the village jesse eisenberg
Disney

Es herrscht absolute Dunkelheit. Die Studentin Heather und ihre zwei männlichen Begleiter sind aufgewühlt, denn bereits zur zweiten Nacht in Folge hören sie in einem Wald im US-Staat Maryland nicht näher definierte Geräusche. Sie schalten ihre Kamera ein und filmen in die Dunkelheit hinein. Das Kameralicht erleuchtet gerade so ein paar Äste in der näheren Umgebung. Einen Baum in fünf Meter Entfernung. Ein bisschen Laub auf dem Boden. Darüber hinaus herrscht die absolute Finsternis.

Es ist totenstill, als endlich ein Geräusch zu hören ist: ein scheinbar natürliches, dumpfes Geräusch; als ob ein morscher Ast auf Gestrüpp auf dem Boden fällt. Dann folgen hellere Geräusche. Ein Stein, der auf eine Wand trifft. Vielleicht ist es ein Tier, das einen Steinrutsch auslöste? Doch dann ist das Geräusch wieder zu hören. Und wieder. Es wird stärker. Rhythmischer. Bald wird klar, dass „etwas“ dort draußen mit der Angst der Gruppe spielt. Und dann sind Fußschritte zu hören…

H.P. Lovecraft, der Meister des übernatürlichen Horrors, hat einmal geschrieben: “Das älteste und stärkste Gefühl ist Angst, die älteste und stärkste Form der Angst, ist die Angst vor dem Unbekannten.“ Blair Witch Project schafft diese Angst wie kaum ein zweiter Film im Subgenre des „Wood-Horrors“ so effizient und packend einzusetzen und eine unheilvolle, verdächtige wie Unheil verkündende Atmosphäre des Waldes zu schaffen – ohne auch nur an einer Stelle ein Monster oder die titelgebende Hexe zu zeigen.

Wälder haben schon seit Anbeginn der Menschheit einen Ruf als Ort des Übernatürlichen genossen. Sie waren der Ort von Monstern, Geistern, Dämonen, antiken Göttern und Hexen. Das lässt sich vor allem evolutionsbiologisch erklären. Vor Millionen von Jahren erhob sich Homo Erectus, um über die Sichtgrenze der Steppe herannahende Feinde zu erkennen und auch Wild jagen zu können. Somit konnte der Mensch sich eine Übersicht verschaffen, seine Welt nach seinem Blick und Willen prägen. In den dichten Urwäldern mit einer vielschichtigen Flora und Fauna, die mysteriöse, unheilvolle und schwer zu identifizierende Geräusche produziert, verliert er die Übersicht, die Kontrolle.

Diese Angst vor den Wäldern ist bis heute tief verwurzelt im Menschen. Der genaue Auslöser bleibt wohl ein Mysterium. Vielleicht ist es die Angst, sich in der Dunkelheit im Wald zu verirren. Vielleicht ist es die Angst, dass tief im Wald niemand die eigenen Hilfeschreie hören kann oder dass man in Notsituationen auf sich selbst gestellt ist. Diese Angst wohnt seit je her im Menschen inne. Man fühlt sich inmitten von Bäumen und Sträuchern und Orientierung der Natur hilflos ausgesetzt. Ganz leicht, kann man angegriffen werden – aus den gleichen Gründen leiden Menschen auch unter der Phobie vor der offenen See.

Man muss nicht unter Hylophobia, der irrationalen Angst vor Bäumen und Wäldern leiden, um bei diesen Szenarien Gänsehaut zu bekommen. Für nahezu alle Menschen klingt die vernommen Angst der Figuren in diesen Situationen nämlich sehr rational und einleuchtend. Wälder sind schließlich groß, dunkel, geheimnisvoll, verwachsen und beherbergen mittelgroße Tiere, die teilweise sogar dem Menschen gefährlich werden können – je nachdem wo man wohnt. Wälder bieten dazu wenige Rückzugsmöglichkeiten. Bäume werden eher zur Deckungsmöglichkeit von Verfolgern und Angreifern.

