Review: Fear The Walking Dead S03E01/02 - PewPewPew


AMC

Nach einer fulminanten 1. Staffel und einem enttäuschenden Sequel muss Fear The Walking Dead im zweistündigen Auftakt der neuen Staffel beweisen, ob die Serie noch etwas zu sagen hat – oder ob sie nur die Sommerpause zur Mutterserie überbrücken soll.

Was ist nach mehr als einem Dutzend Staffeln, nach über 150 Comics und mehreren Spielen noch im The Walking Dead-Universum zu sagen? Wie kann sich eine Geschichte in dem Universum, das sich narrativ bereits in einem Medium im Hamsterrad dreht und repetitiv Plot-Entwicklungen durchkaut, wirklich vom Rest abheben?

Fear the Walking Dead fand die Antwort auf die Frage in den Anfängen der Apokalypse. Noch lange bevor Rick aus seinem Koma aufwachen sollte, kämpft sich eine Patchwork-Familie durch den zivilisatorischen Fall in Los Angeles. Die kurze, 1. Staffel konnte beinahe durchweg überzeugen. Bis auf einen unerfreulichen Zeitsprung, der die interessanten Aspekte des Zusammenbruchs der Ordnung überspringt, und den typischen Klischees des Zombie-Genres, bot die Serie einen faszinierenden Überblick über die Unmenschlichkeiten am Rande des Abgrunds. In teilweise großartigen Sequenzen inszenierte die Serie wortlos die bedrückende Ohnmacht und Traurigkeit des menschlichen Verfalls. Auch die Figuren konnten in der 1. Staffel von Fear the Walking Dead zaghaft überzeugen, blieben aber zunächst in den erwartbaren Arcs der Genrekonventionen gefangen.

Mit der 2. Staffel breitete sich der Zerfall virusartig von der Narration zur Qualität der Serie aus. Die Erhöhung der Episodenanzahl von sechs auf fünfzehn Folgen pro Staffel – in der 3. wurde übrigens noch einmal auf sechszehn erhöht – tat der Serie nicht gut. Die Hektik der Apokalypse war verschwunden, Plots wurden auf die Anfänge und Finalfolgen einer Staffel verteilt, dazwischen herrschte große Leere. Ständig müssen in Fear The Walking Dead Figuren zueinanderfinden. Dieser Drang könnte, angesichts der Patchwork-Familie als emotionaler Kern der Serie, tatsächlich eine spannende und unterhaltende Storyline bieten. Doch Fear The Walking Dead verstreut seine Figuren, sofern einmal vereint, direkt wieder in alle Winde. Die Autoren scheinen nicht zu wissen, keine Pläne zu haben, was die Serie ausmacht, wie die Figuren miteinander interagieren sollen oder wie Fear sich langfristig thematisch positioniert.

Auch im Start der 3. Staffel versuchen erneut alle Figuren zueinanderzufinden. Ofelia (Mercedes Mason) ist ganz ausgeklammert bisher und wird womöglich ihre eigene Folge erhalten – immerhin generiert eine erhöhte Episodenanzahl auch mehr Werbeeinnahmen – und vielleicht kehrt auch endlich mal Rubén Blades zurück, dessen Serienfigur Daniel Salazar meiner Ansicht nach noch lebt. Fernab von all der wichtigen Action erlebt Victor (Colman Domingo) mehrere Probleme am Hotel. In der letzten Staffel blieb er dort zurück. Seine Motivation dafür war unklar, es wirkte erneut so, als ob die Autoren der Serie gewisse Figuren bewusst zurücklassen, um mit ihrer Rückkehr Episoden mit Material füllen zu können. Daher ist sein unmotivierter Abschied von dem Hotel so offensichtlich. Er ist natürlich kein Arzt, aber hat gerade eine Operation durchgeführt und ein Baby zur Welt gebracht; im Kontext der Postapokalypse ist er ein Arzt. Und dennoch muss er gehen.

Immerhin auf der Militärbasis finden sich viele Figuren zusammen. Ihre Geschichte ist aber bis zum Aufbruch bereits zum Ende der Folge so belanglos, dass wieder Zeit mit hirnlosen Zombiemomenten überbrückt wird. In den bisherigen Staffeln der Mutterserie hat immer meist eine Location für eine gesamte Staffel das Setting geliefert. Atlanta in Staffel 1, die Farm in Staffel 2, das Gefängnis in Staffel 3, und so weiter. Fear the Walking Dead konnte ähnlich wie die 1. Staffel visuelle Kraft aus den urbanen Bildern saugen, driftete dann aber ähnlich wie The Walking Dead auf eine Farm und einen abgeschotteten Häuserkomplex ab. Immerhin zu Beginn der 2. Staffel diente das offene Meer als eine willkommene, aber kurze Abwechslung. Schnell wechselte man zu ärgerlichen Stereotypen und latent rassistischen Darstellungen der Einwohner Mexikos. Südlich der Grenze fand Fear keinen Erfolg, also erhoffte ich mir mit der Rückkehr in die Vereinigten Staaten auch eine Rückkehr zu der Größe der 1. Staffel.

