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AMC

Eine neue Woche, eine neue Folge von Fear The Walking Dead, in der es der Serie erneut gelingt, selbst aus den gekünstelt spannenden Szenen nichts zu machen und aus vielversprechenden Prämissen pure Klischees zu entwickeln.

Es muss einen Punkt geben, an dem sich die Autoren von Fear The Walking Dead dem Potential ihrer Geschichte bewusst werden und aus dieser neuen Chance eine bessere Zombie-Serie machen. Insgesamt schenkt sich ein Vergleich der Qualität der beiden Shows nichts, da sowohl The Walking Dead als auch die Schwesterserie ihre positiven Episoden und Anhänger hat – aber auch beide Shows deutliche Schwächen aufweisen. Doch Dave Ericksons Serie steckt nicht in den groben Zügen von Robert Kirkmans Comic fest, der bei dem wiederholten Adaptationsversuch seiner Welt wesentlich stärkeres Mitspracherecht hat (und das von Anfang an), und die Figuren sind, zumindest in ihren Ansätzen, interessanter als ihre mittelmäßig adaptierten Serienpendants.

Und manchmal gibt es da diese Lichtblicke. Nick (Frank Dillane) erhielt in der 8. Folge der 2. Staffel seine gebührende Aufmerksamkeit und sobald sich die Geschichte auch nur ansatzweise auf die Entwicklung einer Figur fokussiert, macht die Qualität in nahezu sämtlichen Belangen einen Quantensprung. Ähnlich verhält sich das mit der Schwesterserie. Sobald Carol und Daryl durch Atlantas Innenstadt streifen, ergeben sich imposante Bilder, tatsächliche Spannung und kleine Momentaufnahmen einer postapokalyptischen, gleichgültigen Welt, in der sich die Figuren neu definieren müssen/können/dürfen. All das ist unterhaltend und spannend, wenn es gut gemacht wird.

In der 10. Folge von Fear the Walking Dead mit dem urkomischen Titel Do Not Disturb, ein ironischer Hinweis von der Autorin Lauren Signorino mit Hinblick auf das Hotelsetting, gelingt das alles jedoch nicht – oder höchstens nur im Ansatz, als eine Andeutung dessen, was sein könnte. Genau dieses Hotel gibt uns im Cold Opening einen interessanten Einblick in die ersten Momente der Apokalypse. Fear wagt deutlich häufiger den Blick in das Leben der Figuren vor der Apokalypse oder auch einfach nur den Moment des gesellschaftlichen Verfalls als die Schwesterserie und profitiert deutlich davon. In wenigen Sekunden wird erneut die Zombiemythologie von Robert Kirkman visuell stimmig nacherzählt: Es gibt bereits Gerüchte über eine Krankheit, aber da sich niemand mit einem Virus infiziert und es keinen Patient Zero gibt, muss man ab der “Stunde Null” auf den ersten Todeskandidaten warten, der wiederkommt. Und mal ehrlich: Wie oft kommen die meisten Menschen in ihrem Alltag mit einem Toten, rein räumlich gesehen, in näheren Kontakt?

Diese Einführung wird später aufgegriffen, wenn Alicia bei ihrem Fluchtversuch aus den oberen Stockwerken des Hotels Hilfe von Elena erhält. Elena hatte den Hochzeitssaal nach dem Ausbruch verriegelt und sich Feinde gemacht. Die Figuren werden hier beiläufig eingeführt und lieblos gestaltet, sodass man sich direkt bewusst wird, dass Fear sie nicht lange am Leben erhalten wird. Immerhin brauchen die Gore-Hounds ihr nächstes Opfer; eine echte Geschichte in dieser Welt zu erzählen, in der sich zwei Parteien einfach mal über den Weg laufen, die Sprache nicht sprechen, eventuell Urlauber aus Deutschland sind, womöglich sich sogar helfen oder einfach nur ignorieren, scheint schlicht unmöglich. Selbst die Urlaubsthematik an sich interessiert nicht. Ebenso uninteressiert ist das Drehbuch an der Auflösung des Cliffhangers aus der letzten Folge. Da sind Madison und Strand umringt von Zombies an der Bar des Hotels eingeschlossen und kommen später mysteriöserweise Alicia und ihren neuen Begleitpersonen (Zombiefutter) zu Hilfe. Wie konnten sie sich befreien? Die Serie schert sich nicht darum. Wieso sollte ich es also tun? Kim Dickens spielt dazu die Freude der Mutter über das Wiederauffinden ihres Kindes mit der gleichen Begeisterung wie in der Konfrontation mit den Untoten.

