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Paramount Pictures

Die beste Zombiegeschichte findet ihr nicht auf der großen Leinwand oder im Fernsehen. Und obwohl ich Robert Kirkmans Comic The Walking Dead über alles liebe, kommt auch er nicht an Max Brooks’ ultimative Zombie-Bibel World War Z heran.

“Ein Film, der zufällig den gleichen Namen hat”

World War Z bekam vor nun zwei Jahren eine Verfilmung (Review), die so gut wie gar nichts mit der Vorlage zu tun hatte. Die Produktion des Films war eine einzige Katastrophe. So begann man zu drehen, ohne dass das Drehbuch ein Ende hatte. Schlussendlich konnten die Aushilfs-Drehbuchautoren Damon Lindelof und Drew Goddard den Film retten, Regisseur Marc Forster scheint trotz des finanziellen Erfolges des Films gebrandmarkt zu ein.

Inhaltlich enttäuscht der Film auch nicht wirklich. Er hat eben nur äußerst wenig mit dem Buch zu tun, das die Apokalypse aus allen Blickwinkeln beleuchtet. So sagte Brooks selbst, dass es sich um einen äußerst ansprechenden Thriller handle, der aber nur zufällig den gleichen Namen wie das Buch hat. Während Brooks im Buch nämlich ein UN-Mitarbeiter ist, der nach dem Kriegsende herumreist, um Überlebende zu interviewen, mimt Brad Pitt den entschlossenen globetrottenden Superhelden, der tapfer ein Gegenmittel findet und die Welt vorerst rettet. Vorerst, weil ein zweiter Teil in Arbeit ist.

Das ist aufregend. Aber all das hat absolut nichts mit World War Z zu tun. Und das ärgert mich ein wenig, denn der Stoff an sich ist nach wie vor fantastisch. Das Buch hat nämlich den Untertitel An Oral History of the Zombie War und erzählt vom Krieg in der Vergangenheit. Max Brooks hat ranghohe Offizielle für die UN interviewt, die für die Nachwelt aufzeichnen will, wie die Zombies schlussendlich besiegt und das Ende der Menschheit abgewendet wurde.

Postapokalypse im Interview

Während seiner Weltreise interviewte er jedoch auch Durchschnittsbürger mit interessanten Schicksalen, die einen Einblick in den Ablauf des Kriegs bieten können. Sein Blick auf die Zombie-Apokalypse sieht daher eine durch und durch menschliche Geschichte. Gore gibt es so gut wie keinen, es geht um die menschlichen Schicksale und zu welchen Schritten Familien, Regierungen und Militärs bereit waren, um zu überleben.

Die Erzählung der Geschichte ist in der Form des Interviews gehalten. Brooks versieht einige Kernmomente mit weiteren Anweisungen, überlässt seinen Interviewpartnern jedoch größtenteils die Bühne. Durch zahlreiche Kapitel ergibt sich so langsam aber sicher ein Bild der Apokalypse globaler Ausmaße, die schleichend voranschritt und die Menschen dann doch völlig überraschte. So erwachen die Toten nicht plötzlich überall wieder zu Leben. Stattdessen infiziert ein nie näher genanntes Virus zunächst den Patient Zero in einer Provinz Chinas.

China versucht die Gefahr mit brutalster Gewalt zu unterdrücken und durch die vehemente Zensur werden die Ausmaße totgeschwiegen. Trotz radikalen Maßnahmen kann die schleichende Ausbreitung jedoch nicht gestoppt werden. Schon bald stehen Massen an Untoten in Indien, Pakistan und Südostasien. Flüchtlinge versuchen sich mit Hilfe von Schleppern in den Westen zu retten, der sich abgeschottet hat und versucht, die Flüchtlingsproblematik zu ignorieren. Zunächst gibt es ein paar Fälle von kranken, infizierten Menschen an Flughäfen. Doch schon bald ist die Gefahr nicht mehr zu ignorieren. Mitten in Amerika kommen die Untoten plötzlich durch den Garten ins Wohnzimmer geschlurft und die Apokalypse ist nicht mehr zu ignorieren: Die “Große Panik” beginnt.

Brooks erzählt all dies durch Interviews mit Ärzten in China, Militäroffizieren im Himalaya, Flüchtlingen aus dem Nahen Osten und einer jungen Frau, die mit ihren Eltern gen Kanada floh, weil sie sich Schutz in der Kälte des Nordens versprechen.

