“The great war is here.”, weiß Jon Snow, doch er meint den im Norden. Währenddessen kämpfen Cersei und die Mutter der Drachen im Süden um den Eisernen Thron. Unter dem Strich ist das ein schicker Trailer zur siebten Staffel von Game of Thrones, viel CGI, Sex und noch größere, epischere Schlachten. Ob Weiss und Benioff das Kind schon schaukeln werden oder ob Staffel 7 endgültig zu viel wird? Ab dem 16. Juli wissen wir mehr.

Hier noch einmal alle Podcast-Besprechungen der 6. Staffel:

Wowcast 67: Game of Thrones 6×09/10

Wowcast 66: Game of Thrones 6×07/08

Wowcast 64: Game of Thrones 6×05/06

Wowcast 63: Game of Thrones 6×03/04

Wowcast 60: Game of Thrones 6×01/02


HBO

Alle wollen, dass Kevin Garvey stirbt. Es wird Zeit, dass etwas Besinnung in The Leftovers einkehrt. Bevor die Serie also in den großen Finalfolgen den Hauptfiguren die Bühne zur Verfügung stellt, widmet sich The Leftovers in einer der schönsten und traurigsten Stunden der Serie Lauries Schicksal.

Die Wahrscheinlichkeit, dass ich heute zum letzten Mal mit meinem Großvater gesprochen habe, ist relativ groß. Persönliche Erzählungen in der ersten Person soll ein Kritiker ja vermeiden. Persönliche Meinung? Gerne. Doch das Privatleben des Kritikers sollte keine Rolle bei der Bewertung spielen. Doch ich kann nicht umhin zu bemerken, welche Parallelen sich aktuell auftun und welche Lektionen sich daraus ergeben. Nun sind die Situationen wahrlich nicht gleich. Certified erzählt von Lauries Suizidversuchen, während ich einem alten, sterbenden Mann Auf Wiedersehen sagen muss, aber es ist verblüffend, wie ähnlich die Gespräche, aufs Wesentliche reduziert, sich gestalten.

Die 6. Folge der 3. Staffel von The Leftovers beginnt zunächst wie so oft mit einem Cold Open. Eine junge Frau erzählt von dem Verlust ihres Sohnes am Tag des Sudden Departures. Nach einiger Zeit erinnern wir uns: Es ist die Frau aus der ersten Szene der Serie, die wie so viele andere Menschen in dem Moment des Verschwindens die betroffenen Personen wegwünschten. In diesem Fall war es ihr Sohn, der laut ihrer Theorie jederzeit wieder zurückkehren könnte. Zwei Jahre sind seit dem schicksalhaften Tag vergangen. Gerne würde die Mutter wissen, was sie tun soll: Endlich loslassen oder vielleicht doch warten, falls plötzlich ein Zweijähriger auf dem Parkplatz wieder auftaucht, der nach seiner Mutter schreit?

Deshalb ist sie zu Laurie gekommen, die auch zwei Jahre nach dem Sudden Departure noch ihren Beruf als Therapeutin ausübt. Laurie, die ebenfalls am 14. Oktober ein Kind verlor, erfährt durch die Schilderung der jungen Frau einen Schock. Sie kann ebenfalls keine Antwort auf die Fragen der Mutter finden. Einige Minuten später steht sie in ihrer Dusche und erbricht alle Tabletten, die sie kurz zuvor noch freiwillig verschlang, um ihr Leben zu beenden. Sie überlegt es sich anders. Stattdessen trennt sie sich von allem Weltlichen, zieht sich weiße Klamotten an und geht auf die zwei Frauen zu, die vor ihrer Praxis Zigaretten rauchen.

“Sagt mir, was ich tun soll.”

Mit diesen Worten begab sich Laurie Garvey (Amy Brenneman) in die Hände der Guilty Remnant; genau jener Sekte, die glaubt, dass das Plötzliche Verschwinden nicht vergessen gemacht werden kann und das Leben eigentlich aufgehört hat. Ihre Mission ist daher, die restlichen Hinterbliebenen ständig an das Ereignis zu erinnern. Es ist kein körperlicher Suizid, aber in gewisser Weise zumindest ein gesellschaftlicher. Die Guilty Remnant ist in dieser Staffel buchstäblich pulverisiert worden. Sieben Jahre nach dem kosmischen Ereignis hat The Leftovers keinen Platz mehr für diese verständliche, wenn auch krasse Reaktion auf das kosmische Schauspiel. Doch zumindest der Kerngedanke bleibt erhalten: Was, wenn das Leben tatsächlich aufgehört hat und nichts mehr besser wird – wenn es keine Antwort auf die existenziellen Frage gibt? Was dann?

The Leftovers gelingt es immer wieder auf faszinierende Weise, grundlegende Wahrheiten über unsere Existenz anhand des übernatürlichen Ereignisses runterzubrechen. Wir können jederzeit sterben. Unsere Zeit auf der Erde ist begrenzt. Und der Sudden Departure hat diese Ohnmacht gegenüber der Zeit und das Gefühl, dem Schicksal völlig ausgeliefert zu sein, sehr ins Zentrum gerückt. Eben diese Ohnmacht führt zu der Unsicherheit, die Laurie und viele andere verspüren. Am liebsten würden sie wie Schulkinder gesagt bekommen, was sie tun sollen. Doch tief in uns wissen wir: Niemand hat Antworten.

Von daher haben die Guilty Remnant vielleicht ja, trotz zweifelhafter Methoden, doch einen Punkt gehabt. Eigentlich sind wir ja sowieso alle bereits wandelnde Tote, für die es keinen Sinn im Leben mehr gibt. The Leftovers fokussiert sich nicht ausschließlich auf diese Verzweiflung, aber es fällt schwer, aktuell, am Ende des 2. Aktes dieser Staffel, nicht erneut den bierernsten Pessimismus der 1. Staffel zu spüren. Bereits die stets offensichtlichen Lyrics des dieswöchigen Introsongs verraten uns genau, was die Serie übermitteln will (Es ist übrigens verblüffend, nein, fast schon ärgerlich, dass man nicht Don’t You Forget About Me von den Simple Minds genommen hat):

So you wanna die, commit suicide
Dial 1-800-Cyanide line
Far as life, yo it ain’t worth it
Put a rope around your neck and jerk it
The trick didn’t work
Your life was fucked up from the first day of birth

Bereits in der 1. Staffel gab uns The Garveys At Their Best einen Einblick in das Leben der Figuren vor dem Tag des Plötzlichen Verschwindens – und nichts war besser. Die Figuren litten trotzdem bereits an ihren alltäglichen und individuellen Problemen. Wie kann man also weitermachen? Stanley Kubrick hat einmal im Interview mit dem Playboy bei einer Diskussion von 2001 gesagt:

The most terrifying fact about the universe is not that it is hostile but that it is indifferent; but if we can come to terms with this indifference and accept the challenges of life within the boundaries of death — however mutable man may be able to make them — our existence as a species can have genuine meaning and fulfillment. However vast the darkness, we must supply our own light.

Und wenn das bedeutet, dass man seinen Sohn in einer Wassergrube ertränken muss, um die Welt zu retten, und das den Sinn des eigenen Lebens darstellt (und man dann glücklich sterben kann, selbst, wenn das einen Tod im Gefängnis bedeutet), dann sei es eben so. “Sometimes you have to pretend.”

Laurie hat jedoch aufgehört, zu kämpfen. Sie erkennt, dass es allen Figuren schlecht geht und es wohl auch nicht mehr besser wird. Matts Krebs ist zurück, seine Frau hat ihn verlassen. Nora, John und Grace werden immer ihren Kindern hinterhertrauern. Kevin Sr. ist verrückt und will seinen Sohn umbringen, der das tatsächlich auch noch aufgrund seiner eigenen psychischen Probleme für eine gute Idee hält. Laurie erkennt, dass alle Bewältigungsstrategien irgendwo ihre Berechtigung haben und man die Menschen in der Konfrontation mit Sterblichkeit und der Vergänglichkeit des Lebens nicht stören soll. Im Panorama der Bedeutungslosigkeit navigiert sie sich also von Fall zu Fall und versucht, ihren Patienten so gut wie es geht zu helfen.

Teilweise gelingt ihr sogar ein Erfolg. Nora realisiert am Ende ihres Weges (buchstäblich, sie steht an einer Klippe), dass sie lange Zeit als Spielverderberin gelebt hat, die die Bewältigungsmechanismen anderer Menschen aus purem Egoismus zerstört hat. Sie erzählt, wie sie und Matt als Kind einen schönen Moment mit einem Strandball nach dem Tod ihrer Eltern hatten, nur um ihn von einem Ordner zerstört zu bekommen. Nach all den Jahren des frenetischen Suchens versteht sie, dass sie zu genau dieser Person geworden ist. “Wer macht so etwas?!”, fragt sie sich erschrocken. Die passiv-aggressive Nora zum Beginn der Leftovers-Folge ist verschwunden, hier sehen wir eine zutiefst unglückliche Frau, die nur noch ihrem Leiden ein Ende setzen will. Fast schon kindlich fällt sie Matt in die Arme. Laurie versucht noch die Wogen zu glätten und erklärt, dass einige Menschen eben stark sein und die Regeln einhalten müssen, sodass die Gesellschaft nicht im Chaos versinkt. Doch der Schaden ist angerichtet. Nora will nicht mehr. Ein Abschied von der Figur wäre hier auch ohne Max Richters musikalische Untermalung tieftraurig und imposant, doch wir werden Carrie Coon sicherlich nicht das letzte Mal gesehen haben.

Dahingegen treffen sich jedoch Kevin und seine Exfrau definitiv zum letzten Mal. Beide ertrinken am Tag des Sudden Departures auf unterschiedliche Art und Weise, aufgrund verschiedener Motive. Doch im letzten Aufeinandertreffen, dessen Finalität sich beide bewusst sind, fallen einst schwere Worte mit einer verblüffenden Leichtigkeit. Frühere Barrieren fallen, zwei Menschen sehen sich endlich losgelöst von allen Hindernissen als das, was sie wirklich sind.