Das Cold Opening hat aber darüber hinaus eine thematisch höchst prägnante Bedeutung. Natürlich weiß der Zuschauer, wohin sich die Welt, durch die Chris und sein Vater Travis (Cliff Curtis) in der Nacht fahren, hinbewegt. Sie kennen sie aus The Walking Dead. Doch wenn Travis seinem Sohn das Autofahren als nützliche Fähigkeit für die „Zeit danach“ beibringt, informiert die Einführung die Zuschauer erneut: Nein, nichts wird jemals wieder normal sein. Wie könnte es das auch? Nicht nur, dass niemand – wie Travis vermutet – aktiv dagegen ankämpft oder ein Gegenmittel sucht. Es gibt schlicht keins. Die Menschen leben. Sie sterben. Und sie kommen zurück. Das ist das neue Gesetz dieser Welt. Für immer.

Und genau diese tragische Wahrheit liegt wie ein Totentuch über der Beziehung von Travis und Chris. Die Erziehung der nächsten Generation in einer postapokalyptischen Welt, dieser innere Kampf zwischen einer guten Erziehung in der Tradition und den Werten der Vergangenheit und der harten Realität der Nachwelt, in der das Kind überleben soll, ist ein sehr erwachsenes und reifes Thema für eine Zombienarrative.

Fear erfindet hier sicherlich nicht das Rad neu. Es gibt unzählige medienübergreifende Geschichten, die sich mit diesem Zwiespalt auseinandersetzen und respektable Resultate hervorgebracht haben. Travis ist mit seiner Hoffnung und dem Wunsch nach Rückzug eine nachvollziehbare Elternfigur, deren Optimismus nicht als Naivität missverstanden werden darf. Er hat eine Agenda und weiß um das gefährliche Abdriften seines Sohnes, sonst hätte er nicht den Rest seiner Familie einfach so verlassen (auch wenn Madison ihm sicherlich mehr helfen könnte. Insgesamt scheint das Auseinanderdriften nur geschehen zu sein, um die Staffel zu strecken und ihr eine emotionale Wiedervereinigung im Finale zu schenken.)

Sein Sohn Chris ist jedoch kein guter Kandidat für solch eine Geschichte. Während er noch zum Beginn der 2. Staffel dem naiven Jungen aus dem letzten Jahr ähnelte, machte er nun binnen weniger Folgen einen Sprung zum Serienmörder in Sachen Zombiebekämpfung. Jetzt tötet er sogar Menschen – und Rick Grimes ist noch nicht einmal aus dem Koma erwacht. Es ist nicht die Notwendigkeit und nicht unbedingt sein Wille, die zu dieser Entwicklung geführt haben. Vielmehr lohnt sich ein Blick auf die Autorenliste der bisherigen Staffel 2. Dass sich die Figuren kaum ähneln und in bestimmten Bereichen eine blitzschnelle Änderung vollzogen haben, ist nicht der umgreifenden Apokalypse geschuldet. Wenn nur bisher zwei der Folgen von Autoren aus der 1. Staffel verfasst wurden, muss das nicht notwendigerweise heißen, dass die Kohärenz verloren geht. Aber wenn es so offensichtlich geschieht, muss es angemerkt werden.

Letztlich bleibt nur die Frage, wie Travis mit seinem Sohn umgeht, scheint seine Zukunft doch so determiniert zu sein. Lässt er ihn mit seinen neuen “Dudebros” durch die Apokalypse ziehen oder wird er weiterhin den Fall seines Sohnes ertragen, bis er es nicht mehr kann. Bis er ihn eventuell umbringen muss, um andere vor ihm zu schützen. Eine spannende Frage. Würde man jetzt noch die Geschichte nicht nur episodisch verfolgen, sondern Chris tatsächlich Motive für seine Handlungen und Gedanken verleihen, könnten die guten Ansätze auch endlich Früchte tragen.