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AMC

Nach dem blutigen Inseltrip in der letzten Episode von Fear The Walking Dead folgt der nächste Ausflug auf ein Eiland. Dieses verspricht jedoch wertvolle Raubbeute und neue Gefahren. Fans der Webisode “Flight 462” werden auch endlich über das Schicksal ihrer Lieblingsfiguren aufgeklärt.

Der Ouroboros ist ein uraltes Bildsymbol, das sich großer Beliebtheit in unterschiedlichen Kulturen erfreute. Das Symbol stellt eine Schlange da, die sich in einem geschlossenen Kreis selbst in den Schwanz beißt. Man verzeihe den Ausflug in Wikipedia-artige Beschreibungen zum Einstieg in die Besprechung der neuen Folge von Fear the Walking Dead, einer Serie mit Zombies, aber die Erschließung der Episode über ihre titelgebende Symbolik eröffnet gleich mehrere ergiebige Herangehensweisen.

Einerseits ist es ein treffendes Bildnis für die wachsende Spannung und Misstrauen zwischen den drei Parteien, aber vor allem der Familien gegenüber Strand. Wenn schon ausgesprochen wird, dass sich die zweckgebundene Patchwork-Familie bald gegenseitig an den Hals gehen wird, offen über Meuterei gesprochen wird und dass die Personen „sich gegenseitig auffressen“, dann hat das Autorenteam der 3. Folge der 2. Fear the Walking Dead-Staffel einen treffenden Namen für diese Episode gefunden.

Darüber hinaus beschrieb aber bereits Platon den kreisförmigen Ouroboros als vollkommene Form eines Wesens, da es geschlossen und dadurch autark ohne Kontakt zur Außenwelt überleben könne. Somit ist die bildliche Umschreibung eine außerordentlich treffende Metapher für die Situation der Clarks, Salazars und Strand – sowie eine fatale Lüge.

Betrachtet man die Ausgangslage, hätte man glauben können, dass die Yacht eine gute Lösung für die Probleme der Überlebenden sei. Doch schon bald musste die Gruppe bitter erkennen, dass sie sich irrt. Bisher dreht sie sich wie das Bildsymbol im Kreis, ohne Orientierung und Ziel – auch weil es kein Ziel bzw. Ort dort draußen gibt, zu dem man sich aktuell retten könnte. Informationen sind rar und die Welt ist im Wandel. Strands Abigail scheint daher die beste Wahl für das Überstehen dieser Transformationsphase zu sein. Doch dies ist ein Trugschluss. Trümmerteile und Zombies kommen diesen Plänen in die Quere. Medikamente fehlen. Und schlussendlich musste bisher in jeder Folge von Fear the Walking Dead eine gewisse Anzahl von Leuten die sichere Zuflucht verlassen, um Informationen, Proviant oder Drogen zu finden.

Ebenso gerät die Rückbesinnung auf die eigenen Familie zur Lüge. Erst nachdem die Yacht nicht mehr fahrtüchtig ist, verlässt Daniel Salazar (Rubén Blades) seine Kajüte und fährt gen Land. Gegenüber den anderen Erwachsenen mimt er den Babysitter, doch in Wahrheit sucht er nach Antibiotika für seine Tochter. Er könnte auch Madison fragen, wie Ofelia es vorschlägt, doch er verweigert sich und seiner Tochter diesen leichten Weg. Er möchte lieber selbstständig leben und auch überleben, nicht auf die Hilfe anderer angewiesen sein. Womöglich ist dies auch ein Selbstschutz. Wer anderen nichts schuldet, kann auch so scheinbar herzlos agieren und pragmatisch handeln, wie Daniel es in der Zombie-Apokalypse für angemessen hält.

Noch bevor Daniel jedoch die Yacht verlässt, sät er Streit zwischen Madison (Kim Dickens) und Strand. Strands Vergangenheit ist zwar immer noch ein großes Mysterium, das wohl nicht nur auf Grund von Colman Domingos erstklassigem Schauspiel eine eigene Flashback-Episode verdient. Doch seine Zukunft, oder zumindest seine Pläne, werden immer klarer: Es geht tatsächlich nach Mexiko, auf die Halbinsel Baja um genau zu sein. Nahe der Stadt Rosarito, die 30 km südlich der amerikanischen Grenzen neben Tijuana gelegen ist, steht ein Haus in den Bergen, das den kühnsten Träumen eines Preppers entspricht: Verstärkte Wände, Lagerräume vollgestopft mit Essen, Gemüsegärten und sogar ein Brunnen. Das erinnert nicht nur an das Haus eines autarken Drogenbarons, sondern auch an die Luxusvilla in Max Brooks’ World War Z. Es nicht die erste und wird wohl nicht die letzte Inspiration sein, der sich Fear the Walking Dead hier bedient.

Die eigentliche Handlung der Folge ist erneut erfrischend simpel und gibt den Figuren Raum zum Atmen. Während Madison, Ofelia und Strand Travis bei der Reparatur der Yacht unterstützen, geht der Rest der Gruppe an einen nahegelegenen Strand, um dort die Trümmer eines abgestürzten Flugzeugs genauer zu betrachten. Erneut scheut die Serie keine hohen Produktionskosten. Die Dreharbeiten auf dem Wasser werden mit Einstellungen aus dem Helikopter inszeniert, die Trümmerteile ganz im LOST-Stil völlig authentisch großflächig über die Szenerie verteilt. Es sind unaufgeregte, bunte und tatsächlich humorvolle Szenen, die folgen. Zumindest bleibt Regisseur Stefan Schwartz, der bereits das Finale der vorigen Fear the Walking-Dead-Staffel inszenierte, nahe bei den Personen, die nicht der Fokus der Action sind. Travis’ Unterwasserabenteuer wird jedoch gekonnt von Paul Haslingers virtuoser Komposition unterlegt, sodass die Angst einer Frau um ihren Mann wesentlich einnehmender ist als das Bild eines Zombies unter Wasser. Sein gespenstiges Klavierspiel agiert zeitgleich als tickende Uhr sowie als pochende Untermalung der Bedrohung.