Nachdem Laurie die hungrigen Mäuler am Essenstisch betäubt hat, kann sie sich dem Mann ihrer Kinder widmen. Dieser ist weiterhin in seiner Wahnstörung gefangen, doch Laurie lässt ihn ziehen. Nichts hält sie mehr in dieser Welt, und dass beide das Kind, das Laurie am 14. Oktober 2011 verlor, nicht wollten, ist auch für beide o.k. In einer Welt, deren bevorstehender Untergang auf globaler und individueller Ebene (sowie auch auf der Meta-Ebene, immerhin bleiben uns nur noch zwei Folgen) zu spüren ist, fallen persönliche Wahrheiten plötzlich leicht: “We are all gone”, sagt Laurie zu ihrem Mann.

Die Therapeutin agierte besonders in dieser letzten Staffel von The Leftovers als Stimme der Vernunft. Was bedeutet es also, wenn sie sich nun am Ende umbringt. Besonders nach diesem erfreulichen Telefongespräch mit ihren Kindern? Natürlich erkennt sie, dass ihre Kinder zusammen glücklich sind und vielleicht halb unbeschadet aus der ganzen Misere noch entfliehen können. Doch der Moment ist so herzergreifend, dass ihr darauffolgender Suizid umso mehr schmerzt. Und von dem gehe ich aus. Man darf mir gerne in den Kommentare widersprechen, aber ein normaler Tauchgang würde dem gesamten Spannungsbogen und Lauries Entwicklung entgegenwirken.

The Leftovers findet auf den letzten Metern zurück zur auswegslosen Hoffnungslosigkeit der 1. Staffel. Jetzt kann uns nur noch Kevin-Jesus retten.

Zitat der Folge: “I don’t know how I got there, and by ‘there’ I mean here.”

– Hausaufgabe: Unbedingt vor nächster Woche noch einmal International Assassin aus der vergangenen Staffel nachholen.

– Prognose: Nora wird tatsächlich durch die LADR-Machine der zwei lesbischen Physikerinnen wandern und im Hotel auf Kevin treffen, der dem Wunsch seiner Jünger Folge leisten wird. Es wird eine himmlische Reunion geben, deren bittere Realität von der schmerzhaften Realisation geprägt ist, dass beide sich eventuell nie wieder sehen werden – entweder weil Kevin wieder aufwacht oder Nora vielleicht tatsächlich durch die Maschine umgebracht wurde und nicht aus dem Hotel entfliehen kann.

– “I borrowed your pills.”

– Der Epilog der 1. Episode mit einer alten Nora hat der Staffel natürlich bereits zum Auftakt einen Knall mitgegeben. Doch inzwischen wirkt diese Prognose mehr als Hindernis als zusätzlicher Thrill. Nora und Lauries Abschied in Certified könnten als Abschied dieser Figuren agieren. Natürlich wäre der Wegfall von zwei Hauptfiguren vor den letzten zwei Folgen ein großer Verlust, but stranger things have happened! Noras Abschied wäre tatsächlich perfekt bezüglich der kontinuierlichen Faszination der Serie für die Dinge, die wir nie tatsächlich wissen können. Let the mystery be? Vielleicht, aber The Leftovers wird wohl noch etwas deutlicher werden, bevor alle Lichter ausgehen.

– “Sweet Loreley!” Ich werde Scott Glenns selbstsichere, verrückte Vaterfigur schwer vermissen.

– Today’s Special ist natürlich eine echte Serie.

Nach dem legendären Bob Ross Twitch-Stream läuft erneut PBS Goodness in der Dauerschleife: Twitch streamt aktuell alle Episoden (über 900) von Mr. Rogers’ Neighborhood chronologisch von 1968 bis 2001. Ich bin nicht mit der Sendung aufgewachsen, habe aber über die Jahre durch das Internet Rogers’ Persönlichkeit sowie die Sendung sehr zu schätzen gelernt. Das war etwas ganz Besonderes. Ich werde das nebenbei in den nächsten Wochen laufen lassen, hier noch die wunderschöne Fürsprache für kindergerechtes Fernsehen von Rogers vor dem US-Kongress, als PBS die Finanzierung entzogen werden sollte. (weiterlesen…)


HBO

Ein Priester, ein Löwe und Gott gehen auf ein Boot. Das ist kein Witz, sondern die Prämisse der neuen Folge von The Leftovers. Zu lachen gibt es aber trotzdem etwas: Bevor Matt Jamison auf seinen neuen Jesus treffen darf, muss er sich Gottes Urteil inmitten einer Orgie stellen.

Es ist eine starke Leistung, dass diese Episode von The Leftovers am Ende nicht nur wie ein makaberer Witz dasteht. In It’s a Matt, Matt, Matt, Matt World trifft Pfarrer Matt Jamison zusammen mit seinen drei ungleichen Aposteln Laurie, John und Michael Murphy auf eine Orgie, einen inbrünstigen Löwen und später auf Gott höchstpersönlich. Zumindest behauptet der Mann, Gott zu sein. Und den nackten Franzosen, der eine Atombombe zündet, habe ich noch gar nicht erwähnt.

Es ist eine der wildesten Folge einer Serie, die für ihre Experimentierfreudigkeit bekannt ist. Dass dies alles in einer Folge ohne die Hauptfiguren und wirklichen Drang nicht nur funktioniert, sondern tatsächlich auch emotional mitreißt, verdankt The Leftovers der Charakterarbeit in den vergangenen zwei Staffeln. Erst mit der 3. Folge Two Helicopters And A Boat konnte die Serie nach zwei Episoden, die die Welt drei Jahre nach dem Plötzlichen Verschwinden greifbar machten, wirklich überzeugen und Fahrt aufnehmen. Darin folgten wir Pfarrer Matt Jamison auf seiner Suche nach Antworten für seine Leiden und seinem Kampf gegen die vernommene Sinnlosigkeit des Lebens, verkörpert durch die Guilty Remnant. Eine Staffel später fokussierte sich die Serie erneut auf seinen Kampf mit sich selbst, Gerechtigkeit und einem Leben in Frieden mit seiner Frau und Familie, das er sich so sehr erhofft.

Zu Beginn der neuen Staffel hat er all seine Ziele erreicht. Seine Frau ist aus dem Koma erwacht, zusammen ziehen sie einen Sohn groß und seine Kirche bekommt größeren Zulauf als je zuvor. Doch wie alles in The Leftovers ist auch dieser Zustand nicht für die Ewigkeit gemacht. Tief in Matt nagen Zweifel an ihm. Also begab er sich in die Hände Gottes, das komplett Gegenteil der Reaktion seiner Schwester Nora (Carrie Coon). Die Geschwister sind die zwei Seiten einer Medaille. Während Nora versucht, alle Lügen aus der Welt zu schaffen und die Wahrheit herauszufinden, versinkt Matt tiefer im Glauben. Er muss einfach an etwas Höheres glauben, an eine Macht, die ihn leitet und die seinem Leiden einen Sinn gibt. So sehr sogar, dass er sein eigenes Evangelium über einen schwerkranken Mann verfasst und ihn nur noch weiter in die Tiefe stürzt. Oder steckt doch mehr dahinter? Dazu später mehr.

Zunächst wird die Frage um die Explosion aufgeklärt. Wer den Trailer zur letzten Staffel etwas aufmerksamer analysierte, wird von den Aufnahmen auf einem U-Boot verwirrt gewesen sein. Die Serie, die den Auftakt der 2. Staffel in prähistorischen Zeiten ansetzte, scheut nicht vor wilden Cold Opens zurück. Aber ein U-Boot? In der Tat scheint sich ein Fanatiker unter die französische Marine geschlichen zu haben, der nun die Sicherheitsschlüssel stiehlt und splitternackt eine Atombombe zündet. Niemand stirbt, die Bombe explodiert irgendwo im Pazifik auf einer unbewohnten Insel. Doch die globalen Auswirkungen sind wieder auf der individuellen Ebene zu spüren und hier blüht The Leftovers auf. Ebenso wie beim Plötzlichen Verschwinden ist es viel interessanter zu hinterfragen, wie ein Individuum mit der Situation umgehen würde, als zum Beispiel das deutsche Kanzleramt. Die Serie will Empathie erzeugen, und das geschieht nun mal nicht über die Reaktionen von Institutionen, sondern denen echter Menschen. Selbst, wenn man die Ereignisse nicht durchleidet oder einen ähnlichen Vorfall erlebte, kann das (in der 1. Staffel noch buchstäbliche) Wandgemälde aus Leid Anlass zur Identifikation bieten. Dazu mehr im großartigenInterview mit Damon Lindelof von Matt Zoller Seitz.

Matt lässt sich jedoch nicht von den Auswirkungen kleinkriegen. Wie in den anderen Folgen zuvor kämpft er erbittert darum, seinen Willen durchzusetzen. “Sure, the world might be mad, but it’s still Matt’s world”. Der eigensinnige Pfarrer überzeugt ein Mitglied seiner Gemeinde dazu, ihn sowie Michael und John nach Australien auf einer der Hilfsmissionen mitzunehmen, weil weltweit sämtliche Flüge gestrichen wurden. Laurie kommt ebenfalls mit, entgegen Matts ausdrücklichem Wunsch. Die Gruppe muss in Tasmanien zwischenlanden, Melbourne ist dicht. Als Notlösung dient eine Fähre, die jedoch an diesem Tag von Fans des Sex-Löwens Frasier (Yep, er ist echt) gechartert wurde. Matt kann die Anführerin überzeugen, dass die Jünger Kevins auf die Fähre gelassen werden, obwohl dort eine große Orgie gefeiert werden soll. Bereits in den vergangenen beiden POV-Folgen mit Matt wurden ihm heidnische, chaotische Widersacher gegenübergestellt. Es handelt sich in gewisser Weise schon um einen Aufguss, aber was für einen!

