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Es ist die Folge, auf die alle gewartet haben. Die Welt endet – oder nicht. Kevin ist verrückt – oder doch nicht? The Leftovers bietet kurz vor Schluss ein Meisterwerk aus Verwirrung und Empathie, das vor allem visuell begeistert.

Achtung, Spoiler für das Ende von Birdman: Am Ende von Birdman oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit steht Michael Keaton auf der Bühne und erschießt sich selbst. Er erwacht in einem Krankenhaus als gefeierter Theaterstar. Seine Figur, der gescheiterte Hollywoodstar Rigga Thomson, ist plötzlich wieder am Puls der Zeit angekommen, Paparazzi wie Filmstudios fragen nach ihm, selbst seine schwierigen Familienverhältnisse sind plötzlich verflogen. Doch dann steht er auf und geht ins Bad. Wortlos sitzt dort die Comicfigur Birdman auf dem Klo, ein buchstäblicher Scheißhaufen namens Depression, der die neuen Erfolge kurz mit einem Schnaufen verhöhnt, bevor er sich wieder seinem Geschäft widmet. Thomson geht zum Fenster, beobachtend neidvoll die Freiheit eines Vogelschwarms und springt hinunter. Spoiler Ende.

Sorry für den Spoiler, aber der Film lohnt sich auch mit dem Wissen um das Ende. Der Weg ist das Ziel; wie auch The Leftovers in dieser Woche beweist. Das Serienfinale in der nächsten Woche ist schon gar nicht mehr wichtig, die Charakterstudie ist abgeschlossen. Wie Birdman kommt The Leftovers zum gleichen Urteil: Psychische Probleme werden nicht durch willkürliche Siege überwunden, sie begleiten uns auf unserem Weg, verhöhnen uns und kosten uns viel Kraft. Am Ende vielleicht sogar unser Leben.

Kevin Garvey (Justin Theroux) ist in dieser Woche immerhin sehr besessen darauf, zu sterben. Der geflüchtete Polizeichef hat bereits eine Serie an Selbstmordversuchen überwunden, nun scheint aber der perfekte Zeitpunkt mit dem siebten Jahrestag des Plötzlichen Verschwindens gekommen zu sein. Bereits zum Beginn seiner wilden Reise versucht er sich selbst im Teich auf Graces Grundstück zu ertränken, doch sein Vorhaben wird von seinem Vater unterbrochen. Nicht, weil er ihn davon abwenden will, sondern weil dieser verdammte Narzisst dabei sein will, nichts verpassen darf, weil ja nur er, Kevin Garvey Sr., die Welt mit einem Regentanz retten kann, den er von seinem Sohn aus der Nachwelt erlernen muss. Kevin kann einem nur leidtun.

Doch bevor Kevin sich mehrfach in der spektakulär betitelten Folge The Most Powerful Man in the World (and His Identitcal Twin Brother) ertränkt, sehen wir Nora und Kevin kurz nach dem Ende der 1. Staffel von The Leftovers. Das Liebespaar sitzt glücklich und gemeinsam in einer Badewanne, lauscht über ein Babyphon Lilys Lauten und spricht gemeinsam über ihre Vorlieben hinsichtlich der eigenen Bestattung. Sexy. Doch die Szene zeigt uns tatsächlich kleine Momente, die nicht nur ironisch (Nora “I burn up good” Durst könnte inzwischen schließlich wirklich von der LAD-Strahlung weggeblasen worden sein), sondern mit viel Herz die kleinen Veränderungen kommentieren, die wir für unseren Partner machen und die Liebe für die Person unterstreichen. Nora findet, dass Kevin ein Bart gut stünde. Also lässt sich Kevin einen Bart wachsen. Es scheint ihm egal zu sein, so oder so (Ich bin eindeutig #TeamBeard), aber er macht es für sie. Könnte es auch sein, dass Kevin Garvey sich nun versucht, für Nora umzubringen?

