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AMC

Land in Sicht! Die Überlebenden flüchten vor möglichen Piraten auf eine Insel vor Los Angeles. Dort angekommen müssen sie feststellen, dass es sich nicht um den sicheren Hafen handelt, den sie sich erhofft haben – und dass es diesen womöglich gar nicht mehr gibt.

Fear the Walking Dead verliert keine Zeit. Die 2. Folge der 2. Staffel, We All Fall Down, schließt direkt an das Ende des Staffelauftakts an und zeigt eine Familie in Panik. Strand (Colman Domingo) ist zu recht angefressen, dass Alicia die Position sowie die vielen Vorteile der Abigail verraten hat. Nun wird die Yacht zum Ziel möglicher Piraten. Vielleicht handelt es sich tatsächlich nur um Menschen, die in Not sind und Hilfe brauchen – doch für diese Ungewissheiten gibt es in der Nachwelt keinen Platz mehr. Also flüchtet die Gruppe nach Catrina Island. Dass es sich dabei um einen sehr offensichtlichen Abklatsch von Santa Catalina Island handelt, stört nicht. Es ist nur verwunderlich, dass man plötzlich fiktive Handlungsorte besucht, nachdem sowohl Fear the Walking Dead als auch die Originalserie The Walking Dead sich stets an realen Städten und Ländereien orientiert haben.

Immerhin ist der Tauchgang in der letzten Folgen nicht nur dem Wunsch nach mehr Spannung zuzurechnen. Die Autoren geben ihren Figuren leichten Zugang zu Informationen, an die sie auf hoher See und ohne Funkkontakt sonst schwer kommen. Dieser Weg ist ein wenig bequem, aber durch die visuelle Darstellung des Massakers bedrohlich und effektiv. Nun aber weiß die Gruppe, dass San Diego kein sicheres Ziel mehr ist. Strand scheint sich darüber nicht wirklich den Kopf zu zerbrechen. Daniels (Rubén Blades) Misstrauen gegenüber dem Retter der Gruppe führt dazu, dass er Strands wahres Ziel herausfindet: Mexiko. Und nicht nur das. Strand besitzt eine Maschinenpistole, Karten und weitere Ausrüstung. Es ist noch etwas früh, um Vermutungen anzustellen, aber womöglich hat Strand eine kriminelle Vergangenheit. Schon länger wird immerhin vermutet, dass Strand nicht der eigentliche Besitzer der Yacht und des Strandhauses ist, sondern sich diese Besitztümer vielleicht anders aneignete. Die Flucht nach Mexiko war daher möglicherweise bereits vor dem Start der Zombieapokalypse geplant gewesen.

Doch zurück zu handfesten Informationen. Was We All Fall Down wahrhaft erfolgreich inszeniert, ist die wachsende Angst der Figuren, dass die Welt keinen sicheren Hafen mehr besitzt. Klar, die Rangerstation auf Catrina Island bietet mit ihren natürlichen Grenzen und Zäunen sowie Ausrüstung, Versorgung und Möglichkeit zum landwirtschaftlichen Anbau großartige Überlebenschancen. Doch bereits einige Kilometer weiter lauert eine größere Ansiedlung, vollgefüllt mit Walkern, die nur auf das richtige Stichwort warten, um die Zäune zu überrennen und die Überlebenden entweder zu fressen oder zurück aufs Meer zu treiben. Es ist gut vorstellbar, dass die Originalserie hier einen ganzen Handlungsstrang entwerfen könnte, der sich über eine Staffelhälfte erstreckt. Doch Fear the Walking Dead ist daran nicht interessiert. Catrina Island und seine Bewohner werden genutzt, um den Figuren Informationen zu liefern und sie mit einer anderen Ideologie zu konfrontieren. Der entstehende Konflikt überdauert keine Episode – und wirkt gerade deshalb so erfrischend in einem Serienuniversum, das von der künstlichen Verlängerung der Spannung durch unsägliche Cliffhanger lebt.
Das Aufeinandertreffen der Gruppen ist auch beispielhaft dafür, in welcher Phase des Zusammenbruchs diese Episode der 2. Staffel noch spielt. Keine Waffen, keine Bedrohungen, dafür aber ein ernstes Gespräch unter Gleichgesinnten, die zwar durchaus gemeinsame Interessen haben, aber durch zentrale unterschiedliche Handlungsansätze geteilt sind. Ranger George (David Warshofsky) respektiert Travis (Cliff Curtis). Nicht unbedingt wegen seinen bisherigen Handlungen, aber für seine Kultur als Maori. Der Familienbezug, das Sterben auf dem eigenen Boden, die Stand- und Glaubensfestigkeit – all das respektiert er, obwohl Travis selbst keinen Bezug dazu hat.

George wirkt im Gespräch ein wenig gefühlstief und angestrengt in seiner Interaktion, aber der geringe Kontakt zur Außenwelt kann das leicht erklären. Er ist nicht unbedingt ein typischer Prepper, aber seine Arbeit in Isolation und die Konzentration auf das Familienleben haben sicherlich ihre Spuren hinterlassen. Seine Interaktion über Funk mit anderen Rangerstationen kann nicht über seine soziale, wenn auch selbstgewählte, Isolation hinwegtäuschen.