Am interessantesten in der Figurenkonstellation, bevor sich die Folge dem großen Finale widmet, ist, wie sehr die Murphys in dieser finalen Staffel auf das Abstellgleis geschoben wurden. Selbstverständlich ist dies der reduzierten Episodenanzahl zuzuschreiben, doch dass selbst John, der eine dramatische Veränderung zwischen den Staffeln vollzogen hat, in dieser Folge zur Nebenfigur der Nebenfigur Matt Jamison wird, überrascht zunächst. Doch Evies Tod hat John so aus der Bahn geworfen, dass er wie Matt Führung braucht. Die erhält er in Form seiner neuen Frau, der er sich völlig unterwürfig zeigt; so sehr sogar, dass sie ihm buchstäblich den Tag lang ins Ohr flüstert, was er zu sagen und zu tun hat. Michael hingegen ist bereits in der 2. Staffel untergegangen und kann jetzt in den finalen Folgen nur noch als Anhängsel agieren.

Nachdem Matt sich mit Laurie unterhalten hat, trifft er auf David Burton. Genau der gleiche David Burton, der in dieser Staffel von The Leftovers bereits mehrfach erwähnt wurde, und nun erkennen wir den Mann genauer: Er wird gespielt von Bill Camp, der bereits in den finalen Folgen der letzten Staffel in Kevins Hotelaufenthalt als Mann auf der Brücke und später an der Bar zu sehen war. Wie wir wissen, hat David Burton wie Kevin einen mysteriösen Zwischenfall überlebt und von einem Hotel erzählt. Kevin suchte Verschwiegenheit und Privatsphäre, David Burton hingegen wurde eine regionale Berühmtheit. Er scheint seinen Status in gewisser Weise zu genießen, doch mit Matt will er nicht interagieren. Stattdessen händigt er Matt eine Karte mit der Aufschrift “Ich bin Gott” aus, auf deren Rückseite die FAQs stehen, deren Antworten der liebe Gott leid ist.

Nachdem Matt David Burton dabei beobachtet, wie dieser grund- und skrupellos einen anderen Mann über Bord der Fähre wirft, dreht er durch. Matt schlägt Burton mit einer Axt bewusstlos, fesselt ihn eindrucksvoll vor Frasier dem Löwen und verlangt Antworten von Gott. Es dauert nicht lange, bis David Burton trotz der Situation die emotionale Oberhand erlangt. Regisseurin Nicole Kassell findet selbst in den Rohren des Schiffes Kruzifixe, die Matts Suche nach Bedeutung unterstützen. Auf Knien fleht er Burton an: Bitte, wieso kommt seine Krebserkrankung wieder zurück? Warum geschehen all die schlimmen Dinge auf der Welt? Warum wirft Gott einen hilflosen Mann einfach so über Bord? Es muss doch einen Grund geben!

Aber es gibt keinen Grund. Gott – ein Nihilist. Unfassbar für Matt. David Burton liebt es, mit dem Gläubigen zu spielen. Dieser ist derart in seiner Obsession gefangen, dass er lieber einem völlig Fremden Glauben schenkt, als sich endlich aus der emotionalen Gefangenschaft zu befreien. Burton ist kein liebenswerter Gott des Neuen Testaments. Er ließ die Menschen am 14. Oktober verschwinden, weil er es konnte. Ist also all das Chaos nur eine Laune Gottes? Matt kann nicht mehr anders, er kauft Burton die Nummer total ab. Dieser versteht die Menschen besser als sie sich selbst: Matt ist ein selbstgerechter Kerl, der im Glauben nur eine Bestätigung sucht, um seine eigenen Taten zu rechtfertigen. Das, schlicht gesagt, stimmt. Nichts gibt Matts teilweise zwielichtigen Taten eine Absolution, er ist es nur gewohnt, dass gesellschaftliche Folgen für Mitglieder seiner Schar eher selten sind. Er akzeptiert die Strafe, bittet trotzdem um Rettung. Sie ist nur symbolisch, innerlich weiß der Pfarrer am Ende, dass er sterben wird. Die Akzeptanz bietet aber auch neue Möglichkeiten im Umgang mit der möglichen Apokalypse und der Suche nach Kevin. Der Drang, den er zuvor verspürte, ist verflogen.

Die Episode endet mit starken Bildern. Neben dem Mast der Fähre, der an ein riesiges Kreuz erinnert, steht Matt und überblickt das Meer. Endlich, am Horizont, ist etwas Land zu erkennen. Die Anspielungen auf Noah und andere biblischen Geschichten ist für The Leftovers hier ein leichtes Spiel. Am Ende jedoch wird ebenso wie für die anderen übernatürlichen Geschichten eine rationale, menschliche Lösung gefunden. Kevin hat David Burtons Gesicht im Fernsehen gesehen und sich während seiner Psychose später wieder an ihn erinnert. Burton hingegen ist ein Arschloch, der Zufall führte ihn und Matt zusammen. Am Ende sehen wir wieder in den Geschichten genau das, was wir sehen wollen. Eine chaotische Aneinanderreihung von Leid und Zufällen – oder eine göttliche Fügung, in der alles Sinn ergibt. Das Leben liefert hier keine Antworten. Auch Lindelof und seine Autoren werden sich vor definitiven Momenten fernhalten. Let the mystery be!

Matt scheint am Ende einen neuen Weg zu beschreiten. Sein ganzes Auftreten hat sich verändert, wir sehen einen Mann, der sein Schicksal akzeptiert hat. Das heißt jedoch nicht, dass der Spaß vorüber sein muss: Als Frasier befreit wird, kann er den flüchtenden Burton schnappen und totbeißen. Gott ist tot. Und hey, das war der Typ, von dem Matt uns erzählt hat!

Zitat der Folge: “Ta-da, you’re saved.”

– Schauspieler David Daradan wird in den Credits als “vigorous handjob guy” erwähnt. Ich dachte, ihr solltet das wissen.

– David Burton aka Gott berichtet davon, dass Jesus einen Zwillingsbruder hatte. Passenderweise trägt die vorletzte Folge der Serie den Titel The Most Powerful Man in the World (and His Identical Twin Brother). Ein Schelm, wer da eventuell Kevin und die ganzen anderen Aspekte mit Zwillingen (das moralische Dilemma der Wissenschaftler etc.) verbindet.

– Mir gefällt es, dass entgegen der sonstigen HBO-Maxime in The Leftovers Nacktheit nie einen unbedingt betörenden Effekt haben muss. Sicherlich gibt es einige Szenen, die diesen Zweck erfüllen (jedoch nie ausschließlich diesen einen), aber grundlegend ist mit Nacktheit in der Serie oft Verwirrung und Verletzlichkeit verbunden. Ich möchte nicht für Prüderie argumentieren und nackte Haut gehört zum Leben natürlich dazu, aber wenn eine gefühlt von oben herab diktierte, bestimmte Anzahl dieser Momente in Serien inzwischen eingebaut werden müssen, wirkt das sehr erfrischend.

– In den Kommentaren bitte ich dieses Mal unbedingt, euren schmutzigsten Witz zu posten.


HBO

Halbzeit bei der finalen Staffel von The Leftovers. Vier Episoden vor dem Ende der Serie reisen Nora und Kevin mit unterschiedlichen Zielen nach Australien. Das Unterfangen stellt sich für beide sowie für ihre Beziehung als katastrophal heraus.

Bereits die ersten Worte der Episode G’Day Melbourne rücken den zentralen Konflikt der Staffel direkt in den Vordergrund. “Are you two together?”, fragt eine Mitarbeiterin des Flughafens Kevin und Nora. Diese alltägliche Frage ist für The Leftovers typisch bedeutungsschwanger. Natürlich reisen Kevin und Nora, gegen den gesunden Menschenverstand, gemeinsam nach Australien. Aber wirklich zusammen sind die beiden Partner schon lange nicht mehr. Sie waren schon immer ein ungleiches Team, doch zu diesem Zeitpunkt sind beide eigentlich auf sich alleine gestellt. Sie, die kontinuierlich verhinderte Mutter, greift verzweifelt nach der letzten Chance, irgendwie erneut mit ihren Kindern vereint zu sein. Und er, der suizidale Mann mit einer gravierenden psychologischen Erkrankung, folgt der letzten Verbindung zum Leben, die er hat. Beide verbindet trotz dem Happy End im Finale der 2. Staffel außer einer körperlichen Anziehung nicht mehr viel. Da ist die Katastrophe natürlich vorprogrammiert.

Sobald das Paar in Melbourne im Hotel angekommen ist, trennen sich ihre Wege auch schon bis zum Ende der Episode. Kevins Psyche bricht auf sich allein gestellt sofort ein. Im Hintergrund einer Fernsehsendung entdeckt er Evie Murphy und sofort begibt er sich auf den Weg zu ihr. Tatsächlich kann er sie noch erreichen, doch die junge Frau spricht mit ausländischem Akzent und scheint zum Islam konvertiert. Doch es ist Evie Murphy. Oder ein Zwilling. Kevin drängt sich ihr auf und wird von einem anderen Mann zurückgehalten. Er muss mit einem blauen Auge davongehen, konnte zuvor jedoch ein Foto mit dem Handy schießen. Und siehe da, es ist tatsächlich Evie Murphy! Könnte dies ein Beweis für Kevins Hotelaufenthalt sein? Sofort ruft er seine Exfrau Laurie an, um so John vom magischen Überleben seiner Tochter zu berichten. Trotz Lauries Bitten sucht er Evie wieder auf, die unter dem Namen Daniah Moabizzi in der Stadtbibliothek arbeitet. Dort angekommen, offenbart sich zunächst Evie: Sie ist weggelaufen, weil sie nicht mehr an das Konzept der Familie glaubt. Auch Kevin fühlt in Wahrheit so, meint sie; wieso sonst hätte er sprunghaft sein ganzes Familienleben und seine Verantwortung in Jarden gelassen?

