Calm your rigs, Masterrace!

25 Jun, 2014 · Sascha · Games

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Photo: Zero Punctuation

Vor ein paar Tagen hat der Steam Summer Sale begonnen und auch ich habe den Start im Blog gebührend gefeiert sowie bereits einige Spiele zu unschlagbaren Preisen erworben. Und es ist wahrhaftig ein Grund zum Feiern. Bereits relativ neue Spiele werden zu so günstigen Preisen verkauft, dass man einfach zuschlagen muss. Meistens wird dann bereits für die Zukunft eingekauft, was man sich mit einer “Das werd’ ich bestimmt mal spielen und es ist ja günstig, da muss ich zuschlagen”-Erklärung selbst aufschwatzen kann. Oftmals versauern die Spiele dann ungespielt in der eigenen Bibliothek, aber immerhin hatte man ein Schnäppchen gemacht und was noch nicht ist, kann ja noch kommen.

Steam hat Valve immense Einnahmen gebracht ohne ein Spiel produzieren zu müssen und dem Unternehmen seine lange Arbeitsethik “It’s done when it’s done” für die Ewigkeit ermöglicht. Gleichzeitig bildete sich auch ein Kult um Valve-Chef Gabe Newell, der zum inoffiziellen Gott und Retter des PC-Gamings erkoren wurde. So selbstironisch und witzelnd diese Karikatur auch gemeint ist, ein Fünkchen Wahrheit steckt dahinter natürlich schon. Valve hat mit Steam der wachsenden Spielepiraterie zu Beginn der Nullerjahre ein vorzeitiges Ende gesetzt und durch ein einfaches System die Industrie revolutioniert ohne dabei seine Macht zu missbrauchen. Es ist nicht verwunderlich, weshalb sich ein gewisser Kult bildete.

Das Problem bei einem Kult besteht jedoch in der Nichtwahrnehmung von wachsenden Problemen. Mit einem Sommerabenteuer versuchte man diesen Summer Sale ein wenig einzuheizen, was jedoch völlig daneben ging und in einem kleinen PR-Fiasko endete: Die User wurden in Teams aufgeteilt, die mit ihren Einkäufen gegeneinander antreten müssen. Am Ende des Tages erhielten zunächst 30 Spieler aus dem Gewinnerteam 3 Spiele aus ihrer Wunschliste.

Dies wurde inzwischen nach heftiger Kritik abgeändert, sodass auch die nachfolgenden Teams zumindest die Chance auf Gewinne erhielten. Die Chance unter den Gewinnern zu landen gleicht bei Steams Millionen von Nutzern jedoch weiterhin einem Lottogewinn. Wieso muss dieser sonst so großartig gefeierte Verkaufsmarathon durch diese für die Masse der Spieler nutzlosen PR-Aktion verdorben werden? Den Großteil der Spieler wird es nicht weiter interessieren.

Immerhin kann sich GabeN nicht irren und ein Zwang zur Teilnahme besteht ebenfalls nicht. Außerdem kann man sich immer noch ins Mindset der PC Masterrace retten und so tun, als ob man es trotzdem besser hätte als viele andere Spieler. Es ist ein Meme, das den Vorreiterstatus der Computer im Vergleich zur Konsolengeneration verdeutlichen soll, dabei jedoch völlig am Thema vorbeischießt. Nicht nur, dass der Begriff historisch höchst umstritten ist, um es milde auszudrücken, er spaltet auch die Spieleszene unnnötigerweise auf in ein Schwarz-Weiß-Denken, das so oft zu Debatten führt, die nicht stattfinden müssen.

Wie die Teenager werden da zuletzt in den Foren und Subreddits Diskussionen geführt, was jetzt genau einen wahren “Gamer” ausmacht und was nicht. Dass es durchaus Probleme bei der Abstimmung der Systeme geben kann, bewies zuletzt ein Downgrade der Grafik in Ubisofts Watch Dogs. Doch die schlussendliche Entscheidung für ein System bleibt doch eine reine Konsumentscheidung basierend auf ästhetischen Präferenzen oder dem Lebensstil, nicht, ob man dadurch ein wahrer Spieler sein will oder nicht.

Die Glorifizierung der absoluten Spitzenklasse hilft auch nicht bei der eigentlich so oft erhofften Akzeptanz der Spielekultur im Herzen der Gesellschaft. Während Spiele eigentlich bereits im Alltag der Masse angekommen sind, insbesondere dank der Nintendo Wii und den zugänglichen Browsergames (Bei Netzsieger findet Ihr eine gute Übersicht zu den aktuellen Empfehlungen zu Browsergames – übrigens neben anderen spannenden Vergleichen zu allen möglichen, technischen Themen.) wie 2048 oder der Facebookklickamarda à la Farmville, versucht man sich davon dennoch zu distanzieren, statt die simple Wahrheit zu akzeptieren, dass wir alle Spieler sind und die Unterschiede von uns selbst kreiert werden.

