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© AMC

In einer schmucklosen Folge bringt Fear The Walking Dead seine Figuren ein ganzes Stück weiter. Für das Finale, in dem das Schlimmste befürchtet werden muss, wurden immerhin mehrere Grundsteine gelegt.

Als vor fast einem Jahr die ersten gehaltvollen Meldungen zum The Walking Dead-Spin-off veröffentlicht wurden, gab es zwei handfeste Informationen: Erstens soll die neue Serie die Tage des Ausbruchs darstellen. Eben genau die Zeit, die Rick während seines Koma verpasst hat und die der Zuschauer nur aus Erzählungen und einer Handvoll Flashbacks kennt. Zweitens sollte das Spin-off tatsächlich den Untertitel Cobalt bekommen. Dieser stellte sich vor geraumer Zeit dann lediglich als Arbeitstitel der Serienmacher heraus.

Dennoch sollte Cobalt eine ganz besondere Bedeutung zukommen. Nicht nur ich brütete über diversen Wikipedia-Artikeln und spekulierte, ob man womöglich den Ausbruch der Seuche näher chemisch erklären würde. In der gleichnamigen fünften Episode von Fear the Walking Dead sollte nun das Geheimnis gelüftet werden. Die Antwort auf das Mysterium um das chemische Element ist dabei jedoch wenig überraschend.

Nachdem das Militär in der letzten Folge die Führung übernommen hat, haben sich die Umstände trotz einer zunächst bequemen und garantierten Sicherheit vor den wandelnden Toten zum Schlechteren gewendet. Die Bevölkerung wird angesichts der Besatzung und fehlender Informationen unruhig, das Leben wird wieder rauer und spätestens seitdem rigoros gegen mögliche Bedrohungen vorgegangen wird, steht der Bösewicht in den Sicherheitszonen fest.

Lieutenant Moyers (Jamie McShane) verleiht der harten Linie des Militärs ein Gesicht. Er bleibt jedoch trotz einiger netter Sprüche (“I can do whatever I want. I got the guns.“) recht farblos und eindimensional. Und dennoch kann er uns in seinen wenigen Interaktionen immerhin über den moralischen Stand des Militärs informieren.

Er lässt bei seiner Truppe wenig Gnade walten. 50-Stunden-Schichten, Androhungen von Gewalt, ein beunruhigender Sarkasmus. Man überspannt den Bogen also nicht zu sehr, wenn man seinen Männern fragging unterstellt, das absichtliche Töten von Angehörigen der eigenen Truppe. Es wäre zumindest nicht verwunderlich. Die Soldaten wissen weitaus mehr als der Zuschauer oder Travis, der mit ihnen auf diese Einschüchterungstour ging. Sie können den Zustand des Kampfes gegen die schwelende Apokalypse besser einschätzen und wenn sie desertieren und sich vom Acker machen wollen, um ihre eigenen Familien (womöglich vor dem Militär) zu retten, spricht das Bände.

Vor seinem Ableben (wobei Tode, die nicht explizit gezeigt werden, natürlich besonders im hiesigen Genre angezweifelt werden dürfen) führt Moyers jedoch Travis (Cliff Curtis) noch einmal die neue Realität dieser Welt vor Augen – buchstäblich. Er zwingt Travis durch das Fernrohr eines .50 Caliber Scharfschützengewehrs zu blicken und einen Zombie zu töten. Der bisher gutgläubige und naive Travis hadert mit der Herausforderung und kann sich am Ende nicht dazu durchringen.

Die Soldaten übernehmen schließlich die Aufgabe. Ihr Alltag erforderte entschiedene Schritte, die eigene Psyche so anzupassen, die Zombies als völlig entmenschlichte Ziele zu betrachten. Der interessante Aspekt der Figur ist, dass Travis inzwischen durchaus begreifen mag, dass die Kellnerin namens Kimberley nicht mehr zu retten ist und wahrscheinlich sogar erlöst werden sollte. Er selbst kann sich jedoch einfach nicht zu diesem Schritt durchringen. Ob Travis’ Pazifismus tiefgehende Gründe hat, wird sich noch zeigen müssen. Während sich aber seine Frau sogar recht schnell mit Daniels Foltermethoden anfreunden kann, ist es doch beruhigend, dass mit Travis auch eine komplizierte Figur mit der Situation hadern darf, die als nicht völlig unschuldig idealisiert wird.

Und, ach ja, genau. Die Folter. Der zu Beginn durch Ofelia inszenierte Aufstand war lediglich eine Falle für ihren Militärfreund Adams. Daniel (Rubén Blades) konnte ihn wohl, im Haus angekommen, überwältigen und will nun herausfinden, wo seine Frau hingebracht wurde. Außerdem wird im Funk der Soldaten immer wieder das Wort „Cobalt“ erwähnt. Um das Geheimnis zu lüften, ist Daniel zu blutigen Methoden bereit, die er nicht zum ersten Mal anwendet. Nein, er ist sogar recht routiniert. Dass hinter dem unscheinbaren Friseur mehr steckt, konnte man recht früh erahnen. Sein Tatendrang wurde in der letzten Woche zunächst verständlich. Er kennt aufgrund der Übergriffe in seiner Heimat die Abgründe der menschlichen Psyche nur allzu gut und wird nicht warten, bis er selbst zum Opfer wird. Seine Hintergrundgeschichte wird diese Woche insofern noch erweitert und dazu weitaus dunkler, dass er nicht selbst nicht zum Opfer werden will, sondern sich schon diverse Male aktiv so entschieden hat – selbst wenn das bedeutet, Gewalt anwenden zu müssen.

