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Die Einschaltquoten sinken, die Qualität steigt. Im Geheimen hat sich Fear the Walking Dead in der Pause zwischen den Staffeln neu erfunden und überzeugt mit ambitioniertem Storytelling und beeindruckenden Bildern.

Fear the Walking Dead hat sich in dieser Woche ein ganzes Stück Arbeit aufgeladen. Gleichzeitig vier Handlungsstränge möchten erzählt werden, die sich nur teilweise bis gar nicht in die Quere kommen und dazu werden bereits jetzt die Weichen für zukünftige Folgen gestellt. Die großen Erwartungen eines Mid-Season-Finales schweben schließlich immer über einer Serie im The Walking Dead-Universum.

Es liegt vor allem an den Bildern von Regisseur Daniel Stamm, der deutsche Schöpfer hinter u.a. Der letzte Exorzismus, dass die Folge Burning in Water, Drowning in Flame funktioniert. Cineastisches Storytelling auf dem kleinen Bildschirm sind die Fernsehzuschauer längst gewöhnt. Doch während The Walking Dead ständig in immer gleichen Gegenden entsättigte Bilder wilder Wälder von Georgia als Virginia verkauft, gelingt es der Schwesterserie Fear the Walking Dead jede Woche zumindest nicht visuell aus der Reihe zu tanzen. Ganz im Gegenteil sogar, Stamm findet hier großartige Bilder und stellenweise poetische Momente inmitten der chaotischen Nachwelt.

Bei der Bewertung der Geschichte muss zunächst jedoch noch Zurückhaltung geübt werden. Während die letzten Episoden sich eher auf eine einzige Figur konzentrierten, versucht die 5. Folge der 3. Staffel nun alle Figuren bis auf – das wird jetzt echt langsam alt, liebe Autoren – Ofelia ein Stück nach vorne zu bringen. Bei einigen Charakteren heißt das eine geographische Veränderung, andere verharren derweil an sicheren Orten, lernen jedoch neue Sichtweisen kennen oder vertiefen ihre Beziehungen zu ihren Mitmenschen.

Der vielversprechendste Handlungsstrang in dieser Folge erzählt von Madisons (Kim Dickens) Expedition mit Troy zu dem Außenposten, der sich über Funk nicht mehr kontaktieren lässt. Auf dem Weg zum Zielort treffen die Soldaten auf die pro Episode gesetzlich vorgeschriebene Zombiegruppe und hacken sie nieder. Madison kann sich dabei als fähige Kämpferin beweisen und den Respekt der Soldaten einholen, später sogar Troys Autorität und Führungsanspruch untergraben. Troys Gefallen beim Zerstückeln der Zombies wird dadurch intensiviert, dass es ehemalige Kriminelle eines Gefängnistransports sind. Das Ganze erhält einen bitteren Beigeschmack, da Troys unmenschliche Sport-Perspektive von den Figur und der Serie selbst in keinster Weise kommentiert wird. Als hätten diese Gefangenen es mehr verdient als die restlichen Walker.

An dem Außenposten angekommen, entdeckt die Gruppe schnell die verbrannten Überreste der Soldaten sowie einen skalpierten Überlebenden, dem der Gnadentod erwiesen wird. Als Täter stellt sich ein indigener Clan namens – drum roll, please – Walker heraus. Qaletaqa Walker (Michael Greyeyes) mutiert binnen wenigen Sekunden Screentime. Seine Drohungen wirken nach, seine Präsenz ist furchterregend. Dazu hat er im Gegensatz zum Governor und anderen Helden wie Bösewichten aus dem The Walking Dead-Universum kein gimmickhaftes Alleinstellungsmerkmal. Es handelt sich schlicht um einen entschlossenen Mann, der bereit ist, für seine Ziele alle Wege zu beschreiten. Das ist furchterregender als zehn Negans.

Dass die Natives bereits auch in der jüngeren Vergangenheit schlecht behandelt wurden und nun ihr Gebiet zurück gewinnen wollen, lässt auch Jeremiah Ottos Dialog mit Nick (Frank Dillane) erahnen. Dieser schwärmt von der Schönheit eines Revolvers, der Waffe, die den Westen erobert hat. Dazu fallen natürlich rassistische Beleidigungen wie “the red man”, um das Bild komplett abzurunden. Nick hat sich in der vergangenen Staffel wenig verändert und bleibt bis jetzt schwach. Seine Zeit mit Luciana und Jeremiah in der Folge ist durchaus interessant, da sie die Zerrissenheit dieser frühen Zeit in der Postapokalypse gut hervorheben. Jetzt haben die Figuren noch eine tatsächliche Wahl, während zu späteren Zeiten die Aufnahme in eine fähige Gemeinschaft vielleicht weniger einfach vollzogen werden kann. Das Ganze gleicht ein bisschen der Reise nach Jerusalem, nur hat die Musik noch nicht aufgehört zu spielen.

Gleichzeitig kommen sich Troys Bruder Jake und Alicia (Alycia Debnam-Carey) diese Woche ein ganzes Stück näher. Alicia ist jung, Jake ebenso. Sie reden über Bukowski und haben Sex. Es ist schön, dass nach der kurzen Party mit dem Zombiekopf und Nicks Entwicklung zum Mann die Teenagerperspektive nicht ganz fallen gelassen wird. Außerdem ist die Nonchalance dieser Entwicklung sehr zu begrüßen. Gerne könnte die Serie öfter Sachen einfach mal machen. Manche Dinge sind in dem entrückten Kontext leicht nachzuvollziehen, auch ohne große Einführung. Der Zuschauer ist ja auch nur ein Mensch. Traut ihm mehr zu!

Die Episode wird erneut von Daniels (Rubén Blades) und Strands Eskapade durch die Straßen Mexikos heruntergezogen. Es ist sehr schade, dass der überaus interessante und visuell beeindruckende Damm als Handlungsort so schnell schon wieder verlassen wurde. Doch die Hotelgeschichte will abgeschlossen werden und Daniel muss natürlich nach seiner Tochter Ofelia suchen, die höchstwahrscheinlich ohnehin auf der Familienfarm der Ottos gefangen gehalten wird. Daher ist es schwer einzuschätzen, inwieweit die Staffel überhaupt Interesse an der Ranch hat. Der drohende Konflikt könnte die Figuren wieder in alle Winde verwehen. Nach dem enttäuschenden Aufenthalt auf der Militärbasis würde mich nichts mehr überraschen. Wobei, und das muss unbedingt wiederholt werden, Fear the Walking Dead holt trotz des wohl sinkenden Budgets immer das Beste aus seinen Locations rausholt.

Insgesamt funktioniert das alles bis auf wenige Ausnahmen sehr gut und es kommt fast schon wieder etwas wie Freude auf. Nach der elend langen zweiten Hälfte der letzten Staffel marschiert diese dritte Staffel nach einem holprigen Start gut voran. Es bleiben noch drei Folgen bis zur Pause. Hoffentlich bleibt die Serie auf Kurs.

  • Marlvain

    I’m glad Daniel found a dumpster when the building burned down in season 2.

    Daniel Ex machina.

  • Well, the series share a connected universe, so it only makes sense.