Review: SHOCK AND AWE rechnet mit dem Irakkrieg ab - PewPewPew


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Fünfzehn Jahre sind seit dem Einmarsch der US-Truppen im Irak vergangen. Es begann mit einer Lüge, es folgten Krieg, Folter und Spätfolgen, die die Region bis heute prägen. Es wird Zeit, dass sich auch das Kino endlich damit beschäftigt, wie es nur so weit kommen konnte.

Die politische Rehabilitierung von George W. Bush ist gelungen. Seit einiger Zeit sind die sozialen und traditionellen Medien vollgefüllt mit süßen Momenten von Amerikas neuestem Lieblings-Opa. Zuhause in Texas übt er sich gerne als Hobbymaler. Auf der Totenmesse von Senator John McCain reicht er Michelle Obama liebevoll ein Bonbon und zusammen mit seinem Nachfolger verteidigt er Schulter an Schulter amerikanischer Werte – zumindest in Form einer Rede. Inzwischen tritt „Dubya“ sogar wieder bei Wahlkampfevents auf, die der Finanzierung seiner bedürftigen Parteigenossen helfen sollen. Noch vor zehn Jahren war dies ein undenkbarer Vorgang, war Bush Nummer Zwei nach seinen Amtszeiten doch politisch radioaktiv. Im Vergleich zum chaotischen Monster, das aktuell das Weiße Haus bezogen hat und täglich den nächsten Tiefpunkt jagt, verblassen aber scheinbar die Erinnerungen an den Irak-Krieg, den Abu-Ghuraib-Folterskandal oder die zaghafte Reaktion auf den Hurrikan Katrina.

Rob Reiner dürfte dies gar nicht gefallen. Seit dem Start seiner Karriere hat er mit This Spinal Tap, Stand By Me, Harry und Sally oder Die Braut des Prinzen Filme für die Ewigkeit gemacht. Dann folgten zwar ein paar Kinohits, doch es schien als wäre mit dem sein Deal mit dem Teufel zum Jahrtausendwechsel ausgelaufen. Danach verließ ihn sein Glück. Seitdem sieht man Reiner häufiger als Gast in US-amerikanischen Polit-Sendungen, in denen er aus dem liberalen Lager heraus aktuelle Themen wie Umweltschutz und Pressefreiheit kommentiert. Dafür brennt der Mann sichtlich. Dieses Feuer ist auch in seinem neuem Film Shock and Awe zu erkennen.

Shock and Awe ist eine gradenlose Abrechnung mit der Bush-Regierung, dem Irak-Krieg und dem Versagen der vierten Macht im Staat. Der Film erzählt die wahre Geschichte der Journalisten der Knight Ridder Company, u.a. Jonathan Landay (Woody Harrelson) und Warren Strobel (James Marsden), die vor dem Einmarsch der US-Truppen die offizielle Version des Weißen Hauses als einziges Medienunternehmen kritisch betrachteten. Unterstützt werden sie von Milla Jovovich, Jessica Biel, Tommy Lee Jones und Rob Reiner selbst in glanzlosen Nebenrollen. Sie jagen Informationen und Insider, die ihnen von Plänen und Lügen berichten, die einen Kriegseinsatz rechtfertigen sollen. Sie werden mit ihrer Geschichte Recht behalten, denn Massenvernichtungswaffen wurden in Irak nie gefunden – trotz vielfältigen Behauptungen der Regierung.

Rob Reiner ist stets bemüht die Schuldigen dieses Verbrechens ins Zentrum des Films zu rücken. Häufig schauen seine Charaktere über Minuten fassungslos echte TV-Interviews mit Bush oder Vize-Präsident Dick Cheney. Besonders filmisch ist das nicht, doch die schiere Wucht an Lügen und Prophezeiungen, die sich bewahrheiten sollten, ist in ihrer Masse erdrückend.

Shock and Awe ist kein hübscher Film. Einen Vergleich zu ähnlichen Thrillern wie All The President’s Men sollte er scheuen. Die Journalisten Landay und Strobel müssen nie selbst deduzieren, weshalb keine wirkliche Spannung aufkommt. Entweder schweigen die Informanten gänzlich oder erzählen alles freiwillig en detail. Reiner interessiert sich ohnehin wenig dafür, seine Hauptfiguren als zerrissen darzustellen. Die Journalisten liegen von Anfang an richtig. Sie sind Helden und so ein bisschen wissen sie das auch selbst.

Reiners Regie ist daher sachlich und wirkt in Kombination mit dem Einsatz von realen Filmaufnahmen fast dokumentarisch. Als wolle er den Zuschauer schütteln und anschreien: „Da, schau, das ganze Theater war so klar und du hättest es sehen müssen!“ Reiner offenbart das Lügenspiel der Regierung schonungslos und kritisiert gleichzeitig das Versagen der Mainstream-Medien in ihrer Kontrollfunktion. Sein Film ist daher nicht nur eine wichtige, historische Aufarbeitung der Zeit nach dem 11. September 2001, an dem das patriotische Amerika für die Lügen von Kriegstreibern besonders empfänglich war, sondern auch eine zeitlich passende und eine erschütternde Mahnung an die Generation Trump.