HBO

Ein Priester, ein Löwe und Gott gehen auf ein Boot. Das ist kein Witz, sondern die Prämisse der neuen Folge von The Leftovers. Zu lachen gibt es aber trotzdem etwas: Bevor Matt Jamison auf seinen neuen Jesus treffen darf, muss er sich Gottes Urteil inmitten einer Orgie stellen.

Es ist eine starke Leistung, dass diese Episode von The Leftovers am Ende nicht nur wie ein makaberer Witz dasteht. In It’s a Matt, Matt, Matt, Matt World trifft Pfarrer Matt Jamison zusammen mit seinen drei ungleichen Aposteln Laurie, John und Michael Murphy auf eine Orgie, einen inbrünstigen Löwen und später auf Gott höchstpersönlich. Zumindest behauptet der Mann, Gott zu sein. Und den nackten Franzosen, der eine Atombombe zündet, habe ich noch gar nicht erwähnt.

Es ist eine der wildesten Folge einer Serie, die für ihre Experimentierfreudigkeit bekannt ist. Dass dies alles in einer Folge ohne die Hauptfiguren und wirklichen Drang nicht nur funktioniert, sondern tatsächlich auch emotional mitreißt, verdankt The Leftovers der Charakterarbeit in den vergangenen zwei Staffeln. Erst mit der 3. Folge Two Helicopters And A Boat konnte die Serie nach zwei Episoden, die die Welt drei Jahre nach dem Plötzlichen Verschwinden greifbar machten, wirklich überzeugen und Fahrt aufnehmen. Darin folgten wir Pfarrer Matt Jamison auf seiner Suche nach Antworten für seine Leiden und seinem Kampf gegen die vernommene Sinnlosigkeit des Lebens, verkörpert durch die Guilty Remnant. Eine Staffel später fokussierte sich die Serie erneut auf seinen Kampf mit sich selbst, Gerechtigkeit und einem Leben in Frieden mit seiner Frau und Familie, das er sich so sehr erhofft.

Zu Beginn der neuen Staffel hat er all seine Ziele erreicht. Seine Frau ist aus dem Koma erwacht, zusammen ziehen sie einen Sohn groß und seine Kirche bekommt größeren Zulauf als je zuvor. Doch wie alles in The Leftovers ist auch dieser Zustand nicht für die Ewigkeit gemacht. Tief in Matt nagen Zweifel an ihm. Also begab er sich in die Hände Gottes, das komplett Gegenteil der Reaktion seiner Schwester Nora (Carrie Coon). Die Geschwister sind die zwei Seiten einer Medaille. Während Nora versucht, alle Lügen aus der Welt zu schaffen und die Wahrheit herauszufinden, versinkt Matt tiefer im Glauben. Er muss einfach an etwas Höheres glauben, an eine Macht, die ihn leitet und die seinem Leiden einen Sinn gibt. So sehr sogar, dass er sein eigenes Evangelium über einen schwerkranken Mann verfasst und ihn nur noch weiter in die Tiefe stürzt. Oder steckt doch mehr dahinter? Dazu später mehr.

Zunächst wird die Frage um die Explosion aufgeklärt. Wer den Trailer zur letzten Staffel etwas aufmerksamer analysierte, wird von den Aufnahmen auf einem U-Boot verwirrt gewesen sein. Die Serie, die den Auftakt der 2. Staffel in prähistorischen Zeiten ansetzte, scheut nicht vor wilden Cold Opens zurück. Aber ein U-Boot? In der Tat scheint sich ein Fanatiker unter die französische Marine geschlichen zu haben, der nun die Sicherheitsschlüssel stiehlt und splitternackt eine Atombombe zündet. Niemand stirbt, die Bombe explodiert irgendwo im Pazifik auf einer unbewohnten Insel. Doch die globalen Auswirkungen sind wieder auf der individuellen Ebene zu spüren und hier blüht The Leftovers auf. Ebenso wie beim Plötzlichen Verschwinden ist es viel interessanter zu hinterfragen, wie ein Individuum mit der Situation umgehen würde, als zum Beispiel das deutsche Kanzleramt. Die Serie will Empathie erzeugen, und das geschieht nun mal nicht über die Reaktionen von Institutionen, sondern denen echter Menschen. Selbst, wenn man die Ereignisse nicht durchleidet oder einen ähnlichen Vorfall erlebte, kann das (in der 1. Staffel noch buchstäbliche) Wandgemälde aus Leid Anlass zur Identifikation bieten. Dazu mehr im großartigenInterview mit Damon Lindelof von Matt Zoller Seitz.

