YouTube Rewind 2018 - PewPewPew

YouTube Rewind 2018

14 Dec, 2018 · Sascha · Alles sonst so

Im Internet ist man entweder der Schnellste oder der Beste. Der Eintrag hier entstand direkt nach dem Upload des Videos, ging aber nicht online und erfüllt nun keine der beiden Kategorien. Ich entschloss mich zunächst gegen eine Veröffentlichung, weil ich dann mir doch irgendwie dachte: Muss ich wirklich dazu etwas sagen? (Das ist übrigens der Grund, wieso ich inzwischen rund 150 Entwürfe im Blog habe.) Dann ging das Drama erst richtig los und die Sau wurde eine Woche lang durchs Dorf gejagt. Jetzt, wo alle Clickbait-Videos durchgespielt sind und die Views abgegriffen haben, kann ich den Post in Ruhe online stellen; sogar ohne schlechtes Gewissen. YouTube war mir schon immer wichtig und zu diesem Drama möchte ich dann doch meine 2 Cents abgeben.

Früher war nicht alles besser, aber die YouTube Rewinds definitiv. Ein Vergleich des gerade veröffentlichten Jahresrückblicks mit dem Rewind von 2013 zeigt ganz deutlich, wie stark sich die Kultur auf YouTube und auch das Selbstverständnis des Konzerns gewandelt haben.

Die Verwandlung des YouTube Rewind-Videos und der direkte Backlash der Community sind überraschend. Nicht weil #Rewind ein Marken- und Werbevideo für den Konzern geworden ist, sondern wie sehr die Führungsetage scheinbar von der Kritik überrascht wurde. Dieses Mal, so verspricht das Video, hatten es die YouTuber doch selbst in der Hand!

Die Videos sind aber nicht mehr Reflektion der realen YouTube-Kultur, sondern zeigen wie der Konzern sich selbst sieht und auch in Zukunft wahrgenommen werden möchte. Der Rewind öffnet sich für Celebrities wie Will Smith, der übrigens einen Autorenteam für seine Instagram-Posts hat. Er zeigt Twitch-Streamer wie Ninja, die eigentlich mit YouTube nicht viel am Hut haben und dort nur Highlights hochladen oder familienfreundliche Wokeness-Lieblinge wie Liza Koshy, die seit 9 Monaten kein Video hochgeladen hat. Dazu gibt es noch die Vollbremsung in der Mitte des Videos, in der in einer Fremdscham auslösenden Sequenz die Fortschritte in Sachen sozialer Gerechtigkeit wie von einer Strichliste abgehakt werden. An und für sich ist nichts falsch daran, YouTube ist unglaublich divers und viele der Videoproduzenten arbeiteten durchaus an wohltätigen Zwecken mit im vergangenen Jahr, aber wer gratuliert sich schon selbst?

Natürlich ist angesichts der Bandbreite auf YouTube einer zufriedenstellende Repräsentation der Plattform aus allen Ländern, jeglichen Genren und mit allen Gender Identities kaum möglich. Das Fehlen zentraler Ereignisse spricht trotzdem Bände über das schwierige Verhältnis der Führung zu seinen Goldjungen. Große Ereignisse wie Logan Pauls und KSIs rekordbrechender Boxkampf werden ignoriert. Pewdiepie, der größte YouTuber, der gerade durch seine Indie-Producerness überhaupt interessant wird, ist weiterhin dank einiger Skandale und trotz vielzähligen Mea culpas eine Persona Non Grata. Womit der Meme-Wettkampf gegen die Corporate Overlords aus Indien unter den Tisch fällt, der vielleicht wie kein anderer den zentralen Konflikt zwischen YouTube und seiner Community offenlegt. Gutmütige Tunichtgute wie David Dobrik und seine höchst eigenartigen Vlogs sind nicht gewollt, Shane Dawson, eigentlich ein YouTuber der ersten Generation, der sich in dieseo Jahr als Dokumentarfilmer à la Louis Theroux entpuppte und damit größere Klickerfolge als die meisten US-Serien feierte, ist auch nicht zu finden.

Die Kommerzialisierung jeglichen Handelns des Konzerns, das Hereinbrechen von Venture Capitalist Money in eine Künstlerszene und die parallele Professionalisierung von Creator und #Content gipfelten in YouTube Red und Original Shows, Werbe-Deals und Celebrity-Cameos. Kommerz und Inhaltlosigkeit beherrschen diese Szene. Bestes Beispiel sind einige Köpfe aus dem Thumbnail des Videos wie Emma Chamberlain, die mit ihrem Gesamtwerk aus Heavy Editing, Styling und lässiger Attitüde wohl eine Zielgruppe bedient (Ihre Videos erhalten stetig mehrere Millionen Klicks), aber einen Grund vermissen lässt, wieso gerade sie jetzt über diese Themen vor diesem Publikum reden muss. Sie ist berühmt, weil sie berühmt ist. Sie wird geschaut, weil sie viele Klicks bekommt. Stetiger und einziger Inhalt der Videos: Lifestyle, Room Tours und mehr Selbstbeschäftigung wie ihr total verrücktes Leben als YouTuberin.

Während Rewind 2013 eine Ode an viral Videos und YouTuber der ersten Generation, Pioniere eines neuen Mediums und Early-Adopter neuer Unterhaltungsgenres war, besteht der Rewind heute nur noch aus dem, was YouTube mehr treibt als alles andere: Personalities. Wenn virale Videos gefeaturet werden, dann geht es eher um die Referenz der Nutzung und Bedeutung von YouTube als Streaming-Plattform (wie der SpaceX/Tesla-Start) als den Inhalt des Videos selbst.

Bereits 2008 wusste Gawker schon vom Tod des viralen Videos, ein bisschen zu früh für meinen Geschmack, aber definitiv eine korrekte Prophezeiung. Das, was das Netz heute antreibt, sind Reaction Videos. Wenn ich wollte, könnte ich ganz pathetisch sein und diese Entwicklung auf Donald Trump zurückführen, den Meister der viralen Reaktion. Es ist kein Wunder, dass in Zeiten ohne spirituellen Anführer und policylosen Debattenkulturen gerade Reaction Videos einen Boom feiern. Gleichzeitig erhalten Vine-Collections, zerberstende Ansammlungen von Originalität und Witz, nostalgische Liebesbekundungen in Millionenhöhe.

Which is all to say: Online sucks, my dudes.

Immerhin sind die Memes OK.