netzkindBloggerkollege und saarländischer Mitbürger Alex von 1337core hat ein E-Book über sein Dasein als Netzkind geschrieben und mir ein kurzes Interview gegeben.

Wieso sollte man dein Buch als Geek lesen?
Das Buch sollte man nur lesen, wenn zwei von drei Punkte zutreffen.
1. Du weißt, dass du zu viel am Computer bist.
2. Du kommst mit den Aufgaben deines Lebens nicht klar.
3. Du merkst, dass du anders bist als andere.

Digitale Selbstveröffentlichung für ein analoges Publikum, dem du dich und das “(#)” erklären willst. Klappt das und was erhoffst du dir davon?
Ich wollte, dass es meine Mutter lesen und verstehen kann, sowie junge Geeks, die wie ich früher mit sich und der Welt nicht auskommen. Deshalb erkläre ich Dinge, die ich normalerweise nicht erklären würde. Ich erhoffe mir, dass ich ein paar junge Geek-Seelen retten kann, bevor so am Mount Reallife zerschellen. Das hat das Internet auch für mich gemacht.

Wie unzufrieden bist du eigentlich mit der “Gesamtsituation™”?
Ich war unzufrieden und ich war auch sauer, aber die heutige Gesamtsituation™ sieht nicht so schlecht aus und das sage ich auch ganz klar. Die Richtung passt, aber trotzdem gibt es noch Arbeit. Der brennende Punkt derzeit sind EU-Netzsperren wegen Kino.to, weil wir keine bessere Lösung oder einen Kompromiss vorzeigen können. Vermutlich kommen Netzsperren, vielleicht schaffen wir es entweder diese zu verhindert oder sie sind da. Die nächste Frage ist, ob sie dann ausgeweitet werden, statt die grundsätzlichen Probleme zu lösen.

Wenn ich Kanzler wäre, würde ich…
Wenn ich Kanzler wäre, würde ich besser zuhören.

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“Ich heiße Alex, bin 25 Jahre alt. Ich benutze 10 Jahre davon das Internet. Durchschnittlich bin ich circa 12 Stunden am Tag im Internet. Wenn ich das grob schätze, sind das 40.000 Stunden.“ so oder so ähnlich müsste ich mich bei einer Selbsthilfegruppe zur Internetsucht vorstellen. Aber das wäre völliger Quatsch oder nicht? So süchtig bin ich überhaupt nicht! Ich kann auch am Strand Urlaub machen, ohne Internet. Aber ansonsten ist es halt da und wird benutzt. Es ist ein Werkzeug und mein Zweitwohnsitz. Um in Deutschland als Internetsucht gefährdet zu gelten reichen vier Stunden Internet am Tag. LOL (=Laughing Out Loud). Ernsthaft? Da wurde ich erst warm. Wenn man den gleichen Maßstab beim Fernsehen anlegen würde, wären wir (fast) durchschnittlich fernsehsüchtig. Wer vier Stunden am Tag liest, der muss sich nicht anhören, dass er süchtig nach Büchern ist. Doppelstandards. Zeit, Interesse und Sucht sind verschiedene Dinge. Internetsucht ist, wenn ich die Dinge im Netz nicht mehr von der Realität unterscheiden kann, meinen Alltag nicht mehr ohne Internet schaffe und wenn es gesundheits- oder persönlichkeitsgefährdend wird.

Es wäre schon klasse, wenn Offliner die Wirkung des Netzes auf unsere Gesellschaft begreifen könnten. Aber niemand muss und die sind alle harmlos im Vergleich zu den Offlinern, die Internetgesetze durchwinken. Wenn das Internet böse ist, dann ist es Papier auch und der Fernseher erst recht. Das könnten die spezifizieren, aber warum tut es niemand? Ach Moment, dann schafft es das Thema nicht in die Offline-Medien. Da ist auch kaum noch Platz vor lauter Dschungelcamp, Pop- und Modellshows. Sendungen, die definitiv nicht für mich gemacht sind. Die gute Seite am Netz ist zu kompliziert oder zu uninteressant, um daraus eine dicke Überschrift machen zu können. Es war so lange uninteressant, bis Jugendliche mehr Internet als Fernseher benutzen, und plötzlich will es jeder, überall, mobil, morgens und als Erstes. Das Netz hat durch freies Publizieren/Kommunizieren für Jedermann und -frau das bisherige System auf den Kopf gestellt. Das Wissen der Welt, erreichbar durch das Gerät in deiner Hosentasche.

Das WWW hat das alte System ohne Vorwarnung auf den Kopf gestellt.

Das „alte System“ war eine Einbahnkommunikation von wenigen Meinungsmachern.

Der selbstverständliche Umgang mit dem Netz ist heute Normalität, früher musste ich mir noch Sprüche anhören. Ich kenne die fehlende Motivation irgendetwas anderes zu machen als im Internet zu sein. Das lag an meinem Alter, meiner Persönlichkeit und meinem Umfeld. Hey, ich war ein Kind. Was kann ich dafür? Aber gute Nachrichten: Wenn man nicht den ganzen Tag am Computer spielt und in der zock-freien Zeit etwas im Netz liest, wird man ziemlich schlau. Ja, es liegt am Lesen. Genügend Texte gibt es im WWW. Was dazu führt, dass du niemals fertig werden kannst. Früher(TM) (als ich 16 Jahre alt war) waren wir die komischen Leute, die da stundenlang gespielt, kommuniziert und gelesen haben. Heute macht das jeder – allerdings nicht in der Intensität. Die Zeiten ändern sich und was früher “komisch” war, war nur die Blindheit der Masse dafür, was ein tolles Werkzeug dieses Internet sein kann.

Hallo Massenmedium.

Erstveröffentlichung am 30.03.2012. Format: DIN A5, Seitenzahl: 230. Längere Leseprobe.