Matt lässt sich jedoch nicht von den Auswirkungen kleinkriegen. Wie in den anderen Folgen zuvor kämpft er erbittert darum, seinen Willen durchzusetzen. “Sure, the world might be mad, but it’s still Matt’s world”. Der eigensinnige Pfarrer überzeugt ein Mitglied seiner Gemeinde dazu, ihn sowie Michael und John nach Australien auf einer der Hilfsmissionen mitzunehmen, weil weltweit sämtliche Flüge gestrichen wurden. Laurie kommt ebenfalls mit, entgegen Matts ausdrücklichem Wunsch. Die Gruppe muss in Tasmanien zwischenlanden, Melbourne ist dicht. Als Notlösung dient eine Fähre, die jedoch an diesem Tag von Fans des Sex-Löwens Frasier (Yep, er ist echt) gechartert wurde. Matt kann die Anführerin überzeugen, dass die Jünger Kevins auf die Fähre gelassen werden, obwohl dort eine große Orgie gefeiert werden soll. Bereits in den vergangenen beiden POV-Folgen mit Matt wurden ihm heidnische, chaotische Widersacher gegenübergestellt. Es handelt sich in gewisser Weise schon um einen Aufguss, aber was für einen!

Am interessantesten in der Figurenkonstellation, bevor sich die Folge dem großen Finale widmet, ist, wie sehr die Murphys in dieser finalen Staffel auf das Abstellgleis geschoben wurden. Selbstverständlich ist dies der reduzierten Episodenanzahl zuzuschreiben, doch dass selbst John, der eine dramatische Veränderung zwischen den Staffeln vollzogen hat, in dieser Folge zur Nebenfigur der Nebenfigur Matt Jamison wird, überrascht zunächst. Doch Evies Tod hat John so aus der Bahn geworfen, dass er wie Matt Führung braucht. Die erhält er in Form seiner neuen Frau, der er sich völlig unterwürfig zeigt; so sehr sogar, dass sie ihm buchstäblich den Tag lang ins Ohr flüstert, was er zu sagen und zu tun hat. Michael hingegen ist bereits in der 2. Staffel untergegangen und kann jetzt in den finalen Folgen nur noch als Anhängsel agieren.

Nachdem Matt sich mit Laurie unterhalten hat, trifft er auf David Burton. Genau der gleiche David Burton, der in dieser Staffel von The Leftovers bereits mehrfach erwähnt wurde, und nun erkennen wir den Mann genauer: Er wird gespielt von Bill Camp, der bereits in den finalen Folgen der letzten Staffel in Kevins Hotelaufenthalt als Mann auf der Brücke und später an der Bar zu sehen war. Wie wir wissen, hat David Burton wie Kevin einen mysteriösen Zwischenfall überlebt und von einem Hotel erzählt. Kevin suchte Verschwiegenheit und Privatsphäre, David Burton hingegen wurde eine regionale Berühmtheit. Er scheint seinen Status in gewisser Weise zu genießen, doch mit Matt will er nicht interagieren. Stattdessen händigt er Matt eine Karte mit der Aufschrift “Ich bin Gott” aus, auf deren Rückseite die FAQs stehen, deren Antworten der liebe Gott leid ist.