Doch dann kommt der Twist. Die Frau ist nicht Evie Murphy, sie ist tatsächlich Daniah Moabizzi. Kevin hat in ihr nur Evie gesehen, weil er ihre Beweggründe verstehen konnte. Laurie erklärt ihm am Telefon, dass er wieder eine Psychose durchleidet. Seine Krankheit ist wieder mit voller Kraft zurückgekehrt und nur das Mitspielen der anderen hat ihn teilweise retten können, nicht noch tiefer abzudriften. Kevin realisiert, dass er keinen Schritt weiter ist. Er sieht erneut tote Menschen, irrt durch fremde Gebiete, verletzt sich dabei und sucht verzweifelt nach Antworten, die ihm keiner geben kann. Eines der beständigsten und zutreffendsten Themen in The Leftovers ist, dass nichts im Leben einfach so beendet wird. Weder Trauer, noch Depression oder psychische Krankheiten. Niemand trauert nur bis zu einem gewissen Punkt oder beendet psychische Erkrankungen von jetzt auf gleich. Stattdessen kommen die Probleme in Wellen oft wieder. Es ergibt sich ein lebenslanges, perfides Spiel aus Ebbe und Flut und gerade jetzt herrscht bei Kevin Hochwasser.

Nora ergeht es derweil nicht besser. Sie vermag vielleicht äußerlich noch als emotional gefestigt erscheinen und sie kann sich auch durchringen, erleidet in dieser Folge jedoch den finalen Schlag, der sie auf den Boden schickt – K.O. Ihr Treffen mit den Wissenschaftlerinnen, die sie möglicherweise zum Ort der Verschwundenen bringen können, verläuft katastrophal. Nachdem sie mehrere Tests erfolgreich durchläuft, wird ihr eine uns bereits bekannte Frage stellt: Würde sie den Tod eines Babys billigen, wenn im Gegenzug der Zwilling des Opfers Krebs heilen wird. Nora zögert. Stirbt das Baby qualvoll oder eher schnell und human? Muss sie es selbst umbringen oder nur den Tod absegnen? Handelt es sich bei den Babys um ihre eigenen Kinder? Schlussendlich knickt sie ein. Ja, okay, das Baby soll sterben. Immerhin sterben täglich Babys und im Umkehrschluss wird Krebs geheilt? Eine für sie naheliegende Entscheidung. Doch auch ihre Antwort ist falsch. Oder zumindest nicht die richtige, immerhin wissen wir bereits aus Crazy Whitefella Thinking, dass auch die Rettung des Babys nicht zur Aufnahme in das Programm führt.

Das Dilemma wirft natürlich etliche moralische und philosophische Gedankenspiele sowie Fragen zum Auswahlprozess der Doktoren auf. Handelt und denkt die Person utilitaristisch oder nihilistisch? Kann es eine gute Antwort geben? Geht es eher um die Begründung, die Nora anbietet, oder um das Gespräch über die Frage selbst? Gibt es überhaupt eine Antwort, die zum nächsten Schritt führt, oder ist dies nur ein weiterer Test, um den Willen der Bewerber zu überprüfen? Es gibt einige Anzeichen dafür, dass Nora gewisse Sachen sagt, die womöglich ins Schwarze treffen, schließlich hört ab einem gewissen Zeitpunkt selbst die so distanzierte Zweiflerin des Doktorduos gespannt zu. Aber wie auch immer, die Wissenschaftler brechen das Gespräch direkt ab und verabschieden sich abrupt. Nora bricht zusammen und flüchtet in ihr Hotelzimmer.

The Leftovers treibt das Spiel hier auf die Spitze. Der Zuschauer soll die Frustration mit Nora mitfühlen können, doch Antworten wird er wie auch die Hauptfigur wohl nicht erhalten. Bisher war es nie die Intention der Serie, sich in die eine oder andere Richtung zu lehnen. Kevins Schusswunde aus dem Finale der 2. Staffel zum Beispiel könnte ein Todesurteil sein, doch er hätte die Verletzung auch auf natürlichem Weg überleben können. Dafür muss er gar nicht der neue Jesus sein. Damon Lindelof und seine Autoren sind in Interviews stets bemüht, darauf hinzuweisen, dass die Serie Indizien sowohl für die eine als auch die andere Richtung gibt, Wissenschaft oder Glaube, dann aber jedoch die Figuren entscheiden lässt. Diese erkennen im Chaos ihre eigenen Muster, die durchaus beliebig wirken können. Aber da dies so ein natürlich existenzieller, tief menschlicher Reflex ist, ruft dies Empathie hervor – selbst wenn wir uns anders entscheiden würden, wir (er)kennen das Leid nur zu gut. Und so spielt es keine wirkliche Rolle, wie und ob man die Frage beantwortet. Die Frustration, so nahe an der möglichen Lösung zu sein und trotzdem nicht weiterzukommen, steht im Vordergrund.

Was uns zum emotionalen Höhepunkt der Leftovers-Folge führt. Gebrochen treffen Nora und Kevin nun im Hotel aufeinander. Beide merken, dass es dem Partner nicht gut geht, doch sie flüchten sich in Floskeln. Ja, klar, Kevin geht es gut. Nora (Carrie Coon) ist jedoch ohnehin schon aufgewühlt und bleibt hart. “Du kannst mir alles sagen.” Das ist natürlich eine blanke Lüge. Die Beziehung der beiden hat bereits mehrfach darunter gelitten, dass Kevin Nora nicht die Wahrheit sagt oder aus Angst vor Zurückweisung nicht sagen konnte. Nora ist dahingegen so gefangen in ihrer eigenen Welt, dass sie gar nicht erst daran dachte, Kevin zu Beginn der Episode einen Teil des geschmuggelten Geldes abzugeben. Kevin ist nur ein Anhängsel dieser Reise, höchstens ein Nachgedanke. Lediglich die Angst vor der Einsamkeit hält die Beziehung zusammen.

Musik war schon immer das Herzstück von The Leftovers. Während emotionale Momente früher von den intensiven Tönen von Max Richter nahezu ertränkt wurden, kündigte die 2. Staffel bereits im Intro eine neue Richtung an. Mit Let The Mystery Be richtete man sich direkt an den Zuschauer und in der 3. Staffel gehen die wenig subtilen, aber dafür äußerst passenden Nachrichten mit Personal Jesus oder dieses Mal This Love Is Over von Ray LaMontage weiter. Doch ganz zentral in dieser Episode ist der Einsatz von a-has Take On Me, das zunächst als Klavierversion, später als Bläserversion und zum Schluss im Original ertönt. Der Text des Liedes, mit seiner wörtlichen Übersetzung aus dem Norwegischen (Take On Me heißt etwa Fass mich an oder Berühr mich) hat durchaus einen Bezug zu der Beziehung Noras und Kevins, doch es ist das ikonische Video des Liedes, das die Emotionen der Figuren sehr treffend widerspiegelt.

Im Musikvideo versucht der Sänger aus seinem Comic-Gefängnis auszubrechen und in die reale Welt zu fliehen, um bei der Frau seiner Träume zu sein. Dies gelingt ihm am Ende und das Glück steht den beiden Liebenden in den Gesichtern geschrieben. Doch wie es weitergeht, verschweigt die Geschichte des Videos ganz ähnlich wie viele Romantische Komödien. Selbst in die größte Liebesbeziehung drängt sich irgendwann der Alltag hinein und wenn die beiden Partner ohnehin bereits mit so vielen Problemen wie Kevin und Nora zu kämpfen haben, dauert dies nicht lange. Die naheliegende Lösung wäre daher der Austausch. Communication is key! Aber selbst drei Jahre nachdem Kevin Garvey sich ähnlich wie der Sänger von a-ha nur durch seinen puren Willen von einer Realität in die nächste sang, um zu Nora und seiner Familie zurückzukehren, hat er seiner Freundin alles verschwiegen. Drei Jahre an angestauten Vorwürfen entladen sich binnen Sekunden und Kevin sagt etwas, das schlimmer als eine normale Trennung nachhallt: Nora soll doch dahin verschwinden, wo ihre Familie hin ist. Er geht nach draußen und trifft auf seinen Vater, der ihn in den Arm holt. “Ist das real?”, fragt sein Sohn, als gerade Chaos in Melbourne auf Grund einer Explosion herrscht. “Natürlich ist das real”, antwortet Kevin Sr., der mit Grace den Sohn zufällig im Fernsehen entdeckt hat. Real ja, aber realistisch? Das bleibt, wie so oft, dem Zuschauer überlassen. Möglich ist es schon, dass Kevin kurz im Hintergrund der geliebten Morgenshow zu sehen war, aber vielleicht haben auch höhere Mächte Vater und Sohn zusammengeführt.

