergessen, wo er ist? Und klar, wir verlassen uns heute alle auf das GPS unserer Handys, aber hat ein alter Trucker wie er nicht sowas wie … Karten? Es ergibt einfach keinen Sinn und das Drama der ganzen Staffelhälfte soll erneut darauf aufgebaut werden. Ich werde nicht müde zu betonen, wie langweilig und sinnlos ich Ansätze von Logik-Bros in Zombienarrativen finde und dass ich sehr nachsichtig bin, was diverse Probleme im Genre betrifft. Aber nach der erzählerischen Katastrophe um das Atomkraftwerk lässt sich dies einfach nicht leugnen: Die Autoren sind schlicht unfähig das Setting ihrer eigenen Geschichte glaubhaft oder auch nur nachvollziehbar zu beschreiben.

Fear The Walking Dead: Keine Liebe für Dawn of the Dead

Apropos Unfähigkeit: Diese Woche befinden sich die Figuren in einer Mall, dem ikonischen Dawn of the Dead-Setting von Zombiegott George A. Romero höchstpersönlich. Nutzt die Serie diesen Ort, um den verstorbenen Romero, den Klassiker oder auch nur die häufig angebrachte Kapitalismuskritik des Genre zu feiern? Nö. Nichts passiert.

Stattdessen kopiert man an einer Stelle eine süße Szene aus dem Videospiel The Last Of Us und ansonsten gibt es den vertrauten Standard: Morgan und Grace haben ein aufrichtiges Gespräch über ihre Gefühle. Grace macht etwas Dummes, weshalb sie sich gegen Zombies wehren müssen. Figuren entscheiden sich für “das Richtige” und vermeiden Konflikte jeglicher Art. The End.

Kurioserweise verlässt die Gruppe dann auch die Mall wieder am Ende der Folge. Wieso? Ich würde nicht so weit gehen und sagen, dass dies eine gute Folge war, aber sie war eindeutig besser als der ganze Rest der vergangenen Staffel. Das liegt vor allem auch an der visuellen Abwechslung, die der neue Handlungsort mit sich brachte, aber auch an den neuen zwischenmenschlichen Ebenen, die dort erschlossen werden konnten.

Und was macht die Serie? Sie lässt alles hinter sich. Zur Erinnerung: Morgan lebte in Alexandria und Dwight überlebte unter Negan (Jeffrey Dean Morgan) in einer alten Fabrikhalle. Die Mall bietet Elektrizität und weitere Genüsse der alten Welt. Ein perfekter Ort, um vielleicht auch wieder die Zivilisation zu retten.

Das wäre jedoch zu einfach. Und darum geht es der Serie auch nicht, sondern es geht um den Austausch von Plattitüden über Moral und Anstand.

Fear The Walking Dead erzählt nicht von der Rückkehr der Zivilisation

Dies kann fälschlicherweise als eine Rückkehr der Zivilisation verstanden werden. Aber Morgan und seine Gruppe errichten keinen Rechtsstaat. Sie gründen keine permanente Siedlung, in der Menschenrechte wieder respektiert und, wenn nötig auch mit Gewalt, verteidigt werden.

Ihre Mentalität ist nicht von Dauer, sondern kann und wird mit ihnen sterben. Videoaufnahmen als Beweismittel eines positiv besetzten Menschenbilds sind lachhaft und in dem Setting schlicht nicht überzeugend umsetzbar.

Die Zombieapokalypse markierte einen tiefen Einschnitt in das Leben der Überlebenden. Die vergangene Welt ist ein stetiger Begleiter, sie existiert als visuelle Erinnerung ständig um die Figuren herum. Okay, vielleicht nicht in dem Wald- und Wiesenspiel von Fear The Walking Dead, aber natürlich wissen die Figuren, dass eine bessere Welt möglich ist.

Daran zu erinnern, womöglich auch als direktes Vorbild, ist sicherlich ein erster Schritt. Aber der Rechtsstaat und die Bürger brauchen Instrumente und Sicherheit, um die dauerhafte Rückkehr der Zivilisation zu garantieren und zu schützen. Werte müssen verteidigt werden können. Es ist schlicht naiv zu glauben, dass Morgans Gutmenschentum in dieser Welt Fuß fassen sowie die verlorenen Seelen bekehren wird.

Aber auch im Kleinen begeht die Serie einen Kardinalfehler: Nachdem Morgan und Grace in der Folge ein wenig anbandelten, entscheidet sich Morgan gegen Grace und verlässt sie. Der Grund: Ihre mögliche Strahlenkrankheit bedeutet, dass eine Beziehung nicht von Dauer sein würde. Nachdem Morgan sich in der Episode öffnete und neue Wege beschreitet, knallen die Autoren ihm direkt am Ende die Tür vor die Nase zu.

Ernsthaft, da fehlen mir die Worte. Da ist sicherlich nicht das letzte Wort gefallen, aber kann man eine Figur unsympathischer machen?