Nachdem Matt David Burton dabei beobachtet, wie dieser grund- und skrupellos einen anderen Mann über Bord der Fähre wirft, dreht er durch. Matt schlägt Burton mit einer Axt bewusstlos, fesselt ihn eindrucksvoll vor Frasier dem Löwen und verlangt Antworten von Gott. Es dauert nicht lange, bis David Burton trotz der Situation die emotionale Oberhand erlangt. Regisseurin Nicole Kassell findet selbst in den Rohren des Schiffes Kruzifixe, die Matts Suche nach Bedeutung unterstützen. Auf Knien fleht er Burton an: Bitte, wieso kommt seine Krebserkrankung wieder zurück? Warum geschehen all die schlimmen Dinge auf der Welt? Warum wirft Gott einen hilflosen Mann einfach so über Bord? Es muss doch einen Grund geben!

Aber es gibt keinen Grund. Gott – ein Nihilist. Unfassbar für Matt. David Burton liebt es, mit dem Gläubigen zu spielen. Dieser ist derart in seiner Obsession gefangen, dass er lieber einem völlig Fremden Glauben schenkt, als sich endlich aus der emotionalen Gefangenschaft zu befreien. Burton ist kein liebenswerter Gott des Neuen Testaments. Er ließ die Menschen am 14. Oktober verschwinden, weil er es konnte. Ist also all das Chaos nur eine Laune Gottes? Matt kann nicht mehr anders, er kauft Burton die Nummer total ab. Dieser versteht die Menschen besser als sie sich selbst: Matt ist ein selbstgerechter Kerl, der im Glauben nur eine Bestätigung sucht, um seine eigenen Taten zu rechtfertigen. Das, schlicht gesagt, stimmt. Nichts gibt Matts teilweise zwielichtigen Taten eine Absolution, er ist es nur gewohnt, dass gesellschaftliche Folgen für Mitglieder seiner Schar eher selten sind. Er akzeptiert die Strafe, bittet trotzdem um Rettung. Sie ist nur symbolisch, innerlich weiß der Pfarrer am Ende, dass er sterben wird. Die Akzeptanz bietet aber auch neue Möglichkeiten im Umgang mit der möglichen Apokalypse und der Suche nach Kevin. Der Drang, den er zuvor verspürte, ist verflogen.

Die Episode endet mit starken Bildern. Neben dem Mast der Fähre, der an ein riesiges Kreuz erinnert, steht Matt und überblickt das Meer. Endlich, am Horizont, ist etwas Land zu erkennen. Die Anspielungen auf Noah und andere biblischen Geschichten ist für The Leftovers hier ein leichtes Spiel. Am Ende jedoch wird ebenso wie für die anderen übernatürlichen Geschichten eine rationale, menschliche Lösung gefunden. Kevin hat David Burtons Gesicht im Fernsehen gesehen und sich während seiner Psychose später wieder an ihn erinnert. Burton hingegen ist ein Arschloch, der Zufall führte ihn und Matt zusammen. Am Ende sehen wir wieder in den Geschichten genau das, was wir sehen wollen. Eine chaotische Aneinanderreihung von Leid und Zufällen – oder eine göttliche Fügung, in der alles Sinn ergibt. Das Leben liefert hier keine Antworten. Auch Lindelof und seine Autoren werden sich vor definitiven Momenten fernhalten. Let the mystery be!

Matt scheint am Ende einen neuen Weg zu beschreiten. Sein ganzes Auftreten hat sich verändert, wir sehen einen Mann, der sein Schicksal akzeptiert hat. Das heißt jedoch nicht, dass der Spaß vorüber sein muss: Als Frasier befreit wird, kann er den flüchtenden Burton schnappen und totbeißen. Gott ist tot. Und hey, das war der Typ, von dem Matt uns erzählt hat!

Zitat der Folge: “Ta-da, you’re saved.”

– Schauspieler David Daradan wird in den Credits als “vigorous handjob guy” erwähnt. Ich dachte, ihr solltet das wissen.

– David Burton aka Gott berichtet davon, dass Jesus einen Zwillingsbruder hatte. Passenderweise trägt die vorletzte Folge der Serie den Titel The Most Powerful Man in the World (and His Identical Twin Brother). Ein Schelm, wer da eventuell Kevin und die ganzen anderen Aspekte mit Zwillingen (das moralische Dilemma der Wissenschaftler etc.) verbindet.

