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AMC

Nach einer großartigen Folge à la Into The Wild mit Nick geht es zurück in die Zivilisation – oder das, was davon übrig ist. Fear The Walking Dead geht dabei keine Risiken ein und zeigt uns Altbekanntes. Schade.

Wie befürchtet, geht es in der 9. Folge von Fear The Walking Dead weiter mit einer der anderen Fluchtgruppen aus dem Halbzeitfinale der 2. Staffel, nämlich Strand, Madison, Ofelia und Alicia. Je weniger über diesen Handlungsstrang gesagt wird, desto besser. Wann immer die Folge zu dem Quartett schneidet, stoppt das Pacing mit quietschenden Reifen. Fear The Walking Dead folgt hier erneut dem verschlissenen Muster aus „Suche nach Unterschlupf“ gefolgt von „vermeintlich sichere Unterkunft“ und „Überraschung, Zombies!“

Ein großer Hotelkomplex am Strand soll nach mehrtägiger Suche nach Nick eine sichere Zuflucht bieten (ein Modell zeigt uns die immense Größe des Anwesens; hier keine Zombies zu vermuten, ist schlicht naiv.), doch die Folge endet mit einer Hommage an die Bar-Szene aus Shaun of the Dead. Ein Cliffhanger, der nicht wie offensichtlich gewollt dem Zuschauer einen kalten Schauder über den Rücken laufen lässt, sondern schlicht zum Lachen anregt.

Strand (Colman Domingo) und Madison gehen an diese Bar, Ofelia und Alicia nach oben in höhere Stockwerke. Dort ergibt sich dann ein hübsches Bild mit Zombies am Balkon, das jedem Ballermann-Urlauber bekannt sein dürfte. Diese fallen hinunter, können mysteriöserweise trotz gebrochener Knochen weitergehen und greifen die Erwachsenen an, die sich an der Bar angetrunken und gegenseitig die Herzen ausgeschüttet haben. So erfahren wir zum Beispiel, dass Madison (Kim Dickens) den Selbstmord ihres Mannes verschwiegen und in einen Autounfall umgedichtet hat.

Dies ist insofern eine dramatische Situation, als dass Madisons Schuld die Beziehung zu ihren Kindern stört und die Situation zuvor mit dem depressiven Vater sicherlich nicht einfach gewesen sein muss. Trotzdem wirkt die Szene, wie so oft in Fear The Walking Dead, angehängt und aufgeklebt. Sie ergibt sich nicht organisch aus einem Spannungsbogen über mehrere Episoden oder als ultimativer Schlag in die Magengrube, nachdem sich der Zuschauer lange Gedanken über die Probleme gemacht hat. Es wird einfach so mitgeteilt, und dabei handelt es sich um eine höchst lieblose Charakterzeichnung.

Dagegen ist Nicks (Frank Dillane) Geschichte auch nicht unbedingt interessanter, aber immerhin origineller. Er wacht in einem leeren Dorf auf und geht den Hügel hinunter zu einer großen Ansammlung der Dorfbewohner. Diese opfern einen bereitwilligen Mann an „die Mauer“ – freilaufende Zombies in einem abgegrenzten Bereich zwischen der Siedlung und dem Rest von Tijuana.

Später macht Nick einen Ausflug mit einer Frau aus der neuen Gruppe zu ehemaligen Drogendealern, die jetzt ein Kaufhaus betreiben. Ein bizarres, interessantes Bild, das Fear the Walking Dead jedoch kaum nutzt. Nachdem Nick beim Diebstahl eines Snacks erwischt wird, droht ihm Ricks Schicksal aus den Comics. In Wahrheit wollte er aber nur einen besseren Deal und einen Snack für die Tochter des Mannes rausschlagen, der sich opferte.

Nick ist unverbesserlich, naiv und trotzdem das Herz der Serie. Aber immerhin verstehen wir ihn, und seine Handlungen sind nachvollziehbar. Sein Verhalten wird, wie bereits von seiner Begleiterin erwähnt, wahrscheinlich negative Folgen für die neue Gruppe mit sich bringen, der er nun voll angehört. Er glaubt, sich gefunden zu haben und eine Verbindung zu den anderen Überlebenden schließen zu können, doch er ersetzt nur eine Droge mit einer anderen. Dass der Glaube so prominent und kultartig dargestellt wird, überrascht nicht, aber dass all diese Prozesse so schnell, reaktionär und universal geschehen, muss eine Erwähnung finden.

Und an irgendeinem Punkt müssen wir bei allem Verständnis für kreativ ansprechende Szenarien auch mal über die Darstellung Mexikos und der Einwohner reden. Dass sich Mexiko, der Staat, gegen die Flüchtlinge aus den Vereinigten Staaten mit einer buchstäblichen Mauer wehrt, war ein ziemlich treffsicherer Kommentar auf die Einwanderungsdebatte, nicht nur während des US-Präsidentschaftswahlkampfs. Doch ansonsten sucht man progressive Ideen vergeblich.

Stattdessen bleiben die Figuren, auf die Nick, Madison und Co. südlich der Grenze treffen, stets stereotypische Abbildungen der Realität. Selbstverständlich treffen auch Rick und seine Freunde auf diverse Überlebende mit eigenartigen Regeln und Lebensweisen (zum Beispiel die Hunter) oder Leute, die noch die Wahrheit leugnen (wie Hershel). Aber seit sich die Patchwork-Familie südlich der Grenze befindet, stoßen sie ausschließlich auf Karikaturen.

Seien es Gangs, Warlords, Kriminelle, eine alte, gläubige Matriarchin oder eben jetzt die Gruppe des Totenkults – Fear The Walking Dead hat ein Problem, ein ausbalanciertes Bild Mexikos zu produzieren, das keiner oberflächlichen – wenn auch harmlosen – Karikatur gleicht. Dass Mexiko durch die Serie bisher auch nur entweder als Slum, Landschaft oder Urlaubsparadies wahrgenommen wird, in dem dazu noch alle perfekt Englisch sprechen, ist ebenso verwerflich wie der Diebstahl der Abigail. Natürlich finden sich die Überlebenden in einem apokalyptischen Szenario wieder, in dem sich jeder selbst der Nächste ist. Aber im größeren Kontext eines sozialen Kommentars einer Serie in der Grenzregion, den Showrunner Dave Erickson explizit als Ziel ausgewählt hat, erhält dieser Plotkniff einen fahlen Beigeschmack. Dass der Biss des Doktors anscheinend nicht zu seinem Tod führt, kann daher die Täuschung eines manipulativen Priesters sein – oder mehr Voodoo-Zauber der mystifizierten Mexikaner. Er könnte aber auch einfach sterben. Das wäre die beste Lösung.