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AMC

Ein bisschen Familiendrama, ein schizophrener Flashback und viel Gelaber – damit verabschiedet sich Fear The Walking Dead ohne großes Tamtam in die Sommerpause. Wenn die Serie im August wieder startet, muss sie deutlichere Akzente setzen, um zu überzeugen.

The Walking Dead hat in vielerlei Hinsicht Akzente gesetzt, aber besonders hinsichtlich der “Eventisierung” des Midseason-Finales muss man die Serie ein wenig rügen. Während die große Auflösung um Sophia in der zweiten Staffel noch narrativ schlüssig erschien (da man diesen Handlungsstrang nicht noch weiter in die Länge hätte ziehen können), wurden die restlichen Episoden wie Made To Suffer oder Too Far Gone bewusst mit dem Gedanken konstruiert, dem Zuschauer ein Feuerwerk abzuliefern, sodass er nach der Winterpause wieder einschalten wird. Die Quotenerfolge geben den Machern recht. Das System hat funktioniert.

Besonders in der letzten Staffel hat sich auch dieser Trend verschoben. Die Zombies stehen bereits vor der Tür, doch der große Kampf in Staffel 6 in Alexandria erfolgt nach der Pause. Ebenso gestaltet sich das Finale nach einem fantastischen Aufbau über 90 Minuten hinweg zur ultimativen Enttäuschung ohne Belohnung nach der großartigen Enthüllung in Form von Negan. Leider hat Fear the Walking Dead die falschen Schlüsse aus der Schwesterserie gezogen und liefert in seinem ersten Midseason-Finale zwar Zombies, Flammen, Zerstörung und Drama, aber ohne sinnvolle Verknüpfung der Elemente. All diese Aspekte sind dermaßen verteilt (teilweise auch geographisch) und unfokussiert, dass sich kein schlüssiges Bild ergibt.

Die Folge beginnt so unaufgeregt wie sie endet: Nachdem Strand seinem Freund in der letzten Fear the Walking Dead-Episode die letzte Gnade erwies, muss er das Gelände verlassen. Celias Glaubensansicht wird von allen Anwohnern bis auf die Neuankömmlinge ohne Zweifel geteilt. Aus dieser Perspektive hat Strand seinen Freund nicht vor der schrecklichen Unendlichkeit als Walker bewahrt, sondern ein Nachleben in der neuen Welt verwehrt. Colman Domingo spielt Strand erneut höchst überzeugend: Seine Figur fügt sich ihrem Schicksal mit Akzeptanz und stoischem Pragmatismus. Die Ruhe, mit der Domingo seine Rolle spielt, sucht man vergebens in der Schwesterserie und fügt Robert Kirkmans Universum tatsächlich eine interessante Figur hinzu, deren Schicksal man noch gerne weiterverfolgt.

Derweil ist Daniel mit seiner Vergangenheit schwer beschäftigt. Begann Rubén Blades’ Figur zu Anfang noch als kompetenter und angsteinflößender Mann für die harten Entscheidungen, brach Daniel nach der Ankunft auf dem Weingut allmählich ein. Unter der zähen Oberfläche brodelte schon lange ein Konflikt mit der persönlichen Vergangenheit der Figur, der nun zusammen mit unterschiedlichen Ansichten zur Bekämpfung der Zombies zu einer gefährlichen Mixtur gerät. Daniel steht zwar lange angewurzelt neben den Flammen, nachdem er sich von dem Geist seiner Frau und seiner Vergangenheit mit radikalen Mitteln verabschiedet, doch auch ihn werden wir nach der Sommerpause wiedersehen dürfen. Ebenso wie Celia sehen wir ihn noch am Ende aus dem Weinkeller fliehen, doch eventuell dürfte auch die Gutsherrin diese Flammenhölle überlebt haben.

In einer weiteren Episode von “Everybody Hates Chris” verfolgt Travis (Cliff Curtis) seinen Sohn über die Grenzen des sicheren Weinguts zu einem Haus, in dem Chris den Sohn eines anderen Mannes als Geisel genommen hat. Chris’ Handlungsstrang ist definitiv die bisher kontroverseste der gesamten Serie. Da die Naivität von Teenagern von Autoren als Trope missbraucht wird, um den Plot durch augenscheinlich vermeidbare bzw. dumme Entscheidungen voranzutreiben, hat auch der Sohn der Manawas viel Hass abbekommen.