Im Hotelzimmer bleibt Nora alleine zerstört zurück. Nora The Cursed ist erneut ohne Familie und kann wieder nicht weinen, stattdessen laufen ihr in einem der schönsten Shots der Serie (mit Dank an Regisseur Daniel Sackheim) die Wassertropfen der Feuerlöschanlage über die Lider, die zu einem Schwall an Tränen verschwimmen. The Leftovers lässt mich, ehrlich gesagt, hier ebenfalls sehr zerbrochen zurück. Neue Liebe findet sich in der Serie häufig und auch wahre, hingebungsvolle Beispiele werden aufgezeigt, doch schlussendlich scheint jede Beziehung in der Serie zu zerbrechen. Selbst Matt, der sich jahrelang für seine Frau aufopferte, wird zurückgelassen. Inwiefern der Sudden Departure, die Prämisse der Serie, sieben Jahre später noch in den individuellen Beziehungen einen Effekt hat, ist unterschiedlich und streitbar. Stattdessen scheint die Serie zu argumentieren, insbesondere in dieser Folge, dass jeder Mensch schlussendlich immer in seiner eigenen Realität leben wird und nie wahrhaftig die Einsamkeit dieser Dimension durchbrechen kann. Sie wird sich eventuell mit denen anderer Menschen kurzzeitig kreuzen, aber so wirklich scheint es niemanden zu interessieren, wie es dem anderen Menschen geht. Natürlich beteuern die Partner dies immer wieder, doch inwiefern sie von den Abgründen im Partner wissen wollen oder wie viel man dem Partner aufladen will, bevor die Beziehung in Gefahr gerät, bleibt trotzdem eine explosive Frage.

Zitat der Folge: “Kevin, are you and Nora okay?”

– Mark Linn-Baker ist mit der Maschine zu den Verschwundene gereist, womit jetzt der gesamte Cast von Perfect Strangers – wo auch immer – vereint ist.

– Die Möglichkeit, dass die Verschwundenen womöglich in eine andere Zeit oder an einen beliebigen Ort im Weltall transportiert wurden, hatte ich noch nie so wirklich in Betracht gezogen. Die Hinterbliebenen scheinen oft gar nicht in Betracht zu ziehen, dass es eine ganz wissenschaftliche Erklärung für das Ereignis gibt, die Verschwundenen aber einfach irgendwo tot um den Jupiter kreisen. Was für eine fürchterliche Vorstellung, dass unsere Nora dort landen könnte. Hoffentlich geht es Mark Linn-Baker gut.

– Natürlich hat Kevin seine Methoden und Probleme auch zum Beginn der Staffel, aber mich beschleicht das Gefühl, dass neben Noras Distanzierung vor allem die neue Bibel über ihn der erste Schritt auf dem Weg zurück in die Psychose war. Wie traurig, dass seine besten Freunde ihm damit nur geschadet haben. Kein Wunder, dass er sich so weit wie möglich von ihnen entfernen will und Nora sofort nach Australien folgt.

– Die angesprochene Explosion am Ende der Episode wird noch interessant werden.

– Eine der Wissenschaftlerinnen heißt Dr. Eden. Ich liebe es, wie oft die Szene nicht zurückschreckt, sehr direkt und frech zu sein! Das Fehlen von Prätention verwandelt diese Spielereien zum Augenzwinkern an den Zuschauer.


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G’Day Australia! Nach zwei mysteriösen Epilogen im Land der Kängurus verlagert The Leftovers die restliche Handlung ab sofort und endgültig nach Down Under. Bevor Kevin und Co. jedoch in Australien ankommen, durchleiden wir zunächst noch zusammen mit Kevin Sr. die Schwierigkeiten der Weltrettung.

Alle Wege führen nach Australien – zumindest in den Serien von Damon Lindelof. Nachdem bereits John Locke in Lost ein Walkabout verwehrt wurde, ergreift The Leftovers die Chance und lässt erneut einen alten, stoischen Mann mit einer Mission nach Australien reisen, um dort auf den Traumpfaden der Aborigines seine Bestimmung zu finden. John Locke wollte einen Sinn im Leben; den fand er zwar nicht in Australien, aber über einen Umweg dann doch auf und mit der Insel. Kevin Garvey Senior hingegen reiste nach Australien, weil ihn die Stimmen in seinem Kopf dazu rieten. Aber auch er wollte einen Sinn erkennen.

Beide Männer sind in der Figurenkonstellation der Serie zunächst eher Randfiguren (Scott Glenn wurde erst in der letzten Staffel zum Series Regular befördert), doch die zwei Männer scheinen schicksalhaft mit dem Ende der Serie verbunden. Denn Garveys Obsession führt nicht nur zu persönlichen Konsequenzen, sondern rückt einen uralten Konflikt in Lindelofs Werk wieder direkt ins Zentrum.

Crazy Whitefella Thinking, die 3. Folge der 3. Staffel von The Leftovers, führt uns dem Titel gebührend auf eine cineastisch inszenierte Reise, auf der Papa Garvey versucht, die Apokalypse durch kulturelle Aneignung abzuwenden. Der weiße Mann ist gekommen, um die Welt zu retten. So weit, so meh. Er stiehlt illegal die Lieder der Ureinwohner, legt sich mit der Polizei an und lebt als ziemlich ungeselliger Zeitgenosse die letzten Tage seines Lebens im australischen Outback aus. Sein Ruf ist derart ruiniert, dass Fahndungsfotos sogar vor ihm warnen. All dies tut er, um die Apokalypse abzuwenden. Zumindest glaubt er das. Kevin Garvey Sr. ist davon überzeugt, dass am siebten Jahrestag des Sudden Departures eine biblische Sintflut einsetzen wird, die nur er abwenden kann. Dafür muss er, das sagte ihm ein magisches Huhn, nur eines tun: singen. Denn als er vor einigen Jahrzehnten “Itsy Bitsy Spider” vorsang, hörte auf magische Weise ein Regensturm auf, vor dem sich sein Sohn fürchtete. Diese Geschichte erzählt er schließlich dem Stammesführer Christoph Sunday, der ihm den letzten Teil der Songline übergeben soll.

Es ist nach wie vor eine meisterliche Leistung der Serie, dass diese hanebüchenen Geschichten um Randfiguren solch einen Pathos entwickeln können. Die Bilder von Mimi Leder reißen schlicht mit, ihre Kraft strotzt nur so von religiöser Symbolik. Ihre Folge will interpretiert werden, aber sie will auch bewegen. In den beiden zentralen Gesprächen, die der Folge so etwas wie Struktur innerhalb der rastlosen Suche bieten, konzentriert sie sich erneut nur auf die Gesichter der Figuren. Immer näher rückt die Kamera heran und man erwischt sich selbst dabei, wie man mit der Nase fast am Bildschirm klebt. Als ob eine größere Nähe mehr offenbaren würde. Am Ende wartet aber keine große Erkenntnis auf. Stattdessen entwickeln wir Mitgefühl für die existenziellen Ängste unserer Mitmenschen – und fühlen uns ein Stückchen weniger alleine.

Es ist vor allem die 1. Staffel, die diesen Szenen und Folgen ihre Kraft bietet. Ohne das bierernste Fundament gerät The Leftovers in Gefahr ins Lächerliche gezogen zu werden. Doch wir wissen um das Leid der Figuren, um den immensen Einfluss, den der Sudden Departure auf ihr Leben hatte. Deshalb ist es auch nur gerecht, dass Scott Glenns älterer Kevin in der verringerten Staffelorder doch noch eine eigene Episode erhält, in der er brillieren darf. Sein Kevin ist jedoch das beste Beispiel für die universelle Darstellung von Leid in der Serie. Kevin Sr. verlor früh seine Frau und machte doch weiter. Erst der Sudden Departure brach ihn dann endlich, weil er seinen Schmerz nie richtig verarbeitet hat.

Der ehemalige Sheriff zeigt ganz deutlich, dass es der Serie nie wirklich um das übernatürliche Event ging. Selbstverständlich sind die gesellschaftlichen Veränderungen durchaus interessant, aber im Kern verfolgt Lindelofs Adaption eine Erörterung der menschlichen Existenz und der Antworten auf die dunkle Stille des Universums. Dass Kevin Sr. Stimmen hört, die ihm sagen, was er tun soll – nachdem ihm in einer Führungsrolle unmissverständlich die Kontrolle genommen wurde – erscheint noch als verständlichste aller Reaktionen. Immerhin wickelt er sich keine Plastiktüte um den Kopf. Doch ein gewisser Teil seiner Geschichte muss ja schon stimmen. Später verstummen die Stimmen, doch er sieht Kevin aka das Huhn im Fernsehen in Perth. Dies ist ein eindeutiger Beweis, dass sich zumindest nicht alles aus der Episode International Assassin in Kevins Kopf abgespielt hat. (Dazu sei auch an den Australier David Burton aus der letzten Staffel erinnert, der Jesus-like aus einer Höhle von den Toten auferstanden ist und davon sprach, dass er in einem Hotel war. Ein anderer Fall oder ein Deckname von Kevin Garvey Sr.?).

Kevin Juniors hoffnungsvolle Karriere als Nachrichtensprecher ist dagegen eindeutig nur ein weiterer Bewältigungsmechanismus. Hier hat keine übernatürliche Macht ihre Hände im Spiel. Um den Tod der Mutter zu verkraften, versucht sich der Junge als Herrscher über die Nachrichten, um so Meldungen aller Art zu kontrollieren. Deshalb ist Kevin auch so besorgt um den angeschossenen Ronald Reagan oder die Ente, die ihren Kopf zu lange unter Wasser hält, und so erleichtert, als die Situation glücklich ausgeht. Die Abmoderation, “alive and well”, ist eine schmerzhafte Erinnerung an die notwendige Rückversicherung, die das Kind in der posttraumatischen Phase braucht. Gleichzeitig dient dieser Spruch aber auch als Möglichkeit zur Reflexion, kontrastiert Regisseurin Mimi Leder sie doch mit Bildern von Kevin Senior, der obsessiv die Tänze und Bräuche der Ureinwohner studiert, um sie später zu kopieren und die Apokalypse abzuwenden. Alive? Ja. Well? Eher nicht.

Auf seiner Reise trifft er auf einen Mann, der sich selbst in Brand setzt. “Sie” hätten ihn nicht genommen, sagt er, weil er kein Baby töten würde, wenn im Umkehrschluss Krebs heilbar wäre. Eine Frage aus einem Ethikaufnahmetest der angepriesenen Wissenschaftler aus der letzten Folge? Die serielle Erzählung verbindet automatisch die Fäden im Kopf miteinander, ohne dass Lindelof und sein Autorenteam noch viel machen müssen.