– Mir gefällt es, dass entgegen der sonstigen HBO-Maxime in The Leftovers Nacktheit nie einen unbedingt betörenden Effekt haben muss. Sicherlich gibt es einige Szenen, die diesen Zweck erfüllen (jedoch nie ausschließlich diesen einen), aber grundlegend ist mit Nacktheit in der Serie oft Verwirrung und Verletzlichkeit verbunden. Ich möchte nicht für Prüderie argumentieren und nackte Haut gehört zum Leben natürlich dazu, aber wenn eine gefühlt von oben herab diktierte, bestimmte Anzahl dieser Momente in Serien inzwischen eingebaut werden müssen, wirkt das sehr erfrischend.

– In den Kommentaren bitte ich dieses Mal unbedingt, euren schmutzigsten Witz zu posten.

CatAlien

12 May, 2017 · Sascha · Cats · 0 comments

Vergesst das Predalien! Hier ist ein First Look von Ridley Scotts neuem Alien aus den kommenden drölf Alien Prequels!

Bei Redditor glossotekton gab es einen Abistreich genau nach meinem Geschmack.

Now this is shitposting!

Süße Story von Kelly Conaboy, die von Tony Hawk lernt, wie man einen Ollie macht.

WOODSHOCK Trailer

10 May, 2017 · Sascha · Film · 2 comments

Ich habe noch nie von der scheinbar sehr erfolgreichen Modemarke Rodarte gehört, aber die beiden Gründerschwestern Kate und Laura Mulleavy haben einen Film gedreht, dessen Trailer mich ziemlich umhaut. Trailer vom Studio A24 sind immer ein Highlight, aber hier sieht man schon am Rohmaterial, dass es sich bei dem Film zumindest visuell um ein wahres Fest handeln muss.

Theresa (Kirsten Dunst) a woman in the wake of profound loss, torn between her fractured emotional state and the reality-altering effects of a potent cannabinoid drug.

In Woodshock wandelt Kirsten Dunst durch träumerisch eingefangene, kalifornische Wälder, nachdem sie irgendwie Probleme mit Drogen und ihrer Mutter hatte. Oder so. Ist mir bei den Bildern auch zunächst einmal relativ egal was da passiert. Bei dem Film handelt es sich um den Debütstreifen der Schwestern, die zuvor nur einmal mit Darren Aronofsky an den Kostümen für Black Swan zusammenarbeiteten. Neben Dunst sind auch Pilou Asbæk, Jack Kilmer und Lorelei Linklater zu sehen.

Das ist auch so ein bisschen mein Traum. Irgendwie reich werden und dann selbst die eigenen Filmideen produzieren.

RIP Pepe The Frog

09 May, 2017 · Sascha · Alles sonst so · 0 comments

Es fühlt sich noch wie gestern an, dass sich mein geliebter Pepe The Frog vom Geheimtipp zum Mainstream entwickelte. Gerade als “rarest pepes” den großen Durchbruch genossen und auch 9Gag-Normies den Kram posteten, wurde das Meme auch schon von rechten 4chan /pol/-Trollen gehijackt. Natürlich war Pepe schon immer in zweifelhaften Posen in den Tiefen gewisser Imageboards zu entdecken, aber dass eines der wandlungsfähigsten Memegesichter – das immerhin mit dem Spruch “Feels good, man” bekannt wurde – selbst in den Mainstreammedien plötzlich mit Nazis und Trumpkins verbunden und sogar als offizielles Hasssymbol deklariert wurde, brach mir das ein bisschen das Herz.

Als Pepe-Schöpfer Matt Furie sich in einem Video gegen den Hass der white supremacists aussprach und die Kampagne #SavePepe startete, kam die Hilfe bereits zu spät. Positive Pepe-Memes, die nichts mit dem Alt-Right-Kram zu tun haben, kann man weiterhin überall finden und auch für lustig erachten, aber posten würde sie wohl jemand mit gesundem Menschenverstand nicht mehr. Das Meme wurde in gewisser Weise zerstört. Furie hat dies in einem neuen Comic-Strip passend kommentiert: Pepe ist tot. Traurig, schade, aber auch irgendwo richtig. Mach’s gut.


