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AMC

Die neue Folge von Fear The Walking Dead verliert keine Zeit: Nach etlichen Andeutungen gibt es endlich eine klare Erklärung zu Strands Vergangenheit, etliche neue Charaktere, eine Vielzahl an Bedrohungen und neue Informationen zur Lage der Welt. Puh, ganz schön viel für eine Episode.

Eigentlich ein perfekter Start für Fear the Walking Dead: Die Kamera schwenkt entlang einer langen Mauer, die ins Meer führt. Wir erkennen eine nackte Figur im Wasser, die eine Tasche mit sich führt. Es ist Nick. Abgetrocknet und angezogen bewegt er sich durch ein überranntes Flüchtlingscamp. Schnell besorgt er sich einen Walker und färbt sich blutrot ein, um so als Geist unter den Toten zu wandeln.

Das Cold Open funktioniert. Eigentlich. Die Technik, bei der eine Show direkt in die Action hineinspringt ohne große Einführung oder Erklärung, wurde in den letzten Jahren des „Peak TVs“ von vielen Serien, allen voran Breaking Bad (insbesondere zum Beispiel in Dead Freight), von der Krimi-Trope zur Kunstform zelebriert. Während der Einsatz des Cold Opens hauptsächlich dazu dienen soll, dass die Zuschauer schneller und direkt involviert sind, um zu vermeiden, dass sie gelangweilt den Kanal wechseln, kreierten clevere Autoren ausgeklügelte Szenarien. Diese Teaser werden später in der Folge aufgelöst oder später mit der Hauptgeschichte verbunden. So das Versprechen. Fear The Walking Dead macht in dieser Sequenz zu Beginn der 4. Folge der 2. Staffel (Blood in the Streets) sehr viel richtig, hinterlässt jedoch eine große Verwirrung – und klärt wenig auf.

Für eine Serie, die bisher so minutiös die Apokalypse dokumentierte, erscheint die Szene sehr losgelöst vom Rest der Folge – auch im Nachhinein. Hinzu kommt, dass erst durch die ansonsten zu meidende Nachbesprechungshölle Talking Dead mit Chris Hardwick aufgeklärt wird, dass die Gruppe bereits an der Grenze zu Mexiko angekommen ist. Im Unterschied zum Westen der USA hat sich das Nachbarland wohl recht gut gehalten. Anscheinend verteidigt es seine Grenzen noch mit dem Militär, sowohl auf dem Meer als auch aus der Luft, sodass die bisher oft erwähnte Flucht nach Mexiko schwieriger wird als gedacht. Für eine Show, die sonst sogar Landkarten in die Kamera hält, um das Ausmaß des Untergangs zu beschreiben, ist dies eine dramatische Wendung, die gleichermaßen unvorhergesehen wie unnatürlich und aufgezwungen erscheint.

Und so kommt es auch, dass das Warten an der Grenze zu Mexiko mehrere Handlungsstränge zusammenführt – der wahre Grund für die Warterei. So kehren endlich Alicias Funkfreunde zurück ins Spiel: Jack und zwei weniger freundliche Zeitgenossen, darunter eine hochschwangere Frau, können zunächst Chris (Lorenzo James Henrie) und Ofelia (Mercedes Mason) und dann den Rest des Bootes schnell überwinden und die Yacht unter ihre Kontrolle bringen. Strand (Colman Domingo) versucht natürlich sein „fucking boat“ zu retten, doch Daniel (Rubén Blades) hat ihm das Magazin für seine Waffe gestohlen. Strand, der immer in Kontrolle bleiben will, flüchtet sich auf ein Rettungsboot, das ihm jedoch schnell zur sicheren Todesfalle wird. Eine ironische Wendung des Schicksals, hat er doch schließlich Jake (Brendan Meyer) und Alex (Michelle Ang) am Ende der letzten Folge gleichermaßen dem Tode geweiht.

Während Travis (Cliff Curtis) die Yacht überbrückt und die Gruppe auf den Rest der Piraten wartet, marschiert Nick (Frank Dillane) auf dem Festland durch Dörfer und Neubaugebiete, um Strands Freund Luis (Arturo del Puerto) zu finden. Wahrscheinlich ist er es, mit dem Strand in den letzten Folgen über Funk Kontakt hielt. Luis soll immerhin auch derjenige sein, der Strand nach Mexiko schleusen kann. Dass er dazu mehr als befähigt ist, erfahren wir am Ende der Folge: Brutal und ohne zu zögern erschießt er die Piraten; Madison (Kim Dickens) und die anderen – allen voran Chris – ergreifen die Chancen und töten die restlichen Geiselnehmer. Ganz abgeschlossen hat die Gruppe jedoch nicht mit den Piraten, denn zuvor wurden Alicia (Alycia Debnam-Carey) und Travis von dem Bösewicht Conner entführt. Die Zeiten der in sich abgeschlossenen Episoden sind wohl vorbei.