Nicht überraschend ist auch, dass Madison (Kim Dickens) sich nicht wirklich daran stört, sondern Verständnis hat. Seit der Verdrehung der Tatsachen, die zur Tötung von Osama bin Laden führten, gilt die Folter wieder als legitime Methode, um an bedeutende Informationen zu gelangen. Dass eine Mutter ihr Kind aus der Gefangenschaft befreien will, ist verständlich. Dass Madison sich jedoch derart schnell an ihre neue Umwelt anpassen kann, ist verblüffend und sorgt für einige Spannungen innerhalb der Familie und in der Beziehung mit ihrem neuen Freund. Auch über das Finale hinaus wird dieser Konflikt wohl für durchaus dramatische Momente sorgen dürfen.

Die Zeit drängt also, aber noch geht es Nick gut. Frank Dillane hat diese Woche nicht viel zu tun, darf aber gespannt dem charismatischen Strand zuhören, der eine Gruppe von fähigen Leuten um sich scharen will, um aus dem Krankenhaus zu entkommen. Während sich der Vorgesetzte noch dem Materialismus der alten frönt, hat Strand (Colman Domingo) schon begriffen, dass Nick nützlich sein wird – und Menschen die wichtigste Ressource der Zukunft sein werden.

Auch Liza darf in dieser Woche endlich mit anpacken. Es ist erfreulich, dass das Militär anscheinend tatsächlich nur den Menschen helfen will und keine Experimente an ihnen durchführt. Das wäre ein Schritt zu weit gewesen. Stattdessen versuchen die Ärztin und Liza die Kranken zu retten, was im Falle von Daniels Frau leider nicht klappt. Nach einem septischen Schock wird sie im No Country for Old Men-Style von ihrem drohenden Leid erlöst.

Regisseurin Kari Skogland zeigt zwar später einen Close-up von Griseldas Stirn; der Moment der Tötung wird jedoch aus der Ferne gezeigt. Es ist ein würdevoller Abschied von einer uns kaum bekannten Figur, aber er sagt sehr viel über die Herangehensweise und Zukunft der Serie aus. Während The Walking Dead keine Gelegenheit auslässt, einen gore-haften Moment nach dem nächsten zu suchen, ist das Spin-off weitaus vielschichtiger und nuancierter. Ebenso verharrt die Kamera nicht lange auf dem Kopfschuss von Kimberley. Das Gemetzel in der Bibliothek ist ebenfalls nicht zu sehen, sondern nur zu hören. Die Kamera verharrt auf Travis. In Fear geht es nicht um die Zombies, sondern um die Menschen und ihre Reaktion auf diese neue Welt. (Auch wichtig für die Zukunft: Liza erfährt hier auch, dass alle Menschen zu Zombies werden – selbst wenn sie nicht gebissen wurden.)

Während all dessen finden die beiden Familienküken Chris und Alicia langsam Gefallen an der Freiheit der Apokalypse – und aneinander. Ihr klischeehaftes Teenieverhalten mag nicht überzeugen und darf durchaus als überzogen und auch langweilig empfunden werden. Der Subtext ihrer Eskapaden ist jedoch höchst ansprechend: Die Reichen haben sich aus dem Staub gemacht. Womöglich waren sie besser informiert, hatten mehr Mittel oder einfach nur ein ungutes Gefühl, wenn die Masse in Downtown rebelliert. Ein wichtiges Fazit, das man daraus ziehen sollte: Die, die fliehen können, fliehen – wie uns auch die aktuelle Flüchtlingswelle in Europa zeigt.

Trotzdem überzeugt die Folge nur bisweilen. Zeitsprung und Perspektivwechsel vermögen in der letzten Folge noch funktioniert und frisch gewirkt haben. Nun hätten jedoch handfeste Informationen folgen müssen. Ist das Stadion voller Zombies innerhalb der Sicherheitszone? Wo genau war die Bibliothek? Hat das Militär hunderttausende Menschen binnen der übersprungenen Woche getötet? Haben Millionen von Menschen Los Angeles einfach so verlassen? Wenn ja, wo ist das Chaos? Wenn nicht, wo sind alle? Wieso ist alles so leer? Manche, das haben wir letzte Woche gesehen, verstecken sich in ihren Häusern. Doch das erklärt ja nicht die Abwesenheit eines Großteils der Bevölkerung.

Und wird Operation Cobalt die Tötung von Kranken bedeuten oder auch gesunde Menschen miteinschließen? Diese Frage wird natürlich noch nicht beantwortet. Das Wissen um die Möglichkeit einer inklusiven, „humanen“ Lösung für alle ist als Drohung alleine viel spannender als alles andere.

Stattdessen legt diese schmucklose Folge ohne visuelle Highlights oder Höhepunkte größtenteils den Grundstein für ein zombiereiches, wenn auch vorhersehbares Finale (ich gehe davon aus, dass Daniel die Tore des Stadions öffnet und von dem Chaos profitieren will). Zwar handeln die Figuren konsequent und logisch (ein für ein Großteil der Zuschauer viel zu wichtiges Kriterium) und sie können ihre Entwicklung fortsetzen. Doch die Staffel scheint gerade jetzt zu enden, wo es interessant wird.

Wahrscheinlich dürften alle Figuren das nun beginnende Chaos überleben und den Untergang der letzten Herrschaft in Los Angeles mitansehen. Wahrscheinlich endet die Staffel sogar mit der Bombardierung der Stadt, ähnlich wie in dem oft vergessen Auftakt der zweiten Staffel der Originalserie. Dort bombardiert das Militär Atlanta mit Napalm. Womöglich ist das auch die Lösung aller Probleme für Los Angeles, wenn wir nächste Woche die Massen, die sich von uns unbeobachtet ansammeln konnten, über die Zäune schwemmen sehen.