HBO

Halbzeit bei der finalen Staffel von The Leftovers. Vier Episoden vor dem Ende der Serie reisen Nora und Kevin mit unterschiedlichen Zielen nach Australien. Das Unterfangen stellt sich für beide sowie für ihre Beziehung als katastrophal heraus.

Bereits die ersten Worte der Episode G’Day Melbourne rücken den zentralen Konflikt der Staffel direkt in den Vordergrund. “Are you two together?”, fragt eine Mitarbeiterin des Flughafens Kevin und Nora. Diese alltägliche Frage ist für The Leftovers typisch bedeutungsschwanger. Natürlich reisen Kevin und Nora, gegen den gesunden Menschenverstand, gemeinsam nach Australien. Aber wirklich zusammen sind die beiden Partner schon lange nicht mehr. Sie waren schon immer ein ungleiches Team, doch zu diesem Zeitpunkt sind beide eigentlich auf sich alleine gestellt. Sie, die kontinuierlich verhinderte Mutter, greift verzweifelt nach der letzten Chance, irgendwie erneut mit ihren Kindern vereint zu sein. Und er, der suizidale Mann mit einer gravierenden psychologischen Erkrankung, folgt der letzten Verbindung zum Leben, die er hat. Beide verbindet trotz dem Happy End im Finale der 2. Staffel außer einer körperlichen Anziehung nicht mehr viel. Da ist die Katastrophe natürlich vorprogrammiert.

Sobald das Paar in Melbourne im Hotel angekommen ist, trennen sich ihre Wege auch schon bis zum Ende der Episode. Kevins Psyche bricht auf sich allein gestellt sofort ein. Im Hintergrund einer Fernsehsendung entdeckt er Evie Murphy und sofort begibt er sich auf den Weg zu ihr. Tatsächlich kann er sie noch erreichen, doch die junge Frau spricht mit ausländischem Akzent und scheint zum Islam konvertiert. Doch es ist Evie Murphy. Oder ein Zwilling. Kevin drängt sich ihr auf und wird von einem anderen Mann zurückgehalten. Er muss mit einem blauen Auge davongehen, konnte zuvor jedoch ein Foto mit dem Handy schießen. Und siehe da, es ist tatsächlich Evie Murphy! Könnte dies ein Beweis für Kevins Hotelaufenthalt sein? Sofort ruft er seine Exfrau Laurie an, um so John vom magischen Überleben seiner Tochter zu berichten. Trotz Lauries Bitten sucht er Evie wieder auf, die unter dem Namen Daniah Moabizzi in der Stadtbibliothek arbeitet. Dort angekommen, offenbart sich zunächst Evie: Sie ist weggelaufen, weil sie nicht mehr an das Konzept der Familie glaubt. Auch Kevin fühlt in Wahrheit so, meint sie; wieso sonst hätte er sprunghaft sein ganzes Familienleben und seine Verantwortung in Jarden gelassen?

Doch dann kommt der Twist. Die Frau ist nicht Evie Murphy, sie ist tatsächlich Daniah Moabizzi. Kevin hat in ihr nur Evie gesehen, weil er ihre Beweggründe verstehen konnte. Laurie erklärt ihm am Telefon, dass er wieder eine Psychose durchleidet. Seine Krankheit ist wieder mit voller Kraft zurückgekehrt und nur das Mitspielen der anderen hat ihn teilweise retten können, nicht noch tiefer abzudriften. Kevin realisiert, dass er keinen Schritt weiter ist. Er sieht erneut tote Menschen, irrt durch fremde Gebiete, verletzt sich dabei und sucht verzweifelt nach Antworten, die ihm keiner geben kann. Eines der beständigsten und zutreffendsten Themen in The Leftovers ist, dass nichts im Leben einfach so beendet wird. Weder Trauer, noch Depression oder psychische Krankheiten. Niemand trauert nur bis zu einem gewissen Punkt oder beendet psychische Erkrankungen von jetzt auf gleich. Stattdessen kommen die Probleme in Wellen oft wieder. Es ergibt sich ein lebenslanges, perfides Spiel aus Ebbe und Flut und gerade jetzt herrscht bei Kevin Hochwasser.