Leider aber nagen die Nachwirkungen der 2. Staffel und die für die Serie typischen Plot-Puzzleteile an der Qualität einer interessanten Prämisse. Zunächst gibt uns der Staffelauftakt einen vielversprechenden Überblick über die spannende Militärbasis, die den Handlungsort der ersten Folge liefert. Und dann bereits verlassen wird. Wie kann sich das Militär überhaupt gegen die Walker behaupten? Welche Machtkämpfe entstehen? Gibt es Einblicke in die restlichen Bastionen des Staates? Fear The Walking Dead interessiert diese und andere Fragen nicht. Selbst das Versprechen der reizenden Totalen wird nicht eingehalten. Stattdessen wandert man sofort durch dunkle Kellerräume, in denen fiese Soldaten Experimente an Gefangenen machen. Hat die Zombieseuche etwas mit der Hautfarbe zu tun? Gibt es Unterschiede hinsichtlich des Alters oder des Gewichts? Wie schnell verwandeln sich Tote in Walker? Die Inszenierung dieser Experimente geschieht durch die Tötung von Redshirts, das zur Schau gestellte Maß an Brutalität und Unmenschlichkeit wird weder zelebriert noch zurückgehalten. Und für eine Weile funktioniert dies tatsächlich. Bis die Folterer den Mund aufmachen und einem als Zuschauer bereits vom Augenrollen schwindelig wird; weiß man doch direkt, wie die Geschichte ausgeht und wie sich unsere Heldenfiguren befreien werden.

Zwischenzeitlich gibt es ein paar nette Referenzen an Romeros Day of the Dead, immerhin war Make-Up Experte und quasi-Showrunner Greg Nicotero bereits hier beteiligt. Nicotero ist der Herz der Serienadaption von The Walking Dead und diese Momente lässt er sich sicherlich nicht entgehen, komme was wolle. Und ja, es kommt einiges. Ein Zombie bricht wie in Day of the Dead durch die Wand und frisst den fiesen Bösewicht, Nick (Frank Dillane) und seine Freundin müssen in der Kanalisation gegen eine Horde kämpfen, Madison und Tochter streiten sich mit Militärchef und Governor-in-the-Making Troy (Daniel Sharman). Schließlich war die Szene, in der Madison dem Typen mit einem Löffel das Auge ausspachteln will, direkt aus der Comic-Vorlage übernommen.

Das Herzstück der Folge gehört jedoch Travis (Cliff Curtis), der schon in den Anfangsminuten der darauffolgenden Episode ins Gras beißt. Travis ist neben Nick die interessanteste Figur in Fear the Walking Dead. Seine Zurückhaltung und sein langsames Abdriften in die harten Realitäten dieser Welt, verbunden mit noch härteren Entscheidungen, garantierten in der Vergangenheit eine vernünftige Betrachtung von Moral in der Serie. Nun aber wird Travis einfach so erledigt. Zuvor flüchtet er noch, wird gefangen, muss sich gegen Zombies behaupten, wirkt suizidal, und kämpft dann doch ums Überleben, wenn der Tod vor ihm steht. Es macht wirklich keinen Sinn.

Wollen die Serienautoren der antrainierten Erwartungshaltung der Zuschauer entgegenwirken? In der Mutterserie hat man tatsächlich jedwede Glaubwürdigkeit mit dem Fake-Tod von Glenn unter einem Mülleimer verloren. Während Serien wie Game of Thrones tatsächlich überraschende Tode inszenierten, liefen wöchentlich parallel im Zombieuniversum etliche Figuren mit Plotarmor in einer Welt herum, in der schließlich zu jeder Zeit der Tod um die nächste Ecke warten kann. Sollte Travis also jetzt einfach so sterben, um plötzlich zu zeigen: Es geht doch? Die Beliebigkeit, mit der sein fieser Tod bzw. Selbstmord inszeniert wird, erscheint erfrischend und ist dennoch wohl Kalkül. Wieso sonst sollte man die Figur, deren Familie in zwei Staffeln dezimiert wurde, einfach so beliebig über den Jordan wandern lassen? Cliff Curtis ist ein genialer Schauspieler, dem in der Rolle mit schlechtem Material viel gelang. Sein Abgang aus der Serie wirft Fragen über die Produktionsgeschichte auf. Gab es Probleme zwischen Studio und Schauspieler? Wussten die Autoren nicht, was sie mit der Figur anstellen sollten?

Travis durchlitt die Hölle in den vergangenen Staffeln, um an einem interessanten Punkt zu gelangen, der die Figur unglaublich spannend machen würde. Er erschoss seine Frau, er verlor einen Sohn. Was macht dieser Typ mit der restlichen Zeit, die ihm in der Nachwelt gegeben ist? Das war das Versprechen der Autoren, nicht meins. Und nun wird er einfach so getötet. Es stellen sich zu Beginn der 3. Staffel nicht nur Fragen hinsichtlich der Motivation der Figuren, sondern auch hinsichtlich der Motivation der Autoren. Es sieht nicht gut aus. Sie haben dreizehn Folgen den Gegenbeweis zu liefern.