Der Ausgang von Kevin Seniors Sintflut ist nur halb so interessant wie der Konflikt, der durch seine Befürchtung und sein Handeln entsteht. Die Trauer, die so oft im Zentrum von The Leftovers steht, wird universell und speziell diskutiert. Erika verlor ihre Tochter, sie trauert. Ihr Mann findet dagegen Trost bei der Kirche. Dagegen wirkt der Verlust Noras intensiver. Ihre Familie verschwand gänzlich, ohne eine Spur. Es gab keine Beerdigung, und, noch schlimmer, keine Erklärung. Auch wenn The Leftovers immer wieder mit einer Auflösung flirtete, wird das Mysterium immer unaufgelöst bleiben. Damit kommen viele Zuschauer oft nicht klar. Doch genau dieser Unmut über den Status Quo verrät doch einiges über den Frust unserer Existenz. Vielleicht erfahren wird einige Hinweise, entwickeln unsere eigene Interpretation, finden unseren persönlichen Sinn – doch das große Ganze bleibt uns immer verwehrt.

Natürlich finden die Weltreligionen ihren Ursprung in der Frage der menschlichen Existenz und der Beantwortung der “Großen Fragen”. Warum sind wir hier? Wohin gehen wir nach dem Tod? Wieso hat es gerade gedonnert? Auf viele Fragen bietet heutzutage die Wissenschaft eine nachvollziehbare Antwort. Doch oft können diese Antworten kalt wirken, sie fühlen sich nicht richtig an für das Gehirn des Menschen, das noch an die Informationsübermittlung durch Erzählungen aus hunderten, vorherigen Generationen gewöhnt ist. Grace Playford trifft am Ende den Nagel auf den Kopf: Religion scheint nur eine Geschichte zu sein, der wir gerade folgen. Einer von Hunderten (einen Personal Jesus!), der man scheinbar beliebig glaubt, weil es gerade richtig erscheint oder gut tut. Diese Realisation schmerzt ihr sehr. Aber wie Kevin Sr. beweist: Es braucht nur einen anderen, der einem glaubt oder Mut zuspricht. Einer, der bereit ist, sich deine Gebete anzuhören. Einer, der sich um deine Probleme schert. Und schon ist die Welt wieder in Ordnung.

Ob Graces Abenteuer mit ihrem neuen Kevin dieses Mal glücklicher endet oder ob erneut eine enttäuschende Antwort am Ende dieses Tunnels auf sie wartet? Alle Kräfte wirken ab sofort zusammen, um dies herauszufinden. Der Ausgang des Konflikts hat, so zeigte uns der Epilog der 1. Folge der 3. Staffel, darüber hinaus weitreichende Folgen für die Beziehung von Kevin und Nora. Nora, die unbedingt die Wahrheit herausfinden möchte und Klarheit ins Dunkel bringen will, trifft auf den schwachen Kevin, der nicht das leugnen kann, was er erlebt hat. Woman of Science, Man of Faith. Hoffen wir, dass die Arche, die Grace bauen lässt, für beide Platz hat.

Zitat der Folge: „That makes no fucking sense at all!“

– Richard Cheeses Cover von Depeche Modes „Personal Jesus“ ist die dieswöchige, musikalische Untermalung für die Titelsequenz. Das passt zum Thema der Folge/Serie, aber nicht mehr unbedingt wirklich zu den Bildern. Es sei verraten: Die Musik wechselt von nun ab wöchentlich und passt jedes Mal fantastisch.
– In dem Dorf der Aborigines sieht man das Logo der fiktiven Oceanic Airlines aus Damon Lindelofs Serie Lost. Ein nettes Easter Egg, obwohl sich der Showrunner doch eigentlich gegen eben diese Ostereiersuche in The Leftovers aussprach. Trotzdem: Es passt, denn es handelt sich hier um Episode #23.
– “Well, that’s all subject to interpretation.“
– “If you want a real adventure, you need to chart your own course.”
– Das National Geographic Cover vom Mai 1972 bleibt weiterhin eine amüsante Fundgrube. So wird über eine Spinne berichtet, die sich unter Wasser bewegen kann und von einem bärigen Parkbesucher, der gerne Regeln bricht. Als vor einigen Jahren Theorien über die mögliche Verbindung zum Ablauf der Serie entstanden, hätte ich nicht geglaubt, dass wir hier irgendwann dann doch so haargenau enden.


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Nach dem Familienfest im Staffelauftakt widmet sich The Leftovers in der 2. Folge der 3. Staffel wieder nur einer Figur. Wir folgen der verlorenen Mutter Nora Durst auf einer Reise, deren gleichzeitig tragische und witzelnde Inszenierung noch einen weiteren Sprung nach oben für die Serie darstellt.

Als The Leftovers vor drei Jahren startete, fühlte ich mich gerade besonders empfänglich für den bierernsten Ton der Serie. Sie war nicht nur die neue, spannend klingende Serie von Lost-Schöpfer Damon Lindelof, auf die ich mich als Fan seines ikonischen ABC-Meisterwerks freute, sondern überraschenderweise auch extrem mitreißend. Mein seelisches Empfinden fand bei The Leftovers seinen Widerhall. Als die 2. Staffel dann mit einem neuen Intro begann und wesentlich spielerischer sowie experimentierfreudiger wurde (fast die gesamte 1. Episode der 2. Staffel verweigert uns eine Minute mit den Garveys sowie mit irgendwelchen bekannten Figuren oder Orten), setzte ein Lernprozess ein. The Leftovers kann Spaß machen? Und mit meinem eigenen Befinden gestaltete sich auch die Serie simultan häufig hoffnungsvoller. Auch wenn die Figuren zunehmend von ihren Plagen auf dem Boden der Tatsachen gehalten werden, entwickeln sich zumindest teilweise leichte Momente, die das Leben wieder positiver wirken lassen.

Das bringt uns nun in zweierlei Hinsicht zur neuen Folge. Zunächst einmal lassen Damon Lindelof und seine Autoren einen Running Gag der Serie in einem wundervollen Meta-Moment explodieren, der die Herzen aller Serienfans höher schlagen lässt und so mutig ist, dass dieser Schritt noch jahrelang im Gedächtnis bleiben wird. Dann lassen Lindelof und Tom Perrotta, Autor der Buchvorlage, diesen Gag aber zum emotionalen Höhepunkt der Folge wachsen.

Die sehr hübschen Übergänge von Regisseurin Mimi Leder im Staffelauftakt führten dazu, dass das Cold Open ohne Titelsequenz direkt in die restliche Folge mündete. Lange haben sich Fans Gedanken gemacht, wie The Leftovers das Spiel mit der Titelsequenz beenden würde. Nach den tragischen Klagen der Streicher von Komponist Max Richter und dem suburbanen Post-Departure Fresko in der 1. Staffel sowie dem lockerleichten Let The Mystery Be von Iris DeMent kommt zuletzt nun leider keine komplette Umgestaltung. Stattdessen ertönt das Perfect Strangers-Theme (in Deutschland als Ein Grieche erobert Chicago ausgestrahlt), passend zu Mark Linn-Bakers überraschendem Cameo. Linn-Baker, der in der beliebten Serie Larry Appleton mimte (und dessen Catchphrase “Don’t be ridiculous!” den dieswöchigen Episodentitel beisteuert), kehrt nach einem kleinen Auftritt in der 2. Staffel zurück. Bereits in der 1. Staffel wurde kurz erwähnt, dass die vier Hauptdarsteller der Serie alle verschwunden wären, was innerhalb des Leftovers-Universums zu einem neuen Fan-Interesse bzgl. der Serie führte. Später stellte sich heraus: Linn-Baker hat sein Verschwinden gefälscht, ähnlich wie Nora Durst wurde er von vier anderen, ihm nahestehenden Personen zurückgelassen.

Diese statistische Gemeinsamkeit ist aber nicht der einzige Fakt, der die beiden in dieser Folge zusammenführt. Ähnlich wie Nora Durst verlangt Mary Linn-Baker, der Zweifel an seiner Verfasstheit und Überzeugung entschlossen zurückweist, nach einem Gefühl der Kontrolle. Das wäre auch höchste Zeit. Wie die Folge nicht müde wird zu betonen, kann Nora kaum einen Aspekt in ihrem Leben unter Kontrolle halten. Sie kann weder die Gerüchte um den verstorbenen Mann auf der Säule in Jarden kleinhalten, noch kann sie die Maschinen auf ihrer Reise zur Kooperation zwingen. Dass man sich bei Flugreisen in die Hände von begabten Piloten und hoffentlich funktionierenden Flugzeugen begibt, braucht die Folge ohnehin nicht erst zu betonen.

Für Nora ist es leicht, Kontrolle zu ergreifen, wenn sie die Chance dazu hat. Sie schreitet ein, als Baby Lily – jetzt kein Baby mehr und mit anderem Namen wieder bei Mutter Christine (Annie Q.) – ein Schäufelchen gestohlen bekommt. Sie willigt schnell ein, als ihr die Einladung zu einem Treffen mit Linn-Baker und die spätere Reise nach Australien angeboten wird. Und sie öffnet die Schranke mit eigenen Händen – welch schönes Bild für den Rest der Leftovers-Staffel.

Denn diese Episode rückt Nora Durst beim Abbiegen auf die Zielgeraden völlig zu Recht ins Rampenlicht. Sie ist die Interessante der Serie. Womöglich haben wir bereits einige Figuren zum letzten Mal gesehen, einige scheinen ihren Platz (wie zum Beispiel die restliche Garvey-Familie) auch gefunden zu haben. Doch mit Kevin verbleibt uns ein tief gebrochener Mann, der jedoch auch – das zeigte uns The Garveys At Their Best sehr deutlich – bereits vor dem Sudden Departure mit einigen psychischen Problemen zu kämpfen hatte. Auch das Familienleben der Garveys war zerbrochen, ein Baby sollte das Patchwork zusammenhalten.

