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AMC

Mit Captive beendet Fear The Walking Dead einen kleinen, völlig belanglosen Zweiteiler, der die eigentlichen Fragen ignoriert und dabei wenig Interessantes mit seinen Figuren anstellt. Sollte es dabei bleiben, kann man das der Serie verzeihen.

So richtig ist nichts wirklich klar. Fear the Walking Dead macht leider wie in der 1. Staffel nach den ersten drei grandiosen Folgen einen Zeitsprung in eine ungewisse Zukunft. Es kann sich nur um Tage handeln, die vergehen. Immerhin hat sich kaum etwas verändert. So leben alle Figuren noch und die Vorräte sind nicht wesentlich geringer – und schließlich befinden wir uns laut den Produzenten immer noch in der Zeitperiode, bevor Rick Grimes im Piloten der Originalserie aufwacht.

Und dennoch fühlt sich Fear The Walking Dead nach diesem Sprung ins Ungewisse sehr anders an. Es war buchstäblich ein Sprung ins kühle Nass, den Nick (Frank Dillane) letzte Woche absolvierte und folglich Strands Freund Luis mit an Bord der Abigail brachte. Luis hat auch einen Plan: Zusammen mit Strand möchte er nach Mexiko reisen, dort gibt es eine sichere Unterkunft. Für diese Reise besitzt Luis jedoch nur Mittel, um ihn selbst und Strand zum Zielort zu führen – und die Zeit drängt, sagt er. Das Zeitfenster schließt sich.

Aber wieso? Wir wissen es nicht – und wir erfahren es auch nicht. Die Serie wird nicht müde zu betonen, wie wichtig Mexiko als Ziel ist und wie sehr es alle Figuren nach der Auflösung um Strands Geheimpläne dorthin zieht. Ich bin mir nur nicht sicher, ob Mexiko tatsächlich auch dem Zuschauer als Zielort schmackhaft genug gemacht worden ist. Ja, Strands (Colman Domingo) Freund besitzt dort ein Haus mit all den zuvor beschriebenen Vorzügen einer sicheren Unterkunft in der Zombie-Apokalypse und wir haben bereits gesehen, wie sicher ein Gefängnis oder eine abgeriegelte Vorstadt sein können. Aber wieso hat sich gerade Mexiko so gut gehalten? Wir sehen kurz einen Helikopter und eine Seeblockade, aber aus welchen Ressourcen gerade Mexiko diese speist, bleibt verschwiegen.

Mexiko hat weder die natürlichen Grenzen noch die politische Organisation, um sich in diesem Szenario besser oder länger als andere Staaten in dieser Apokalypse behaupten zu können. Auch der normaler Einwohner hat es schwer: Während in den Vereinigten Staaten 112 Schusswaffen auf 100 Amerikaner kommen, liegt die Zahl im Nachbarland bei nur 15 pro 100. Somit ist also auch der Zugang zu der besten Waffe, um sich gegen die Epidemie zu schützen, nicht so ideal wie in der Heimat. Und ohnehin: Der Virus ist in der Welt von The Walking Dead einfach von jetzt auf gleich da. Es gibt keinen Patient Null oder sonstige Übertragungswege oder Erstkontakte. Ab dem Zeitpunkt X werden alle Menschen, die sterben, zu Zombies. Dieses Problem trifft auch auf Mexiko zu – wie auf jedes andere Land. Der Comic-Schöpfer Brian K. Vaughan (Saga, Y – The Last Man) hat gerade für den The Walking Dead-Comic ein Spin-off geschrieben, das in Spanien spielt. Dies ist ein totales Novum und im multimedialen TWD-Universum das erste Mal, das wir außerhalb Nordamerikas die Apokalypse erleben dürfen. Kurioserweise wird in diesem Comic mit Gerüchten gespielt, laut denen die USA wesentlich besser mit dem Virus zurechtkommen sollen. In den Anfangstagen scheint also jeder Mensch in Kirkmans Universum zum Flüchtling zu werden.