Aber die Serie bietet dennoch magische Momente. Während Fear The Walking Dead in der letzten Folge bereits Nicks Identifikation mit den Zombies andeutete, wird seine Verbindung zu den Walkern in dieser Folge noch stärker hervorgehoben. Den im Flüchtlingslager (“SAVE US”) erlegten Walker legt Nick mit solch einer Fürsorge nieder, dass man direkt sein Mitleid für diese Person verspürt. Und auch später, als er sich an einer jungen, hübschen Frau vorbeischlurft, die vielleicht höchstens vor ein paar Stunden zum Zombie wurde und bis auf ein wenig Blut und Blässe im Gesicht wenig gemein hat mit den Make-up-Fantasien aus der Originalserie, muss er verharren.

Die Walker besitzen in diesen Anfängen der Apokalypse noch eine starke Verbindung zu ihrer ehemaligen Identität und das zeigt sich nicht nur visuell, sondern auch im Umgang der Charaktere mit ihrer Umwelt. Luis und Nick ignorieren die langsam anbahnenden Zombies beim Beladen des Autos mit einer Routine wie Rick und Michonne. Die Zombies sind im The Walking Dead-Universum schließlich nur eine Naturgewalt und Hintergrundrauschen für die wahre Geschichte und können in diesen Situationen wie das Aufkommen einer Schlechtwetterwolke ignoriert werden. Doch in den persönlichen Momenten, wenn der Zombie einem gegenübersteht, ist das anders. Dann ist die Dehumanisierung des Gegenübers noch schwer. Die unvermeidbare Tötung, um das eigenen Überleben zu sichern, fordert den Figuren noch zahlreiche Überwindungen ab.

Während all dessen hat Autorin Kate Erickson noch eine zusätzliche Flashbackebene eingebaut. Wer dachte, dass die Parallelen zu Lost mit dem “The Other 48 Days”-Cold Open in der letzten Folge endeten, hat sich wohl geirrt. Wäre Colman Domingos Strand weniger interessant oder würde er ihn weniger gut spielen, würde der Flashback in seine Vergangenheit und Liebesbeziehung zu Thomas Abigail (aha!) wohl die Episode sprengen. So kriegt die Folge jedoch trotz der mäßigen Regie von Michael Uppendahl, der insbesondere Strands Szenen auf dem Meer in einem überbelichteten Pool zu filmen scheint, die Kurve.

Die erwünschte große Auflösung des Mysteriums Strand gibt es nicht. Stattdessen ist die Überraschung eher, wie milde und sanft die nun dargestellte Beziehung zu seinen Kontakten ist. Trotzdem wird eines klar: Wie schon The Leftovers beeindruckend in der 9. Folge der 1. Staffel mit einem Flashback in die Zeit vor das apokalyptische Event bewies, verändern sich Leute eher nicht. Sie schleppen immer noch die gleichen Probleme mit sich herum, nur werden diese durch die neuen Umstände dramatisch intensiviert. Menschliche Parasiten, die schon zuvor das Leid anderer Menschen zum eigenen Vorteil missbrauchten, folgen ihren Instinkten auch in der Postapokalypse. Wo man eigentlich eine neue Welle des Zusammenhalts erwarten könnte, herrscht eine raue Kälte, wie man sie schon aus der alten Welt kennt. Dieses Schauspiel gelingt Fear The Walking Dead im Unterschied zur Schwesterserie auf eine viel simplere Art: Statt Psychopathen und Sadisten mit unmoralischen Regeln sind es am Ende noch einfach ganz andere Leute.

Das muss ein herber Rückschlag für viele Fans des Genres sein. Schließlich besteht ein großer Reiz der Zombieapokalypse in der “Selbsteinfügung” des Zuschauers. Der Wandlungsprozess verspricht immerhin auch eine Chance auf einen Neubeginn; eine Chance, sich neu zu definieren und alte Fehler hinter sich zu lassen. So zumindest die Idee. Das Gegenteil wäre der Fall. Sollte die anfängliche Welle überhaupt überstanden werden, bleibt man immer noch man selbst. Wahrscheinlich ist diese Erkenntnis tatsächlich das Erschreckendste an dieser Folge von Fear the Walking Dead: Die Apokalypse verändert uns nicht.