Dagegen wirkte Nora ähnlich geplagt, aber eher von alltäglichen Lasten. Ihr unbeschreiblicher Verlust, der sich durch die unerklärlichen Geschehnisse schlicht nicht verarbeiten lässt, macht sie zur interessantesten Figur der Serie. Ihr Bruder Matt, der mit ihr den Verlust der Eltern (und jetzt auch seiner neuen Familie) durchlitt, begab sich als Reaktion in die Hände Gottes. Er wartet. Seine Schwester dagegen gesteht keiner anderen Seele (ich erinnere auch an den Buchautor in der 1. Staffel in Guest) ein gleiches Recht auf Leid ein. Der Verlust definiert sie und sie lässt es auch gerne zu. Sie machte es buchstäblich zu ihrem Job, die verfälschten Vorgänge aufzuklären, um ihr singuläres Leid und das ihrer Leidensgenossen herauszustellen. Das ist stimmig, wie Erika (Regina King) uns bei ihrer Rückkehr erinnert: Sie konnte Evie beerdigen. Sie stellte sich nach dem Tod ihrer Tochter der Wahrheit – im Unterschied zu ihrem Mann – und ihr geht es inzwischen gut. Auch Johns Wohlbefinden würde er wohl selbst als positiv bezeichnen, obwohl seine Reaktion die Wahrheit leugnet. The Leftovers zeigte uns, was wirklich passierte, verurteilt die Leidenden in ihrer Reaktion aber nicht, sondern lässt die Menschen auf unterschiedliche Arten trauern.

Bei Noras Treffen mit Erika bestätigt sich darüberhinaus eine Vermutung der Ärzte: Frau Durst hat sich eigenständig den Arm gebrochen; um ein Wu-Tang Clan-Tattoo zu verstecken, das die Namen ihrer Kinder verdeckte. Als sie heimkehrt und Kevin bei seiner Plastiktütenroutine erwischt (die er vollzieht, um sich “lebendig”“ zu fühlen; nicht, um zu sterben), reagiert sie zunächst verständnisvoll. Quasi “Whatever helps, man”. Dann schlägt Kevin jedoch vor, ein neues Baby zu zeugen. Hier brechen bei Nora nun die Dämme. Sie verfällt in ein herzhaftes, befreiendes Lachen – denn sonst müsste sie weinen. Das Lachen ist zu lange, es schmerzt den verwirrten Kevin zutiefst und ist wohl trotzdem die richtige Entscheidung. Kevin und Nora mögen vielleicht zusammen ganz glücklich sein, doch die beiden sind für sich genommen zwei kaputte Menschen, die für den Rest ihres Lebens versuchen werden, sich wieder zusammenzuflicken. Ein Kind passt dort nicht ins Bild.

Diese Reaktion ist nur eine von Noras dunkleren Seiten, die The Leftovers immer wieder genüsslich hervorbringt. Carrie Coons schauspielerische Fähigkeiten und Noras Weg sind jedoch sympathisch genug, sodass die Serie und Nora die Zuschauer nie verlieren. Deshalb überrascht es nicht, als Nora die Bilder des toten Säulenmanns im Stadtzentrum plakatiert, der öffentlich als “verschwunden” gefeiert wird. Für diesen religiösen Quatsch hat sie keine Zeit. Es ist fies, nahezu ekelhaft. Aber sie kann nicht davon ab. Sie vermag vielleicht ihre eigene Situation nicht zu kontrollieren, doch zumindest anderem Bullshit kann die Luft genommen werden.

Genau deshalb ist der Anruf so interessant. Linn-Baker macht ihr nicht nur ein Angebot, sondern liefert auch Beweise. Wissenschaftler sollen seltene Strahlung (LADR = engl. Ladder = Treppe? Aha!) an Orten des Sudden Departures bestätigt haben. Mit Hilfe einer Maschine, die sich in Australien befindet, soll Nora diesen Spuren dorthin folgen können, wohin ihre Familien und 140 Millionen andere Menschen verschwanden. Völlig zurechnungsfähige Menschen schwören auf die Methode, ihre Bekundungen lässt Regisseur Keith Gordon meisterhaft zu einem Chor himmlischer Stimmen verschwimmen. Ein Ruf, dem man folgen sollte? Das wird sich herausstellen. Zumindest ist es ein Weg, dem sie folgen kann. Und wenn es nur darum geht, anderen das Spiel zu verderben.

Hier könnte die Episode enden, doch The Leftovers gönnt uns noch einen weiteren Epilog aus Down Under. Dieser weitaus längere Einblick in eine ungewisse Zeit mit zwielichtigen Gestalten stellt uns Polizeichef Kevin vor. Der australische Kevin ist ein wenig älter, etwas größer und graumelierter als unser Kevin, doch auch dieser Chief hat es nicht so sehr mit Tieren, seinen Kollegen oder determinierten Frauen aus dem Dorf, die ihre eigene Agenda verfolgen. The Leftovers liebt das Spiel mit den Bildern. Die vier Frauen, die sich Kevin vor dessen Haus gegenüberstellen, werden bewusst metaphysisch als die Apokalyptischen Reiter inszeniert. Später lässt die Serie – wie nahezu immer – das Pendel wieder in die andere Richtung schwingen. Die Frauen, angeführt von Grace, zeigen keine Gnade bei der Umsetzung ihrer wirren Idee: Sie haben nämlich Das Buch von Kevin gelesen und glauben, den heiligen Kevin aus den Jamison’schen Erzählungen gefunden zu haben. Prompt wird dieser dem Test unterzogen und sie müssen erkennen, dass sie den falschen Messias gefunden haben. Der Mann ertrinkt. Ähnlich wie für die adventistische Frau aus der letzten Woche muss dies aber noch nicht das Ende sein: Kevin Garvey Sr. (Scott Glenn) wandelt gerade mitten in der Nacht aus seinem Haus zum Wasserloch und scheint die Ladys zu kennen.

Zitat der Folge: “Everything that matters is up there in the cloud, right?”

– Die Autoren der Folge, Damon Lindelof und Tom Perrotta, wurden übrigens als Tha Lonely Donkey Kong & Specialist Contagious gelistet. Dies sind die offiziellen Namen, die der Wu-Tang Namengenerator ausspuckt. Ich möchte ab sofort bitte nur noch als Fearless Specialist bezeichnet werden.

– Die vier australischen Reiterinnen sind nicht die gleichen vier Frauen, die Kevin kurz vor dem Sudden Departure in Mapleton am Straßenrand begegneten. “Bist du bereit?”, fragten sie ihn damals und fuhren dann suchend weiter. Es wäre vielleicht ein Schritt zu weit für die Serie, die abseits des kosmischen Ereignisses fast immer für die Realität pulsiert – aber wie cool wäre es gewesen, wenn es die gleichen Frauen gewesen wären!?

– Max Richters Klavierversion des Perfect Strangers-Theme war das musikalische Highlight in einer ohnehin grandios unterlegten Folge.

– Dass die Reiterinnen aus dem Buch Kevins zitieren, bestätigt meine Vermutung aus der letzten Folge: Matt hat das bereits alles digitalisieren lassen und verbreitet die frohe Kunde weltweit.


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Damon Lindelofs meisterhafte Serie The Leftovers beginnt die 3. und finale Staffel mit einem überaus passenden Knall – in mehrfacher Hinsicht. Der Auftakt markiert den Anfang einer emotionalen Achterbahnfahrt mit Überraschungen und Wendungen, die aktuell ihresgleichen sucht.

Tränen laufen Kevin Garveys Wangen in The Leftovers hinunter, als er Homeward Bound singt und sich nichts mehr als eine Rückkehr zu seiner Familie wünscht. Ihm wird die Heimreise gewährt. Trotz der apokalyptischen Zustände in Jarden (of Eden), Texas, dem einzigen Ort auf der Welt, an dem niemand am Tag des Sudden Departures verschwand, lächelt der gequälte Mann überfreudig, als er seine Familie wohl und heil entdeckt. “I live here now”, wie er Meg im Besucherzentrum trotzig erwidert, ist eben nicht nur der Titel der Folge, sondern auch Ausdruck eines neues Lebensgefühls. Das Ende versprühte die Hoffnung, dass – egal wie chaotisch die Welt ist, egal wie abgefuckt man selbst ist – das Zuhause einen auffängt.

Dass dieses versöhnliche Ende nicht lange halten würde, überrascht Fans von The Leftovers wenig. Perfekt als Serienende konzipiert, diente das Finale aber nach der Verlängerung durch HBO auch als großartiger Auftakt für die 3. und letzte Staffel. Dass die Garveys auch drei Jahre später weiterhin so tun, als sei alles in Ordnung, überrascht dabei jedoch weniger als der Knall zum Beginn der Folge, als eine Drohne der Regierung die Guilty Remnant – inklusive Meg (Liv Tyler) und Evie – pulverisiert. Die Aktion ist gleichermaßen verabscheuungswürdig und aufklärend. Fast die gesamte 2. Staffel spielte sich nämlich im Miracle National Park ab; der Angriff war eine willkommener Callback zu dem brutalen Umgang mit Sekten und Zwischenfällen der 1. Staffel.

Drei Jahre später hängt die Welt immer noch (wieder?) am Abgrund. Zwei Wochen vor dem siebten Jahrestag des Sudden Departures versammelt Pfarrer Matt Jamison (Christopher Eccleston) etliche Gläubige um seine kleine Kirche. Nichts müsse am 14. Oktober passieren, sagt er, aber wenn, dann seien alle hier am richtigen Ort. Dass jedoch etwas passieren wird, gilt als gesichert. Über dem Kirchendach schreibt ein Pilot “Noch 13 Tage” in den Himmel, während der Wind am Boden Flyer mit der gleichen Botschaft umherweht.

