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Ein Priester, ein Löwe und Gott gehen auf ein Boot. Das ist kein Witz, sondern die Prämisse der neuen Folge von The Leftovers. Zu lachen gibt es aber trotzdem etwas: Bevor Matt Jamison auf seinen neuen Jesus treffen darf, muss er sich Gottes Urteil inmitten einer Orgie stellen.

Es ist eine starke Leistung, dass diese Episode von The Leftovers am Ende nicht nur wie ein makaberer Witz dasteht. In It’s a Matt, Matt, Matt, Matt World trifft Pfarrer Matt Jamison zusammen mit seinen drei ungleichen Aposteln Laurie, John und Michael Murphy auf eine Orgie, einen inbrünstigen Löwen und später auf Gott höchstpersönlich. Zumindest behauptet der Mann, Gott zu sein. Und den nackten Franzosen, der eine Atombombe zündet, habe ich noch gar nicht erwähnt.

Es ist eine der wildesten Folge einer Serie, die für ihre Experimentierfreudigkeit bekannt ist. Dass dies alles in einer Folge ohne die Hauptfiguren und wirklichen Drang nicht nur funktioniert, sondern tatsächlich auch emotional mitreißt, verdankt The Leftovers der Charakterarbeit in den vergangenen zwei Staffeln. Erst mit der 3. Folge Two Helicopters And A Boat konnte die Serie nach zwei Episoden, die die Welt drei Jahre nach dem Plötzlichen Verschwinden greifbar machten, wirklich überzeugen und Fahrt aufnehmen. Darin folgten wir Pfarrer Matt Jamison auf seiner Suche nach Antworten für seine Leiden und seinem Kampf gegen die vernommene Sinnlosigkeit des Lebens, verkörpert durch die Guilty Remnant. Eine Staffel später fokussierte sich die Serie erneut auf seinen Kampf mit sich selbst, Gerechtigkeit und einem Leben in Frieden mit seiner Frau und Familie, das er sich so sehr erhofft.

Zu Beginn der neuen Staffel hat er all seine Ziele erreicht. Seine Frau ist aus dem Koma erwacht, zusammen ziehen sie einen Sohn groß und seine Kirche bekommt größeren Zulauf als je zuvor. Doch wie alles in The Leftovers ist auch dieser Zustand nicht für die Ewigkeit gemacht. Tief in Matt nagen Zweifel an ihm. Also begab er sich in die Hände Gottes, das komplett Gegenteil der Reaktion seiner Schwester Nora (Carrie Coon). Die Geschwister sind die zwei Seiten einer Medaille. Während Nora versucht, alle Lügen aus der Welt zu schaffen und die Wahrheit herauszufinden, versinkt Matt tiefer im Glauben. Er muss einfach an etwas Höheres glauben, an eine Macht, die ihn leitet und die seinem Leiden einen Sinn gibt. So sehr sogar, dass er sein eigenes Evangelium über einen schwerkranken Mann verfasst und ihn nur noch weiter in die Tiefe stürzt. Oder steckt doch mehr dahinter? Dazu später mehr.

Zunächst wird die Frage um die Explosion aufgeklärt. Wer den Trailer zur letzten Staffel etwas aufmerksamer analysierte, wird von den Aufnahmen auf einem U-Boot verwirrt gewesen sein. Die Serie, die den Auftakt der 2. Staffel in prähistorischen Zeiten ansetzte, scheut nicht vor wilden Cold Opens zurück. Aber ein U-Boot? In der Tat scheint sich ein Fanatiker unter die französische Marine geschlichen zu haben, der nun die Sicherheitsschlüssel stiehlt und splitternackt eine Atombombe zündet. Niemand stirbt, die Bombe explodiert irgendwo im Pazifik auf einer unbewohnten Insel. Doch die globalen Auswirkungen sind wieder auf der individuellen Ebene zu spüren und hier blüht The Leftovers auf. Ebenso wie beim Plötzlichen Verschwinden ist es viel interessanter zu hinterfragen, wie ein Individuum mit der Situation umgehen würde, als zum Beispiel das deutsche Kanzleramt. Die Serie will Empathie erzeugen, und das geschieht nun mal nicht über die Reaktionen von Institutionen, sondern denen echter Menschen. Selbst, wenn man die Ereignisse nicht durchleidet oder einen ähnlichen Vorfall erlebte, kann das (in der 1. Staffel noch buchstäbliche) Wandgemälde aus Leid Anlass zur Identifikation bieten. Dazu mehr im großartigenInterview mit Damon Lindelof von Matt Zoller Seitz.