Was jedoch bleibt, sind geographische Informationen, die den ersten wichtigen Punkt der 2. Episode unterstreichen: Es gibt keinen sicheren Hafen mehr. Travis ist ein Optimist, er will überleben. Für ihn sieht Georges Handeln aus wie eine Kapitulation vor dieser neuen Welt. Auch Madison (Kim Dickens) glaubt noch, dass sie das tun muss, was sie tun sollte, was das Richtige in jedem Moment ist: Andere retten und zu helfen, wo man kann. Dieser Glaube ist weit verbreitet. Nick (Frank Dillane) versichert Alicia, dass es nicht das Ende der Welt ist. Man muss sich nur wandeln, um mit den wechselnden Gezeiten mitzuhalten. Eine radikale Änderung schlägt er aber aus. Doch im Angesicht des Untergangs des gesamten Westens der USA (Utah, Colorado und Arizona funken nicht mehr, Kalifornien hat die Gruppe selbst erlebt) und der unglaublich gut und furchterregend inszenierten Eröffnungsszene der Folge, in der sich angeschwemmte Zombies am Strand aufrichten und direkt auf ihr nächstes Ziel zusteuern, wird schlagartig klar: Diese Sache ist global.

Doch was tut die Gruppe im Angesicht dieser Realisation? Sie versucht andere Menschen zu retten – selbst die, die es gar nicht wollen. George und seine Familie wären wohl über kurz oder lang ihren “power pills” zum Opfer gefallen, wenn die Zombies aus dem Nachbarort angegriffen hätten. Bis dahin aber wären sie exzellent vorbereitet gewesen auf die Nachwelt. Ihr Sohn Seth tötet Zombies am Zaun, als ob er den Müll rausbringt. Der kleinere Sohn, Tommy, verarbeitet den Tod des Onkels über Actionfiguren. Mit ihnen zeigt er Nick, “was nun getan werden muss”. Die Tochter ist noch zu klein, um sich an die alte Welt zu erinnern. Alicia und Nick lamentieren diesen Umstand, doch vielleicht wäre dies für die kleine Willa im Kontext der Probleme, die die Figuren bei der Anpassung an die neuen Welt haben, eher ein Segen als ein Fluch.

Wir werden es nicht herausfinden. Willa stirbt, beißt ihre Mutter und kurze Zeit später greift diese Mutter ihre Kinder, die sie gerade noch retten wollte, am Dock an. Dieses herzzerreißende Bild wird durch Chris’ Anwesenheit noch stärker intensiviert. Seine Schwester Alicia (Alycia Debnam-Carey) warnt ihn noch: “Schau weg”. Doch das kann Chris (Lorenzo James Henrie) nicht. Er will sehen, wie Seth seine Mutter umbringt und ihr so Gnade erweist – etwas, das er für seine Mutter selbst nicht tun konnte. Waren die Walker vorher noch stumpfe Baumstämme, an denen er seine Wut auslassen konnte, erhalten sie jetzt eine persönliche Komponente. Vielleicht erkennt er jetzt auch dadurch, dass sein Vater ihm einen Gefallen erwiesen hat. Eine so ausschließlich visuelle Auflösung des Konflikts erlebt man in der The Walking Dead kaum.

Allgemein aber bietet das zweite große Thema dieser Episode von Fear the Walking Dead eine spannende Frage, die die Serien noch lange beschäftigen wird und auf die es keine gute Antwort gibt: Was passiert mit den Kindern? Robert Kirkman war schon immer an der langfristigen Abhandlung der Zombieapokalypse interessiert, also wird man sie auch aufwachsen sehen. Sowohl The Walking Dead als auch der Spin-off sind in ihrem Herzen Familiendramen verkleidet als Western. Diese Familien werden daher auch immer wieder Kinder zeigen, die von so vielen Zuschauern leider stetig kritisiert werden. Und das grundlos. Ihre Handlungen ergeben keinen Sinn, sie sind dumm, so würde sich doch niemand verhalten – all das sind häufig hervorgebrachte Argumente.

Dabei sind diese aber alle mit Leichtigkeit zu erklären und aufzulösen, sobald man beginnt, die Figuren ernst zu nehmen. Vielleicht geschieht dies oft nicht aus einer falschen Distanzierung zu diesen naiven Figuren, immerhin besitzt der gemeine Zuschauer oft ein großes Vorwissen über die Zombieapokalypse. Im Umkehrschluss scheint ihm aber die gewisse Empathie für die Situation der Figuren zu fehlen. Chris wird seinen Vater mit der Zeit schon verstehen, doch seine erste Reaktion ist durchaus verständlich. Alicias Freund starb früh in der Serie, doch dass die Beziehung ihr unglaublich viel bedeutet haben muss, erkennt man schnell: Überall hinterlässt sie die Zeichnung, die er auf ihrem Arm hinterließ. Ein letztes Zeichen, das sie mit sich führt, um ihn irgendwie bei sich zu fühlen. Es ist doch klar, dass sie versucht, mit jemandem durch den Funker aus der letzten Episode zu sprechen, der Gleiches erlebt hat. Nicks Sucht wird in dieser Folge wie in keiner zuvor mit seiner sanftmütigen Art gegenübergestellt und gibt Erklärungsansätze für seine Krankheit. Auch Daniels Tochter bekommt einen starken Moment: Herr Salazar und seine Frau sind ihrer Vergangenheit entflohen – nicht nur vor den Gefahren, sondern auch um ihrer Tochter in den Vereinigten Staaten ein sicheres und besseres Leben zu bieten. Dieser Traum ist nun endgültig geplatzt. Daniels Herz zerbricht in Stille, denn er weiß: The kids are not alright.

  • Das Intro war wirklich…stark. Natürlich nicht allein jenes in dieser Folge, aber es sind eben diese Bilder, die mir in der Hauptserie so oft fehlten.

  • pauliborn

    hab die Folge gerade gesehen und fand sie im Gegensatz zur ersten Folge der zweiten Staffel wirklich super…
    Hatte n bisschen was vom “Monster of the Week” Stil, hat mir wirklich gut gefallen, Anfang, Mitte, Ende und nur am Rande die wichtigen Informationen für den Staffelrotenfaden. Hatte fast was von Akte X zu seinen besten Zeiten :)