Kevin (Justin Theroux), der nun als Polizeichef zusammen mit seiner Partnerin Nora (Carrie Coon) die Stadt schmeißt, hält den Stress aber gut aus. Sogar die Überraschungsparty für Stiefsohn Tom (nun auch Polizist) ist kein Problem für ihn. Seine Exfrau lebt ebenfalls in Jarden. Sie arbeitet und lebt zusammen mit John Murphy, dessen Frau (Regina King, ein Highlight der letzten Staffel) bis jetzt verschwunden bleibt, ebenso wie Baby Lilly. Vielleicht hängt ihr Schicksal zusammen?

Die 1. Episode ist als Rundgang durch die Stadt konzipiert und erinnert in groben Zügen an die Pilotfolge von The Leftovers. Zunächst gehen wir mit Kevin auf Streife: Zu seinen Aufgaben gehört, Besucher ins Stadtzentrum zu führen und grimmig zu schauen. Während früher Zucht und Ordnung Jarden zusammenhielten, versucht Kevin, die Hippies und Gläubigen nun mit einer neuen Lockerheit unter Kontrolle zu halten. Dies gelingt ihm auch, wobei jedoch nie ein gewisses Gefühl der Nervosität verloren geht. Die Bilder des Staffelendes sind noch zu frisch, als dass diese neue Führung über die dünne Deckung der Zivilisation hinwegtäuschen könnte.

Die Schwindeleien von John und Laurie toleriert Kevin, ebenso können die Gläubigen ihre Messe in Ruhe abhalten. Selbst einen Zwischenfall mit Protestanten kann er mit Eigeninitiative lösen, auch wenn er selbst seine Handlungen nicht mehr emotional registriert. In Wahrheit nämlich hat Kevin keinen wirklichen Fortschritt erzielen können, er läuft auf Autopilot. Während er nach außen Kontrolle und Ruhe ausstrahlen kann, muss es in ihm schrecklich zugehen. Am Morgen nach der perfekten Geburtstagsparty, zu der sogar Jill vom College kurz nach Hause kam, versucht Kevin sich nämlich umzubringen.

Die Frage des “Warum” ist hier nicht unbedingt zentral. Zumindest noch nicht. Vielleicht will Kevin zurück ins das Hotel im Jenseits. Womöglich versucht er Kontakt mit seinem Vater aufzunehmen. Am Ende versucht er auch sich selbst jedes Mal umzubringen – ohne Erfolg, weil Jarden ihn nicht lässt, wie später John und Matt betonen.

Wichtiger ist, dass er es tut. Der Ablauf scheint routiniert, schmerzt aber nach dem perfekt inszenierten Abend jedoch umso mehr. Schließlich ist es das erste Mal, dass wir ihm bei der Prozedur zusehen und schmerzvoll erkennen müssen, dass nicht ein Ereignis all unsere Sorgen und Ängste aus der Welt schafft, sondern alles Nachhaltige im Leben prozesshaft abläuft.

Oberflächlich gesehen ist Kevin ein glücklicher Mann. Familie, Haus, Job, Kinder – Kevin Garvey at his best. Doch die Bilder aus dem Jenseits aus der Folge International Assassins. Die aufwühlende, emotionale Achterbahnfahrt der Folge scheint vielleicht Patty aus seinem Geist verbannt zu haben, doch Kevin bleibt ein schwer kranker Mann.

The Leftovers handelt von Trauer, das ist richtig. 140 Millionen Menschen verschwinden plötzlich ohne Erklärung. Der seelische Heilungsprozess kann nie hundertprozentig abgeschlossen werden, wie das bei einem natürlichen Tod stattfinden könnte. Wobei auch die Serie die Frage stellt: Ist der normale Tod weniger katastrophal und verwirrend, als wenn sich Menschen buchstäblich in Luft auflösen, nur weil wir uns daran gewöhnt haben? Wo liegt der Unterschied, wenn es denn einen gibt? Schlussendlich ist mit dem Unwissen über das Danach zu leben. So oder so.

Doch in Verbindung dazu dreht sich The Leftovers häufig stärker und intensiver um die existenziellen Fragen der Figuren und ihre damit verbundene Depression. Kevins Selbstbild fängt nämlich erneut zu bröckeln an, als Dean (Michael Gaston) zurückkehrt. Der Hundejäger, den die Serie in der 1. Staffel zurückließ, erleidet ein blutiges Ende. Aber zumindest weiß Kevin nun, dass er tatsächlich echt war. Noras Versprechen zum Beginn der Folge, den Bullshit von der Wahrheit zu trennen, halten die Autoren ein. Doch Kevin ist weiterhin tief verzweifelt. Seinem Stiefsohn rät er, über die Ermordung des Angreifers zu sprechen, doch er selbst ignoriert seine Ratschläge. Dass er Tom von Pattys Ermordung erzählt, als sei sie real, spricht Bände und offenbart ein zentrales Anliegen der Serie: Es spielt keine Rolle, ob es real war oder nicht, solange Kevin daran glaubt. Die Gefühle, unter denen er leidet, schert es nicht. Sie sind einfach da.

Hilfe kann er keine erwarten. Leuten, denen er mit seiner Geschichte vertraut, betrügen ihn und schreiben, wie Matt mit seiner neuen Kevin-Offenbarung beweist. (Auch wenn es verständlich ist, immerhin verlangt Kevins Geschichte danach, irgendwie festgehalten zu werden.) Der Pfarrer missbraucht nicht nur seine Frau und seinen Sohn Noah (clever!) für seine Show, sondern auch die ganz persönlichen Kämpfe seines Schwagers für sein eigenes Spiel. Auch zwischen ihm und Nora scheint einiges unausgesprochen, die Abwesenheit von Lilly schwebt wie eine Bombe über der friedlichen Darstellung der Patchwork-Familie.

In der Auftaktfolge porträtiert The Leftovers einen Mann, der alles hat und trotzdem nicht zu sich und seinen Menschen finden kann. Er braucht Antworten auf Fragen, die ihm keiner geben kann. Und das weiß er. Genau das ist die große Kraft der Serie. Das plötzliche Verschwinden ist nur eine Offenlegung des Offensichtlichen. Der Mensch tappt bezüglich der großen Fragen weiterhin im Dunkeln und kann nur in seinen Mitmenschen Trost finden. Eben deshalb leidet Kevin, da ihn seine Depression vom Leben und der Freude an seinen Mitmenschen trennt.

Dies reflektiert Book of Kevin in dem großartigen Cold Open, das nicht ganz so abgefahren wie die prähistorische Reise zum Beginn der letzten Staffel ist, dafür aber thematisch erneut den Ton für die Staffel angibt. Wir sehen Adventisten im 19. Jahrhundert, die auf die zweite Rückkehr von Jesus Christus warten. Wie die Geschichte uns und sie gelehrt hat, endet dies in der Großen Enttäuschung. (Eine süffisante Wahl von Damon Lindelof, den die Rückmeldung zum Ende von Lost selbst in eine Depression stürzte). Jesus kommt nicht, keine Antworten und noch mehr Zank. Die Sequenz ist herzzerbrechend, da die Lösung scheinbar so nahe liegt. Regisseurin Mimi Leder verbindet diese Flashbacks mit der Gegenwart nahtlos, der Sprung in die Zukunft jedoch ist ebenso unerwartet wie meisterhaft. Scheinbar bläst The Leftovers die Apokalypse bereits ab, noch bevor sie begonnen hat. In der nahen Zukunft lebt eine gealterte Nora nämlich unter dem Namen Sarah in Australien und leugnet, jemanden mit dem Namen Kevin zu kennen. Es ist kein “We have to go back”-Moment, aber definitiv ein mutiger Schritt der Autoren.

Wie kommt Nora nach Australien und wieso lügt sie? Was wurde also aus Kevin, der von John, Michael und Matt als der neue Jesus angesehen wird? Viel kann sich in Kevins Kopf abspielen, aber einige unerklärliche Phänomene können am Ende doch nicht von der Hand gewiesen werden. Das weiß er und deshalb kann er auch das Buch nicht ganz wegwerfen, ähnlich wie er nicht mit den Erinnerungen an seine Taten abschließen kann. Die Ungewissheit plagt ihn. Er weiß, dass der Sudden Departure, so schlimm er auch war, ihn nichts Neues gelehrt, sondern nur das Verdrängte ins Zentrum gerückt hat. Wir können argumentieren, beweisen und untersuchen, aber ein Restzweifel bleibt immer bestehen. Es gibt keine Sicherheit, es gibt kein Ankommen. Wie fürchterlich.

Zitat der Folge: “It’s all true. It all happened. It’s still happening.”

– Kevins Buch ist sicherlich nicht die einzige Kopie, wie Matt meint. Michael Murphy klappte schnell den Laptop zu und digitalisiert bestimmt die Niederschriften. Ein weiterer Test von Matt.

– The Leftovers kehrt nicht nur passend zum Ostersonntag zurück, auch das Startdatum des 16. April wird als Rückkehr von Jesus Christus zu Beginn der Folge genannt.

– Kevin glaubt die offizielle Variante der Regierung nicht, vertritt gegenüber der “Verschwörungstheorie” bzgl. des Drohnenangriffs die Position der Regierung. Dies reflektiert sehr schön sein gestörtes Verhältnis zu Realität und Fiktion, Wahrheit und Lüge.

– Damon Lindelof und Regisseurin Mimi Leder verzichten auf einen starken Einsatz von Max Richter und lassen die Titelmelodie nur im Flashback und Flashforward spielen. Der Track am Ende ist eine neue Version des Hauptthemas, die mehr auf die Bläser als die Streicher setzt. Als seien sie verspätete Hörner aus der Johannesoffenbarung.