Ich möchte den Bogen nicht überspannen und belasse meine Kritik hinsichtlich des Worldbuildings mal dabei, aber die Frage bleibt. Sie drängt sich insbesondere auf, wenn sowohl die letzte als auch diese Folge wenig zu bieten haben und sich trotz eines Konflikts das Gefühl aufdrängt, dass man aufgrund der verlängerten Staffellänge von nun 15 Episoden den Plot in die Länge zieht. Am Ende des Zweiteilers begräbt Fear The Walking Dead diesen belanglosen Konflikt nämlich in einer Kiste und verziert sie dazu noch mit einer schönen Schleife. Keine Folgen, keine Konsequenzen. Alicia erhält einen neuen Job und erfährt ein wenig über die Machenschaften von Jacks Gruppe, die jedoch am Ende bis auf Jack und die schwangere Frau komplett vernichtet wird (Den Trick bei der Übergabe gibt es übrigens auch im Comic. Hier kam nun FTWD zuerst. Mal sehen, ob TWD nachzieht.) Travis darf erneut auf Alex treffen, die – großer Twist – noch am Leben ist und Jake einen Gnadentod spendierte, und über sein Gewissen sowie seine Verantwortung gegenüber seinem Sohn in dieser Nachwelt philosophieren, kommt aber auch problemlos davon. Thematisch ist Travis’ Problem darüber hinaus auch nicht mehr spannend. Für die Zukunft der Vater-Sohn-Beziehung und der Serie muss auch Cliff Curtis den hadernden Vater mimen, das ist nachvollziehbar. Der Zuschauer kennt die Tour nur inzwischen in- und auswendig. Auch Chris driftet immer weiter ab, begeht aber ebenfalls keine neuen Wege. Carl lässt grüßen.

Die interessante Frage, auch wenn sie Fear The Walking Dead nicht zum ersten Mal stellt, scheint am Ende die nach dem Platz der Figuren in dieser neuen Welt. Langsam, aber sicher scheint sich bei Travis, Madison und Co. der Gedanke eingebürgert zu haben, dass sie Sachen tun müssen, die ihnen nicht gefallen. Endlich. Strand und Daniel waren bereits aufgrund ihrer dunklen Vergangenheit erheblich erfahrener im Umgang mit diesem moralischen Zerwürfnis und konnten sich schneller anpassen. Nun müssen aber auch die Eltern mit ansehen, wie ihre Entwicklung nicht nur sich selbst, sondern auch die Kinder beeinflusst. Madison muss sich gegenüber Strand behaupten und ihren Sohn Nick in Schutz nehmen. Dabei hat Strand Nick bereits fest in sein Team übernommen – dafür ist er alt genug; und wie Alicia zu Beginn ihrer Geiselhaft lernt, muss nun jeder irgendwo anpacken. Die große Umschulung hat begonnen.

Schlussendlich lässt sich festhalten, dass diese Entwicklung weder revolutionär noch neu ist. Sie ist schon vor langer Zeit in Gang gesetzt worden. Der aufkeimende Konflikt bot nur eine Chance zur Reflexion. So attraktiv dies auch ist, zwei Episoden hätten dafür nicht verschwendet werden müssen. Ich wage keinen Blick in die IMDb, um herauszufinden, ob wir Alex, Jack und die schwangere Frau (sowie auch mal vielleicht das Boot mit dem MG?!) wiedersehen werden. Dafür bin ich tatsächlich zu gespannt, ob sie noch einmal mit den Figuren etwas anzufangen wissen. Insgesamt nämlich wäre es stattdessen nun nach fünf Folgen auf hoher See eine willkommene Abwechslung, wenn die Reise zu Strands Haus beginnt und die Logistik hinter Mexikos neuer Sicherheit erläutert wird. Dann kann man auch diesen Zweiteiler abhaken und die Episoden 4 und 5 als die Füllerfolgen verbuchen, die sie sind.

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Ich weiß, wie du dich fühlst, Nick. ¯\_(ツ)_/¯ © AMC