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Zombies and chill? Fear The Walking Dead legt in dieser Woche ein kleines Päuslein ein. Statt Zombies gibt es die Hintergrundgeschichte zur mysteriösen Laura und John Dorie, die durch ihre Zärtlichkeit und Ruhe überrascht sowie erfreut.

John Dorie (Garret Dillahunt) führt ein geordnetes Leben. Jeden Morgen weckt ihn der Wecker und sein Tag beginnt. Auf die Katzenwäsche folgt ein ausgiebiges Frühstück und dann wartet die Arbeit auf ihn. Zwischendurch fischt er sich sein Mittagessen, später füllt er seine Wasseraufbereitungsanlage. Wenn ein Zombie in den Graben um sein abgelegenes Haus fällt oder am Ufer des Flusses seines idyllischen Südstaatenparadieses angespült wird, unterbricht er seine Arbeit – aber nur kurz. Sobald die Sonne untergeht, gibt es sogar einen Film und ein bisschen Popcorn, das kleine Windrad auf dem Hausdach macht es möglich. John Dorie hat das Leben in der postapokalyptischen Welt von Fear the Walking Dead völlig unter Kontrolle. Aber es kommt wie es kommen muss. Eines Tages spült ihm der Fluss eine Frau an und seine Welt steht Kopf. Laura, wie er seine scheue Besucherin nennt, ist verletzt und extrem misstrauisch, selbst nachdem John ihr Hilfe anbietet und sie bei sich aufnimmt.

Eine willkommene Abwechslung in der bisherigen Staffel

Ausnahmsweise sind es mal nicht die Zombies, die uns das Herz brechen. “Laura”, gleichzeitig auch der Titel der 5. Folge der 2. Staffel, ist daher eine willkommene Abwechslung in der bisherigen Staffel. Da die gesamte Folge in der “Before”-Zeitebene spielt, gibt es bis zum bitteren Ende kein böses Erwachen in Sachen Farbfilter und sonstigen Spielereien. Stattdessen wird John Dorie, bisher einer dieser neuen überlebensgroßen, cartoon-artigen Helden, sanft entschlüsselt. Dorie ist wahrscheinlich ein bisschen zu ruhig und zu gut an die Zombie-Apokalypse angepasst, aber immerhin ist sein Umfeld realistisch und geerdet. Somit erinnert die Folge in ihrer Erzählung und ihrem Stil stark an die verlorene Größe von Fear the Walking Dead. Die Episode mag durchaus vorhersehbar sein und nach dem vertrauten Schema F ablaufen, doch die Schauspieler können den Kontrast der Charaktere und die zwischen ihnen entstehende Spannung gut darstellen.

Auch inhaltlich können Laura und Dorie die Folge durchaus tragen. John will eigentlich nur seine Ruhe. Er hat sich bereits vor der Apokalypse zurückgezogen und war somit kurioserweise sehr gut vorbereitet. Er erlitt sein Trauma bereits vor dem Untergang, als er einen bewaffneten Räuber erschoss. Da in dem The Walking Dead-Universum, vor allem in der Mutterserie, die moralischen Differenzen oft klar abgegrenzt sind, ist es eine willkommene Abwechslung, dass Dorie nicht nur mit seinem Heldenstatus hadert, sondern auch um das verlorene Menschenleben trauert. Gerade in den USA, in der Kriminelle häufig in der öffentlichen Diskussion nach einem Gesetzesbruch als vogelfrei erklärt werden, ist ein reumütiger Südstaaten-Cop eine durchaus interessante Figur, die eine nähere Betrachtung wie in dieser Episode verdient.