Diese Angst vor dem Ungewissen, vor dem Unbekannten, machen sich Filmemacher seit Jahrzehnten zu Nutze. Ihre Filmwälder sind dunkel, creepy und schwierig zu navigieren. Ihre Opfer fahren in den Wald zur Erholung, wollen in einer Hütte relaxen und mit Freunden chillen – nur um einem blanken, vorzeitlichen Horror zu begegnen. Natürlich wird das noch oft gesteigert: Die Figuren verlaufen sich nicht nur im Wald, sondern werden gleichzeitig von einem mörderischen Verrückten gejagt. Dann doch lieber Strandurlaub.

Schon in Grimms Märchenerzählungen finden sich daher pädagogisch wirksame Warnungen vor den Wäldern wieder. Sei es die Gefahr durch den trickreichen Wolf im Wald oder die prototypische Hütte im Waldin der Unheil innewohnt. Das Setting ist sogar so genreprägend und omnipräsent, dass es titelgebend für Drew Godard und Joss Whedons modernen Klassiker The Cabin in The Woods fungierte. In ihrer meisterhaften Dekonstruktion des Subgenres wird der Wald mit seiner Hütte im Zentrum zur buchstäblichen Bühne, die durch eine unglaublich detailreiche Logistik hinter den Kulissen unterstützt wird – und all das nur, um den Blutdurst des Zuschauers zu befriedigen.

Heutzutage müssen Filmemacher eben schon mehr bieten, als nur mit der Urangst zu spielen. Sonst läuft der Film Gefahr, nur das inzwischen zum Klischee gewordene Setting für exploitative Teeniestreifen zu bedienen und in den „ab 18“-Regalen dreckiger Videotheken zu verstauben.

Doch es gibt spannende Ansätze, die die stereotypische Darstellung durchbrechen. Im vielleicht berühmtesten Beispiel des Genres, Evil Dead, wird der Wald selbst zum Antagonisten. Das buchstäbliche Böse sucht Wurzeln, Äste und Sträucher heim, die in einer berühmt-berüchtigten Szene eine der Hauptfiguren vergewaltigen.

Dass der Wald selbst zum Leben erweckt, muss jedoch nicht immer schlimme Folgen für die Protagonisten einer Handlung haben. So lauern zwar Wald- und Baumgeister sowie eine nicht näher definierte „Dunkelheit“ im Fangorn-Wald von Mittelerde, die die Bäume alt und boshaft werden lassen. Gleichzeitig ist dies jedoch auch die Heimat der Ents, die im späteren Verlauf der Geschichte nicht nur die Freiheit in Mittelerde verteidigen, sondern auch als Retter der Hobbits agieren.

Auch in M. Night Shyamalans „The Village“ findet sich zwar zunächst die Warnung vor dem Wald wieder. Das Twist-reiche Drehbuch warnt vor Monstern im Wald. Shyamalan stellt sich jedoch dem Unbekannten und fragt, ob das bekannte Übel, das im Menschen innewohnt, nicht viel größer ist. Sein Wald dient aber auch als Rückzugsort, als Barriere vor der Außenwelt, die sogar womöglich noch schlimmer als die unbestimmte Angst vor dem Ungewissen sein kann.

In Tucker and Dale vs. Evil wird die Angst vor dem Unbekannten auf den Kopf gestellt. Die liebevollen Rednecks stoßen nahe ihrer Hütte im Wald auf eine Gruppe junger Menschen, die sie für verrückte Mörder halten. Die stereotypischen Opfer werden daher proaktiv und wollen sich ihrem mutmaßlichen Schicksal nicht beugen. Das hilfsbereite Redneck-Duo sieht sich fortan auf Grund eines bloßen Missverständnisses mit dem eigenen Tod konfrontiert. Ein totlustiger Überlebenskampf beginnt.

Doch bei aller Liebe für dekonstruktive, humorvolle und abwechslungsreiche Ansätze, die die Erwartungshaltung des Zuschauers überrumpeln, geht doch nichts über einen gepflegten Horrorstreifen im Wald. Auf sich alleine gestellt, wird sich der Mensch mit seiner lebhaften Fantasie selbst zum schlimmsten Feind. Seine kreative Vorstellungskraft füllt das Vakuum des Unbekannten mit den boshaftesten Befürchtungen, die er kennt. Was gibt es Schlimmeres? Es lebe der Waldhorror.

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Dieser Text erschien zuerst auf der Seite des Films The Forest mit Natalie Dormer.