Fear and Loathing of the Walking Dead
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Kurz vor dem Finale gibt uns Fear The Walking Dead eine kurze Verschnaufpause. Doch das bedeutet nicht, dass die Folge langweilig wäre. Neben einem Drogentrip und einer scheinbar längerfristigen Trennung müssen wir den Tod einer weiteren Hauptfigur verkraften.

Fear the Walking Dead schießt gerade aus allen Rohren. Nach den glorreichen Folgen über den Kampf um den Erhalt der Ranch war anzunehmen, dass die Serie einen Durchhänger haben könnte. Doch weit gefehlt. El Matadero hat so kurz vor dem zweistündigen Staffelfinale gar keine Zeit, auf die Bremse zu treten.

Jede einzelne Hauptfigur macht in dieser Folge eine Entwicklung mit weitreichenden Folgen durch. Allen voran Ofelia, die sich von einer lebenden in eine tote Nebenfigur verwandelt. Spaß beiseite, Ofelias Biss kommt überraschend, doch die Zeit zwischen dem Vorfall und ihrem Zusammenbruch ist innerhalb des Plots extrem kurz. Aktuell erzählt Fear The Walking Dead eine dichte, bündige Geschichte, die keinen Raum für Spielereien oder übernatürliche Rettungen übriglässt. Selbst ein verzweifelter Schritt wie das Abhacken von Jakes Arm scheint keine Rettung mehr zu sein. Daher gestaltet sich die A-Storyline um den absehbaren Tod von Ofelia.

Mit Ofelias Tod sind natürlich auch etliche Konsequenzen verbunden. Sie war in gewisser Weise die Freikarte zu den Überlebenden am Staudamm. Im letzten Gespräch mit Daniel (Rubén Blades) wurde ihm das Wiedertreffen mit seiner Tochter in Aussicht gestellt, welches nun ein sehr trauriges und mitreißendes Ende findet. Sekunden bevor Daniel endlich an dem Markt ankommt, erliegt Ofelia ihren Verletzungen. Weder ihm noch seiner Tochter bleibt nun Zeit, sich besser kennenzulernen und dadurch besser zu verstehen. Ofelia wäre auch genau in dem richtigen Alter gewesen und hätte nach ihren neuen Erfahrungen genügend Reife entwickelt, um die Handlungen ihres Vaters in der Vergangenheit nachzuvollziehen. Dass diese Gespräche nun nicht stattfinden können, so kathartisch sie auch für die beiden gewesen sein mögen, ist vielleicht schade, doch für uns als Zuschauer hoch dramatisch.


Fear The Walking Dead: Alicia versteckt sich im Bällebad.
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Ofelia stellt in gewisser Weise auch das dritte Kind dar, das Madison (Kim Dickens) endgültig verliert. Sie übernimmt in der Folge völlig die Mutterrolle, während ihre eigenen Kinder ihr dies nicht mehr erlauben. Die Anführerin wacht lange an Ofelias Bett, bis ihr selbst die Kräfte ausgehen und sie vor Erschöpfung einschläft. Dies ist Madisons Art, die Lage zu meistern. Ihre eigene Tochter ist nämlich erst einmal über alle Berge, weil sie nicht mehr mit der Verantwortungsrolle umzugehen weiß, in der ihre Mutter sie stets drängt. Den Autoren sei Dank verschwendet die Serie auch wenig Zeit auf die Suche nach Alicia. Sie stößt buchstäblich auf Troy und Nick (Frank Dillane), die sich in diesem Gebiet bestens auskennen. Doch selbst Nick kann seine Schwester nicht dazu überreden, mit zur Mutter zu rennen. Alicias Einzelgang ist in der Folge wenig mitreißend, wenn auch einzelne Set Pieces (inklusive einem Kampf mit einem Zombiekind im Bälleparadies) extrem gelingen. Stattdessen erfährt sie in der Begegnung mit Diana, wie ihre Zukunft aussehen wird. Ein harter, einsamer Überlebenskampf ohne Freunde und viel Misstrauen. Ich bezweifle stark, dass dies Alicias Zukunftswunsch ist und prophezeie jetzt schon, dass sie verlorene Tochter wieder zurück zur Familie finden wird. Zuerst jedoch muss sie die Erfahrung einer verlorenen Zukunft mit sich vereinbaren und wird wohl im Finale zunächst zu Jakes Hütte fahren.