Nora ergeht es derweil nicht besser. Sie vermag vielleicht äußerlich noch als emotional gefestigt erscheinen und sie kann sich auch durchringen, erleidet in dieser Folge jedoch den finalen Schlag, der sie auf den Boden schickt – K.O. Ihr Treffen mit den Wissenschaftlerinnen, die sie möglicherweise zum Ort der Verschwundenen bringen können, verläuft katastrophal. Nachdem sie mehrere Tests erfolgreich durchläuft, wird ihr eine uns bereits bekannte Frage stellt: Würde sie den Tod eines Babys billigen, wenn im Gegenzug der Zwilling des Opfers Krebs heilen wird. Nora zögert. Stirbt das Baby qualvoll oder eher schnell und human? Muss sie es selbst umbringen oder nur den Tod absegnen? Handelt es sich bei den Babys um ihre eigenen Kinder? Schlussendlich knickt sie ein. Ja, okay, das Baby soll sterben. Immerhin sterben täglich Babys und im Umkehrschluss wird Krebs geheilt? Eine für sie naheliegende Entscheidung. Doch auch ihre Antwort ist falsch. Oder zumindest nicht die richtige, immerhin wissen wir bereits aus Crazy Whitefella Thinking, dass auch die Rettung des Babys nicht zur Aufnahme in das Programm führt.

Das Dilemma wirft natürlich etliche moralische und philosophische Gedankenspiele sowie Fragen zum Auswahlprozess der Doktoren auf. Handelt und denkt die Person utilitaristisch oder nihilistisch? Kann es eine gute Antwort geben? Geht es eher um die Begründung, die Nora anbietet, oder um das Gespräch über die Frage selbst? Gibt es überhaupt eine Antwort, die zum nächsten Schritt führt, oder ist dies nur ein weiterer Test, um den Willen der Bewerber zu überprüfen? Es gibt einige Anzeichen dafür, dass Nora gewisse Sachen sagt, die womöglich ins Schwarze treffen, schließlich hört ab einem gewissen Zeitpunkt selbst die so distanzierte Zweiflerin des Doktorduos gespannt zu. Aber wie auch immer, die Wissenschaftler brechen das Gespräch direkt ab und verabschieden sich abrupt. Nora bricht zusammen und flüchtet in ihr Hotelzimmer.

The Leftovers treibt das Spiel hier auf die Spitze. Der Zuschauer soll die Frustration mit Nora mitfühlen können, doch Antworten wird er wie auch die Hauptfigur wohl nicht erhalten. Bisher war es nie die Intention der Serie, sich in die eine oder andere Richtung zu lehnen. Kevins Schusswunde aus dem Finale der 2. Staffel zum Beispiel könnte ein Todesurteil sein, doch er hätte die Verletzung auch auf natürlichem Weg überleben können. Dafür muss er gar nicht der neue Jesus sein. Damon Lindelof und seine Autoren sind in Interviews stets bemüht, darauf hinzuweisen, dass die Serie Indizien sowohl für die eine als auch die andere Richtung gibt, Wissenschaft oder Glaube, dann aber jedoch die Figuren entscheiden lässt. Diese erkennen im Chaos ihre eigenen Muster, die durchaus beliebig wirken können. Aber da dies so ein natürlich existenzieller, tief menschlicher Reflex ist, ruft dies Empathie hervor – selbst wenn wir uns anders entscheiden würden, wir (er)kennen das Leid nur zu gut. Und so spielt es keine wirkliche Rolle, wie und ob man die Frage beantwortet. Die Frustration, so nahe an der möglichen Lösung zu sein und trotzdem nicht weiterzukommen, steht im Vordergrund.

