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Fear The Walking ist bemüht: Auf eine der schwächsten Folgen der bisherigen Serie sehen wir eine Fortsetzung, die ohne Glanz und Gloria strikt und direkt ein Thema abhandelt. In Ekstase versetzt diese Episode nicht, aber sie schenkt zumindest neues Vertrauen, dass das Fundament der Serie nicht auf Sand gebaut ist.

In gewisser Weise ist die 12. Folge der 2. Staffel, Pillars of Salt, eine direkte Antwort auf meine Frage der letzten Woche. Es gibt viel an Fear the Walking Dead zu kritisieren, im Groben und im Detail, aber wenn eine Serie nicht verdeutlichen kann, worum es ihr geht, ist das ein gewaltiges Problem. Fear The Walking Dead hat dies in Pillars of Salt nun korrigiert. Selbstverständlich hat sich sowohl The Walking Dead als auch das Spin-off mehrfach bereits mit der Erziehung von Kindern und der Beziehung von Eltern und Kindern im Allgemeinen beschäftigt, aber dass diese Episode das Thema so direkt ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt und jeglichen Konflikt der Serie in diesem Kontext abhandelt, ist bemerkenswert – wenn auch nicht neu.

Auch The Walking Dead setzte seit dem Beginn der Serie auf die intensive Bindung zwischen Elternteil und Kind, setzte jedoch den Fokus auf den verständlichen Schutzinstinkt. Die Liste ist lang. Hershel fürchtet um das Wohl seiner Töchter. Carol wird verrückt, weil sie ihre Tochter in diesem Chaos verloren hat. Jessie möchte ihren kleinen Sohn vor der grauenvollen neuen Welt bewahren. Das Trauma des Governors lässt sich alleine durch den Verlust der Tochter erklären. Carol trainiert eine kleine Armee, sodass sie nicht Sophias Schicksal teilen. Und da wäre natürlich auch noch Rick, der zunächst seinen Sohn nur beschützen will und später erkennen muss, dass dies vielleicht in einem physischen Sinne möglich ist, er die psychologischen Folgen aber nicht abschätzen kann.

Was Fear The Walking Dead von seiner Mutterserie in dieser Hinsicht unterscheidet, ist nicht nur das Setting in den Anfängen der Apokalypse, sodass insbesondere die psychologischen Spätfolgen noch nicht so deutlich im Vordergrund stehen. Immerhin hoffen einige Figuren noch, dass die Situation umgekehrt werden kann.

Der deutlichere Unterschied liegt im Alter und Reifeprozess der Nachkommen. Alicia, Nick und Chris können für sich selbst sorgen und sich verteidigen. Ihre primäre und sekundäre Sozialisation ist abgeschlossen, die Vöglein dürfen nun das Nest verlassen bzw. haben dies bereits teilweise vor der Apokalypse getan. Dieser Einschnitt in das Leben aller führt aber nun dazu, dass die eigentliche Abtrennung und Entwicklung der Eigenständigkeit nicht nur ausbleibt, sondern schlicht unlogisch ist. Kraft misst sich in dieser Welt vor allem in den Beziehungen und in der Anzahl der Personen einer Gruppierung. Somit können autonome Erfahrungen kaum noch in einer elternfreien Zeit durchlebt werden, was enorme Belastungen für die Beziehungen zur Folge hat. Der Stress, dass einem die Zombies das Gesicht bei lebendigem Leibe fressen wollen, kommt dann noch dazu.

Die 12. Folge konzentriert sich nun vor allem darauf, was die Eltern für den richtigen Schritt in dieser Welt halten. Madison möchte unbedingt ihren Sohn wieder zurück in ihre Gruppe führen, vergisst dabei aber ihre eigene Tochter. Kim Dickens erwacht aus ihrem Tiefschlaf und kann die Hysterie gut darstellen, besonders ihre Verwirrung über Alicias Schmerz ist sehr treffend gespielt, immerhin misst die Mutter elterlichen Erfolg in der Zombiewelt durch geographische Nähe. Der Vater zu Beginn der Folge tut es ihr gleich, als er mit seiner Familie aus dem immer verrückter werdenden Kult der „La Colonia“ (still funny!) ausbrechen will. Er sorgt sich um das Wohl seiner Familie und obwohl wir keine emotionale Verbindung zu ihm haben und somit keine Spannung in diesem Cold Opening aufgebaut wird, ist seine Verzweiflung nachzuvollziehen. Auch der Versuch der Zusammenführung aus Hotelmitarbeiterin und ihrem Sohn im Kartell ist ein Beispiel für den Wunsch nach Nähe. Weiterhin erinnert sich die Serie, dass Ofelia eine Figur ist, die existiert und einen Charakter hat. Ihr Flashback verdeutlicht, dass Eltern alles für ihre Kinder machen würden. Eventuell eine düstere Botschaft für den Ausgang der Staffel?

Am stärksten verdeutlicht die Folge dies in zwei kurzen Momenten. Nachdem die Gruppe das Hotel sehr schnell auf Vordermann gebracht hat (Ist nur mir die Lage unverständlich? Ist auch der Strand abgesperrt?) und die Gruppe sich eine Pause genehmigt, übt die Mutter der Braut einen Anschlag auf Strand aus. Ihr Schmerz über den erneuten Verlust der Tochter, erst als Mensch und dann als Walker, und diese Handlung setzen den Ton für die Folge. Beendet wird diese mit einer Einstellung von Travis, der ohne Chris das Neonlicht des Hotels aus der Ferne erblicken kann. Cliff Curtis hat sich einen Bart stehen lassen und sieht müde aus. Ein paar Tage auf der Straße erklären dies, aber natürlich ist ein Kampf mit dem eigenen Sohn wahrscheinlicher. Deshalb sagte ich auch, dass dieses Thema nicht neu ist. Es wurde aber nur bisher punktuell behandelt. Mal hier ein bisschen Drama um die Drogeneskapaden des Sohnes oder dort ein bisschen Streit über Chris‘ Aktionen. Doch in dieser Folge wird all dies stringent zusammengeführt.

Noch lässt die Serie den Ausgang dieser Beziehungen offen. Doch wenn diese Folge ein Indikator dafür ist, wohin Fear The Walking Dead seine Figuren führen könnte, erkennt man doch noch ein Licht am Ende des Tunnels dieser Staffel. Nick hat sich eingelebt und möchte nicht zurück, Alicia fühlt sich von ihrer Mutter verlassen und Chris scheint ohne den Vater unterwegs zu sein. All dies sind wunderbare Voraussetzungen für Konflikte und spannende Folgen. Nur Ofelia scheint in den Spuren ihrer Eltern zu wandern – weil sie ihre Lektionen erkannt hat und dankbar ist, aber auch weil sie scheinbar beide (natürlich lebt Daniel noch) tot sind. Sie kann nicht mehr mit ihnen zusammenleben, auch wenn dies der logische Schritt wäre. Fear The Walking Dead setzt somit die Erfolge der modernen Familie zurück und betrachtet das vorindustrielle Familienbild als Idealtypus aus einer post-kapitalistischen, da post-apokalyptischen Perspektive: ein interessanter Ansatz, der erstmalig gut umgesetzt wurde.