Matt lässt sich jedoch nicht von den Auswirkungen kleinkriegen. Wie in den anderen Folgen zuvor kämpft er erbittert darum, seinen Willen durchzusetzen. “Sure, the world might be mad, but it’s still Matt’s world”. Der eigensinnige Pfarrer überzeugt ein Mitglied seiner Gemeinde dazu, ihn sowie Michael und John nach Australien auf einer der Hilfsmissionen mitzunehmen, weil weltweit sämtliche Flüge gestrichen wurden. Laurie kommt ebenfalls mit, entgegen Matts ausdrücklichem Wunsch. Die Gruppe muss in Tasmanien zwischenlanden, Melbourne ist dicht. Als Notlösung dient eine Fähre, die jedoch an diesem Tag von Fans des Sex-Löwens Frasier (Yep, er ist echt) gechartert wurde. Matt kann die Anführerin überzeugen, dass die Jünger Kevins auf die Fähre gelassen werden, obwohl dort eine große Orgie gefeiert werden soll. Bereits in den vergangenen beiden POV-Folgen mit Matt wurden ihm heidnische, chaotische Widersacher gegenübergestellt. Es handelt sich in gewisser Weise schon um einen Aufguss, aber was für einen!

Am interessantesten in der Figurenkonstellation, bevor sich die Folge dem großen Finale widmet, ist, wie sehr die Murphys in dieser finalen Staffel auf das Abstellgleis geschoben wurden. Selbstverständlich ist dies der reduzierten Episodenanzahl zuzuschreiben, doch dass selbst John, der eine dramatische Veränderung zwischen den Staffeln vollzogen hat, in dieser Folge zur Nebenfigur der Nebenfigur Matt Jamison wird, überrascht zunächst. Doch Evies Tod hat John so aus der Bahn geworfen, dass er wie Matt Führung braucht. Die erhält er in Form seiner neuen Frau, der er sich völlig unterwürfig zeigt; so sehr sogar, dass sie ihm buchstäblich den Tag lang ins Ohr flüstert, was er zu sagen und zu tun hat. Michael hingegen ist bereits in der 2. Staffel untergegangen und kann jetzt in den finalen Folgen nur noch als Anhängsel agieren.

Nachdem Matt sich mit Laurie unterhalten hat, trifft er auf David Burton. Genau der gleiche David Burton, der in dieser Staffel von The Leftovers bereits mehrfach erwähnt wurde, und nun erkennen wir den Mann genauer: Er wird gespielt von Bill Camp, der bereits in den finalen Folgen der letzten Staffel in Kevins Hotelaufenthalt als Mann auf der Brücke und später an der Bar zu sehen war. Wie wir wissen, hat David Burton wie Kevin einen mysteriösen Zwischenfall überlebt und von einem Hotel erzählt. Kevin suchte Verschwiegenheit und Privatsphäre, David Burton hingegen wurde eine regionale Berühmtheit. Er scheint seinen Status in gewisser Weise zu genießen, doch mit Matt will er nicht interagieren. Stattdessen händigt er Matt eine Karte mit der Aufschrift “Ich bin Gott” aus, auf deren Rückseite die FAQs stehen, deren Antworten der liebe Gott leid ist.

Nachdem Matt David Burton dabei beobachtet, wie dieser grund- und skrupellos einen anderen Mann über Bord der Fähre wirft, dreht er durch. Matt schlägt Burton mit einer Axt bewusstlos, fesselt ihn eindrucksvoll vor Frasier dem Löwen und verlangt Antworten von Gott. Es dauert nicht lange, bis David Burton trotz der Situation die emotionale Oberhand erlangt. Regisseurin Nicole Kassell findet selbst in den Rohren des Schiffes Kruzifixe, die Matts Suche nach Bedeutung unterstützen. Auf Knien fleht er Burton an: Bitte, wieso kommt seine Krebserkrankung wieder zurück? Warum geschehen all die schlimmen Dinge auf der Welt? Warum wirft Gott einen hilflosen Mann einfach so über Bord? Es muss doch einen Grund geben!