Dabei sind Chris’ Zweifel berechtigt. Reed hat zwar die Ängste des ohnehin verunsicherten Sohnes gesteigert. Doch prinzipiell weiß auch Chris, dass die Zombieapokalypse eine Reduzierung auf den Nukleus der Gesellschaft, die Familie, zur Folge hat und die porösen Strukturen der Patchwork-Familie waren bereits vor den Zombies ein Grund für Zweifel an Travis’ Bekenntnis zu seinem Sohn. Dass Chris nun die direkte Zusicherung der Unterstützung seines Vaters erfährt, mit all den Konsequenzen, die das beinhaltet, wird ihn beruhigen, normalisieren und wieder in die Gruppe eingliedern.

Grundlegend hat die Auftrennung der Figuren jedoch anscheinend bewusst ökonomische Gründe. Sowohl der Plot als auch die Schauspieler werden aufgeteilt, in alle Winde verstreut, um einzelne Episoden nach einem größeren Ereignis (dessen Größe hier definitiv angezweifelt werden darf) mit einem Fokus auf die charakterliche Entwicklung zu erzählen. Prinzipiell ist daran nichts verwerflich, es wäre nur wünschenswert, wenn Fear The Walking Dead dies nicht ganz so offensichtlich gestalten würde.

Immerhin erscheinen die Trennungen der Figuren aber glaubhaft. Die Gräben wurden in den letzten Episoden tiefer und die Unterschiede größer. Besonders der schwelende Konflikt zwischen Nick und seiner Mutter bietet interessante Ansätze, um die Charakterisierung der Walker in Robert Kirkmans Universum zu verstehen. Während die Beißer in der Originalserie und besonders im Comic nach der anfänglichen Apokalypse ruckartig in den Hintergrund geraten und zur Naturkatastrophe reduziert werden können, die dem eigentlichen Drama nur als Rahmengeschichte dient, bietet Fear The Walking Dead einen erheblich tiefergehenden Ansatz. Dies ermöglicht die Figur von Nick. Frank Dillane ist neben den bravourösen Darbietungen der etablierten, älteren Schauspieler der Durchbruchs-Star der Serie.

Und das nicht ohne Grund. Nick ist die erste Person, die wir sehen und er scheint auch den ersten Kontakt mit einem Walker, zumindest in Los Angeles, zu machen. Seine Perspektive auf die Zombies ist zentral, um den differenzierten Ansatz der Showrunner zu verstehen. Rückwirkend wird somit auch der zweiepisodische Abstecher zu Celias Weingut notwendig, denn sie ist es, die Nick akzeptiert und bei sich willkommen heißt. Sie sieht die Zombies nur als bemitleidenswerte Kreaturen, die den nächsten Schritt gemacht haben – ungewollt und gleichzeitig auch unschuldig – und nun einen extremen Hunger besitzen. Dieser Hunger, dieses Verlangen, wider besseren Wissens ist Nick als ehemaliger Junkie sehr gut bekannt.

Aktuell herrschen diverse Fan-Theorien, dass sich Fear The Walking Dead mit der Hauptserie und/oder den Comics verbinden könnte. Madisons starke Mutterrolle und die von zu Beginn an größere Nähe und Identifikation mit den Zombies zeigen Parallelen (Achtung, Spoiler! mit der Gruppe, die sich The Whisperers nennt, auf. Prinzipiell keine schlechte Idee, wäre sie nicht schon von offizieller Seite längst dementiert worden: keine Verbindungen mit den anderen Erzählsträngen! Schade ist das nicht.

Der Zombie als Junkie ist definitiv keine neue Interpretation des Kultwesens, doch die gleichzeitige Barmherzigkeit, das Mitleid, die Sorge um das Schicksal von Wegbegleitern nach dem Sieg des Zombievirus – all das sind vielversprechende und neue Ansätze für den weiteren Verlauf von Fear The Walking Dead; wenn man sich traut, diese zu verfolgen und zu Ende zu denken. Nick, der als blutverschmierter Zombie durch die Horde spaziert und sich dort mehr akzeptiert und zu Hause fühlt, ist definitiv eines der spannendsten Bilder des gesamten Serienuniversums. Wenn Fear The Walking Dead es jetzt noch schafft, mehr als eine Figur auf dieses Niveau zu heben, können Kirkman und Co. die Kurve kriegen.