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Alarm für alle vergraulten Zombie-Fans: Ihr müsst Fear The Walking Dead unbedingt wieder eine Chance geben. Die Serie macht gerade alles richtig.

Serielle Formate leben von festen Strukturen. Besonders auf lange Zeit angelegte Geschichten eignen sich dazu bestens. Eine Serie, die in einer postapokalyptischen, von Zombies bevölkerten Welt spielt, bietet dazu eine langfristige Perspektive für Geschichten. Immerhin gehen die Gegenspieler nie aus. The Walking Dead und das Spin-off Fear the Walking Dead leben von diesen Strukturen. Die großen Folgen mit vielen Veränderungen, Konflikten und Konsequenzen lassen sich zum Beginn und dem Ende einer Staffel finden, während in der Mitte kurz um die Sommer- oder Winterpause herum noch einmal Gas gegeben wird. Schließlich will man die Zuschauer durch einen Cliffhanger auch über die Sendepause hinweg am Ball halten.

Das ist nicht unbedingt schlimm. Innerhalb dieser Formate lassen sich trotzdem gute Geschichten, Bottle Episodes und diverse andere Experimente wagen, wenn man denn will. The Walking Dead hingegen ruht sich seit Jahren auf dieser Struktur aus. Negan wird eingeführt und wird Ricks Gruppe einige Male besuchen, jedoch niemanden bis zum Midseason-Finale töten. Große Überraschungen sucht man vergebens. Auch Fear the Walking Dead haderte in der 2. Staffel mit vorhersehbaren Ereignissen und offensichtlich leeren Episoden, deren Inhalt sehr dünn gestreckt wurde, sodass die Zeit bis zum finalen Akt endlich gefüllt ist.

Dieses Vorgehen endete mit der 3. Staffel. Besonders in dieser 12. Episode, Brother’s Keeper, wird bewusst, dass Dave Erickson und Robert Kirkman mit ihrem Ableger etwas anderes und vor allem mehr vorhaben. Der finale Kampf ist nicht immens, dazu fehlt der Serie augenscheinlich das Budget, aber die kreative Umsetzung ist schlau und der Versuch im Ansatz äußerst löblich. Weiterhin durchbrechen sie mit diesem vorzeitigen Höhepunkt die sonst übliche Staffelstruktur. Die Ranch scheint tatsächlich bereits verloren und als Handlungsort ausgespielt.


Fear The Walking Dead: Ein letzter Verzweiflungsakt
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Troy (Daniel Sharman) ist die entscheidende Figur dieser Staffel. Gut geschrieben und noch besser gespielt, kann Troy sicherlich das eine oder andere Fan-Herz erobern, obwohl sich die Figur eigentlich in einer aussichtslosen Lage befindet. Er hat gemordet, an Menschen experimentiert, Tiere gequält und die Konflikte zwischen den Parteien intensiviert. Seine Figur ist verloren und dennoch kann er nicht einfach entsorgt werden. Troy ist zweifellos ein Soziopath, doch die “Helden” unserer Geschichte tragen ebenso eine Mitschuld an der Eskalation. Von der Perspektive des Drehbuchs ist es völlig nachvollziehbar, wieso er sich zu diesem schwierigen Söhnchen entwickelte und weshalb er derart aggressiv auf die Übernahme der Farm reagiert. Weiterhin hat die Serie viel Vorarbeit geleistet, sodass es schwer ist, ihn ultimativ für seine Handlungen zu verurteilen. Natürlich sind seine Aktionen unentschuldbar, aber gleiches trifft auf den Anthrax-Angriff von Walker zu und mit genau ihm arbeitet Madison nun zusammen.

Die Figurenkonstellation in Fear the Walking Dead ist komplex und ihre Motive ebenso. Gleichzeitig entwickelt sich im Kontrast zu vorangegangen Staffeln ein Gefühl von Unwissen bezüglich dem letztendlichen Ausgang. Alles ist möglich, wenn auch nicht unbedingt wahrscheinlich. Dennoch ist Jakes (Sam Underwood) Flirt mit der Idee eines sicheren Ortes im pazifischen Nordwesten oder nahe der Grenze mehr als nur eine Idee. Die Ranch ist für ihn schon tot, bevor später in der Episode Tote über sie umherwandeln. Somit ist sein Wunsch, mehr als nur Teil der aus The Walking Dead bekannten Füllerdialoge, sondern womöglich eine wahrhafte Alternative in der Zukunft der Serie, die schon in Großstädten, auf Inseln und auf dem offenen Meer Geschichten erzählte – statt in den ewigen Wäldern Georgias zu verharren. Leider werden wir nie herausfinden, wie ernst es Jake meinte.