Auch Nicks unfreiwilliges Abenteuer verläuft größtenteils abseits der Kamera. Sein späterer Augenkontakt und Kontaktversuch mit einem Zombie ist jedoch ein Highlight der Folge. Lediglich Chris wird stärker in dieser Episode in den Fokus gerückt, was jedoch zu einem großartigen Abschluss seines Bogens führt. Zunächst kann er nur sein neues Wissen aus der letzten Fear the Walking Dead-Episode am untoten Objekt anwenden. Danach trifft er jedoch auf Überlebende, die er nicht mehr retten kann. Er muss erkennen, dass es harte Entscheidungen in dieser Welt geben muss – die von jemandem getroffen und umgesetzt werden müssen. Er erfährt somit direkt die Last, die sein Vater mit sich führt und erweist dem Mann die Gnade, die er seiner Mutter nicht geben konnte. Ganz abgeschlossen dürfte der Konflikt zwischen Chris und seinem Vater damit bestimmt nicht sein, aber immerhin gewinnt er durch die ernsthafte Betrachtung der Gefühle von Chris eine echte Tiefe und Pathos.

Interessanterweise liegt es auch nicht an Chris, dessen heimlicher Abgang nach den Genreregeln sonst die Zombies rufen müsste, an denen scheinbar nichts vorbeiführt. Schlussendlich muss eben auch der Zombie-Gore-Fan befriedigt werden. Immerhin ist die Offenbarung der Zombiegruppe erneut großartig und gespenstig inszeniert, als einer nach dem anderen über die Sanddüne stolpert und auf Daniel zuwandert. Und so kämpft die Gruppe um Daniel mit der neu eingetroffenen Alex, einer Überlebenden des Flugs 462. Sie wird wohl nur eingefleischten Fans bekannt sein, da es sich um eine Figur aus der völlig belanglosen Webserie vom vergangenen Winter handelt. Inspiriert, erneut, von der Filmadaption von World War Z wurde gezeigt, welche Gefahr von einem einzelnen Infizierten in einem Flugzeug ausgehen kann. Alex mimte die Heldin mit Vorwissen, die sich jedoch den Platz an Bord illegal erwarb und neben dem jungen Jake landete, der eigentlich auf seine Mutter wartete. Alex hat ein schlechtes Gewissen und rettet Jake daher nach dem Absturz mehrfach das Leben. Eine Art The Other 48 Days à la Lost bleibt uns Gott sei Dank erspart.

Dass Strand die junge Frau und den verletzten Jungen daher auf dem offenen Pazifik zum Tode verurteilt, als er die Leine zu ihrem Schlauchboot durchtrennt, wirkt daher höchst unerwartet. Natürlich verraten IMDb und sonstige Nachrichtenmeldungen den tatsächlichen Ausgang der Geschichte (und auch so darf man vermuten, dass die beiden wahrscheinlich von den Piraten aufgefangen und kein gutes Haar an den Bewohnern der Abigail lassen werden), aber innerhalb der Erzählung wäre diese Szene womöglich ohne das Vorwissen des Zuschauers noch effektiver gewesen.

Diese Leute, die wir gerade kennengelernt haben und über die wir nichts wissen – ähnlich wie die Hauptfiguren -, dürfen zunächst nicht an Bord und müssen danach auch noch sterben. Strand erlaubt keine Anhängsel an seinem Ouroboros. Er unterscheidet noch nicht einmal nach potentiell fähigen Mitgliedern, Verletzten oder Todgeweihten im Kandidaten-Pool. Der schlichte Gedanke einer Aufnahme von weiteren Personen wird abgelehnt. Strand glaubt, dass er seine Gruppe gefunden hat. Immer wieder beteuerte er in den vergangenen Episoden von Fear the Walking Dead, wie wichtig Nick oder zum Beispiel auch Travis für die Gruppe sind. Der Kontakt zur Außenwelt ist vielleicht erlaubt, eine Neuformierung der Gruppe jedoch nicht. Er mimt den harten Coach für ein Team, das er auf das Endspiel mit Verlängerung und Elfmeterschießen vorbereitet. Die Frage ist nur, ob das ausreicht. Und ob sich die Gruppe dies noch lange gefallen lässt.

  • 7777×765+1

    “großartig und gespenstig inszeniert” es muss neben der Serie Fear the Walking Dead die ich gesehen habe noch eine weitere geben. Denn was ich gesehen habe war so toll inszeniert wie durchschnittlich schlechter Teeniehorrorstreifen, oder eine schlechte Folge von The Walking Dead.

  • HaPa

    …so ganz kann ich Saschas Lobhudeleihen auf Fear the Walking Dead auch nicht nachvollziehen… (und ich kann seine Meinung sehr oft gut verstehen… auch was Star Wars [obwohl ich anderer Meinung bin] oder Better Call Saul angeht)
    Ich fand “Fear” in der ersten Staffel noch sehr gut und interessant, wobei das gegen Ende auch schlechter wurde, aber jetzt in der zweiten Staffel ist es meiner Meinung nach überhaupt nicht spannend und schon garnicht “großartig”. Eher belanglos und langweilig… schade. Hätte so viel besser werden können…
    man könnte meinen er wird für seine Reviews bezahlt! ;-)

  • Ich werde tatsächlich für die Reviews bezahlt. Von Moviepilot.

  • hapa

    (über geschmack lässt sich ja bekanntlich nicht streiten!) ;-)