Dagegen ist Nick zunächst loyal gegenüber seiner Mutter, bricht dann jedoch stärker ein als alle anderen. Die geheime Hauptfigur der Serie hat eine interessante Reise hinter sich gebracht. Als Junkie inmitten der ersten Zombies in Los Angeles erwacht, symbolisiert Nick heute oft den moralischen Kompass der Serie. Doch der Stress und der Verlust scheint ihn stärker mitzunehmen als das der Zuschauer bisher vermuten konnte. Zusammen mit Troy – dessen Zurückhaltung in Sachen Drogen auf Grund seiner Familiengeschichte gut geschrieben und gespielt wird – begibt er sich auf eine Reise, die durchaus als Fear and Loathing of the Walking Dead bezeichnet werden darf; und das nicht nur weil Nick dem jungen Johnny Depp ähnelt. Regisseur Stefan Schwartz schafft es mit wackeligen, unfokussierten Bildern und Kamerabewegungen wie Dolly Zooms, die Stimmung durchaus prägnant einzufangen. Dazu ist der Trip ein erneuter Beweis dafür, wie sehr das Spinoff in Sachen visueller Umsetzung seiner Idee die Mutterserie in den Schatten stellt.


Fear The Walking Dead: Neue Freunde machen fällt schwer.
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Der Trip führt die beiden Freunde außerhalb des abgesicherten Geländes vor eine Meute Walker. Hier offenbart Nick das Geheimnis um die schützende Kraft des Zombiebluts. Fear The Walking Dead hat viel Arbeit in der Vergangenheit geleistet, sodass der Zuschauer die Figuren für ihre Aktionen nun gleichzeitig verflucht und um ihr Leben bangt. Die Mission glückt jedoch und inmitten der Zombies bricht Nick in den Armen Troys zusammen. Er kann nicht mehr zurück zu ihr. Gemeint ist seine Mutter. Die Beweggründe sind vielfältig und greifen vor allem tiefgehender als die Serie das bisher zeigen konnte. Nicks Beziehung zu seiner Mutter war schon spätestens seit dem Selbstmord eines Vaters zerrüttet und auch die Apokalypse hat die beiden nie wirklich emotional näher gebracht.

Nun kommt es endgültig zum Bruch. Madison erkennt, dass ihr Sohn rückfällig geworden ist, lässt ihm jedoch seine Freiheit. Es ist nicht ganz klar, was Madison aktuell antreibt. Ihre Leute auf der Ranch sind tot, ihre Kinder haben sie verlassen, ihr Verhältnis mit Strand ist von Misstrauen und Ärger geprägt (Strand hat – wette ich – die Position des Staudamms an Proctor John verraten) und Daniel war kurz davor, sie zu töten. Am Ende gewährt er ihr natürlich und erwartungsgemäß Unterschlupf, aber ihre gemeinsame Zukunft steht in den Sternen.


Fear The Walking Dead: Das vielleicht düsterste Bild der Serie.
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Einige kleine Momente sollten jedoch auch nicht untergehen. So kann Walker tatsächlich kurz den Tod seines Clans verbalisieren. Die Serie verstrickt das sogar recht gut mit der Native-Identität. Alicias Freundin Diana hat mit ihrem Pickel eine sehr realistische und umso effektivere Waffe. Ihre Zeit in der Serie scheint für mich begrenzt. Womöglich stirbt sie mit Alicia an Jakes Hütte und ihr einsamer Tod wird in Alicia etwas bewegen, aber grundsätzlich wäre sie auch eine nette Ergänzung des Hauptkaders. Immerhin sterben die Protagonisten aktuell wie die Fliegen.

  • DasKleineTeilchen

    (Strand hat – wette ich – die Position des Staudamms an Proctor John verraten) how right you were…die wette hätteste wohl gewonnen.

    die letzten 20 minuten des finales (E15/16) waren durchaus nervenaufreibend und echt geil in szene gesetzt. wären deine reviews nicht gewesen, ich hätte mir FTWD nicht mehr gegeben. thnx.

  • Das freut mich sehr.