Fear The Walking Dead nutzt die Weite seines Settings auf epische Art und Weise.
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Fear The Walking Dead fühlt sich echter an – unvorhersehbarer. Und daher realistisch, eine der wichtigsten Kategorien, die eine Zombieserie erfüllen muss. Deshalb ist Nicks Schock beim Anblick der massiven Horde auch tatsächlich nachvollziehbar. Die von Troy aufgescheuchte und zur Ranch geführte Masse ist eine wahrhafte Bedrohung für alle Figuren. Jake kann und will all dies nicht länger hinnehmen und will Troy endlich zur Strecke bringen. Der Kampf der Brüder wird überschattet von Nicks Schuldgefühlen, die prompt eine fürchterliche Konsequenz zur Folge haben. Dazu wird Troy wieder gerettet und darf weiterleben. Fairness existiert nicht in der Welt von Fear The Walking Dead.

Dazu ist Jakes Tod so beiläufig inszeniert, dass man als vergraulter The Walking Dead-Zuschauer nur jubeln kann. Ein Biss, ein Schnitt und dennoch tot. Nichts wird in die Länge gezogen. Solche überraschenden und konsequenten Momente verleihen der Show eine Game of Thrones-artige Aura. Jede Figur kann jederzeit sterben. Oder zumindest scheint Plot Armor sehr selten zu sein.

Einige wichtige Nebenfiguren sterben und wir sind mitten in der Staffel? Eine aufregende Entwicklung. Ebenso spannend ist die Inszenierung der Walker-Masse auf dem Weg zur Ranch. Selten hat sich diese Naturwucht der Zombies stärker und größer angefühlt als durch den simplen Geniestreich des aufgewirbelten Sandsturms. Ein wahrhaftig kluger Kniff der Autoren, um den Hauptgegnern der Serie wieder mehr Leben einzuhauchen.

Brother’s Keeper ist eine der vielleicht besten Episoden der Serie. Fear The Walking Dead ist an einem Punkt angekommen, an dem selbst die großen Figuren der Serie wie Madison, Strand oder Daniel gar nicht auftauchen müssen und die Folge ist trotzdem spannend wie selten zuvor. Alicia hat sich zu einer der interessantesten Figuren entwickelt. Jakes Zweifel an ihrer Liebe sind durchaus berechtigt, denn seine Freundin hat komplexere Motive als eine schnelle Affäre am Ende der Welt. Ebenso ist Nick immer wieder in einer Position mit Verantwortung wiederzufinden, die er mit unterschiedlichem Erfolg – aber stets nachvollziehbar – meistern kann.


Fear The Walking Dead: Jake muss entsorgt werden – oder?
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Der konsequente Umgang mit Jakes Tod steht den Aktionen seines Bruders konträr gegenüber, was die Ungerechtigkeit dieser Welt doppelt unterstreicht. Regisseur Alrick Riley findet smarte Wege, um die Masse der Walker umzusetzen, ohne viel zu zeigen. Die wackelnde Barrikade aus Wohnwagen ist zumindest angsteinflößender als die x-te CGI-generierte Massenansammlung. Dazu ist die wortlose Eröffnungssequenz der Folge ein Testament für die großartige Arbeit der Regisseure und Autoren in den letzten Wochen. Troys Handlungen erscheinen radikal, aber dennoch verständlich. Aus seiner Perspektive muss man ihm vielleicht sogar Recht geben, gäbe es nicht vorherige Beispiele seines schlechten Charakters. Was also tun mit einem Menschen, der offensichtlich ein Problem für das Wohl der Gemeinschaft darstellt, aber vielleicht am Ende doch einen Punkt hat? Moralische Dilemmata sind Kennern des Serienuniversums von Robert Kirkman sicherlich nicht fremd, doch so komplex und vielschichtig waren sie selten – nicht nur hinsichtlich Troy. Bei solch dichten Geschichten wird das große Spektakel eher zum Sahnehäubchen.

Unterm Strich bleibt also eine Folge von Fear The Walking Dead, die bereits sehr gut ist und nur noch besser werden kann, sobald Walker, Madison und Strand auf der Ranch ankommen.

  • CarFreiTag

    Okay – mit the walking dead hab ich aufgehört. Dann gebe ich fear of the walking dead vielleicht eine chance.

  • Super!

  • CarFreiTag

    So gut inzwischen?

  • PPPoE

    Öhm… dank der dummen Pause hab ich vergessen was in FTWD abging. Aber ist auch scheiß egal… wenn ich mich richtig erinnere war es der übliche belanglose WD Käse.

  • Ja, meinte aber eigentlich: Super, dass du wieder anfängst.

  • CarFreiTag

    Mit Fear hab ich noch gar nie angefangen. Hab nur mit The Walking Dead aufgehört. Jetzt mal Westworld fertig schauen. Und The Leftovers… :)