Schlechte Dialoge, keine Spannung

Ein häufiger Kritikpunkt, mit der sich World War Z konfrontiert sieht, ist das Ausbleiben der Spannung. Der Leser weiß zu Beginn einer jeden Geschichte, dass der oder die Erzähler/in ihre Geschichte überlebt hat. Des Weiteren erklärt Brooks bereits in den ersten Seiten des Buches, dass der Untergang der Menschheit an sich abgewendet wurde. Weiterhin gilt Brooks’ Schreibtalent als eher mittelmäßig. Keine wirklich tollen Beschreibungen, Alltagssprache und die Dialoge wirken angeblich hölzern.

Diese Kritiken haben den Anreiz des Buches nicht wirklich verstanden. Die Figuren sind in einer gewissen Weise bewusst stereotypisch charakterisiert, sodass es weniger um ihre Eigenschaften als um ihr Schicksal in der Apokalypse geht. Sie stehen sinnbildlich für Tausende, wenn nicht sogar Millionen andere Menschen, die ein ähnliches Schicksal erleidet haben. Im krassen Unterschied dazu jedoch kann Brooks auch ganz besondere Figuren in der Apokalypse hervorbringen: Ein US-Politiker, der dem Demokraten Howard Dean sehr ähnelt, kann durch seine Eigenarten überzeugen und gleichzeitig völlig einzigartige Ansichten in die Organisation des Kampfes gegen Millionen Untote bieten.

Und genau darum geht es Brooks mit seinem Buch. Er erzählt nicht eine Geschichte von Überlebenden in einer Mall, in einem Gefängnis in Georgia oder einer Gruppe Überlebender in einem leergefegten London – er erzählt sie alle. Es geht um Burgen, U-Boote, Astronauten auf der ISS, Regierungsmitarbeiter, Prominente in einem Big-Brother-ähnlichen Haus, Soldaten im Krieg, den Untergang New Yorks, Hundetrainer, Ärzte, Strategen, Zivilisten, Filmemacher, Leute in Burgen, um die Reinigung der Katakomben von Paris, um einen Blinden in Japan, Otakus, abgestürzte Piloten, Forscher, und, und, und.

So ergibt sich eine komplett “seriöse” Mockumentary der Zombieapokalypse. Brooks ist die Sache so ernst, dass man manchmal glaubt, dass er sich dieses Szenario sogar ein bisschen zu sehr herbeisehnt. Seiner Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Nahezu jedes Szenario, das man sich vorstellen kann, wird in diesem Buch adressiert. Am Ende ergibt sich ein komplementäres Bild des Zombiekrieges – wie er begann, wie er beendet wurde und mit welchen Problemen die Menschen noch nach dem Krieg zu kämpfen haben. Für alle “Was wäre wenn”-Fans des Genres, die sich die Frage auch nur einmal gestellt haben, gibt es hier Antworten zu finden.

Das Hörbuch is the real deal

Brooks verfasst all diese Puzzle-Stücke in Interviews. Daher ist die Sprache oftmals relativ simpel gehalten und die Formulierungen sind weniger blumig, sondern sehr matter-of-fact. Teilweise lässt Brooks seine Figuren auch bewusst dumm oder durchschnittlich klingen, da sie noch jung sind und während des Krieges keine Schulbildung erhalten haben oder alleine in der Wildnis aufgewachsen sind.

Deshalb ist für mich auch das Hörbuch die bessere Version des Stoffes. So werden seine bewusst getroffenen Anpassungen der Sprache lebendiger. Max Brooks spricht sich selbst und hat für die Figuren die Crème de la Crème an bekannten Synchronsprechern und echten Hollywood-Stars verbuchen können: Nathan Fillion, Carl Reiner, Martin Scorsese, Simon Pegg, Mark Hamill, Bruce Boxleitner, Denise Crosby, Henry Rollins, Jürgen Prochnow, Kal Penn, Alan Alda, Rob Reiner, Frank Darabont, Masi Oka, John Turturro , Common, Alfred Molina und F. Murray Abraham sind nur einige der zahlreichen Stars, die den Figuren eine unglaubliche Gravitas bieten und diese übernatürliche Geschichte sehr real und greifbar für die Ohren werden lassen.

Vergleiche mit Orson Welles’ berühmt-berüchtigter Adaptation von The War of the Worlds sind nicht unfair. Daher sollte das Hörbuch unbedingt im Original gehört werden. Ich empfehle Amazons Dienst audible, da man dort neben World War Z auch eine ganze Seite mit Science Fiction Hörbüchern findet und ein Hörbuch für die Anmeldung gratis erhält. So habe ich es gemacht.

  • Vielen Dank für diese späte Würdigung eines großartigen Buches. Kennst du eigentlich HOUSE OF LEAVES von Mark Z. Danielewski? Ist zwar komplett anderes Terrain aber auch absolut einzigartig.

  • evilnerd

    Klasse Hörbuch! Ich mag sogar die “lost Tapes” (oder so ähnlich).