Aber es gibt keinen Grund. Gott – ein Nihilist. Unfassbar für Matt. David Burton liebt es, mit dem Gläubigen zu spielen. Dieser ist derart in seiner Obsession gefangen, dass er lieber einem völlig Fremden Glauben schenkt, als sich endlich aus der emotionalen Gefangenschaft zu befreien. Burton ist kein liebenswerter Gott des Neuen Testaments. Er ließ die Menschen am 14. Oktober verschwinden, weil er es konnte. Ist also all das Chaos nur eine Laune Gottes? Matt kann nicht mehr anders, er kauft Burton die Nummer total ab. Dieser versteht die Menschen besser als sie sich selbst: Matt ist ein selbstgerechter Kerl, der im Glauben nur eine Bestätigung sucht, um seine eigenen Taten zu rechtfertigen. Das, schlicht gesagt, stimmt. Nichts gibt Matts teilweise zwielichtigen Taten eine Absolution, er ist es nur gewohnt, dass gesellschaftliche Folgen für Mitglieder seiner Schar eher selten sind. Er akzeptiert die Strafe, bittet trotzdem um Rettung. Sie ist nur symbolisch, innerlich weiß der Pfarrer am Ende, dass er sterben wird. Die Akzeptanz bietet aber auch neue Möglichkeiten im Umgang mit der möglichen Apokalypse und der Suche nach Kevin. Der Drang, den er zuvor verspürte, ist verflogen.

Die Episode endet mit starken Bildern. Neben dem Mast der Fähre, der an ein riesiges Kreuz erinnert, steht Matt und überblickt das Meer. Endlich, am Horizont, ist etwas Land zu erkennen. Die Anspielungen auf Noah und andere biblischen Geschichten ist für The Leftovers hier ein leichtes Spiel. Am Ende jedoch wird ebenso wie für die anderen übernatürlichen Geschichten eine rationale, menschliche Lösung gefunden. Kevin hat David Burtons Gesicht im Fernsehen gesehen und sich während seiner Psychose später wieder an ihn erinnert. Burton hingegen ist ein Arschloch, der Zufall führte ihn und Matt zusammen. Am Ende sehen wir wieder in den Geschichten genau das, was wir sehen wollen. Eine chaotische Aneinanderreihung von Leid und Zufällen – oder eine göttliche Fügung, in der alles Sinn ergibt. Das Leben liefert hier keine Antworten. Auch Lindelof und seine Autoren werden sich vor definitiven Momenten fernhalten. Let the mystery be!

Matt scheint am Ende einen neuen Weg zu beschreiten. Sein ganzes Auftreten hat sich verändert, wir sehen einen Mann, der sein Schicksal akzeptiert hat. Das heißt jedoch nicht, dass der Spaß vorüber sein muss: Als Frasier befreit wird, kann er den flüchtenden Burton schnappen und totbeißen. Gott ist tot. Und hey, das war der Typ, von dem Matt uns erzählt hat!

Zitat der Folge: “Ta-da, you’re saved.”

– Schauspieler David Daradan wird in den Credits als “vigorous handjob guy” erwähnt. Ich dachte, ihr solltet das wissen.

– David Burton aka Gott berichtet davon, dass Jesus einen Zwillingsbruder hatte. Passenderweise trägt die vorletzte Folge der Serie den Titel The Most Powerful Man in the World (and His Identical Twin Brother). Ein Schelm, wer da eventuell Kevin und die ganzen anderen Aspekte mit Zwillingen (das moralische Dilemma der Wissenschaftler etc.) verbindet.

– Mir gefällt es, dass entgegen der sonstigen HBO-Maxime in The Leftovers Nacktheit nie einen unbedingt betörenden Effekt haben muss. Sicherlich gibt es einige Szenen, die diesen Zweck erfüllen (jedoch nie ausschließlich diesen einen), aber grundlegend ist mit Nacktheit in der Serie oft Verwirrung und Verletzlichkeit verbunden. Ich möchte nicht für Prüderie argumentieren und nackte Haut gehört zum Leben natürlich dazu, aber wenn eine gefühlt von oben herab diktierte, bestimmte Anzahl dieser Momente in Serien inzwischen eingebaut werden müssen, wirkt das sehr erfrischend.

– In den Kommentaren bitte ich dieses Mal unbedingt, euren schmutzigsten Witz zu posten.