Was uns zum emotionalen Höhepunkt der Leftovers-Folge führt. Gebrochen treffen Nora und Kevin nun im Hotel aufeinander. Beide merken, dass es dem Partner nicht gut geht, doch sie flüchten sich in Floskeln. Ja, klar, Kevin geht es gut. Nora (Carrie Coon) ist jedoch ohnehin schon aufgewühlt und bleibt hart. “Du kannst mir alles sagen.” Das ist natürlich eine blanke Lüge. Die Beziehung der beiden hat bereits mehrfach darunter gelitten, dass Kevin Nora nicht die Wahrheit sagt oder aus Angst vor Zurückweisung nicht sagen konnte. Nora ist dahingegen so gefangen in ihrer eigenen Welt, dass sie gar nicht erst daran dachte, Kevin zu Beginn der Episode einen Teil des geschmuggelten Geldes abzugeben. Kevin ist nur ein Anhängsel dieser Reise, höchstens ein Nachgedanke. Lediglich die Angst vor der Einsamkeit hält die Beziehung zusammen.

Musik war schon immer das Herzstück von The Leftovers. Während emotionale Momente früher von den intensiven Tönen von Max Richter nahezu ertränkt wurden, kündigte die 2. Staffel bereits im Intro eine neue Richtung an. Mit Let The Mystery Be richtete man sich direkt an den Zuschauer und in der 3. Staffel gehen die wenig subtilen, aber dafür äußerst passenden Nachrichten mit Personal Jesus oder dieses Mal This Love Is Over von Ray LaMontage weiter. Doch ganz zentral in dieser Episode ist der Einsatz von a-has Take On Me, das zunächst als Klavierversion, später als Bläserversion und zum Schluss im Original ertönt. Der Text des Liedes, mit seiner wörtlichen Übersetzung aus dem Norwegischen (Take On Me heißt etwa Fass mich an oder Berühr mich) hat durchaus einen Bezug zu der Beziehung Noras und Kevins, doch es ist das ikonische Video des Liedes, das die Emotionen der Figuren sehr treffend widerspiegelt.

Im Musikvideo versucht der Sänger aus seinem Comic-Gefängnis auszubrechen und in die reale Welt zu fliehen, um bei der Frau seiner Träume zu sein. Dies gelingt ihm am Ende und das Glück steht den beiden Liebenden in den Gesichtern geschrieben. Doch wie es weitergeht, verschweigt die Geschichte des Videos ganz ähnlich wie viele Romantische Komödien. Selbst in die größte Liebesbeziehung drängt sich irgendwann der Alltag hinein und wenn die beiden Partner ohnehin bereits mit so vielen Problemen wie Kevin und Nora zu kämpfen haben, dauert dies nicht lange. Die naheliegende Lösung wäre daher der Austausch. Communication is key! Aber selbst drei Jahre nachdem Kevin Garvey sich ähnlich wie der Sänger von a-ha nur durch seinen puren Willen von einer Realität in die nächste sang, um zu Nora und seiner Familie zurückzukehren, hat er seiner Freundin alles verschwiegen. Drei Jahre an angestauten Vorwürfen entladen sich binnen Sekunden und Kevin sagt etwas, das schlimmer als eine normale Trennung nachhallt: Nora soll doch dahin verschwinden, wo ihre Familie hin ist. Er geht nach draußen und trifft auf seinen Vater, der ihn in den Arm holt. “Ist das real?”, fragt sein Sohn, als gerade Chaos in Melbourne auf Grund einer Explosion herrscht. “Natürlich ist das real”, antwortet Kevin Sr., der mit Grace den Sohn zufällig im Fernsehen entdeckt hat. Real ja, aber realistisch? Das bleibt, wie so oft, dem Zuschauer überlassen. Möglich ist es schon, dass Kevin kurz im Hintergrund der geliebten Morgenshow zu sehen war, aber vielleicht haben auch höhere Mächte Vater und Sohn zusammengeführt.