Besonders hier vereinen sich selbst die oft so verstrittenen PC- und Konsolenparteien, immerhin ist nichts uncooler als Farmville, das von Gott und der Welt und deiner Mudda™ gespielt wird. Gleichzeitig spielen die meisten selbsternannten Otakus aber das neue Attack on Titan Browsergame zwischen dem Bingewatching der ersten Staffel. Statt darauf zu achten, was uns alle eint, nämlich die Spielelust, werden großartige Evolutionen wie HTML5 heuchlerisch verneint und nur vergessen, nur um sich abheben zu können. Das nervt. Durch das Internet werden ganz neue Demographien erschlossen und neue Generationen entwickeln eine Affinität fürs Spielen – und die erste Reaktion ist die der Diskriminierung?

So scherzhaft das mit der PC Masterrace oft gemeint ist, so sehr offenbart dieses Denken doch auch ein Gedankengut der Abgrenzung. Gerade in Zeiten des Steam Summer Sales, wenn sich diese erlesene Gruppe in ihrem Element fühlen darf, ist der Fail des Sommerabenteuers ein Grund zur Revision. Es gibt genausowenig “wahre Games” wie “wahre Spieler”. Es sollte nicht um die beste Grafik oder das richtige System gehen. Stattdessen sollten wir uns alle freuen, dass wir aus einem so breiten Angebot wählen und spielen können – und das sogar recht günstig oder, im Falle von vielen Browserspielen, sogar komplett kostenlos.

  • DerBesserwisser

    ” Valve hat mit Steam der wachsenden Spielepiraterie zu Beginn der Nullerjahre ein vorzeitiges Ende gesetzt”
    Hast du dafür irgendwelche Quellen ?

  • DerBesserwisser

    Die verlinkten Artikel bieten diesbezüglich nicht wirklich etwas brauchbares, dafür scheint vor allem der Herr bei “plagiarismtoday” eine rosarote Brille aufzuhaben, anders kann ich mir derart sinnbefreite Sätze wie:
    “In fact, the DRM of Steam actually adds features, including the ability
    to store saved games in the cloud and earn achievements, things that
    wouldn’t be available without some control over who is playing the game.”

    nicht wirklich erklären.
    Beide haben aber gemeinsam das Sie viele Dinge aus der verkehrten Richtung betrachten, z.B.
    – Illegale Kopien; Spiele werden kopiert, weil es einfach ist, und nichts kostet eventuelle “Motivationsfaktoren” (so umständlich, böse Kapitalisten, etc.) werden erst hinterher gesucht, um sich gegenüber anderen und/oder sich selbst zu rechtfertigen.
    – Multiplayer; dies war eine Entwicklung, die der Markt bereits ohne Steam durchmachte, und wenn man mal einen Blick in die entsprechenden Foren wirft, gibt es immer noch Möglichkeiten die meißten aktuellen Spiele auch nicht legal im Multiplayer Modus zu betreiben (bei MMOs sieht das natürlich anders aus, aber da hat Valve ja auch keinen Einfluß darauf).
    – Sales; Richtig ist, das Steam das “Sales” – Konzept im Spielebereich etabliert hat, das war aber einer Entwicklung zu verdanken, an der Steam zum damaligen Zeitpunkt nur einen recht bescheidenen Anteil hatte: das Spielen drängte in die Mitte der Gesellschaft. Mit größeren Absatzzahlen konnten auch die Preise runter gehen, ansonsten hätte es zwar sicher weiter Preisrabatte gegeben (schon zu Werbezwecken) aber ohne die Masse an potentiellen Kunden würde diese sich einfach nicht lohnen.
    -usw. usw.

    Nur damit nicht der falsche Eindruck ensteht:
    Auch wenn ich persönlich Steam boykottiere, kann ich trotzdem den Mehrwert den Steam bietet, und den Einfluß, den es auf die Spielebranche hatte anerkennen. So haben Sonderaktionen, die sehr gut gemachte,integrierte und durchdachte Mehrspielerfunktionalität, die Integration der Modding community und Dinge wie Achievements (deren Daseinsberechtigung mein Fassungsvermögen übersteigt) sicherlich einen nicht unwesentlichen Effekt auf das Interesse der Leute sich Spiele auf nicht legalem Wege zu besorgen, aber von einem “vorzeitigen Ende” kann bei weitem nicht die Rede sein.