Die Frage ist gar nicht mal so abwegig. Nach dem Gespräch mit Laurie aus der letzten Woche muss Kevin nun annehmen, dass seine Exfreundin wohl in einer anderen Dimension ist oder womöglich unter den Toten weilt. Mit der restlichen Welt hat er abgeschlossen und wie wir später herausfinden, bereut er den Abschied von Nora schwer. “We fucked up with Nora”, sagt er in einem der herzzerbrechendsten Momente der Serie. Jeder, der schon einmal eine Beziehung in die Brüche gehen hat lassen, aus Sturheit, Stolz oder sonstigen Gründen, kennt diesen Schmerz und die Reue. Alleine für diesen Moment hat Justin Theroux einen Emmy verdient. Doch bevor er den abstauben kann, folgen wir Kevin in die Welt der Toten – zumindest trifft er, sobald er ertrinkt, auf so ziemlich jede tote Figur aus der Serie. Bis auf Nora. Die ist in der Folge nicht zu finden und dennoch völlig zentral für das Verständnis. Bis auf die Frage, wie Kevin die Vorfälle überlebt, scheint das Rätsel um die Hotelwelt nämlich für mich in dieser Folge gelöst.

Es handelt sich nicht um den Himmel oder die Hölle und auch nicht um eine Vorwelt für die Nachwelt. Es handelt sich tatsächlich nur um eine gegenteilige Projektion von Kevin Garveys Innenleben. Die Toten leben wieder. Ein Machiavelli-Zitat besagt das exakte Gegenteil wie in unserer Realität. Die Guilty Remnant reden und sind aktiv. Kevin ist Präsident. Genau. Der Mann, der vor allen Verantwortungen in seinem alten Leben davongelaufen ist, wird in seinem fieberhaften Alptraum zum mächtigsten Mann der Welt. Doch bevor Kevin als Präsident den Menschen erzählt, dass wir die Familie nicht mehr brauchen und die Ehe die schlimmste Erfindung der Menschheit ist, muss er sich am Strand vor russischen Attentätern wehren, wo er als sein identischer Zwilling erwacht und von Hundejäger Dean gerettet wird. “It’s weird. Just go with it.” Die absurden Entwicklungen können zumindest für eine Folge Twin Peaks Konkurrenz machen. Regisseur Craig Zobel gibt sich sichtlich Mühe, sein Meisterstück International Assassin aus der letzten Staffel von The Leftovers zu wiederholen.

So bierernst diese mit Depression und Suizid gefüllte Episode auch erscheinen mag, so komisch kann sich diese Spannung auch entladen. Da wäre zum Beispiel der Penisscanner, mit dem der Präsident sich Zugang zu seinem geheimen Bunker beschaffen kann. Natürlich kommentiert die Serie hier augenzwinkernd das Fandom um eine gewisse Szene aus der 1. Staffel mit Justin Theroux in einer sehr verräterischen Jogginghose, gleichzeitig aber reflektiert die Unsicherheit auch seine Zweifel gegenüber der Beziehung mit Nora, die in dieser Staffel fast ausschließlich über Sex definiert wurde. Ist Kevin nicht mehr als nur sein bestes Stück? Als er aus der Welt zum ersten Mal erwacht, sieht er kurz sein Leben vor seinen Augen vorbeifliegen. Da wäre zwar Sex mit Nora, aber auch so ziemlich jeder gequälte Moment seiner Existenz vor und nach dem Plötzlichen Verschwinden. Dieser Mann ist geprägt von Zweifeln, von Angst und einer tiefen Depression. Nicht einmal ein Kompliment bezüglich seines Penis kann er ertragen.

Die Verantwortung nagt aber weiter an Kevin. Er trifft auf Patti, die Verkörperung seiner unüberwindbaren Depression, und muss sich selbst bzw. seinen identischen Zwilling umbringen, um an einen Schlüssel zu gelangen, der alle atomaren Sprengkörper der Welt startet. Er entscheidet sich zu diesem Schritt. All seine anderen Missionen sind gescheitert. Weder kann er Evie davon überzeugen, dass ihr Vater sie liebt, noch kann er den Kindern von Grace entlocken, weshalb sie keine Schuhe mehr tragen. Selbst die Apokalypse kann er nicht abwenden, denn auch hier weiß Christopher Sunday: Kein Gesang kann den Regen stoppen. Doch vielleicht hat Kevin doch die Apokalypse abgewendet: Indem er im Spiegeluniversum die Welt vernichtet, hat er womöglich die reale gerettet? Man kann sich definitiv in diesen Gedankenspielen verrennen und zu einem gewissen Grad ist das auch von den Leftovers-Autoren so gewollt.

