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© AMC

Fear The Walking erweitert seine in die Länge gezogene 2. Staffel um eine weitere Episode. Diese beginnt einen neuen Handlungsstrang, führt ein paar neue Figuren ein, baut Beziehungen zwischen den Figuren aus. Was Serien eben so machen. Begeisterung? Fehlanzeige.

Ist es tatsächlich so weit gekommen, dass die bloße Entscheidung, das Hotel zu sichern und als Unterschlupf auszubauen, Grund genug für Begeisterung ist? Die Messlatte für Fear the Walking Dead-Episoden, die nicht vor oder nach Sendepausen ausgestrahlt werden, ist inzwischen so niedrig angesetzt, dass es mir wohl so scheint. Immerhin arbeiten nun plötzlich Figuren zusammen, finden Gefallen aneinander, helfen und verstehen sich – es ist, als ob plötzlich ein Ruck durch das Autorenzimmer ging und man sich dazu entschied, dass es jetzt Zeit ist, ein Umdenken bei den Figuren zu initiieren.

Denn bis dato ist Fear The Walking Dead bestenfalls eine Ansammlung von Momentaufnahmen ohne Leitgedanken. Fear The Walking Dead hat keine Vision.

The Walking Dead war revolutionär. Auch wenn sich Robert Kirkmans Comic zuerst an den typischen Romero-schen Abziehbildchen abarbeitete, erreichten zuerst der Comic und später dann die Serie im Mainstream einen Punkt, an dem etwas Neues begann. Noch nie zuvor hat eine Zombie-Geschichte in serieller Narration so detailliert und vielfältig erörtert, was es bedeuten würde, in dieser Nachwelt zu überleben und auf welche Kosten. AMCs Adaption des Comics ist in diversen Punkten scharf zu kritisieren, aber dieser Aspekt lässt sich nicht von der Hand weisen.

Können wir das Gleiche von Fear The Walking Dead behaupten? Robert Kirkmans Spin-Off stellt diese existenzphilosophischen Fragen aktuell kaum in den Vordergrund und wenn, dann wandert die Serie nur in den Fußstapfen der Schwesterserie. Dabei hatte die Serie nette Ansätze in der kurzen 1. Staffel gesetzt. Doch elf Folgen später herrscht Verwunderung. Hat Fear The Walking Dead eine Vision? Besitzt die Serie ein ultimatives Ziel? Inwiefern, außer von den semi-religiösen Ansätzen und dem Setting in Mexiko, unterscheidet sich das Spin-Off von The Walking Dead nochmal? Und noch wichtiger: Muss es das überhaupt?

Die 11. Folge namens Pablo and Jessica ist schon so lieblos tituliert, dass sich die Erörterung einer Antwort fast erübrigt. Nick strauchelt in La Colonia (Der Name bleibt das bisherige Staffelhighlight) und kann sich anpassen, doch seine Transformation ist nicht inspiriert von einer tatsächlichen Entwicklung des Charakters, sondern eher vom Wechsel des Settings. Zunächst schenkte er Celia viel Glauben im Staffelfinale, um später dem Kult des Apothekers beizutreten. Dieser offenbart Nick, dass seine verheilte Bisswunde ein Wunder ist. Nick hingegen scheint sich nicht wirklich dafür interessieren, trotz seiner Teilhabe an der “Messe” in der vorangegangen Folge. Dies ist beispielhaft für die Fokussierung der Serie auf bedeutungsschwangere Momente, die jedoch weder ordentlich aufgebaut, nachverfolgt noch durchdacht sind. Es sind Momentaufnahmen einer eigentlich interessanten Welt, die es jedoch nicht gibt. Sie ist Schall und Rauch, genau wie das Wunder des Apothekers.

Immerhin versucht Nick (Frank Dillane) seinen verfuschten Drogendeal aus der vorletzten Episode von Fear the Walking Dead zu retten. Dabei schließt er engere Verbindungen mit anderen Figuren – doch bedeutet dies etwas für ihn als Mensch? Wir erfahren es nicht. Wohin führt dies? Wahrscheinlich zum Tode seiner Nächsten, sodass Nick einen Rückfall durchlaufen darf. Hat denn auch nur ein Zuschauer ernsthaft das Gefühl, dass diese Kolonie eine Zukunft bietet? Dass diese Figuren, die die Serie mit viel Sendezeit aufbaut, langfristig wichtig werden?

Ebenso sinnlos wirkt die Säuberung des Hotels. Man verstehe mich bitte nicht falsch. Es geht nicht darum, dass The Walking Dead seinem Spin-Off durch vorangegangene, ähnliche Plot-Elemente den Wind aus den Segeln nimmt – wie das eventuell noch zunächst bei der Ankunft an Celias Farm zu befürchten war. Es geht darum, was Fear The Walking Dead mit dem Hotel aussagen will. Weder nimmt man sich der Urlaubsästhetik an, noch versucht man irgendwelche Themen zu erarbeiten. Klar, die Figuren arbeiten nach anfänglichem Zögern schnell miteinander zusammen, sind nützlich und kommen sich näher, aber die Intensivierung dieser Momentaufnahmen, als zum Beispiel Strand in einem musikalisch großartig untermalten, hoch emotionalen Moment die Braut des Bräutigams erlösen geht, offenbart das Fehlen einer Vision der Serie.

Ebenso werden Momente aufgebaut und spannend visuell in Szene gesetzt, nur um sie uninteressiert aufzulösen. Zwei Folgen nach dem Shaun of the Dead-Cliffhanger erfahren wir nun, dass sich auch Strand (Colman Domingo) und Madison mit der Zombieschminke aus der Affäre stehlen konnten. So oft, wie die Serie dieses Bild (*hust* Plot-Device *hust*) einsetzt, könnten wir fast von einem Leitmotiv sprechen. Doch ist das nur der Wunsch eines Comic-Lesers, der verzweifelt die Anfänge der Storyline der Whisperer erkennen möchte oder könnte dort mehr zu entdecken sein? Nicks einzigartiges Verhältnis zu den Zombies wäre für die Serie doch ein gefundenes Fressen. Stattdessen aber ist seine ambivalente Haltung gegenüber der Welt für andere Figuren nur ein pragmatischer Kniff, um aus brenzligen Situationen zu fliehen. Und das sehr oft.

Das alles muss nicht heißen, dass Fear The Walking Dead nicht zu guten Episoden im Stande ist. Oder dass alle Folgen schlecht sind. Oder dass The Walking Dead erheblich besser ist. Oder dass wir das nicht trotzdem unterhaltend finden können. Aber ultimativ können wir uns immer wieder bei der Schwesterserie an einem Leitgedanken orientieren und erkennen, woran die Serie interessiert ist. Und darüber diskutieren.

Von was also will Fear The Walking Dead erzählen? Zombie-Haien?