Im Hotelzimmer bleibt Nora alleine zerstört zurück. Nora The Cursed ist erneut ohne Familie und kann wieder nicht weinen, stattdessen laufen ihr in einem der schönsten Shots der Serie (mit Dank an Regisseur Daniel Sackheim) die Wassertropfen der Feuerlöschanlage über die Lider, die zu einem Schwall an Tränen verschwimmen. The Leftovers lässt mich, ehrlich gesagt, hier ebenfalls sehr zerbrochen zurück. Neue Liebe findet sich in der Serie häufig und auch wahre, hingebungsvolle Beispiele werden aufgezeigt, doch schlussendlich scheint jede Beziehung in der Serie zu zerbrechen. Selbst Matt, der sich jahrelang für seine Frau aufopferte, wird zurückgelassen. Inwiefern der Sudden Departure, die Prämisse der Serie, sieben Jahre später noch in den individuellen Beziehungen einen Effekt hat, ist unterschiedlich und streitbar. Stattdessen scheint die Serie zu argumentieren, insbesondere in dieser Folge, dass jeder Mensch schlussendlich immer in seiner eigenen Realität leben wird und nie wahrhaftig die Einsamkeit dieser Dimension durchbrechen kann. Sie wird sich eventuell mit denen anderer Menschen kurzzeitig kreuzen, aber so wirklich scheint es niemanden zu interessieren, wie es dem anderen Menschen geht. Natürlich beteuern die Partner dies immer wieder, doch inwiefern sie von den Abgründen im Partner wissen wollen oder wie viel man dem Partner aufladen will, bevor die Beziehung in Gefahr gerät, bleibt trotzdem eine explosive Frage.

Zitat der Folge: “Kevin, are you and Nora okay?”

– Mark Linn-Baker ist mit der Maschine zu den Verschwundene gereist, womit jetzt der gesamte Cast von Perfect Strangers – wo auch immer – vereint ist.

– Die Möglichkeit, dass die Verschwundenen womöglich in eine andere Zeit oder an einen beliebigen Ort im Weltall transportiert wurden, hatte ich noch nie so wirklich in Betracht gezogen. Die Hinterbliebenen scheinen oft gar nicht in Betracht zu ziehen, dass es eine ganz wissenschaftliche Erklärung für das Ereignis gibt, die Verschwundenen aber einfach irgendwo tot um den Jupiter kreisen. Was für eine fürchterliche Vorstellung, dass unsere Nora dort landen könnte. Hoffentlich geht es Mark Linn-Baker gut.

– Natürlich hat Kevin seine Methoden und Probleme auch zum Beginn der Staffel, aber mich beschleicht das Gefühl, dass neben Noras Distanzierung vor allem die neue Bibel über ihn der erste Schritt auf dem Weg zurück in die Psychose war. Wie traurig, dass seine besten Freunde ihm damit nur geschadet haben. Kein Wunder, dass er sich so weit wie möglich von ihnen entfernen will und Nora sofort nach Australien folgt.

– Die angesprochene Explosion am Ende der Episode wird noch interessant werden.

– Eine der Wissenschaftlerinnen heißt Dr. Eden. Ich liebe es, wie oft die Szene nicht zurückschreckt, sehr direkt und frech zu sein! Das Fehlen von Prätention verwandelt diese Spielereien zum Augenzwinkern an den Zuschauer.

Bereits im Posting zu dem Teaser Trailer liest sich die Auflistung der involvierten Talente wie ein reines Fest. Und der offizielle Trailer verspricht nun auch wahrhaftig großartige Bilder sowie bemühte Darsteller, aber irgendwie will der Funke bei mir nicht so wirklich überspringen.

Liegt es einfach nur an meiner zynischen Erwartungshaltung oder ist der Trailer tatsächlich so “2017”? Sofern der Trailer nicht herausragende Actionszenen zurückhält, wirkt das alles recht standardmäßig. Das Produktionsdesign versucht die großen Fußstapfen auszufüllen und wagt nur teilweise eigene Schritte, erinnert insgesamt aber ebenso wie die Geschichte und die angepriesene Charakterentwicklung an den erst kürzlich erschienenen Ghost in the Shell. Alles in allem erinnert mich das irgendwie an das Total Recall Remake.

Nichts hier im Trailer verspricht ein sanftes oder ruhiges Erlebnis wie in Teilen des Originals. Ist das die Maxime des modernen Trailerschnitts oder ein echter Vorgeschmack auf den wahren Film? Geht es heutzutage einfach nicht mehr anders? Blade Runner 2049 steckt in der Zeit fest, während das Original zeitlos ist. Zweifel über Zweifel. Gott, nein, Roger, bitte rette uns!