Doch der wahre, springende Punkt ist: Kevin möchte diese Welt nicht nur verlassen, er hasst sie so sehr, dass er sie absolut zerstören will. Wahrscheinlich wird er wieder hierher zurückkehren, irgendwann. Symbolisch mag er sie zerstört haben, doch er weiß: Sie, die Depression, schlummert in ihm, sie wird in ihn immer begleiten.

Deshalb will er dort auch nicht bleiben und liest ganz zentrale Stellen aus dem Roman, den er angeblich verfasst haben soll, nicht vor. (Wie viele andere Dinge geschehen oder erscheinen Sachen plötzlich im Augenblick einer Entscheidung Kevins. Für mich ist das ganz klar ein weiterer Hinweis, dass wir uns hier nur in seinem Kopf aufhalten.) In der Geschichte, in der er seiner Frau ausreißt und sich selbst als Feigling sieht, der seine Familie im Stich lässt, lässt er einige Zeilen aus: “But now, here, he was free. […] He did not have her and he did not want her. He had this, and this was enough. Always. He would always have the sea.” Eindeutiger kann es kaum werden. Kevin muss seine Feigheit töten, seine Probleme überwinden, und kann so zu Nora gelangen. Dazu muss er nur kurz den Weltuntergang einleiten. “Whatever helps.”

Des Weiteren ist es höchst spannend, wie sehr die Figuren die Erwartungshaltung des Zuschauers reflektieren. Für das Ende von The Leftovers spult man die Narrative vor zu einem Zeitpunkt, der aus nicht ganz unlogischen Gründen tatsächlich innerhalb des Universums eine Bedeutung haben könnte. Statt aber im Finale eine tatsächlich revolutionäre Auflösung zu bieten, auf die Figuren und Zuschauer hoffen, beendet die Serie das Mysterium eine Folge vor dem Ende. Kevin erwacht, die Sintflut war doch nur ein heftiger Regensturm und die Erde dreht sich weiter. Das Ende ist eben aber doch nicht das Ende. Und wie der Zuschauer fragen sich die Figuren: Was jetzt?

Das Wunderschöne ist: Es spielt keine Rolle, wie The Leftovers endet. Die Serie hat bereits die Komplexität des Menschseins anhand mitreißender Charakterstudien erörtert, und wie im Leben geht es eben weiter. Irgendwie. Irgendwo. Hoffentlich gemeinsam.

Zitat der Folge: “This isn’t my first time visiting the other side of the world.”

– Ich habe keine Erwartungen an das Finale, auf das ich wie jeder andere warten muss. Ich erhoffe mir lediglich ein kleines Happy End, so kurz die Dauer auch sein mag.

– Wie die Adventisten verbringen die Garveys das Ende der vermeintlichen Apokalypse auf dem Dach ihres Hauses.

– Der AFTEC-Officer, der Kevin in der ersten Staffel die mögliche Auslöschung der Guilty Remnant in Mapleton in Aussicht stellte, adressierte ihn zu Beginn des Telefonats als Chief Harvey, genau wie Kevins Name in der anderen Welt. Hmm …

– Der finale Shot im Hotelverse erinnert stark an das Ende von Fight Club. Passt zum starken Einsatz von Pixies Where is my mind? in Staffel 2.

– Interessantes Spiel mit der Symbolik: Kevin sucht den Schlüssel im (zum?) Herzen und dringt ähnlich wie die Heilige Lanze unterhalb der Rippe ein – nur auf der rechten Seite. Heißt das – gespielt gedacht –, dass Kevin doch in Wahrheit der echte Jesus in der wahren Welt ist?

– Die Episode beginnt übrigens mit einer großartigen Trollaktion: Passend zum Alternativen Universumsspaß in der Folge hören wir in der Titelsequenz das ursprüngliche Serien-Theme von Max Richter. Nach der Veränderung in der 2. Staffel war der Aufschrei so groß, dass einige Fans sogar ihre eigenen Kompositionen aus neuen Bildern und alter Musik auf Youtube hochluden. Süffisanter Kommentar von Damon und Co.