Die große Liebe in der Zombie-Apokalypse

Laura bzw. Naomi (Jenna Elfman) hingegen funktioniert nur im Gegenspiel zu anderen Figuren wie Alicia oder John. Ihre misstrauische Ader ist für langjährige Zuschauer dieser Serien eine absolute Berechtigung. Schließlich könnte sich Dorie auch über Wochen vom Fleisch seiner Besucher ernähren oder andere Geheimnisse verbergen. Wie sich herausstellt, tragen beide dunkle Geheimnisse mit sich. Spät in der Nacht, als John neben ihr auf der Couch schläft, vertraut sie ihm ganz beiläufig in nur einem kurzen Satz an, dass sie ihre Tochter verloren hat. Der Moment ist so kurz und flüchtig, aber so emotional vernichtend, dass er vollkommen ausreicht, um Laura zu verstehen. Fear The Walking Dead setzt besonders in dieser Staffel auf das buchstäbliche Nacherzählen von Geschichte. Es geht nicht nur darum, was mit Naomi, den Vultures und vor allem Madison passiert ist, sondern wie die anderen Charaktere dazu stehen und wie sie diese Geschichte erlebt haben. Das Theater wird sogar in der Figur Althea personifiziert, welche die Figuren buchstäblich in eine Kamera blicken und ihre Gefühle erzählen lässt. Bei Laura hingegen reicht uns ein Satz und die Vorstellung malt Schlimmeres aus, als die Serie uns zeigen könnte. Es ist ein seltener und cleverer Einfall der Autoren.

Da sowohl John als auch Laura in einer ähnlichen Situation stecken, kommen sie sich natürlich näher. Die Episode nimmt sich viel Zeit, ihre authentische, wenn auch vorhersehbare Beziehung vernünftig aufzubauen. John litt unter seiner Einsamkeit und obwohl ihm wohl jede Gesellschaft willkommen gewesen wäre, hat er offensichtlich Gefallen an Laura gefunden. Seine Hilfe ist aufrichtig und er drängt sich ihr in keiner Weise auf. Stattdessen unterstützt er sie, wo er kann, und bringt sie nicht von ihrem Wunsch ab, nach der Genesung weiterzuziehen. Natürlich wünscht er sich mehr und dass sie bleibt, doch es kommt erst zu Zärtlichkeiten, nachdem die beiden den obligatorischen Zombieangriff der Folge abgewehrt haben. Am nächsten Morgen jedoch ist Laura weg, wie Dorie später Morgan (Lennie James) berichtet. Zusammen begeben sich die zwei Männer auf die Suche nach Dories großer Liebe.

Ein reiferer Ansatz inklusive Traumata

Ich mag diese Episode, denn sie ist sehr süß. Laura und John sind zwei sehr authentische und realistische Figuren, die ihre Traumata verarbeiten und zusammen funktionieren könnten, wenn sie es zuließen. So etwas ist selten geworden im The Walking Dead-Universum, wo entweder himmelhochjauchzende Liebeserklärungen vorherrschen oder die Serie sagt, dass sich zwei Figuren lieben und wir es ihr glauben müssen. Nicks Beziehung zu Luciana war zum Beispiel nicht wirklich glaubhaft und die kurze Rückkehr auch nur der emotionalen Unterfütterung von Nicks Tod gedacht. Dahingegen ist auch Laura kein großer Wurf, aber gerade wegen ihrer Ruhe und Glaubhaftigkeit ist diese zärtliche Annäherung zweier Erwachsener so schön.

Dieser reifere Ansatz wirkt sich auf die Gestaltung der gesamten Folge aus. The Walking Dead und auch Teile von Fear The Walking Dead möchten dem Zuschauer große Action bieten. Immense Mächte prallen in ihnen aufeinander, die Zombies geraten dabei oft nur noch zum Hintergrundrauschen. So soll es auch sein. Zwischenrufe wie diese Episode sind aber auch wichtig. Sie schildern den Alltag und das Leben, wie es wohl in der Realität tatsächlich aussehen würde. Millionen von hilfsbereiten Menschen, die alleine irgendwo in der weiten Natur Amerikas auf jemanden warten, mit dem sie den Rest ihres Lebens verbringen können. Wie lange das ist, können sie – genau wie wir Zuschauer – natürlich nicht wissen. Also machen sie das Beste daraus. Sie reparieren langsam und stetig ihre Welt und finden zueinander. Wie schön, dass wir damit jetzt eine Figur haben, die von mehr als nur Rache oder Gier motiviert ist. Fear The Walking Dead entdeckt die Liebe. Für Liebeserklärungen an die Serie ist es zu früh, doch vielleicht könnte dies die Zukunft der Serie sein.